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Nr. 9 Hersfeld 1913

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Von Heinrich Herpers, Kohlscheid.

Wenn man — und das mit vollem Rechte — die Obstmaden zurzeit als die gefährlichsten Feinde des deutschen Obstbaues bezeichnet, so erweist sich — nach den übereinstimmenden Berichten der Fachpresse zu schließen — fast in demselben Maße die Schorfkrankheit oder das Fusikladium verderblich. Meines Erachtens allerdings dürfte der Schaden, den das Fusikladium an- richtet, nur dort bedeutend zu nennen sein, wo die ge- wohnlichen kulturellen Voraussetzungen für den Obst­bau überhaupt nicht gegeben sind. Doch darüber unten ausführlicher! Zunächst möchte ich mich kurz über das Wesen des Fusikladiums verbreiten.

Das Fusikladium, ein Pilz, befällt mit Vorliebe Birn- und Apfelbäume, ferner Kirschen, Ebereschen usw. Gefährlich wird bekanntlich der Schorf (auch Grind oder Räude genannt) den Kartoffeln. Wenn der betreffende Pilz auch allgemein mit Fusikladium bezeichnet wird, so handelt es sich doch nicht bei den einzelnen Gewächsen um dieselbe Pilzart, sondern innerhalb derselben Gat­tung um verschiedene Arten von Pilzen. Uns interes­siert hier nur die Schorfkrankheit der Kernobstbäume, weil sie von einschneidender Bedeutung für den ge­samten deutschen Obstbau ist.

Das Apfelfusikladium (Fusicladium dentrificum Fuckl.) erzeugt aus den Blättern, namentlich auf der Oberseite derselben, samtartige, schwarzgrüne, harte Flecke, während die Triebe des Apfelbaumes — im Gegensatz zum Birnenfusikladium — seltener einen Be­fall aufweisen. Mit Vorliebe befällt der Pilz die Früchte des Apfolbaumes, auf denen er die bekannten kreis­runden, anfangs schwarzgrünen, später schwarzen oder korkfarbenen, schwarzumrandeten Flecke bildet.

Das Birnenfusikladium (Fusicladium pirinum Fuckl.) zergt im Befall der Früchte ein ähnliches Krankheits- bild wie das der anderen Art. Dagegen werden die Blätter vorzugsweise an der Unterseite in Gestalt schwarzgrüner Tupfen befallen, welche öfters einen vor- zeitigen Blattabfall hervorrufen. Besonders tritt das Birnenfusikladium auf den Trieben in Form harter schwarzer Krusten auf, die schwielenförmig um die jungen Triebe liegen, späterhin aufplatzen und so den Grind des Holzes herbeiführen, welcher etwa zwei Jahre erkennbar ist. Nicht selten ist dieser Grund Ursache der Spitzendürre. Eigentümlich ist die Erscheinung, daß das Birnenfusikladium bestimmte Obstsorten im besonderen Maße befällt, daß es also gewisse Sorten bevorzugt; erinnert sei nur an die Winterdechantsbirne, weiße Herbstbutterbirne und die Erumbkower Birne, deren Früchte dem Pilzbefall besonders ausgesetzt sind. Diese Empfänglichkeit einzelner Sorten liegt häufiger in dem anatomischen Bau der Schale begründet; je fester die Schale ist, umso eher vermag sie sich widerstandsfähig zu zeigen. Auch die Festigkeit der Frucht bezw. des Fleisches spricht in diesem Punkte ein gewichtiges Wort mit. Je mehr sich letztere dem Reifestadium nähert, um so lockerzelliger wird ihr Fleisch, wodurch gleichzeitig ihre Widerstandskraft herabgemindert wird. Daher die Tatsache, daß der Pilz im Reifestadium der Frucht auf dieser prächtig vegetieren kann, namentlich dann, wenn die Früchte infolge reicher Luft- und Bodenfeuchtigkeit an der Oberfläche einreißem Diese Risse sind im besten Sinne des Wortes Brutplätze für das Fusikladium.

