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herrsel-er Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 61. Donnerstag, den 23. Mai 1912.

Amtlicher teil.

HerSfeld, den 15. Mai 1912.

Der Bürgermeister Johannes Wiegand zu Tann ist auf einen weiteren achtjährigen Zeitraum als Bürgermeister dieser Gemeinde gewählt worden. Ich habe diese Wahl bestätigt.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses:

I. A. Nr. 3002. von GruneliuS.

HerSseld, den 14. Mai 1912.

An die Ortspolizeibehörden deS Kreises.

Am 1. Mai d. JS. ist daS Viehfeuchen-Gesetz vom 26. Juni 1909, ReichS-Gesetzblatt Seite 519, mit dem preußischen AuSsührungS-Gesctz vom 25. Juli 1911 Gesetz-Sammlung Seite 149 und den AuSführungS-Vorschristen des BundeSratS vom 7. Dezember 1911 ReichS-Gesetz-Blatt Seite 4 ff. per 1912 in Kraft getreten.

Mit dem gleichen Zeitpunkte ist daS Gesetz vom 23. Juni 1880 1. Mai 1894, Reichs-Gesetz-Blatt Seite 409 und die BundeSratS-Jnstruktion vom 27. Juni 1895, ReichS-Gesetz- Blatt-Seite 357, außer Kraft getreten.

Ich ersuche sich mit den neuen Vorschriften bald vertraut zu machen und sich über die in den neuen Bestimmungen der QrtSpolizeibehörde zusallenben Obliegenheiten zu unterrichten. I. 5212. Der Landrat.

I. A.:

W e s s e l, KreiSsekretär.

HerSfeld, den 17. Mai 1912.

Am 1. Mai d. JS. ist der öffentliche Wetterdienst aus­genommen worden und wird während der Sommermonate in gleicher Weise, wie bisher, wieder durchgesührt werden.

Ich weise erneut aus die außerordentliche Bedeutung deS WetternachrichtendiensteS für die ländliche Bevölkerung hin und empsehle dringend, den Bezug der Wetterkarten.

Die Karten und Vorhersagen können auch nach Schluß deS SommerdiensteS von den Wetterdienststellen im Abonnement weiter bezogen werden. Es ist auch möglich, daß die Vorher­sage bei den Postanstalten für 10 Psg. telephonisch erfragt werden kann.

Die Herren Bürgermeister ersuche ich für die Gemeinden auf den Bezug der Wetterkarten zu abonnieren und auch dafür zu sorgen, daß die Vorhersagen stets an den bekannten Stellen zum AuShang kommen.

I. 5730. Der Landrat.

I. A:

Wesjel, KreiSsekretär.

HerSseld, den 17. Mai 1912.

Die Schasräude in Mecklar ist erloschen.

I. 6034. Der Landrat.

I. A:

Wessel, KreiSsekretär.

Quer erkauft!

Roman von HanS Bleymüller.

(Fortsetzung.)

Schade", rief Mutter Hagedorn noch,die Gesichter von der Bande möchte ich sehen." Und sie lachte.

Kommt mal her, ihr Kinder I" rief draußen Marthchen und winkte mit der Tasse.

Etwa so sechs Kinder standen auf dem Wege. Sie drehten sich nach ihr erschrocken um, standen aber wie ange« wurzelt. Endlich bewegte sich daS mutigste, machte einige zaghafte Schritte nach rückwärts, stieg dabei dem Hintermann auf die nackten Zehen; der schrie und schleuderte ihn nach vorn, und im Nu stob die ganze Schar davon; Marthchen mußte lächelnd wieder obziehen.

Als das junge Mädchen die Stube verlassen hatte, war Mutter Hagedorn mit einem müden Zug in dem eben noch belebten Gesichtchen auf daS Kissen zurückgesunken, mit einem tiefen, schmerzlichen Seufzer. DaS Reißen I DaS Reißen, im Rücken und in den Füßen. Und die Müdigkeit I Diesmal ja diesmal, sie fühlte eS ganz genau. Soweit war sie'S ja auch zufrieden, wenn nur ... Ja, daS war ja eben daS Wenn nur." ... Sie sagte nicht was, sie seufzte nur wieder so mit ganzem Leib und ganzer Seele.

