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Zernsprech-slnschlutz Nr. 8

Nr. 140. Sonnabend, den 23. November 1912.

Zweites Matt.

Der Erbe des Millionärs.

Roman von Clara Rheinau.

(Nachdruck verboten.)

Erstes Kapitel.

„Wieder feine Nachricht heute morgen, Großvater?" „Nachricht, Jsa? Kannst Du überhaupt noch danach fragen? Als ob je eine Nachricht zu unS gelangte!"

Die Antwort wurde in übellaunigem, fast heftigem Tone gegeben, aber Jsa Barker nahm keine Notiz davon. Sie fuhr ruhig fort, den Kaffee einzuschenken, während der alte Herr die Zeitung in die Hände nahm und den Kursbericht überblickte, wie er dies seit den letzten fünfzig Jahren zu tun gewohnt war.

Sir Elliot MeroynS Leben hatte sich mit großer Regel­mäßigkeit abgespielt: zuerst Lehrling, dann Buchhalter in seines VaterS Geschäft, mit fünfundzwanzig Jahren Teilhaber, mit dreißig alleiniger Besitzer der Firma, Ratsherr, Lordmayor und Millionär. Von Anfang bis zu Ende hatte eS nirgends einen Haken gegeben — bis auf einen vielleicht, der ihm eine tiefe Wunde beigebracht. Dreißig Jahre lang hotte er ihn unbeachtet gelassen, ober mit zunehmendem Alter grub er sich wie ein hungriger Wolf immer tiefer in sein Fleisch. In der Stille der Nacht glaubte er oft die Worte zu hören: „Kein Mensch ist der alleinige Herr seiner Geschickes. Du warst stark und unnachsichtig; Du hast Dich Deiner Erfolge gerühmt; Du glaubtest, daS Glück gesunden zu haben — aber Du hattest Dich verrechnet."

Wer den alten Herrn und feine Enkelin bei ihrem schweig­samen Zusammensein am FrühstückStijch beobachtet hätte, würde ihre nahe Verwandtschaft auf den ersten Blick erraten haben: da» war bei Beiden der gleiche, wohlgeformte Kops mit der etwas stolzen Haltung, daS gleiche, klargeschnittene Profil, die gleichen, stolzgrauen Augen. Aber die Züge des Mannes waren hart und scharf geworden in dem lang­jährigen stolzen Streben, Schätze auf Schätze zu häufen, während die Enkelin noch weich und anmutig die erste Jugendblüte zeigte.

Jsa sah wie eine holde Blume in der schwerfälligen Um­gebung bei großen Speisezimmers auS. DaS mächtige, altertümliche Büffet mit feinen Spiegelscheiben reflektierte ihr jugendfrischeS Bild zwischen Oelgemälden in schweren, vom Alter verdunkelten Goldrahmen, düsterm Eichengetäsel, Mahagonimöbeln und kostbaren braunen Eammetvorhängcn — Reliquien eines längst vergangenen Geschmackes. Alles war gut und echt, aber plump und häßlich. Sir Elliot war kein Freund moderner Einrichtungen: In der Mahagoni- und Roßhaarperiode ausgewachsen, huldigte er der Ansicht, eines reichen Mannes Hau» müsse ein würdevolles Aussehen haben.

Nur in JsaS Zimmer gab eS Licht und Farbe, Blumen und Sonnenschein, und daS Mädchen hatte allen Grund, sich in dem düstern Gebäude glücklich zu fühlen. Wenn der alte Kaufherr such manchmal in gereizter Stimmung war, so hing er doch mit großer Liebe an der Enkelin. Seitdem er die geängstigt« Kleine von dem Sterbebette der Mutter weg in sein Heim geholt, hatte er ihr keinen Wunsch versagt, der mit Geld zu ersüllen war. JsaS hohe, schlanke Figur, ihr elastischer Gang, ihre blühenden Wangen sprachen von guter Gesundheit und ihr Gesicht war schön, wie der Spiegel ihr täglich sagte. UeberdieS war sie vermutlich die einzige Erbin der Millionen, die ihr Großvater angesammelt hatte.

Nach wenigen Minuten legte Sir Elliot die Zeitung nieder und blickte freundlich aus die Enkelin. Die Erregung, welche ihre einfache Frage hervorgerusen, war offenbar ge- Ichwunden.

„Und waS wirst Du heute vormittag beginnen, mein Kind?" fragte er in sanftem Tone.