Auch durch Spätfröste können Blätter und Triebe gewissermaßen „gesprengt" werden, wie wir im ver­

flossenen Jahre zu beobachten Gelegenheit hatten. Diese Fröste wirken also in doppelter Weise schädlich: einmal erfrieren hierdurch eine große Zahl Blüten, was gleich­bedeutend mit einem geringen Obstertrage ist; sodann bilden die durch den Spätfrost entstalÄenen Risse An- fiÄilungsherde für das Fusikladium.

Wie jeder Obstzüchter aus Erfahrung weiß, sind feuchte Witterung, feuchte Lagen der Obstbäume im be­sonderen Maß für die Keimung der Pilzsporen günstig, allerdings eine Sorte wiHer mehr als die andere.

Zur Naturgeschichte dieses Parasiten sei ferner noch erwähnt, daß er auf allen möglichen Teilen der Bäume überwintert, im Verlaufe des Sommers mit seinem sog. Mycelium (d. s. Fäden) in die Pflanzenteile eindringt, wobei die Keimschläuche der Sporen durch Wind, Regen, Insekten usw. überall hingeweht werden; hieraus er­klärt sich die ungeheuere Ausdehnung des Fusikladiums sowie die Tatsache, daß nur eine vorbeugende Be­kämpfung desselben Aussicht auf Erfolg hat, da es — wie vorhin angedeutet wurde — außerhalb unseres Machtbereiches liegt, die Sporen von ihrem Auffliegen abzuhalten.

Nicht nur der Obstzüchter, der den Aufbau als Er- werbsguelle betrachtet, hat die Verpflichtung, das Fust. kladium mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu bekämpfen, sondern jeder Gartenfreund, der einige Obst- bäume sein Eigen nennt, sollte sich die Bekämpfung dieser gefährlichen Pilzkrankheit angelegen sein lassen. Man entschuldige sich nicht mit der Ausrede: „auf einen Mann mehr oder weniger kommt es hierbei nicht an". Darauf kommt es gerade viel an; denn nur durch ge­meinsames Vorgehen kann dieser die deutsche Obstkultur überaus schädigenden Seuche ein Ziel Iesteckt werden.

Die Bekämpfungsmaßnahmen sind nun — wie schon aus den vorstehenden Zeilen hervorgehen dürfte — ver­schiedener Art. Zu ihnen gehörte an erster Stelle die Erfüllung von Kulturbedingungen, die jeder Obstzüchter zu berücksichtigen hat. Als solche nenne ich:

1. Das Auslichten der Baumkrone. Licht und Luft müssen in gehörigem Maße zu allen Teilen der Baum­krone Zutritt haben; wo ihnen der Weg durch über- flüssiges Holz gesperrt ist — wie es im Innern der Krone manchmal vorkommt — wird man häufig über schorfkranke Früchte zu klagen haben. Wo diese zur Hauptzahl sitzen, braucht wohl nicht näher gesagt zu werden.

2. Anpflanzen von Sorten, die sich den klimatischen und Bodenverhältnissen der betreffenden Gegend am besten anpassen. Es ist — darauf muß immer wieder hingewiesen werden — geradezu ein Unfug, wenn man in Zeitschriften gewisse Obstsorten als für alle Ver. hältnisse passend enrpfohlen findet. Solche Universal­sorten gibt es ebensowenig wie Universalbekämpfungs- mittel. Stets sind beim Anpflanzen von Obstbäumen Klima, Lage, Bodchrbeschaffenhcht usw. zu berücksich­tigen. Mit Bezug auf den Schorf frage man sich vor- her, ob die anzubauende Sorte in der betreffenden Gegend widerstandsfähig ist. Ist sie es nicht, so pflan­zen wir sie nicht an, es sei denn, datz sie nur in ge­ringem Maße befallen würde und wir die Pilzkrank­heit mit einfachen Mitteln bekämpfen könnten. Gegen Schorf absolut gefeite Sorten dürfte es kaum geben und gerade die schönsten Sorten sucht der Pilz zu sei. ner Biesiedelung aus.

