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herrfel-er Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 62. Sonnabends« 2S. Mai 1S12
Zweites Blatt.
teuer erkauft!
Roman von HanS Bley Müller.
(Fortsetzung.)
Mutter Hagedorn beantwortete auch die Frage nach dem Befinden mit wesentlich festerer Stimme. Sie hob mühsam den Kops nach dem Fenster: „ES regnet doch? Wie spät ist eS denn nun eigentlich? Ach du lieber Himmel, und Ernst ist bei diesem Wetter nach der Stadt gefahren. Hoffentlich haben ihn dort keine Kumpane eingegarnt. . . . Ach, Fräulein Marthchen, wären Sie denn so gut und stellten Ernst'? Pantoffeln bißchen in den Ösen. Sie müssen dort neben der Truhe stehen, wenigstens ist wir so, als wenn er dort seine Stiesel angezogen hätte."
Martha hob die schwersälligen Holzpantoffeln auf, eS klebte Ziegendünger daran. Schnell lies sie nach dem Stall, wo fie die Hölzer aneinander rieb und klopfte. Die Ziegen stimmten ein erwartung?- und vertrauensvolle? Meckern an, aber sie wurden enttäuscht.
Als daS Mädchen sich wieder zum Fenster setzte, fiel ihr Blick aus eine verschossene, gelblichbraune Männerjacke, dir an einem Nagel neben der Türe hing. Ein Aermel davon streckte sich förmlich auS, als wolle er Erbarmen betteln mit einer klaffenden Wunde am Ellenbogen.
Martha holte sich sofort das Kleidungsstück herüber, um die Wunde kunstgerecht zu vernähen, und sie da, in der Nähe besehen, kamen noch eine ganze Anzahl größerer und kleinerer Schrammen und Schrunden zum Vorschein.
Mutter Hagedorn hatte den Vorgang bemerkt. Harmlos plauderte sie: „'S ist recht, Marthchen, daß Sie sich deS Jungen ein bißchen erbarmen. Meine Augen find ja schon lange so dunkel sür solche? Gefitze. Ernst hatte sich seine Sachen immer selber flicken müssen. Schadet keinem Manne waS, wenn er da? kann, zumal heutzutage, wo'S manche Frau nicht mehr zu Hause gelernt hat. Unter'n Soldaten müssen sie eS ja auch können."
Gutmütig überlegen lächelnd suhr sie fort: „Na, seine Flickerei wird ja auch darnach sein, wenigsten? schimpft er allemal ganz gefährlich über die Knuffelei und schiebts von einem Tag auf den andern. Er behauptet immer, er könne bei trübem Wetter den Faden nicht in die Nadel fädeln. Der mit seinen Luchsaugen!" Sie lachte leise.
Dann wurde sie aber ernster. „Er hält ja sonst seine Sachen ganz gut in Ordnung, aber waS ist denn ein Mann ohne Frauenaugen und Frauenhändel Man sieht'S ja auch an seinem Herrn, fremde Leute sehen daS nicht, waS eine eigene Frau sieht.
Ich habe schon, wie oft, gedacht: wer wird wohl mal an deine Stelle hier treten? Er ist ja noch jung, und wenn ich noch länger leben bleiben könnte, brauchte er ja noch gar nicht an? Heiraten zu denken, 's tut ja auch nicht gut, so jung. — Na, vorläufig muß er ja auch erst mal unter die Soldaten. Aber wenn er nachher in die leere Stube heim- kommt--—*
Wie grausam klar die Alte in die Zukunft schaute! ES war vorzeitig dämmerig geworden. Martha saß tiefgebückt über die Männerjacke, die in ihren Händen zitterte, und nach den letzten Worten rollten Tränen aus ihre Finger.
Wie im Selbstgespräch schwatzte daS alte Weiblein weiter.
