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hewMer Kreisblatt

Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Snschlutz Nr. 8

Nr. 17. Sonnabend, den 8. Februar 1913.

Zweites Blatt.

Die Jndigomeagung in Indien und in Deutschland.

Von Oberlehrer Dr. Heinrich Ditzel in Hannover.

ES gibt eine Reihe von Irrtümern, die sich in unseren erdkundlichen Lehrbüchern von Jahr zu Jahr sorterben. Dazu gehört die Kennzeichnung deS Indigos als wichtiger Natur­erzeugnis JndienS, die sich immer noch in unseren Lehrbüchern findet und von den Versaffern, sei eS aus Bequemlichkeit, sei eS aus Unkenntnis, verewigt zu werden droht, obwohl die Jndigokultur in Indien auf dem Aussterbeetat steht und Deutschland bereits seit zwei Jahrzehnten daS wichtigste Indigo- land der Erde ist. Gerade bei Erwähnung deS Indigo- sollten unsere Lehrbuchverfasser Gelegenheit nehmen, auf die hohe LeistungSsähigkeit unserer chemischen Industrie hinzuweisen, der eS gelungen ist, eines der einträglichsten Ausfuhrerzeugnisse Indien-, daS schon Jahrhunderte hindurch den Weltmarkt beherrschte, daS Deutschland jahraus, jahrein mit Riesensummen kaufen mußte, vom Markt fast völlig zu verdrängen. Zu dieser Kaltstellung der indischen Jndigokultur gab die Badische Anilin- und Sodasabrik in Ludwig-Hafen den Anstoß, als eS ihr gelang, ein marktfähige- Erzeugnis von künstlichem Indigo in den Handel zu bringen, daS den natürlichen Indigo an Güte und Billigkeit übertrifft. ES dars daher nicht wunder- nehmen, daß die Indische AuSfuhr in den beiden letzten Jahr­zehnten ihrem Werte nach rasch von 80 aus fast 2 Mill. Mk. sank. Gleichzeitig nahm die AuSfuhr künstlichen Indigos aus Deutschland schnell zu, von 8,2 Mill. Mk. im Jahre 1889 aus 41,8 Mill. Mk. im Jahre 1911.

Die Einsuhr natürlichen Indigo- nach Deutschland und die AuSsuhr künstlichen Indigo- auS Deutschland zeigt folgende

Entwicklung (in Mill. Mk.): 1890 1895

Einfuhr 19,1 21,5

AuSfuhr 7,3 8,2

Der beste Abnehmer deS

1900 1905 1910 1911

4,1 1,5 0,5 0,4

9,4 25,7 39,6 41,8

deutschen Indigo- ist China, daS

im Jahre 1911 10 986 t deutschen künstlichen Indigo- im Werte von 16,8 Mill. Mk. einsührte. ES folgen Japan mit einer Einsuhr im Werte von 5,7, die V reinigten Staaten mit 4,2 und da- europäische Rußland mit 2,5 Mill. Mk. Selbst Großbritannien und Britisch-Jndien führen heute künstlichen deutschen Indigo ein, erstere- im Jahre 1911 987 t im Werte von 1,6 Mill. Mk.. letztere- 402 t im Werte von 1,1 Mill. Mk. Bei der Einfuhr natürlichen Indigo- nach

Deutschland, die im Jahre 1911 aus 70 t zurückgegangen war, steht Britisch-Jndien noch nicht einmal an erster Stelle,

sondern Salvador.

Die Bestrebungen der indischen Jndigobauern, ihr Natur- erzeugniS wieder konkurrenzfähig zu machen, müssen alS ge­scheitert betrachtet werden. Von Jahr zu Jahr geht die An­baufläche zurück, allein in den letzten drei Jahren von 225 000 auf rund 2*10 000 und 165 000 AcreS im Jahre 1911/12. Im Jahre 1896 verkauste Britisch-Ostindien noch 187 000 Zentner im Werte von etwa 80 Mill. Mk., 1907 für 10 Mill. Mk.. 1910 nur noch 18000 Zentner sür 4 Mill. Mk. und 1911 dürste die Au-suhr nur noch einen Wert von 2 Mill. Mk. gehabt haben.

Jluf neutralem Boden.

Eine friedliche Geschichte aus dem Krieg-jahr von 1871. Bon R. Lange.

(Schluß.)

