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Hersfelder Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 152. Sonnabend, den 21. Dezember 1912.
Zweites Blatt.
Der Erbe des Millionärs.
Roman von Clara Rheinau.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Siebzehntes Kapitel.
Als Walsord sich verabschiedet hatte, setzte Sir Elliot sich sofort an seinen Schreibtisch.
„Je eher wir diese Frau sprechen, desto eher werden ihre Ansprüche zu nichte werden", sagte er. „Wir dürfen nicht dulden, daß sie mit dieser Erzählung im Lande umher läuft, Lionel. Ich gedenke ein Telegramm an sie zu senden. WaS meinst Du dazu?"
„Gewiß, wenn Sie eS für gut finden, Großvater. Es ist allerdings nicht besonders angenehm, solche Geschichten im Umlauf zu wissen. Viel Unheil wäre vielleicht schon angerichtet, wenn Jsa nicht so großartig angelegt wäre."
Ein Blick unendlicher Zärtlichkeit traf daS Mädchen und die bittern Selbstvorwürfe wurden wieder wach.
„Mein Liebling," flüsterte er, abermals ihre Hand ergreifend, „wie gut Du bist! Ich bin deiner nicht würdig, Jsa — Dein Vertrauen beschämt mich fast. O Jsa, Jsa!"
Sie schlang ihre Arme um seinen Hals. „Hälft Du es für so schwer, zu vertrauen, wo man liebt?" fragte Sie innig. „Hätte auch nur der leiseste Zwtijcl bei mir Eingang gesunden, Lionel, so würe es aus zwischen uns gewesen, denn ich hätte mich überzeugt, daß eS nicht die wahre Liebe sei, die ich für Dich sühle. Nie, nie kann ich Dir mißtrauen, Lionel. Wärest Du eines Verbrechens angeklagt und alle Richter auf Erden würden Dich verurteilen, nichts könnte mdnen Glauben an dich wankend machen!"
Ihre Augen strahlten, ihre Wangen glühten, sie hätte einem Maler Modell stehen können alS die Verkörperung vertrauender, hingehender Liebe.
Und Lionel! Jedes ihrer Worte schnitt wie ein Messer in seine Brust, ihr rührende? Vertrauen bereitete ihm fast unerträgliche Qual. Wäre er ein verhärteter Bösewicht ge- wesen, so hätte er sein gutes Glück ohne Skrupel hingenommen. Allein im Grunde seiner Seele lag der Keim zu besseren Dingen, der unter günstigeren Umständen zur schönen Entwicklung gelangt wäre. Leichtsinnig hatte er den Weg der Sünde betreten, aber von dem Augenblick an, da sich Jsa in sein Herz gestohlen, war eS um seine Ruhe geschehen. Jeder Zeichen von Liebe, daS sie ihm gab, verschärfte seine Gewissensbisse, ihr rückhaltloses Vertrauen war wie die Strafe für sein schweres Vergehen. Manchmal suchte er sich einzureden, daß er doch nicht so ganz verworsen sei; niemals hatte er freiwillig einem Menschen Schaden zugefügt, oft war er zu Freundschaftsdiensten bereit, den Notleidenden ein uneigen« uützigrr Helfer gewesen. Im ganzen durste er sich entschieden als besser betrachten, wie die lockeren Gisellen, mit denen sein Geschick ihn zusammengesührt hatte. Dann kam er in Gedanken an die Zeit, da er Jsa kennen lernte, und all seine EntschuldigungSgründe wollten nicht standhaften, wenn er daran dachte, wie schmählich er daS edle Mädchen und den guten alten Herrn, der so ftolz auf ihn war, hintergangen hatte.
Jsa ahnte nicht? von den Scelenqualen, die ihr Verlobter erduldete. Sie sah nur, daß seine Liebe zu ihr täglich zuzu- nehmen schien, und freute sich fast, daß Percy WalsordS alberne Geschichte ihr Gelegenheit gegeben hatte, Lionel zu zeigen, wie vollkommen sie ihm vertraue.