„BiS jetzt habe ich noch nicht gemerkt, daß er fein Auge auf eine geworfen hätte. Ich wüßte aber auch keine für ihn.--Wer nimmt denn auch einen Tagelöhner heutzutage, ein ordentliche? Mädchen schwerlich. Sie wollen sich doch alle verbessern, wollen e? bequemer kriegen, und daS kann man ihnen schließlich auch nicht ganz übel nehmen. E? wird ihn schon mal eine übertölpeln, die sich mal von seinen Händen versorgen lassen will. So ganz leer ist er nicht, er hat von seinem schönen Lohn gespart, und ein eigenes Häuschen hat er auch; wenn'» auch nicht viel wert ist, eS ist doch immer ein Obdach. Er ist ein guter Kerl, und die kriegen leider gerade oft einen Staubbesen. Wie droben beim Hirten. Der hat auch so eine, die bei allen andern schon durch war, und dabei schreit sie immer wieder, daß man» hier hüben hört: er könne froh sein, daß sie ihn genommen habe. Will der Mann Frühstück, heißt'»: „Du wirst doch wohl selber wissen, wo'S Brot liegt?" Kommt er patschnaß heim, schreit'»: „Kannst du deine Stiesel nicht draußen auSziehen?" Den ganzen Tag hockt sie mit ihrer Brut in der offenen Haustür. Ja so eine können wir da oben nicht brauchen. Bei uns Tagelöhnern muß die Frau mit auf die Arbeit gehen, solange sie kann. Wenn sie freilich eine Herde kleiner Kinder hat---"
Plötzlich wurde die HauStür, gleich daraus die Stuben- tür aufgerissen. Ernst stand in der Tür, nahm sich eine Pserdedecke vom Kops und warf diese in den Flur zurück.
Martha war vor Ueberraschung halb aufgesprungen. „Da bist du ja!" rief erfreut die Mutter vom Lager. Ernst fah weder die eine noch die andere an, sondern begann nach einem gemurmelten Grüßen gebückt in der Stube zu suchen.
Die Mutter deutete sein Vorhaben richtig. „Die Pantoffeln, Marthchen!" wieS sie bittend daS Mädchen an. Dieses beeilte sich. Ernst schaute erstaunt aus diese Vertraulichkeit und vergaß zu danken, wie er auch noch mit keinem Worte nach dem Befinden der Kranken gefragt hatte. Er lies und hantierte herum. Er wühlte in den Kleidungsstücken, die an einem Holzhaken hinterm Ofen hingen, dabei drehte er sich endlich nach seiner Mutter um und fragte so nebenhin: „Na, wie geht'S denn, Mutter?" „Ach wenn man eine so gute Pflege hat", erwiderte diese sreundlich. „Du suchst wohl deinen Rock?" sagte nun auch Marthchen und bot ihm diesen hin. Er hatte ihn ohne Zweisel gesucht, aber nun wollten Verlegenheit und Eigensinn eS nicht zu- geben. Ja, er wurde vor Verlegenheit grob: „Erst muß ich nach dem Vieh sehen, da scheint sich niemand drum zu kümmern."
Martha trat dunkelrot zurück. In der Tat, an die Ziegen hatte keine der beiden Frauen gedacht, doch erinnerte sich daS Mädchen jetzt deutlich, daS klägliche Meckern vernommen zu haben. Sie ärgerte sich ihrer Achtlosigkeit, aber noch viel empfindlicher war ihr daS abstoßende Wesen deS Burschen. Unwillkürlich kamen ihr die Worte deS alten Mütterchen? von vorhin in den Sinn. Wenn ein Mann den freundlichen Empsang weiblicher Fürsorge so barsch, so dankloS, so selbstverständlich hinnahm oder gar zurückwieS, dann war eS ja wohl kein Wunder, wenn solche Freundlichkeit schließlich erkältete.
(Fortsetzung folgt.)
Elisabeth.
Eine Pfingstgeschichte von G. Wahl. (Schluß.)
Seit der Zeit trug fie ihre Verehrung und Liebe zu seiner Mutter freimütig zur Schau und zeigte sich auch ihm gegenüber freundschaftlich vertraut. Ja — sie machte ihn sogar zum Vertrauten ihrer Pläne.