Diesen Seufzer hörte gerade noch Marthchen beim Ein­treten, und eS schnitt ihr inS Herz.

Indem sie der Kranken den von den Kindern verschmähten Kakao anbot, fragte sie besorgt:Ach, Frau Hagedorn, eS ist vielleicht doch besser, wenn wir nach dem Arzte schicken, da Sie so große Schmerzen haben?"

Mutter Hagedorn lehnte aber Kakao und Doktor ab und antwortete mit sreundlicher Wehmut:Wenn man den lieben Gott so deutlich hat locken hören, Fräulein Marthchen, dann muß man sich nicht hinter den Doktor verstecken wollen. Es hätte keinen Zweck. Bei uns alten Leuten nicht. HinauS- geworfeneS Geld. Ach, die Wehtat ist ja auch so schlimm gar nicht!"

DaS diesjährige Jnvaliden-PrüfungSgeschäst für die im Kreise HerSseld wohnenden zeitig anerkannten Militärinvaliden, Renten- und Unterstützungsempfänger findet am 10. und 11. Juni in HerSseld im Dienstgebäude deS BezirkSkomman- dos statt.

Die Beteiligten erhalten hierzu noch einen besonderen Gestellungsbefehl.

HerSfeld, den 14. Mai 1912.

Königliches Bezirkskommando.

nichtamtlicher Ceil.

Zur Verabschiedung der Wehrvorlage«.

Der Reichstag wird voraussichtlich am Freitag vor Pfingsten vertagt werden. Voraussetzung ist, daß vorher die Wehrvor­lagen erledigt sind. Nach der Haltung aller bürgerlichen Parteien ist nicht daran zu zweifeln, daß sich daS Beispiel von patriotischer Entschlossenheit, daS der Reichstag bei der zweiten Lesung der Wehrvorlagen gegeben hat, in der dritten wiederholen wird. Um so mehr wird der Zweck erfüllt, den wir mit der Verstärkung unserer Wehrmacht verfolgen, nämlich unsere Sicherheit nach außen und den Respekt vor unserer Stärke zu erhöhen. Nicht allein daraus kommt es an, daß wir feindlichen Angriffen wirklich gewachsen find, sondern auch darauf, daß wir für stark genug gelten und daß insbesondere unsere Überlegenheit zu Lande anerkannt wird.

In dieser Beziehung^aben schon die raschen und mit so großer Mehrheit gefaßten Beschlüsse zweiter Lesung günstig im AuSlande gewirkt. Das gilt namentlich von Frankreich, wo nun nach einer Periode maßloser Großsprechereien eine gewisse Ernüchterung einzukehren scheint. Ein Pariser Blatt hat eine Anzahl aktiver und inaktiver Generale um ihre Meinung befragt. In den Antworten erkennt der eine die Erhöhung der Offensivkraft deS deutschen HeereS an, der andere klagt über Hochmut und tröstet sich mit der Hoffnung auf die Bildung einer schwarzen Armee, mit der eS angesichts der Aufstände in Marokko noch gute Wege hat, der dritte gar hat herauSgesunden, daß die deutsche Kraftvermehrung eigent­lich eine Schwächung fei, weil größere Armeen im Felde schwieriger zu verpflegen sind als kleine. Also im Ganzen widerwillige Anerkennung der Tatsache, daß Frankreich die deutsche Verstärkung nicht nachmachen kann.

Aber auch die Annahme, daß wegen der Kostendeckung ein scharfer innerer Streit entbrennen werde, soll sich nicht bewahrheiten. DaS Gesetz über die Beseitigung deS Kontingents für den Branntwein, der sog. Liebesgabe, geht durch, wenn auch mit erheblichen Abschwächungen. Bei dem Kompromiß haben Konservative, Zentrum und Nationalliberale zusammen gewirkt, und wahrscheinlich werden dieselben Parteien auch noch zu einer Einigung über die Form kommen, in der die Regierung veranlaßt werden soll, in bestimmter Frist eine