„Böser, böser Mann, muß ich Dir sagen, wie bekümmert ich sein würde!" — und sie schlang beide Arme ihm um den HalS.

.Ist'- möglich! . . . Sie! . . . Du . . .!

Vielleicht hätte er eS gewagt, in diesem Augenblick einen heißen Kuß auf ihre glühenden Lippen zu drücken, die er so nahe bei sich sah, wie früher nur in Träumen; aber da er- scholl die Stimme der Frau Dormont, die ihre Tochter in den Salon hineinrief.

Louise machte sich lo- und trat hinein. Friedrich aber blieb stehen; er war ihm unmöglich, seine Gedanken zu fassen. Da hörte er die Stimme der Frau Dormont, deutlich vernahm er die Worte.

„Soeben hat man mir einen Bries gebracht, einen Brief auS Montcherand. Herr Reymond hält um deine Hand an. Du errötest. Hast du so etwa- erwartet? Ich glaube, ihr hattet oft im Garten allerlei miteinander zu sprechen."

„Nein, Mutter, daS hatte ich nicht erwartet."

„Willst du ihn auch abweisen, wie du schon drei oder vier Bewerber abgewiesen hast? WaS mich betrifft, so würde ich dir meine Einwillung zu dieser Verbindung nicht versagen. Schon seit längerer Zeit habe ich mich zusolge gewisser An­deutungen mit dem Gedanken vertraut gemacht, dich hier in der Schweiz verheiratet zu sehen."

„Aber Mutter, ich achte Herrn Reymond, fühle jedoch

nicht die geringste Neigung zu ihm. . . Außerdem . . ."

„Nun außerdem?"

„Ist mein Herz nicht mehr frei."

Während ditseS Gespräche- war Gustav eingetreten.

„Dein Herz ist nicht mehr frei?" fuhr die Mutter fort. „Du liebst? Und nie hast du mir daS geringste Wörtchen da^on gesagt!"

„Vergib! Mutter! Seit einigen Stunden erst ill mir selbst Gewißheit über mein Herz geworden, und seit einigen Tagen erst weiß ich, daß ich wahrhast geliebt werde."

„Und wer ist der Glückliche? Ist eS Gustav?"

Ein heller Freudenschimmer verbreitete sich über daS Gesicht der jungen Dame.

„Nein, leider, Tante, daS bin ich nicht; Karl und ich haben eS schon längst bemerkt, wer eS ist, schon ehe Louise selbst sich darüber klar geworden."

„Nun wer denn? Ihr spannt mich auf die Folter."

Gustav trat hinaus aus den Balkon, ergriff Roser bei der Hand und zog den leise Widerstrebenden in den Salon."

„Verzeihung, Frau Dormont," sagte dieser mit bebender Stimme. „Ich bitte . . . ich ... ."

Mehr konnte er nicht hervorbringen. Frau Dormont fing an, etwas zu ahnen, was ihr biS dahin nicht im Traume eingefallen wäre.

„Wie? waS?" rief sie auS.

„Nun, liebe Tante, da eS unserm Freunde an Worten f^lt, so bitte ich im Namen meine- Freunde- und Retter- um die Hand deiner Tochter."

„Und ich," fügte Karl hinzu, „bitte auch zu Gunsten unsere- Freunde-, eine- ManneS, den du seit langer Zeit hast schätzen lernen."

Die Mutter wars einen langen, langen Blick auf die Tochter, die sich schluchzend in ihre Arme warf und ihr Antlitz am Mutterherzen verbarg. Ein Kamps fand statt in diesem Herzen. Hoffnungen aufgeben, die man lange genährt hat, kostet immer einigen Kampf. Aber der Kampf dauerte nicht gar zu lange.

„Wer könnte euren Bitten widerstehen? Gott segne euch, meine Kinder!" sprach sie, und eine Träne perlte in ihrem Auge.

Wortlos lagen sich die beiden Liebenden in den Armen; auf neutralem Boden hatten sich ihre Herzen gesunden.