Doch — so sehr ihn ihr schroffe» Wesen bisher verletzt und betrübt hatte, so trug auch ihre Freundschaft einen schmerzenden Stachel für ihn in sich; und ihre kameradschaftliche Annäherung schaffte ihm Stunden heimlicher Qual. Denn er, der da längst wußte, daß sein ganzes Herz ihr ge- hörte, dem eS bitter klar geworden war, daß er ein einsamer Mann bleiben und sein HauS sür ihn öde und leer sein würde, sobald sie eS verließ,--er mußte teilnehmen an ihren ZukunftSträumen, sollte sich begeistern an den lichten Bildern, mit denen sie ihr künstigeS Leben schmückte. Unerträgliche Pein für ihn, denn — fernab von ihm lag ihr Hoffen! Groß wollte sie werden, groß und berühmt — Sängerin, die Menschen begeistern und hinreißen mit ihrer großen Kunst, zu der sie sich berufen fühlte.
Immer wieder hatte er eS verstanden, sie von der Ausführung ihrer Pläne zurückzuhalten, indem er ihr klarzumachen suchte, daß ihre Stimme erst noch krästiger werden müsse, daß eine zu frühe Anstrengung derselben ihre ganze Lausbahn gefährden, ja, unmöglich machen könne.
Ob ihr denn daS Leben bei ihnen so zur Last sei, daß sie durchaus so bald schon fort wollte?--ihre Mutter habe sie doch lieb, wie eine Tochter, und sie — sie beide seien doch die besten Freunde!
So sprach er aus sie ein; und bann geschah eS wohl, daß sie sich still in den Stuhl zurücklehnte, ein weichcS Lächeln um den Mund.
„Du meinst eS gut mit mir, Ernst, ich weiß eS."
Da gestattete sie ihm denn auch still, daß er ihre Hand ergriff und sie in der seinen hielt, lange — lange.
DaS waren dann Augenblicke für ihn voll stiller Seligkeit, in denen er sich hüten mußte, daß sie nichts von den Stürmen in seiner Seele ahnte.
Ach — er wußte eS ja nur zu gut, daß sie ihn sonst auS ihrer Nähe verbannt hätte — für immer.
Ihr Herz hatte ja noch nicht gesprochen, sie wußte noch nicht» von Liebe, sonst hätte sie sein zarteS, stilles Werben ja verstehen müssen. In ihr Herz hinein rankte sich keine Liebe, eS wußte noch nicht? vom Sehnen nach stillbeglückender Häuslichkeit.
Sie lachte und spottete, sobald sie von einer Verlobung hörte und triumphierte in dem Bewußtsein, daß e» keinem Manne gelingen würde, sie zu seiner Sklavin zu machen, denn ihr winkten höhere Ziele.
So verschloß er denn sein Empfinden vor ihr und hatte sich schließlich sogar bestimmen lassen, bei seiner Mutter ihre Partei zu nehmen, alS e? galt, deren Einwilligung zu Elisabeths Ausbildung zu gewinnen.
So war eS denn nun so weit gekommen, daß ihre Abreise bevorstand.
Trauriges Pfingstsest!--
Ernst hatte da? Kinderbildchen, daS einzige, da? er von
ihr besaß, auS der Hand gelegt und starrte, tief in den Sessel gelehnt, vor sich hin.
ES wurde ihm bitter schwer, sein Herz zur Ruhe zu zwingen, bitter, bitter schwer, sie hinauSziehen lassen zu müssen in die Welt, in Enttäuschungen und Gefahren.
Er seufzte aus. Er konnte eS nicht ändern — seine Macht, sie noch länger zu halten, war vorüber, denn — er sühlte cS, wie sie sich bangte und sehnte hinauSzukommen.
Dunkel und einsam lag die Zukunft vor ihm, denn er hatte nicht den glücklichen Sinn der Mutter, der an Bestimmungen und Fügungen glaubte, um darin Trost für die Zukunst und daher Mut für die Gegenwart zu finden.
»% Resigniert stand er auf. ES war wohl Zeit, daß er sich inS Wohnzimmer begab.
Müde schritt sein Fuß über die mit weichen Teppichen belegten Dielen. Seine Hand schob die Portiere, die da» Wohnzimmer vom Eßzimmer trennte, zur Seite--sein Fuß stockte--dort am Fenster stand Elisabeth — gerade so, daß er ihr inS Gesicht sehen konnte.
Sie schien ganz der Gegenwart entrückt, so traumverloren stand sie da. Ein Bildchen hielt sie in der Hand und betrachtete eS ganz versunken, weltvergessen, so voll Liebe, so voll Zärtlichkeit, und dabei traten Tränen in ihre Augen.
