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mrsteföcr Kreisblatt

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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 60. Dienstag, bot 21. Mai 1812.

Amtlicher teil.

HerSseld, den 15. Mai 1912.

Diejenigen Herren Bürgermeister, welche gemäß meiner Rund-Bersügung vom 10. März 1911, I. 3212, noch nicht über daS Ergebnis der Flurbesichtigung in diesem Frühjahre berichtet haben, werden an die Berichterstattung erinnert mit Frist biS zum 25. d. MtS. In Betracht kommen nur die Gemeinden, in betten daS Zusammenlegung-Verfahren schon beendet ist und für welche gemäß der eingangs erwähnten Rundverfügung die Flurbefichtigungen ausdrücklich vorgeschrieben worden sind.

I. I. Nr. 5977. Der Landrat.

J. A.:

W e s s e l, Kreissekretär.

DaS diesjährige Jnvaliden-PrüfungSgeschäft sür die im Kreise HerSseld wohnenden zeitig anerkannten Militärinvaliden, Renten- und Unterstützungsempfänger findet am 10. und 11. Juni in HerSseld im Dienstgebäude deS BezirkSkomman- doS statt.

Die Beteiligten erhalten hierzu noch einen besonderen Gestellungsbefehl.

HerSseld, den 14. Mai 1912.

Königliches BezirkSkommando.

nichtamtlicher Ceil.

Kne Wrliit T. . ^ WÄG.

Der Mann, der vier Wochen lang erster Vizepräsident deS deutschen Reichstags war, hat am Freitag bei der zweiten Lesung deS Etats des Reichskanzlers Preußen in der gröb­lichsten Weise verunglimpft. Die Rede deS sozialdemo­kratischen Abg. Scheidemann war eine beschämende und schneidende Rechtsertigung der ReichStagSmitglieder, die sich seiner Zeit nicht daran beteiligten, ihm Amt und Ehre deS Vizepräsidenten zu übertragen. Besonders empfindlich war die Lehre für den amtierenden ersten Präsidenten deS Reichstags Kämps, der in dem Rumpspräsidium zu Ansang der Session die zweite Vizepräfidentenstelle hinter Echeidemann eingenommen hatte. Man würde jedoch Herrn Kämps Unrecht tun, wenn man seine laxe Handhabung der Präsidentengewalt gegenüber Echeidemann am Freitag aus Sympathie sür die Person oder gar für die wilden politischen AuSsprüche EchcidemannS zurücksühren wollte. Nachdem alle Mitglieder deS BundeSratS den Sitzungssaal wegen der fortgesetzten und nicht genügend gerügten Schmähungen der Abg. Scheidemann verlassen hatten, machte der Präsident seine Unzulänglichkeit wenigstens durch einen nachträglichen unzweideutigen Ordnungsruf wieder gut.

Im schroffen Gegensatz zu dem traurigen Schauspiel, daS

Quer erkauft!

Roman von HanS B l e y m ü l l e r.

(Fortsetzung.)

Ach Mutter", sagte sie drinnen,eS ist am Ende besser, ich gehe gleich mal hinaus und sehe, waS die alte Frau Hagedorn macht."

Recht hast du, Marthchen 1 Dahier ist noch ein Tröpschen Kakao, dahier die Semmel nimmst du mit. Sag einen schönen Gruß, und wir ließen uns erkundigen. Guck gleich bißchen nach, wo'S fehlt; fon Mädchen wie du muß ja doch schon wissen.....Und bleib nicht so lange."

Martha hatte Tops und Gebäck in ein Handkörbchen ge­tan und machte sich aus den Weg.

DaS Herz schlug ihr, der Herbstwind strich kalt über ihre heißen Wangen. Sie stieg langsam, um daS Getränk nicht zu verschütten. Gerade alS sie den Gartenzaun erreichte, brach die Sonne durch den Nebel.

Um sich ein wenig erst zu verschnaufen, blieb daS junge Mädchen stehen, sah mit einem scheuen Blick nach dem nur noch wenige Meter entfernten baufälligen Häuschen und wandte sich dann dem Tale zu.

