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Herrfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 79.
Sonnabend, den 6. Juli
1S1Ä.
Zweites Blatt.
M hadert Um.
Die Weltgeschichte ist daS Weltgericht. In furchtbarer Anschaulichkeit ist die Wahrheit dieses Wortes vor hundert Jahren erwiesen worden. Damals stand Napoleon aus der Höhe seiner Macht. DaS gewaltigste, glänzendste Heer, daS die Weltgeschichte biS dahin gesehen hatte, folgte seinem Willen, der dahin ging, Rußland unter seine Botmäßigkeit zu zwingen. Fast ganz Europa, daS Napoleon untertänig war, verkörperte daS Riesenheer, daS vor hundert Jahren in schier endlosen Reihen über die russische Grenze strömte. Da waren außer dem Kern der Franzosen vertreten: Oesterreich, Preußen, Sachsen, Bayern, Württemberg, Baden, Hessen, Polen, Holland, Italien, Spanien. Die „Große Armee" wurde daS napoleonische Heer von 1812 genannt. Etwas Unerhörtes, Ungeheuerliches bedeutete sie den staunenden Zeitgenossen; in ihrem nie gesehenen Umsange schien sie etwas überwältigend Großes zu künden. Glaubte man doch, der große Komet im vorausgegangenen Jahre hätte mit seinem riesigen Flammenschweis bereits auf daS zu erwartende Große vorbereitet. Die Unüberwindlichkeit Napoleons schien die „Große Armee" zu bezeugen. Aber ihr Schicksal wurde zum Zeugnis des Gegenteils: denn das Weltgericht sprach durch sie daS vernichtende Urteil. AlS das Jahr vor hundert Jahren abgelaufen, war der Anfang vom Ende der Gewaltherrschaft deS übermächtigen, weltbe- herrschenden Korsen gekommen. Von der „Großen Armee" blieb Ende 1812 nur noch der Name, mit dem fortan, besonders im GedächniS unseres Volkes, sich das Walten des Gottesgerichts verknüpft.
Vieles hat zum Untergänge der „Großen Armee" zusammen« gewirkt. Zu allererst und zumeist die Unzulänglichkeit der Unterhaltung einer solchen Riesenarmee, die unabsehbar weite und öde Strecken Feindesland zu durchziehen hatte, die arm an Menschen wie in Lebensmitteln waren. Mit den Verkehrmitteln, die vor hundert Jahren gegeben waren, ohne Eisenbahnen, womit heute die Schwierigkeiten der Verpflegung aus große Entfernungen überwunden werden können, ließ sich die Ausgabe nicht bewältigen, ein Heer von 600 000 Menschen auf Monate hinaus mit alledem zu versorgen, dessen eS zur Kampffähigkeit und Schlagsertigkeit bedurfte. Die Nachfahr zur Befriedigung der HeereSbedürfnisse mußte um so unzureichender werden, je weiter sich die rasch vorwärts wälzenden HeereSmafsen von den Gebieten entfernten, von wo aus die Verpflegung vorgenommen werden mußte.
Daß der Kaiser der Franzosen, alS er als „Sieger" in daS heilige Moskau einzog, unmittelbar kaum noch über 100 000 Mann verfügte, war im wesentlichen eine Folge der mangelhaften Ernährung und Unterhaltung sowie der sich hieraus ergebenden Lockerung der Mannszucht, die in volle Zuchtlosig- keit überging. Schon auf dem raschen Vormärsche hatte eS Massen von Nachzüglern gegeben. Aus dem Rückzüge, nach dem Brande von Moskau, wuchs dann die Zahl derer, die sich von ihren Truppenteilen trennten und auf eigene Faust zu versorgen suchten, inS Ungemessene. Dazu kam, daß die UnterbesehlShabrr, der Selbständigkeit durch Napoleon entwöhnt, zum großen Teile versagten und die von ihnen begangenen Fehler durch die überragende Feldherrngröße des Kaisers nicht mehr ausgeglichen werden konnten. Und zuletzt gesellte sich dann noch zu den Feinden Napoleons die un- gewöhnlich grimmige Kälte deS Winters vor hundert Jahren, die die Leiden und Entbehrungen des mehr und mehr dahin- schwindenden Heere- inS Grausige steigerte. Um aber die Vernichtung der stärksten Armee, die Napoleon ausgebracht hat, völlig zu verstehen, dars schließlich nicht vergessen werden, daß zu ihrer Größe ein Wesentliches sehlte: die sittlichen Kräfte, die innere Einheit und festen Zusammenhalt verleihen. Zur reichlichen Hälfte bestand dir „Große Armee" auS Truppen, die nicht von vaterländischer Begeisterung erfüllt waren, nicht vom Glauben an daS Recht und die Notwendigkeit des Kriege-, den sie zu führen hatten. Ein guter Teil der Deutschen, die vor hundert Jahren, den Riemen überschritten, blieb sich bewußt, daß sie einem unnatürlichen BündniSzwange folgten.