Sie brach plötzlich ab, alS scheue sie sich, dem doch immer­hin fremden Mädchen den Kummer ihres Herzens, auf daS sie beide mageren Händchen gefaltet drückte, zu offenbaren. Sie rang mit sich. Sie hätte es wohl gern einmal ausge­sprochen. Bei der Beichte wollte sie eS dem Herrn Pfarrer anvertroucn. Ernst wollte ja auf ihren dringlichen Wunsch den Pfarrer bitten, sobald alS möglich dem Herrn in der Tagelöhnerhütte den Tisch zu decken zum letzten Nachtmahle. DaS junge Ding hat ja ein weiches, mitfühlendes Herz, sie weiß eS feit jenem Abend im Gasthaus. Aber der Herr Pfarrer, der selber Kinder hat, hat wohl mehr Verständnis für solchen Kummer.

Martha ahnte wohl, daß ein Kummer die Alte drückte und ahnte auch, wem er galt. Und darum schwieg auch sie. Sie stand, die Tasse noch immer in den Händen, am Rande deS ärmlichen Lagers und sah verwirrt auf die sich leise ringenden Hände der Kranken.

Da wurde sie aufmerksam auf ein leiseS Picken am Fenster. Draußen winkte eifrig ihr Schwesterchen, zu kommen. Martha stellte schnell die Tasse in die Ofenröhre und verabschiedete sich herzlich.

Tausendmal vergelt's Gott, Sie gutes Tierchen!"

Aus Wiedersehen I"

AIS Mutter Wedemann die Krankensuppe in den Korb stellte, ermähnte sie die Tochter:Nimm dir waS zum Nähen, mit und bleib wenigstens, bis Ernst kommt." Martha sah erstaunt aus. Aber Mutter Wedemann brauste über diesen Blick unwirsch auf:Na, daS mußt du doch missen, daß man todsterbenskranke Leute nicht allein läßt."

Ein Schauer überrieselte da? junge Mädchen. Jetzt kam ihr erst recht zum Bewußtsein, daß sie ja zu einer Sterbenden zu gehen im Begriff war. Sie hatte noch niemand sterben sehen, hatte auch noch keine Leiche gesehen. Einen Augenblick zagte die Jugend vor dem Alleinsein mit dem Tode, aber daS Pflichtbewußtsein siegte.

DaS Wetter hatte sich geändert. Mächtige, finstere Wolken- schwaden jagten am Himmel dahin, anfangs einzeln und un­heimlich schnell, blauschwarz und gedrungen, allmählich massiger, breiter, schwersälliger, biS Himmel und Erde in ein nebliges

Besteuerung deS Besitze- für den noch fehlenden Teil der Deckung vorzuschlagen. Die Nationalliberale Partei scheint zu der Einsicht gelangt zu sein, daß der gegenwärtige Zeit­punkt und Anlaß ungeeignet ist, um die große Streitfrage der Erbansallsteuer zur Entscheidung zu bringen. Damit würde nur bestätigt, waS der Reichskanzler bei Einbringung der Wehrvorlagen im Reichstag ausgcsührt hat, daß eS nämlich bedenklich sei, in einem Zeitpunkt, da eine möglichst große Einmütigkeit der Nation dem Auslande gegenüber in Erscheinung zu treten habe, neuen Stoff zur Verschärfung der bestehenden Parteigegensätze zu bieten.

Reichstag.