Sie war überrascht von dem Anblicke, der sich ihr von hier oben bot. DaS ganze Dorf konnte man übersetzen, ge­rade unten lag ihr Elternhaus, aus dem Garten leuch­teten die roten Aepfel. Sie sah Lieschen im Grase die ab= gefallenen Früchte auflefen. Drüben schaute die Mühle auS dem Erlengebüsch. Alles in blendendem Sonnen- scheine.

Plötzlich kam sie sich wie eine ertappte Sünderin vor.

Sie schritt in deutlich gefühlter Verwirrung der schmutzigen Türe zu. AlS ste die Hand aus den klapprigen Drücker legte, kamen auch schon auS den benachbarten Tagelöhnerhütten eine Anzahl Kinder neugierig herbeigerannt und stellten sich in respektvoller Enfernung aus, den schmutzigen BerlegenheitSfinger in Mund oder Nase.'

die sozialdemokratische Radaustimmung mit ihren Maßlosig­keiten bot, stand die würdige und feste Haltung deS Reichs­kanzlers, die bis in die Reihen der bürgerlichen Linken Zustimmung und Beifall fand. Man fah wieder einmal, wie tief die Kluft ist, die zwischen der Sozialdemokratie und allen übrigen Parteien in wichtigen nationalen Fragen besteht. In der Art, wie Herr von Bethmann seinen Schild vor den Kaiser hielt, wie er die Gebote nationaler Notwendigkeit gegen­über deutschfeindlichen Bestrebungen in Elsaß-Lothringen ver­trat, war guter, alter Preußengeist. WaS daS Glück für Deutschland war, die harte Arbeit, die Erziehung zur Ordnung und militärischen Kraft im Staate Friedrichs des Großen, daS soll heute, wenn eS nach dem Sinne der Sozialdemokratie ginge, der größte Schaden und Gräuel sein. Selten ist dieser Gegensatz so offen zu Tage getreten, als in der Reichstags- fitzung am 17. Mai. Auch für die sozialdemokratische Flut muß Preußen der rocher de bronce bleiben!

Abgeordnetenhaus.

DaS Abgeordnetenhaus wandte sich am Sonnabend in seiner zweiten Sitzung, die infolge Beschlußunfähigkeit des HauseS einberufen worden war. dem Eisenbahnanleihegesetz zu, daS in zweiter und dritter Lesung zur Beratung stand. Bei der Besprechung wäre eS einmal beinahe zu einer etwas ernsteren Auseinandersetzung getommen. Die Angelegenheit der elsässischen Maschinenfabrik Gmvenstaden kam zur Sprache. Hier wurde von den Abgg. Strosser (kons.), Frhr. v. Zedlitz (frtonf.) und Röchlin (natl.) nochmals die deutschfeindliche Haltung jener Fabrik gekennzeichnet und daS Verhalten der Eisenbahnverwaltung anerkannt. Auch Herr von Breitenbach griff in die Erörterung ein und erntete lebhaften Beifall, alS er sagte, er sei dem elsaß-lothringischen Landtage keine Rechen­schaft schuldig. Wenn der Direktor jener Werke nicht inner- halb einer gestellten Frist entlassen werde, so würden ihr keine Aufträge mehr erteilt werden. Bon den Sozialdemokratin wurde zwar dagegen protestiert unter dem Hinweis aus die 2000 Arbeiter der Fabrik und wieder einmal von TerroriS- muS geredet. Doch war die Angelegenheit nach einigen per­sönlichen Bemerkungen für daS Haus erledigt. DieSekundär- bahnvorlage wurde angenommen, daS Moorschutzgesetz ohne Erörterung an eine besondere Kommission überwiesen. Am Montag kommt u. a. der freisinnige Wahlrechtsantrag zur Verhandlung.

Reichstag.

Im Reichstag gab eS am letzten Freitag eine sozial- demokratischerseitS heraufbeschworene Ekandalszene. Bei der Besprechung deS Etats deS Reichskanzlers erging sich der Sozialdemokrat Scheidemann bei Berührung der bekannten Straßburger Aeußerungen des Kaisers über Elaß-Lothringen in beschimpfenden Auslassungen über Preußen, infolgedessen der

Der Drücker quietschte, eine Ziege meckerte verwundert. Zaghast trat Martha ein in den übel gepflasterten Flur. Ein scharfer Stallgeruch strömte dem jungen Mädchen ent­gegen, und in der Unsicherheit stieß eS mit der Schulter an einen eisernen Tiegel am Wandbrett, der lärmend gegen irdene, blaugesprengelte Töpfe baumelte.