«Ich möchte einen Spazierritt in den Park machen, Großvater, vorausgesetzt, daß Du meiner nicht bedarfst."

„Mein Kind, laß Dir nur Molly satteln, ich werde einmal aus dem Bureau nach den Geschäften nach- sehen."

„Ist eS denn notwendig, Großvater," fragte Jsa besorgt. „Du hustest heute wieder, und ich bin überzeugt, Herr Rhode weiß schon allein fertig zu werden."

„Ich fühle mich ganz wohl," entgegnete Sir Elliot; „und der Geschäftsführer ist nicht der Herr. Ja, wenn ich einen Sohn hätte, einen Enkel!" rief er mit Bitterkeit, die an Verzweiflung grenzte — „aber ich habe niemand, niemand!

Ich bin ganz allein!"

„Allein, Großvater," sagte Jsa mit sanftem Borwurf.

„Nein, nein, nicht allein, so lange ich Dich habe, Jsa, liebe» Kind," rief der alte Herr, wie in zärtlicher Abbitte ihre Hand ersaffend. „Aber Du kannst mir einen Enkel nicht ersetzen. Einen Enkel, einen Enkel brauche ich I Junge-

Blut, um die Firma am Leben zu erhalten und ihr Herr zu werden, wenn ich sterbe!"

„Ja, einen Enkel!" wiederholte daS junge Mädchen weich. „Armer Großvater!"

In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und der Hausmeister trat ein, ein alter, im Dienst von „Meroyn Sohn" ergrauter Diener.

„Ein Telegramm, Sir Elliot," meldete der Hausmeister.

„Ein Telegramm!" schrie der Kaufherr fast auf und seine Augen flammten vor Eiser. „Geben Sie her, Lemon. Mein Gott, wie langsam Sie find, geben Sie her!"

Seine feinen, schmalen Hände erbebten, als er daS Tele­gramm erbrach. In der nächsten Sekunde wurden seine er­regten Züge schlaff, seine Lippen preßten fich zusammen und daS rote Papier wurde achtlos zerknittert. Sir Elliot war wieder er selbst, der würdevolle HandelSfürst, dem die Königin vor zwei Jahrzehnten den Ritterschlag erteilt hatte.

„Von Rhoda," sagte er zu seiner Enkelin. „Eine Gc- schäfSfache, weiter nichts. Keine Antwort, Lemon."

In tiefer Stille nahm daS Frühstück seinen Fortgang, und dann gingen Großvater und Enkelin ihre verschiedenen Wege, Sir Elliot in die Stadt, Jsa in den Park.

ES war ein köstlicher Maimorgen. Staub und Nebel hatten das zarte Grün der Bäume noch nicht zu schwärzen vermocht, und die Vögel zwitscherten fröhlich in den Flieder- büschen von Rüssel Square. Jsa, die in ernster Stimmung daS HauS verlassen, gab sich ganz dem Einfluß bei herrlichen Frühlingstages hin. Sie war jung, und auch die sie um­gebende Welt schien sich heute verjüngt zu haben.

Am Eingang deS ParkeS gesellte sich ein flotter Reiter zu der jungen Dame und begrüßte sie in der ehrerbietigsten Weise. Percy Walsord war eS, ein hübscher, dunkelhaariger Kavalier von etwa dreißig Jahren, mit lebhaften, schwarzen Augen, die sich jetzt mit einem vielsagenden Ausdruck auf JsaS errötendes Antlitz hefteten.

„Ich fürchtete schon, Sie heute nicht zu sehen," sagte er bedeutungsvoll. „Sir Elliot befindet sich doch wohl?"

„So ziemlich; aber er leidet sehr unter der fortwährenden Ungewißheit," entgegnete Jsa.

„Demnach haben die Ausrufe in den Blättern noch keinen Erfolg gehabt? Herr Lionel Mervyn scheint keine Eile zu haben, sich seinem Großvater vorzustellen. Meiner Ansicht nach kann kaum noch ein Zweifel bestehen, daß der junge Mann tot ist. Wo er sich auch aufhielte, einmal müßte ihm doch eine Zeitung vor Augen kommen, oder ein Bekannter würde ihm von dem Ausruf sagen."

„Ich wünsche von Herzen, daß Sie sich irren, Herr Walford."

„Wirklich? Aber eS wäre ja dann um so besser für Sie," sagte der junge Herr.

JsaS seine Brauen zogen sich plötzlich zusammen, die Be­merkung WalsordS hatte sie verletzt.