In dem Untergänge der „Großen Armee" erkannte man in Deutschland vor hundert Jahren die Stimme deS Weltgerichts, da- Gottesurteil; und als dann endlich in Preußen die längst ersehnte Stunde deS BesreiungSkampfeS schlug, da waren die Helden von 1813 von dem Gedanken beseelt, wider Napoleon daS Gottesgericht zu vollstrecken, da fühlten sie sich als Gotte-streiter, und die Losung lautete: Mit Gott für König und Vaterland!
Quer erkauft!
Roman von Hans Bleymüller.
(Fortsetzung.)
Verhältnismäßig spät war eine ergebene Antwort deS befragten HeimatpsarerS eingegangen. Diese bestätigte bezüglich der Herkunft die Aussagen deS Mädchen-. Al- Grund
deS Weggangs werde allgemein die Abweisung eines Freiers, eines wohlhabenden Mannes von tadellosem Ruf, und ein dadurch herbeigeführter Zerfall mit den Eltern angesehen. Die WirtSleute seien in dieser Angelegenheit unzugänglich; auS welchem Grunde daS Mädchen die Werbung abgewiesen habe, fei gänzlich unbekannt. Im übrigen enthielt der Bries nur Lob deS PfarrkindeS.
Frau Baronin verbarg den Brief, nachdem sie ihn aufmerksam gelesen hatte, im Schreibtische. Während sie daS Fach abschloß, ging ihr ein Umstand durch den Sinn, auf den sie ja nicht erst durch den Bries aufmerksam gemacht war: eS war zu verwundern oder anzuerkennen, daß eine WirtS- tochter ein so sittsames Mädchen war. ES setzte daS einen starken Gehalt an sittlicher Festigkeit voraus. Indessen, daS junge Mädchen barg, nach den Andeutungen deS Schreibens, jedenfalls ein Geheimnis bei sich; vielleicht eine üble Erfahrung, die ihre Lebensauffassung zu einer für ihr Alter ungewohnt ernsten gestempelt hatte, soweit man bei solch einem jungen Dinge von einer abgeschlossenen Lebensanschauung reden konnte. Leicht konnten auch die widrigen Verhältnisse der jüngsten Zeit die Stimmung vorübergehend niedergedrückt haben. Frau Baronin beobachtete ihren Schützling weiter.
Unterdessen nahm Marthchen selbst wahr, wie sich ihr körperliches Befinden von Tag zu Tag hob. Sie fühlte selbst wie ihr Gang immer elastischer wurde, die Glieder, die doch voller wurden, kamen ihr leichter vor; und obendrein spürte sie eine Lust, sich zu regen und eine Schaffensfreude, wie nie zuvor. Ein ordentlicher Unternehmungsgeist lebte in ihr auf. Sonst unüberwindlich scheinende Hindernisse waren ihr jetzt nichts mehr als ein kleiner Umweg, etwas UngewönhlicheS, aber keineswegs Unmögliches.
Immer wieder entzückte sie der Gedanke, dem Ernst so nahe zu fein. Jeden Abend dankte sie Gott, daß er sie in ihrer Herrin eine zweite Mutter, mehr als daS noch, hatte finden lassen.
Jeden Morgen bat sie ihn, daß er sie nicht hochmütig werden lasse, denn mehr und mehr fühlte sie, wie sie in die neuen Verhältnisse hineinwuchS. Es war ihr selbst mitunter ängstlich, daß sie noch gar keine Sehnsucht nach der Heimat verspürt hatte. Dort schien ihr alles kahl und kalt, hier traulich und warm. Sie riß sich selbst auS behaglichen Träumen durch die Erinnerung an den Rekruten. Ja, sie legte sich diesem zuliebe freiwilliges Fasten auf, verzichtete auf manche Bequemlichkeit, auf manchen gebotenen Genuß mit der Entschuldigung, nicht daran gewöhnt zu sein. Und Frau Baronin, die den letzten Beweggrund nicht ahnen konnte, gewann förmlich Achtung vor der Willensstärke der einfachen Mädchens, das bei allem gebotenen Entgegenkommen nicht feine Herkunft und die ihm gebührende Stellung vergaß, nicht vergaß, was sie gewesen war, was sie war, und was — sie einst werden würde.