Am andern Morgen wurde die Verlobung bekannt ge­macht. Hauptmann von Grimar, wieder zur Besinnung ge­kommen, ließ sich bereit finden, wegen seine- Betragen- Herrn Roser um Entschuldigung zu bitten. Er hatte übrigens von Gustav erfahren, daß Roser ein recht tüchtiger Fechter mit scharfem Blick und schneller, gelenkiger Hand war. Gustav wußte eS auS Ersahrung; denn früher schon hatten sie öfter- die Rapiere, die noch immer daS Zimmer deS ehemaligen deutschen Studenten schmückten, von der Wand genommen. —

Einige Wochen später zog Roser mit seiner jungen Frau, nachdem sie eine Reise nach Italien gemacht, in ein kleine- Landhaus, daS sie in der Nähe von Montreux am Ufer deS SeeS getauft hatten. Frau Dormont verkaufte ihre Besitzungen in Frankreich und ließ sich neben dem Hause ihrer Tochter eine kleine Wohnung bauen, in der sie jetzt mit ihrem Sohne lebt.

Jahre sind verflossen. Martha ist schon ziemlich groß geworden, so daß sie ihre beiden Geschwisterchen, die daS kleine Landhaus mit Freude und Sonnenschein beglücken, in einem Wägelchen spazieren fahren kann. Freund Roser lebt ganz seinen Studien und seiner Familie; ein wolkenloser Himmel breitet sich über ihn und die Seinen auS. Sein Werk über die neuere französische Literatur ist erschienen, da­bei den Kundigen gute Aufnahme fand. Herr Domont hat sich auch ganz der Literatur zugewandt und in verschiedenen französischen Zeitschriften von Sachkenntnis zeugende Artikel über deutsche Schriftsteller und deutsche Zustände veröffentlicht, die vielleicht dazu beitragen werden, daß die französische Nation wieder gerechter gegen Deutschland wird. Durch seine Ver­lobung mit einer jungen schwarzäugigen Waadtländerin ist auch ihm ein holdeS Glück erblüht.

Herr von Saint-Loup hat seiner Tüchtigkeit wegen schnell die unteren Offizier-grade durchlausen und eS bereit- zum Major gebracht. Aber seine Ansicht über die Größe eines Volke- hat sich ein wenig geändert, so daß er jetzt die wahre G.öße einer Nation in etwas anderem erblickt. Auch per­sönlich scheint ihm sein jetzige- Leben nicht mehr ganz zu ge. fallen, und er ist nicht mehr ein Ehestand-feind wie früher.

Herr Reymond war, nachdem er au- Montreux statt einer Antwort, wie er und seine Mutter sie gewünscht, eine Ver­lobung-anzeige erhalten hatte, einige Tage lang trüb und düster in den benachbarten Feldern umhergeirrt, deren fallende gelbe Blätter ihm ein Bild seiner zerstörten Hoffnungen waren. Endlich aber hatte er sich getröstet, und man sah ihn wieder häufiger alS srüher aus dem Wege nach Orbe, wo er seine Besuche bei Fräulein Lilly Dulac wieder anfing. Aber der günstige Augenblick war für ihn entschwunden. Ein junger Arzt, der sich in Orbe niedergelassen, hatte den offenen Platz eingenommen und die Hand der hübschen Lilly erhalten.

Emma aber hat in dem treuen Herzen und der wahrhast

mütterlichen Liebe und Sorge der Frau Berta Trost und Ersatz gefunden.

Jini gefährlicher Bahn.

Erzählung nach dem Englischen von S. (Nachdruck verboten.)

1. Kapitel.

Der Weihnachtsabend war angebrochen. Janthe Carre stand seit einer vollen Stunde am Fenster ihres prächtigen An- kleidezimmerS und blickte hinaus in die prachtvolle Winter- landschast. Der dunkle Himmel mit seinen funkelnden Sternen bildete einen herrlichen Kontrast zu der weißen Erde, welche der scharse Frost der letzten Tage wie mit einem silbernen Netzwerk überzogen. Die kahlen Hecken und laublosen Bäume glitzerten wie Silber, EiSzapsen hingen wie große Diamanten an den Dachrinnen der Gebäude und an den viereckigen Türmchen deS Schlosse-. Die Wege waren hart und fest gefroren, ein kalter Nordostwind beugte die Häupter der hohen, kahlen Bäume und erhob zuweilen laut seine klagende Stimme. AuS weiter Ferne ertönte der Klang der Weihnacht-glocken, da- dumpfe Brausen der MeereSwogen; aber eine tiefe Ruhe, ein süßeS, heiliges Schweigen lag über dem ganzen Lande.