Heiter und sorglo? suchte sie ihr Zimmer aus, um zum Diner Toilette in machen. „Wie glücklich bin ich doch," sagte sie sich, „ich habe alles, waS man sich nur wünschen sann — einen guten, generösen Großvater, Reichtum und Luxu? und vor allem — ja vor allem den Bräutigam, der mich liebt! Wa? habe ich getan, um so viel Glück zu ver- dienen?" Sie war in so weicher, dankbarer Stimmung, daß die Tränen in ihre Augen traten. Sie neigte den Kops und küßte den Ring, den ihr Lionel an den Finger gesteckt. „Wenn ihm etwa? zustoßen würde, e? wäre mein Tod," flüsterte sie. „O mein Gott, nimm ihn in Deinen mächtigen Schutz, und ich will versuchen, mich Deiner Güte würdig zu zeigen."
Als sie in ihrem weißen Kleid die Treppe herabkam, fand sie zu ihrem Staunen Lionel mit dem Hut in der Hand, in der Halle ihrer wartend.
„Gehst Du aus, Lionel?" , . „ , „3a, meine Liebe," sagte er leichthin, aber eS klang eine gewisse Verlegenheit auS seinem Hone. 3fa erinnerte sich dessen später, al? die Ereignisse dieser Nacht sich für immer in ihr Gedächtnis eingegraben hatten. „341 muß heute abend jemand in der Stadt aussuchen — in Geschäften.
ES fiel ihr nicht aus, daß er erst letzt dieser Verabredung erwähnte, sie fragte nur besorgt:
„Kannst Du nicht biS nach dem Dmer warten?" # »Nein, Liebe; ich bliebe gerne hier, aber ich muß gehen.
Jsa blieb einen Augenblick unter der offenen Türe stehen, um ihm nachzusehen. Noch einmal wandte er sich um und winkte grüßend mit der Hand, dann erstarb daS Lächeln aus seinen Lippen und machte einer ernsten, düstern Miene Platz.
Da? Geschäft, daS ihn heute abend nach London rief, wäre schwer zu erklären gewesen. Er fühlte sich gedrängt, etwa? über jene Person ausfindig zu machen, die sich als seines toten Freundes Frau auSgab — mehr und eingehendere Fragen zu stellen, als ihm morgen in Gegenwart seine? Großvater? und Jsa möglich sein würde. Er war großmütig angelegt, da? wenigsten? konnte ihm niemand absprechen — und wenn er fand, daß sie wirklich Lionel? Witwe war und ein ehrenhaftes Leben führte, dann schien eS ihm eine dringende Pflicht, ausreichend für sie zu sorgen.
„Ich will die Frau nicht selbst sprechen," dachte er, „daS wäre töricht. Sie muß mich morgen vor den Meinigen zum erstenmal sehen und ihren Irrtum erkennen. Aber im Theater wird man ihre Privatadresse kennen, und ich kann dann sofort Erkundigungen nach ihr einziehen.
Walford meinte, sie lebe in dürftigen Verhältnissen. Vielleicht war eS so und keine Zeit zu verlieren, ihr die rettende Hand zu bieten, um sie vor dem moralischen Untergang zu bewahren. Wenn Lionel noch 14 Tage länger gelebt hätte, wäre sie jetzt in Wandover Hall, oder wenigsten? in günstiger Lage. Ein harte? Geschick für die arme Person. Ja ich muß sie im Auge behalten, da? ist da? geringste, wa? ich tun kann."
In KingS Croß angekommen, nahm er eine Droschke und fuhr direkt nach dem Theater. ES war 7Va und die Front der HauseS zeigte sich bereit? erleuchtet. Vor einer halben Stunde hatten sich die Künstler und Künstlerinnen zu Wagen und zu Fuß bereits eingefunden, und der Portier konnte sich nun ungestört eine kleine Erfrischung in seiner Loge gönnen. Gerade hatte er seinen Krug Bier geleert und war im Begriff, sich eine Pfeife anzuzünden, als LionclS stattliche Figur unter der Türe erschien.
„Ist Miß Clara Bolero hier?" fragte er. Der Portier SimmondS, ein vieler fahren« Mann, war überrascht, daß ein solch eleganter Herr, unverkennbar ein Gentleman, nach der schäbigen jungen Schauspielerin fragte.
„Miß Bolero?" wiederholte er ungläubig, sich schwerfällig von seinem Stuhl erhebend. „Sagten Sie Miß Bolero?"
„Ja, ja," entgegnete Lionel ungeduldig. „Kennen Sie vielleicht deren Privatadresse?"
Neues Staunen malte sich in der Mannes listigen Zügen. „Nein, die ist mir fremd," sagte er, neugierig den Fremden betrachtend, „aber ich will mich erkungigen, Sir. Oder wünschen Sie vielleicht Miß Bolero selbst zu sprechen?"