Und jetzt--Ernst versagte der Atem beim Lauschen — jetzt hob sie daS Bildchen zu sich empor und küßte e» — immer wieder und wieder--ihre Lippen schienen sich gar nicht mehr von dem Bilde lösen zu können. — — Ernst schwankte, alle? Blut drängte sich wild zu seinem Herzen, und rote Nebel wallten vor seinen Augen. — Also doch — sie liebte, liebte — und darum — darum--! I!
Wild schüttelte er feine zur Faust geballten Hände-- ein anderer war ihm zuvorgekommen, hatte ihm seine? Leben? Kleinod gestohlen--o--und sie--sie hatte ihn belogen und betrogen, da sie ihn an kinberreinen Sinn glauben ließ! Aber Rechenschaft wollte er fordern von ihr --und zwar gleich, aus der Stelle — und während sich seine Gedanken wild in seinem Hirn jagten, stand er mit zwei sprunghaften Schritten vor ihr; er ächzte, und ihre Handgelenke umspannend, schüttelte er sie in seiner blinden Eifersucht und rief mit heiserer Stimme:
„Wer ist eS? Antworte mir! Wer?"
Elisabeth schrie auf und taumelte zurück, da? Bild entglitt ihrer Hand und fiel zu Boden. Er bückte sich, riß ei an sich und — schaute in fein eigenes Gesicht.
„Elisabeth!'
Doch sie stand da, die Hände in verzweiflungSvoller Abwehr gegen ihn erhoben.
„Geh — geh — laß mich — laß mich — laß mich allein — ich will dein Mitleid nicht!! Lieber an? Ende der Welt--lieber sterben!"
Da wurde e$ plötzlich hell und klar in ihm, und mit jauchzendem Laut zog er die in sich zusammengesunkene Gestalt in seine Arme.
„Mitleid?? Nein — ich habe kein Mitleid mit dir, Elisabeth; ich lasse dich nicht fort von hier — niemal» l So wie ich dich jetzt habe, so halte ich dich für» ganze Leben, denn — ich liebe — liebe dich I"
Die märkischen Apachen.
Wie schon kurz berichtet, hat in dem märkischen Städtchen Nauen ein verhängnisvoller Kamps zwischen Einbrechern und der Polizei stattgefunden, bei dem 3 Personen getötet wurden. Nachstehender Bericht gibt über Einzelheiten der Vorgänge Ausschluß.
In der DienStag-Nacht wurden in Nauen mehrere Einbrüche verübt. Zuerst versuchten die Diebe bei dem Maurermeister Kellermann einzudringen. Sie waren bereits in die Bureauräume eingedrungen, wurden aber gestört, da Herr Kellermann aufwachte und die Eindringlinge verscheuchte. Eine Stunde später wurde daS Geschäft deS Kaufmanns Gunkel von den Einbrechern gewaltsam geöffnet. Sie erbrachen vom Hos auS eine Lisentür und entwendeten au? den Vorräten Delikatessen und andere LebenSmittel. Der dritte Einbruch wurde in dem Konfektionsgeschäft von Schlenger verübt. Hier waren die Diebe — es waren zwei Mann — so frech, den Einbuch direkt von der Straße auS zu versuchen. Sie zerstörten daS Ladenfenster und verpackten die auS dem Schaukasten genommenen KonfektionSstücke in Tücher und Kartons. Sie wurden, da eS inzwischen 4 Uhr und vollkommen hell geworden war, beobachtet und von Passanten verfolgt, alS sie sich auS der Stadt hinaus nach Bredow hin flüchten wollten. Bon der Polizei wurde der Amtivorstand in Bredow und die Eisenbahnstation benachrichtigt, die mehrere Arbeiter zur Versügung stellte, die unter Führung deS Amt»- dienerS Kleinschmidt den Dieben entgegengingen. In der Feldmark Bredow gelang eS auch, die Diebe zu stellen. Kleinschmidt hatte den einen der Diebe beinahe erreicht, als dieser einen Revolver aus der Tasche zog und mehrere Schüsse in ganz kurzer Folge auf den Beamten abgab. Von zwei Kugeln durch daS Herz getroffen sank Kleinschmidt tot zusammen, der zweite Einbrecher wurde durch Schüsse der Ver-