3. Man trage unbedingt für genügenden Abstand der Bäume Sorge. Gegen diese Forderung wird noch vielfach beim Anpslanzen gefehlt. In den ersten Jah­

ren macht sich der Uebelstand der jungen Pflanzung zwar kaum bemerkbar, späterhin aber doppelt und dreifach. Geile Triebs minderwertiges Obst, schorf­kranke Früchte, geringer Ertrag und dergl. sind Folgen des zu engen Standes. Die Pflanzweite der Apfel- bäume betrage zum mindesten für Hochstämme 6—8 Meter, (Anm: die größeren Entfernungen gelten für kräftige, die kleineren für weniger kräftige Böden). Spaliere 4—6 Meter, Halbstämme 4—5 Meter, wage- rechte Kordons, einarmig 3, doppelarmig 6 Meter, senkrechte Kordons 40—50 Zentimeter, 0-Formen 60 Zentimeter, Pyramiden 3 Meter. Die Entfernungen für Birnbäume sind im Durchschnitt dieselben^

4. Man schütze die Bäume nach Möglichkeit gegen die Einwirkung der Spätfröste. Es fei allerdings zu­gegeben, daß im Großbetriebe diese Forderung un­durchführbar ist, wenigstens zur Zeit noch. In Ame­rika, besonders in den Obstbau treibenden Gegenden von Florida, Montana, Kalifornien und Missouri hat man — man halte es nicht für einen Aprilscherz — besondere Heizungsanlagen in den Obstgärten ein­gerichtet, die sich dort gut bewährt haben, soll doch nach den Angaben des „Technikal World Magazine" im Jahre 1909 allein in Colorado durch die Eartenhei- zung eine Ernte im Werte von 4 Millionen Dollars (gleich 16 Millionen Mark) vor dem Erfrieren geschützt worden sein. In Deutschland sind wir einstweilen von dieser Einrichtung noch weit entfernt. Wo es sich also bei uns um einzelne Bäume und wertvolle Sorten handelt, bedecke man die Bäume mit Reisig-, Stroh, oder Tuchdecken.

Neben diesen vorstehend angedeuteten kulturellen Voraussetzungen darf dort, wo die Schorskrankheit ein häufig gesehener Gast ist, die Anwendung der Kampf, mitte! nicht verabsäumt werden! Als bestes Be- kämpfungsmittel erwies sich bis in die neuere Zeit hinein die Kupferkalkbrühe; sie bildet auf Aesten und Zweigen bezw. Blättern und Früchten einen wirk­samen Schutz gegen weiteren Pilzbefall, indem sie die keimenden und anfliegenden Sporen zum Absterben bringt. Aber der Kupferkalkbrühe haften zwei unan­genehme Eigenschaften an: einmal ist sie nicht leicht selbst herzustellen, sodann hinterläßt sie nicht selten auf dem Kernobst brandige Flecken, wodurch der Wert der Frucht naturgemäß herabgemindert wird. Nun ist in neuester Zeit der Kupferkalkbrühe ein großer Konkur­rent erstanden und zwar in Gestalt der Schwefelkalk­brühe, die sich nach den Arbeiten bekannter Praktiker als ein ausgezeichnetes Bekämpfungsmittel gegen das Fusikladium erwiesen hat. In der Bekämpfung der Schildläuse war die Schwefelkalkbrühe bekanntlich schon lange im Gebrauch. Was für den Gebrauch der Schwe­felkalkbrühe inbetreff der Bekämpfung der Schorfkrank- Heit des Kernobstes spricht, sind zur Hauptsache drei Punkte: 1. der durch die Schwefelkalkbrühe auf den Trieben, Blättern und Früchten sich bildende Ueberzug hält länger als der der Kupferbrühe; er ist oft nacb Jahresfrist noch zu erkennen; 2. die Schwefelkalkbrühe ist sofort gebrauchsfertig, braucht bei ihrer Verwendung nur mit Wasser verdünnt zu werden; 3. die Schwefel­kalkbrühe hinierlätzt keine Brandflecken auf den Früch ten. Diese nicht zu unterschätzenden Vorzüge der Schwe- felkalkbrühe gegenüber der Kupferbrühe dürfte der ersteren bald die größte Verbeitung sichern, zumal der Preis derselben nicht gerade hoch zu nennen ist, ein Punkt, der für ihre Anwendung im Großbetriebe spricht. Es empfiehlt sich auch ein gemeinschaftlicher Bezug, wo-