Lionel zögerte mit der Antwort.
„Nein," dachte er, „da? würde von vornherein den Eindruck einer gewissen Heimlichkeit machen, und ich habe der Frau selbst auch nichts zu sagen. Sie wird sicher morgen ihre Papiere mitbringen, und ihr Leumundszeugnis muß ich mit von andern verschaffen."
So antwortete er denn laut:
„Nein, ich will die Dame heute abend nicht stören. Sagen Sie ihr gefälligst, daß ein — ein Freund, der sie morgen aufsuchen wolle, ihr Adresse von Ihnen verlangt habe. DaS genügt. Sie brauchen nicht zu sagen, daß ich eben hier war," fügte er etwas hastig bei.
„Sehr wohl, Sir, entgegnete der Mann, der ein gutes Trinkgeld witterte, bereitwillig und bot dem Fremden seinen besten Stuhl an, während er eiligst die oberen Regionen aus- suchte.
Lionel jedoch lehnte noch immer mit nachdenklicher Miene am Türpfosten, als Herr SimmondS mit einer Visitenkarte zurückkrhrte. Er nahm die Karte in Empfang und griff in die Tasche nach einem Trinkgelde.
„Ich danke Ihnen, Sir, ich danke verbindlichst," erwiderte der Portier.
„Können Sie mir sagen, ob Miß Bolero heute nachmittag ein Telegramm erhielt?" frug Lionel.
„Ja wohl, Sir, vor einigen Stunden."
Lionel zögerte noch einen Augenblick, um die Kart« zu studieren. Sie trug den Namen Miß Bolero? und deren Adresse in Balham, die Worte „Maddison Sguare Theater, New Aork", waren mit Bleistift durchgestrichen. Mit kurzem Gruß' entfernte er sich, und der Portier sah dem schönen, interessanten Fremden neugierig nach.
Miß Bolera selbst bcsand sich an diesem Abend in vortrefflicher Laune. Sie hatte Sir Elliot? Telegramm im Theater gefunden. Darin stand:
„Kommen Sie gesälligst mit allen Ausweisen, die Sie besitzen, morgen nach Wandower Hall.
Elliot Mervyn."
Die vorsichtig gewählten Worte verrieten nicht- von den Absichten deS Absenders. Allein Miß Bolero war so sehr davon in Anspruch genommen, daß sie kein Interesse zeigte, und keine Fragen stellte, alS der Portier ihre Adresse verlangte.
„Nicht, alS ob meines Mannes Verwandte gewöhnliches Volk wären," erzählte sie ihrer besten Freundin im «nkleidc- -immer. „Sowie ich daS Telegramm erhielt, fragte ich Moseley, ob er je von den Mervyn- in Wandower Hall ge-
hö t hätte, und er riß die Augen weit aus. Elliot Mervyn ist Sir Elliot, ein großer Kausherr, und mindestens Millionär. Ich glaubte Lionel nie, wenn er von feinem reichen Großvater zu Hanse faselte. Wie konnte ich auch annehmen, daß ein Mensch wie er, sich dieS nicht zu nutze gemacht, und den alten Mann nach Kräften auSgepreßt hätte. Glaubst Du, daß dieser etwas Ordentliches für mich tun wird, Nelly?"
„Natürlich, Herz," versicherte die Freundin. „Vielleicht wird er Dich einladen, bei ihm zu wohnen und die Stelle einer Tochter einzunehmen wie die alten Herren in unfern Stücken."
„Da? glaubst Du?" rief Miß Bolero im höchsten Entzücken. „Ö, ich sehe mich schon in weißer Seide und Diamanten, und hinter jedem Stuhl einen gepuderten Lokeien! Nelly, wenn daS wahr wird, dann mußt Du Weihnachten bei mir zubringen!"
Qi Die beiden Freundinnen fielen sich in die Arme und lachten und weinten über diese herrlichen Aussichten.
Achtzehntes Kapitel.