„Halten Sie mich für so egoistisch, daß ich meinem Groß­vater die Besriedigung seine? Herzenswunsches mißgönnen könnte um deS Geldes willen?" fragte sie unwillig. „Ich würde im Gegenteil lieber auch auf daS Vermögen verzichten, das er mir versprochen, wenn ich meinen Vetter heimkehren sähe."

„Bitte tausendmal um Verzeihung!" rief Walford erregt. „Welch ein Tor war ich! Natürlich hätte ich wissen können, daß Sie nicht wie andere Frauen sind, daß ein gewinnsüchtiger Gedanke nie Eingang bei Ihnen finden würde."

Aber Jsa konnte ihrer Verstimmung nicht so leicht Herr werden — ein unbewußtes Kompliment für ihren Gesährten, daß dieser rasch begriff. „Sie haben offenbar eine sehr geringe Meinung von mir, Herr Walsord," bemerkte sie mit bebenden Lippen.

„Sie wissen, daß eS nicht so ist!" Walsord warf einen raschen Blick hinter sich, um zu sehen, ob JsaS Diener sich in gebührender Entsernung halte, dann suhr er in feurigem Tone fort: „Sie müssen wissen, daß ich keine Frau höher schätze alS Sie. Jsa, schon lange sehnte ich mich, Ihnen dieS zu sagen, und jetzt zürnen Sie mir, jetzt wollen Sie mir die süße Freundschaft entziehen, die mir die Welt zum Paradiese machte!"

Er beobachtete verstohlen, welchen Eindruck seine Worte auf daS junge Mädchen hervorbrachten und daS Resultat seiner Beobachtung schien ihn zu befriedigen. Percy Walford war kein schüchterner Liebhaber, er wußte stets mit keckem Mute seine Pläne durchzuführen.

„Jsa!" begann er wieder mit weicher Stimme, „lasten Sie mich ein Bekenntnis oblegen. Sie haben eS ja schon längst erraten, wie heiß, wie innig ich Sie liebe. Jsa, wenden Sie fich nicht ob, brechen Sie mir nicht da» Herz."

Perey Walsord spielte seine Rolle gut, denn er besaß kein Herz, nur eine Rechenmaschiue und er spekulierte nur aus die Millionen Sir ElliotS. Jsa sah dies natürlich nicht ein, seine äußern Vorzüge blendeten sie. Nach wenigen Minuten war eS dem weltgewandten Kavalier gelungen, ihr ein schüchternes LiebeSgeständniS zu entlocken, und er erklärte feierlich, daß sie ihn zum Glücklichsten aller Sterblichen gemacht habe.

„Und wann borf ich mit Ihrem Großvater sprechen, mein Liebling?" fragte er zärtlich.

Jsa überlegte.

„Wäre eS nicht klüger," stammelte sie, „wenn ich ihn erst

ein wenig daraus vorbereiten würde, Percy. Er hat keine Ahnung von unserer Liebe."

Walford ging eifrig auf diesen Vorschlag ein.

„Gewiß, eS wäre entschieden klüger; Sie verstehen eS bester, den alten Herrn zu behandeln. Sie glauben doch nicht, daß er seine Einwilligung versagen werde, Jsa?" fragte er.

„O nein, waS sollte er auch gegen Sie haben, Percy? Natürlich wird er mich nicht gerne verlieren — aber einmal müßte eS doch sein," erklärte die junge Dame.

„Ich hoffe, daß Sie recht behalten, Jsa."

Er war etwas nachdenklich geworden und eilte eine Welle schweigend an ihrer Seite weiter. Aber Jsa achtete feinet seltsamen WesenS nicht. Ihr Herz pochte in Stolz und Glück; den ganzen Reichtum ihrer jungen Liebe verschwendete sie an den geldgierigen Lebemann, der ihrer gänzlich unwürdig war, dessen Huldigungen nur der mutmaßlichen Millionenerbin galten. Sie hatte Percy Walsord im Hause einer Freundin, General DavemportS Tochter, kennen gelernt und vom ersten Tage an ein besonderes Interesse für ihn empfunden. Er war so ganz verschieden von den jungen Herren ihre? Kreise», die stets von Aktien und Kursberichten und andern lang« weiligen Dingen mit ihrem Großvater sich unterhielten, während Percy eS verstand, sich als etwa» Besonderes zu geben.

Percy war der erste vornehme Müßiggänger, der ihr in den Weg trat, und dieser Typus war gerade seiner Neuheit wegen sehr anziehend in den Augen der Erbin von Russell Square. Sie hatte bald ihr Herz an ihn verloren und wartete schon seit einiger Zeit ungeduldig, daß er sich erkläre.