Mit dem Auge eine- Künstler- und der Seele eine- Poeten hatte Janthe Carre die ganze liebliche Szene in sich ausgenommen, Bewunderung erfüllte ihr stolze- Herz. Keine höheren Gedanken, keine edleren Gefühle erweckte in ihr diese Zeit, die doch so recht geeignet ist, unS zur Demut, zur Be­trachtung unserer eigenen Schwäche und Armseligkeit zu stimmen.

Janthe Carre galt von jeher für eine- der stolzesten Mädchen Englands. „Lady Janthe" nannten sie die Wärte­rinnen seit ihrer frühesten Kindheit, denn ein großer Stolz herrschte in dieser Familie, und Janthe- schöne, vornehme, leider zu früh verstorbene Mutter, der alte Lord, ihr Vater, der sein einzige- Kind fast abgöttisch liebte, Gouvernanten und Lehrer, Freunde und Gefährten — kurz, jedermann, der mit ihr in Berührung kam, verwöhnten die junge Lady.

Lady Janthe wandte sich jetzt von dem Fenster ab und tat an den Toilettentisch, wo bereit- seit einer halben Stunde die Zofe wartend stand und eS nicht wagte, die Träumereien ihrer jungen Herrin zu stören. Die junge Dame blickte auf ihre kleine, mit Juwelen besetzte Uhr. ES war noch nicht spät.

„Ich will noch einen Blick hinunterwerfen", wandte sie sich zu der Zofe, „um zu sehen, ob aller in Ordnung ist, ehe ich mich ankleide."

Sie öffnete die Türe ihres Zimmer- und lächelte beim Anblick all' der Schönheit, die sie umgab. Die breiten Treppen waren mit scharlachrotem Tuch bedeckt, daS lebhaft kontrastierte mit den weißen Statuen auf den Treppenabsätzen und dem Wald von seltenen Blumen, die daS HauS mit ihrem Wohl­geruch erfüllten.

Lady Janthe schritt die bequemen Stufen hinab. Die große Eingangshalle war brillant erleuchtet und aus die ge­schmackvollste Weise mit prächtigen Tannen auSgeziert. Sie öffnete die Türe zu dem großen Speisesaal und sah mit einem Blick, daß alles in Ordnung war; dann begab sie sich in den Salon und lächelte wieder, alS eine der glänzendsten Szenen sich vor ihr austat. DaS prächtige Gemach, durch unzählige Wachskerzen erleuchtet, die zwischen den Massen grünen LaubeS wie Sterne hervorblitzten, der feine Dust der seltensten, exotischen Gewächse, der silberglänzende Strahl der winzigen, wohlriechenden Fontaine«, die kostbaren Gemälde und graziösen Statuen — die- alle- bot einen Anblick dar, der seinesgleichen suchte. Lady Janthe lächelte befriedigt. E- war alle-, wie eS fein sollte.

Die stattliche alte Haushälterin, Frau Charles, begegnete ihr in der Halle und trat mit einer tiefen Verbeugung auf sie zu.

„Gnädiges Fraulein," begann sie in ehrerbietigem Tone, „barf ich fragen, ob Sie Lord Carre vor kurzem gesehen haben ?"

„Seit dem Frühstück nicht mehr," erwiderte Lady Janthe.

„Ich sah Lord Carre vor einer Stunde," fuhr die Haus­hälterin fort, „und fand ihn außerordentlich krank auSsehend."

„Krank?" wiederholte die junge Dame. „Warum be­nachrichtigten Sie mich nicht sogleich davon?"

Ohne eine Antwort abzuwarten, eilte sie die Treppe hinaus. Frau Charles blickte ihr nach.

„Sie ist schön und gut," sagte sie für sich; „aber mal man ihr nachsagt, ist wahr — sie ist eine- der stolzesten Mädchen in England."

Lady Janthe klopfte sanft an ihre- VaterS Tür. „Herein!" rief eine leise, schwache Stimme.

Sie trat rasch ein und eilte aus die gebeugte Gestalt zu, die neben dem Kaminfeuer saß: ein alter Herr mit schnee­weißem Haar, einem zarten, seinen, aristokratischen Antlitz und Augen, die der Kummer und die Jahre trübe gemacht. Die zitternden, weißen Hände waren aufeinander gepreßt, und war eS daS flackernde Feuer oder waren eS wirklich Tränenspuren auf den hagern Wangen? Janthe kniete an der Seite chre- BaterS nieder und umschlang ihn mit ihren Armen.