Dieser letzte Gedanke, der Gedanke, von diesem Mädchen einmal doch scheiden zu müssen, stimmte die alte Dame ganz traurig, und an trüben Schneetagen quälte sie sich mit Erwägungen, welcher Umstand ihr daS Mädchen einmal entführen werde. Von allen wäre ihr noch der liebste ihr eigener Tod gewesen. Sie verhehlte fich'S nicht in diesen Tagen: sie hatte daS junge Mädchen inS Herz geschloffen, obschon Marthchen doch vor wenig mehr alS einer Woche erst ihr HauS betreten hatte. —
„Haben Sie sich schon einen Plan zurechtgelegt, nach dem Sie Ihren AuSgehetag zubringen wollen? Von 3 Uhr an sind Sie frei!" sagte Frau Baronin Lukajin am Sonntag nach Tisch zu Marthchen.
„Ach, ich weiß noch gar nicht . . ." erwiderte diese unschlüssig. In der Tat, sie wußte noch gar nicht, wie sie eS anfangen sollte, dem Ernst Hagedorn aus möglichst un- auffällige Weise zu begegnen. Am liebsten hätte sie ihn irgendwo beobachtet und belauscht. Aber wie daS anfangen?
„Nun, da will ich Ihnen einen Vorschlag machen," hob die alte Dame freundlich an. „Bei dem herrlichen Wetter unternehmen Sie am Nachmittag einen Spaziergang in den Park. Wissen Sie Bescheid? Hier gleich an unserem Hause rechts hin, dann sehen Sie schon den Eingang, eine Brücke und riesige Bäume. Na! Und am Abend empfehle ich Ihnen, in den Jungsrauenverein zu gehen, da Sie noch keinen Anschluß an passende junge Mädchen haben, und Sie wollen doch Ihr Dasein nicht immer mit einer alten Dame teilen," — sie lächelte — „werden Sie solchen dort am ehesten finden."
Marthchen sehnte sich nicht nach Mädchengesellschaft. Man sah ihr an, daß der Borschlag nicht sehr nach ihrem Sinne war.
„Oder wollen Sie etwas anderes, so können Sie ja auch einmal inS Theater geben."
„Ich will mir'S überlegen!" meinte Marthchen.
Am Nachmittag schlenderte Marthchen durch den Park. Aus den weiten Rasenflächen glitzerte der Schnee. Der kleine Fluß wand sich in zahlreichen Windungen träge und dunkel. Alte Damen und Herren wandelten würdevoll die breiten Wege. Junge Damen und Herren huschten und eilten lachend aus ihnen vorüber. Kahl ragten die dürren Aeste gegen den weißlich-blauen Himmel. In der Ferne zwischen den Stämmen der Baumriefen und im Geäste schwebte ein bläu»
lieber Hauch. Die Sonne beleuchtete die nahe Landschaft mit einem goldenen Schimmer, aber sie war nicht imstande, den Frost deS leichten, schneidigen WindeS zu mildern.
Marthchen verspürte ein unbehagliches Frösteln, und sie kam sich hier recht fremd, recht einsam vor.
Einmal nur war eS sie heiß überlaufen. Sie hatte auS der Ferne einige Ulanen entgegenkommen sehen. Schon von weitem aber erkannte sie sremde Gesichter und schaute mit der gleichgültigsten Miene von der Welt an den Soldaten vorüber.
Ei« promenierte nicht lange und huschte, sich schüttelnd in ihr warmeS Zimmerchen.
Frau Baronin hatte Besuch erhalten, wie Emma ihr zugeflüstert hatte —. Trotz allem Nachdenken wollte sich dem Marthchen kein Weg zeigen, der sie mit Ernst zusammenführen konnte. Schließlich überließ sie, wenn auch nicht gern, dem Zufall die Antwort und enthob sich damit gleichzeitig der hundertmal schon begonnenen Berechnung deS Dialog-, der sich bei der ersten Begegnung wohl entspinnen würde.
Von der Straße herüber leuchtete der bleiche Schein bet elektrischen Lichtes. Marthchen saß, die Hände um ein Knie geschlungen, und überlegte, wie sie den Abend zubringen sollte.