Mit eigentümlichem Gefühl sah Jsa dem Zusammentreffen mit jener Person entgegen, die Anspruch erhob, LionelS Frau zu sein. Sie kam am nächsten Tage zeitig in daS Früh- stückSzimmcr herunter, aber trotz deS herrlichen Morgens hatten die beiden Herren sich noch nicht dort eingefundrn. So schlenderte sie denn durch die offene GlaStür auf die Terrasse hinaus, pflückte einige Blumen, die sie zu einem niedlichen Eiräußchen band, und kehrte dann wieder in daS Zimmer zurück. ES dauerte immer noch zwanzig Minuten bis zur FrühstückSstunde, und um sich die Langweile zu vertreiben, ergriff sie die Morgenzeitung, die auf Dem Tische lag. Die politischen Nachrichten interessierten sie weniger, aber ein prächtiger Brief über die kommende Herbstmode fesselte ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie laS denselben Wort für Wort und war gerade im Begriff, daS Blatt wieder beiseite zu legen, alS ihr Auge auf die große settgedruckte Auffchrist fiel:
„Mord einer Schauspielerin!"
„Merkwürdige Enthüllungen!"
Gewöhnlich pflegte Jsa derartige Schauergeschichten nicht zu lifen, aber vielleicht, weil gerade eine Schauspielerin Interesse für sie hatte, überblickte sie die nächsten Zeilen, und ihr Herz fing heftig an zu pochen. Mit bleichen Wangen, von einem seltsam beklemmenden Gefühl «faßt, laS sie nun hastig den ganzen Artikel. Er lautete:
„Gestern abend um die elfte Stunde wurde auf dem Pandora Road in Balham ein sensationeller Mord verübt. DaS Opfer war eine Schauspielerin, unter dem Bühnennamen Miß Klara Bolero bekannt und am Frivolity Theater engagiert. Um zehn Uhr kam ein Mann in ihre Wohnung und fragte nach ihr. Man sagte ihm, daß Miß Bolero nicht vor zwölf Uhr nach Hause komme, und er entfernte sich wieder. Etwa eine Stunde später hörte die Hauswirtin, wie Miß Bolerlo die Türe mit ihrem Drücker öffnete und eintrat. Eine zweite Person, dem Schritte nach ein Mann, folgte ihr. Die beiden begaben sich in daS vordere Zimmer, wo sich alsbald ein lauter Wortwechsel entspann. Wenige Minuten später wurde die Hallentüre leise zugemacht. Die Wirtin schloß daraus, daß der Besucher sich entfernt habe, und begab sich zur Ruhe. Sie konnte jedoch nicht gleich ein- schlafen, und so fiel eS ihr aus, daß Miß Bolero nicht ihr im zweiten Stock gelegenes Zimmer aufsuchte. Sie erhob sich wieder und ging hinunter, um zu sehen, ob etwa? Besonderes vorgefallen sei. Zu ihrem größten Entsetzen sand sie die unglückliche Frau in einer Blutlache auf dem Teppich liegend. Ein rasch herbeigeeilter Arzt konnte nur den Tod konstatieren. Die tödliche Wunde in der Brust rührte offenbar von dem Tischmeffer her, daS neben der Leiche aus dem Boden lag. Nach den Aussagen der Hauswirtin zu schließen, sind merkwürdige aus den Fall bezügliche Enthüllungen in Verbindung mit einem in der Stadt wie in der Gesellschaft wohlbekannten Namen zu erwarten. Vorläufig sind wir nicht in Der Lage, näheres zu berichten."
(Fortsetzung folgt)
— (Auch eine Konkursdividende I) Einem vogtländischen Geschäftsmanne ist, wie auS Adorf geschrieben (wird, folgendes Schreiben zugegangen: „Im Koban-KonkurS sind 0,00076 Prozent Dividende zu verteilen. Der auf Sie entfallende Betrag ist 1 Pfg. Ich bitte auf angebogener Karte um Bescheid bi? 4. Dezember, ob auch Sie Damit einverstanden sind, daß dieser Betrag zwecks Eisparung von nenen Kosten der hiesigen Armenkaffe überwiesen wird. Hochachtungsvoll! Der Konkursverwalter."
— (Brandstiftung und Mord in einer Petersburger Kaserne.) Eine furchtbare Bluttat erregt in Der russischen Hauptstadt große- Aufsehen. In Der Kaserne der Reitenden Artilleriebrigade brach ein Brand auf, Der schnell gelöscht wurde. AlS ein der Brandstiftung verdächtiger Unteroffizier verhaftet wndcn sollte, erschoß er Den StabSkapitän Kologriwow, verwundete einen Militärschreiber und dann sich selbst.