Und nun war der glückliche Augenblick gekommen! Wie im Traume betrat sie daS alte HauS, nachdem Percy sich an der Türe von ihr verabschiedet mit dem Versprechen, am Nachmittag sich die Antwort ihre? Großvaters zu holen.

Als Walford sich allein sah, schlug er langsam die Richtung nach Piccadilly ein.

________________________(Fortsetzung folgt.)_________________________

„Nix Fremdenlegion!“

„Nix Fremdenlegion!" (Nicht Fremdenlegion!) Diese kurze Absage gaben drei deutsche HandwerkSburschen, die in Frank­reich in die Hände von Werbern für die moderne Hölle fielen, aber dank ihrer Festigkeit dem sichern Verderben glücklich entrannen. Vor etlichen Monaten war», alS sie, getrieben von Wanderlust, ihrer Heimat, der Lahngegend, Lebewohl sagten, um in Frankreich ihr Glück zu suchen. PariS war daS nächste Ziel ihrer Wünsche. Viel — sehr viel — hatten sie von dieser schönen Stadt gehört und gelesen; sie brannten vor Begierde recht schnell in diese Wunderstadt zu kommen. Doch al» sie ihren Boden betreten hatten, waren sie bald enttäuscht. Zwar gab eS viel zu sehen und zu hören für sie. Leider jehlte ihnen jedoch daS nötige Geld, um alle Herrlich­keiten auch genießen zu können. Schließlich war dies ja auch nicht der Hauptzweck ihrer Reise; sie wollten vor allem Arbeit finden, wollten als junge, vorwärtSstredende Menschen fich in ihrem Berufe vervollkommnen. Da fich diese Hoffnung aber nicht verwirklichte, auch ihre letzten Pfennige bald auSgegeben waren, wandten sie der Weltstadt PariS kurz entschlossen den Rücken, um nach der Heimat zurückzuwandern. Der Weg von PariS bis an die Lahn ist weit. Wa» halsS? Die drei jungen Deutschen mußten sich durchfechten.

So gelangten sie denn auch glücklich bis St. Msnehould bei Verdun. Hier begann ihr Mißgeschick; ein Gendarm interessierte sich für sie lebhaft und sorderte ihnen die Papiere ab, fragte auch, ob sie Geld hätten. Ihre Papiere waren in Ordnung, nicht aber ihre Geldbörsen. Kein Bitten nützte — der gestrenge Hüter der Ordnung verhaftete die drei und sührte sie alS der Landstnicherei verdächtige Menschen zur Gendarmerie- station, wo man sie emjpcrrte und am nächsten Tage dem Richter vorführte. Dieser zog zu dem Verhör einen Dolmetscher zu unb fragte die drei HandwerkSburschen, ob sie keine Lust hätten, sich für die Fremdenlegion anwerben zu lassen. Sie würden dort ganz ausgezeichnet verpflegt und besoldet, würden fremde Länder und Menschen sehen, könnten e? auch bei guter Führung leicht zu etwas Hohem bringen.

Den biederen Deutschen fuhr der Schreck in die Glieder, sie hatten ja von der Fremdenlegion nie etwas Gutes gehört. Daher schüttelten sie auf die Frage bei Richters bedenklich den Kopf und sagten kurz: „Nix Fremdenlegion!" Darauf sperrte man sie ein. Sie sollten nur auS dem Gefängnis entlassen werden, wenn sie schnellstens in den Besitz der not­wendigen Barmittel gelangen würden. Bei Wassersuppe und trockenem Brot safteten die HandwerkSburschen einige Tage. Da kam die Befreiung. Der eine hatte nämlich einen dringenden Brief an seine Eltern nach Hause geschrieben, und diese sandten unverzüglich Geld, da? er mit seinen beiden LeidenSgenoffen teilte. So war ihre Mittellosigkeit, derentwegen sie eingekocht worden waren, behoben, und sie wurden auS dem Gefängnis entlasten. Schleunigst fuhren sie nach Metz, und mit ge« mischten Gefühlen über daS Land der „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" kehrten sie in ihr« Heimat zurück.

Die^Lehre oul dieser kleinen Geschichte, die sich im Anfang deS letzten Sommer» zutrug und erst kürzlich bekannt wurde ist die, daß in Frankreich selbst Beamte ihre Amtsgewalt dazu