Der Reichstag genehmigte am Montag fast debatteloS zunächst die zwischen Deutschland und Bulgarien im vorigen Herbst abgeschlossenen Verträge, nämlich einen Konsularvertrag, einen Vertrag über gegenseitigen Rechtsschutz und einen AuS- lieferungsvertrag, in erster und zweiter Lesung. Weiter nahm er einen ErgänzungSetat mit Forderungen für den Ausbau deS ReichStagSgebäudeS und für die Errichtung einer Ver- suchSanstalt für die Luftschiffahrt nach kurzer Diskussion ebenfalls in erster und zweiter Lesung an. Hieraus trat daS HauS in die zweite Lesung deS GesetzentwurseS, betr. die Be­seitigung deS Branntweinkontingents, ein. In der Debatte hierüber erklärte als erster Redner aus dem Hause der Sozialdemokrat Dr. Südekum, nachdem er gegen die National­liberalen wegen ihres angeblichen Umfaller in der Frage der Deckung der Wehrvorlagen-Kosten polemisiert hatte, seine politischen Freunde würden für die Erbschaftssteuer stimmen, um der Regierung die Bilanzierung deS Etats zu ermög­lichen. Von den Rednern der übrigen Parteien sprachen sich zugunsten der bekannten, zuletzt gefaßten Beschlüsse der Brannt- wcinsteuerkommisfion auS Speck (Zentr.), Kleinath (Natlib.), Graf MiclzynSki (Pole) und Freiherr von Gamp (ReichSp.), im übrigen äußerten sich hierzu noch die Abgeordneten Dr. Will-Schlettstadt (Elf.), Dr. Weill (Soz.), Kölsch (Natlib.), Doormann (VolkSp.), Krcth (Kons.) und Wurm (Soz.), sowie regierungsseitig Schatzsekretär kühn. Dann erfolgte die Abstimmung, welche zunächst die Annahme von § 1 der ge­nannten Gesetzentwurfes in Der kommifsionssassung unter Ab­lehnung der jozialdemokratijcherseitS beantragten AbänderungS- anträge ergab. Ebenfo gelangt § 2, welcher im wesentlichen von der Aufrechterhaltung des RefervatrechteS der füd- deutschen Brennereien handelt, in der KommisfionSsaffung unter Ablehnung der auch hierzu gestellten sozialdemokratischen AbänderungSanträge zur Annahme. Auch die übrigen Be­stimmungen wurden im wesentlichen nach den KommissionS- beschlüssen angenommen, nur hier und da sanken Zusatzanträge Annahme.

Der Reichstag nahm in seiner gestrigen Sitzung die Wehr­vorlage nebst Deckungsvorlage in der Fassung der Kommission en bloc und ohne Debatte in dritter Lesung an. Die

Grau verschwommen und aus einzelnen Tropfen ein Rieseln und Sprühen wurde.

Marthchen Wedemann saß am Fenster der Krankenstube. Die Kranke hatte nur wenige Löffel der Suppe genossen, oder vielmehr heruntergewürgt. DaS Schlucken wolle nicht mehr recht gehen, und es sei schade um die schöne Suppe, hatte sie gesagt. Jetzt lag sie in stumpfem Halbschlummer.

Im Zimmer war eS still. Manchmal nur summte eine späte Fliege, manchmal nur klirrte leise die Schere.

Im Stalle blökten jämmerlich die Ziegen aus und meckerten dann eine Weile, daß es wie Wimmern klang, aber niemand kümmerte sich darum.

Martha nähte eine derbe Jacke für eine Bauernsrau zu­sammen. DaS Wetter paßte übel zu dem dunkelmelierten Stoff, und MarthchenS Unruhe förderte die geduldheifchende Arbeit wenig.

Jetzt stützte sie den einen Arm inS Fensterbrett und lehnte den Kopf in die Hand. Sie träumte. Sie verglich daS Jagdschlößchen mit dieser Hütte, jene kränkliche, anspruchsvolle Dame mit diesem sterbenden, bescheidenen Weiblein. Sie ver­glich auch den Sohn dort und den Sohn hier.

Ein Windstoß klatschte den Regen an die Fensterscheiben. Sie blickte hinaus in das Wetter, hinunter inS Tal. Kaum die Straße war zu erkennen. Vorhin hatte es drei Uhr ge­schlagen. Ernst mußte jetzt wohl mit seiner Kohlenladung aus dem Rückwege sein. Bei solchem Weg und Wetter mit solch schwerem Lastwagen, nebenhcrschreitcn, langsam neben« Herschreiten I 'S ist wahr, die Männer müssen doch viel auS- Halten in Wind und Wetter I

Vom Lager her klang ein gequältes Hüsteln. DaS junge Mädchen erhob sich geräuschlos, um nach den Wünschen der Kranken zu fragen. Diese hatte den leisen Tritt doch bemerkt, sie wandte sich, und Martha sah mit Freude, daß über daS welke Gesicht eine leise Röte gehaucht war, auch schien eS ihr, als ob die guten Augen deS Mütterchens etwas klarer drein- schauten.

(Fortsetzung folgt.)