Gar nicht so übel schien ihr der Gedanke, sich zeitig in8 Bett zu legen und wachend zu träumen.
Aber dann schämte sie sich. WaS sollte Frau Baronin denken? Theater? Wie sollte sie da hineinkommen? DaS war ihr alles so ungewohnt. Sie entschied sich schließlich für den Jungsrauenverein, von dem sie schon durch jene Dame vom rosa Kreuz gehört hatte, daß er angenehme Unterhaltung und Gelegenheit zum Anschluß an anständige Mädchen böte.
Frau Baronin vernahm diese Entscheidung Marthchens mit freudiger Genugtuung. „Ist recht, Kind, Emma kann Sie hinbringen. Sehen Sie daraus, daß sich dar Mädchen nicht drückt. Sie macht daS gern. Heute Abend wird Frau Geheimrat Menzer über daS Frauenleben in Japan Vortrag halten. Sie war vorhin hier. Ihr Gatte war erst im vorigen Sommer in Asien. Frau Geheimrat wird viel Interessantes bieten können. Da gehen Sie nur ja hin." —
In einem Hute „vorjähriger Neuheit" und schwarzen Wollhandschuhen betrat Emma Marthchens Zimmer und fragte überlegen: „Na, wenn Sie mitwollen? Denn loS!" Auf der Straße angekommen, trat das Dienstmädchen dicht an Martha heran und tuschelte: „Wollen Sie wirklich zu den Jungfrauen gehen?"
„Was sällt Ihnen ein? Frau Baronin wünscht, daß wir zu dem Jungsrauenvereine gehen!" betonte Marthchen ent- rüstet über die Gemeinheit deS Mädchen-, daS nicht älter als 17 Jahre schien.
„WaS die Gnädige sagt, ist eine Sache für sich," behante jene frech. „Wenn sie morgen fragt, sind wir natürlich auch dort gewesen."
„Allerdings, Sie werden mich auch dorthin bringen!"
„Nun ja, wenn Sie durchaus wollen, kann ich Sie schon bis hin bringen . . . DaS erste Jahr bin ich ja auch alle 14 Tage dort gewesen .... Die Gnädige hat nun einmal ihre fromme Schrullen. Warum denn nicht? ES ist ja ganz hübsch dort . . . Aber wenn man älter wird, da kriegt man auch andere Gedanken."
„DaS haben Sie allerdings auch schon nötig."
„WaS denken Sie denn? Ich werde doch bald zwanzig Jahre!"
Marthchen schaute erstaunt auf die Sprecherin herunter. Sie hatte daS kleine Mädchen mit dem verschmitzten Gesicht zum mindesten nicht für älter gehalten, alS sie selbst war.
„Ich ginge ja schließlich Ihnen zur Gesellschaft heute mal mit hin, aber ich habe eS einmal Bogumiln versprochen, er will mit mir in die „Drei Linden". Sie haben keine Lust . . .?"
„Ich gehe nachdem Jungsrauenverein!" erwiderte Marthchen der Versucherin bestimmt.
„Da müssen wir dort rechts einbiegen," erklärte die Kleine.
Ehe sie die Straßenecke noch erreichten, schwenkten plötzlich zwei Ulanen um diese und gerade auf sie zu, ohne Miene zu machen, auSzuweichen. In der Hünengestalt deS einen erkannte Marthchen unschwer Bogumil RattowSki. Dieser rief, noch einige Schritte entfernt, vertraulich: „Na, Emma, endlich!" Er mochte die Begleiterin für eine Freundin Emma- halten. Da erkannte er daS Fräulein, stampfte den rechten Fuß neben den linken und stand wie eine Bildsäule, eines AbmuckerS gewärtig. War'S die Macht der Gewohnheit? Auch fein Begleiter war zur Seite gesprungen und hatte Fronthaltung angenommen.
DaS Straßenlicht fiel den beiden Reitern voll inS Gesicht. Da ertönte plötzlich ziemlich laut — einige Passanten fuhren erschrocken herum — der Rus: „Ernst I" Und im Ru stand Marthchen vor dem Ulanen, am ganzen Leibe zitternd. Dieser rührte sich nicht, zuckte mit keiner Wimper, sondern starrte dem Mädchen inS Gesicht.
„Hört, nun guckt nur!" flüsterte Emma, benutzte die Gelegenheit, Bogumil zum Leben zurückzurufen und mit ihm die Straße zurück zu verduften. Gegenüber dem regungslosen Burschen befiel Marthchen mit einem Mal ein tödlicher Schrecken.