Leise klopfte die barmherzige Samariterin an die Türe. Sie lauschte geneigt, die Kinder lärmten draußen. Doch ver­nahm sie die mühsame Stimme:Nur herein!"

Warmer Dunst schlug ihr inS Gesicht. Zögernd und mit schnellen Blicken sich orientierend trat sie ein.

Guten Morgen, Frau Hagedorn!" Ihr war ordentlich schwindelig. Sie setzte daS Körbchen schnell auf den Tisch ab und trat an daS Bett. Die Alte hatte sreundlich und erstaunt den Gruß erwidert, aber über den Anblick, den sie bot, erschrak Martha heftig.

Wie alt war daS Mütterchen in den paar Tagen ge- worden! Die ledersarbene Haut hing schlaff über den hervor­getretenen Knochen deS kleinen GefichtchenS, aus dem nament­lich die Nase so seltsam herauSstand. Die Augen lagen mattglänzend tief in den Höhlungen, von dunklen Schatten umgeben, das Haar bedeckte den Kops wie ein Knäul grau- gelben Werges.

Ach Sie haben sich selber bemüht, ich wollte eS ja gar nicht haben!" sagte dankbar und bescheiden die Kranke. Die sreudige Erregung machte ihre Stimme fester.

Schämig zupfte sie die Aermel ihrer dunklen Jacke über die Armröhren, über die die dunklen Adern gleich dünnen Schlangen krochen.

Aber Ernst konnte doch gar nicht anders!" sagte be­ruhigend Marthchen und holte den Korb.Mutter schickt einstweilen wa- zum Frühstück! Ich will mal gleich eine Taste holen."

Sie entsann sich, Tassen oben aus dem Wandbrett im Flur gesehen zu haben, ging leise und eilend und goß die blaugeränderte, Henkellose größte halb voll bei braunen Ge­tränkes.

Die Augen deS alten Mütterchens waren ihren Be­wegungen mit Rührung und Wohlgefallen gefolgt. AlS fie

Reichskanzler und alle anderen anwesenden RegierungSvertreter sowie auch ein großer Teil der Konservativen demonstrativ den Saal verließen; Scheidemann selbst zog sich mehrfache Rügen des Präsidenten Dr. Kaemps zu. Von den nach­folgenden Rednern protestierte in eindrucksvoller Weise der nationalliberale Straßburger Professor Calker gegen die Rede ScheidemannS, um sich dann über die erwähnten Aeußerungen des Kaisers zu verbreiten. Inzwischen waren der Reichskanzler und die übrigen RegierungSvertreter wieder im Saale er­schienen, und Herr v. Bethmann Hollweg ergriff nun daS Wort. Er berührte nur kurz den vom Abg. Echeidemann herbeigesührten Zwischenfall und rechtfertigte dann daS scharfe Vorgehen der elsaßlothringischen Regierung gegen die Grasen- stader Eisenwerke, daS bekanntlich erfolgt ist, weil der leitende Direktor deS Werkes aus seiner deutschfeindlichen Gesinnung kein Hehl gemacht hat. Weiter verbreitete sich der Reichskanzler über die allgemein politische Bedeutung deS Grasenstader Falles und ging hierbei auf die Parteilage in Elsaß-Lothringen ein. Schließlich kam er auf die Straßburger Kaiserworte zu sprechen, seinem Bedauern Ausdruck gebend, daß sie durch eine Indiskretion zur Kenntnis der Ocffentlichkeit gelangt feien. Zur Sache selbst meinte der Kanzler, es habe dem Kaiser bei seinen Auslassungen über Elsaß-Lothringen völlig fern gelegen, anerkannte Rechte deS BundeSrateS und bei Reichstages auch nur irgendwie zu berühren, und betonte, daß lediglich diese beiden Faktoren dazu berufen seien, ge­gebenen Falles die elsaß-lothringischen VersaffungSzustände einmal zu ändern. Offen wandte sich der Reichskanzler hieraus gegen die zunehmenden antideutschen Treibereien im ReichSlande, welche denn auch dem Kaiser zu seiner in Straß- burg ausgesprochenen Warnung veranlaßt hätten. Der Kanzler schloß mit der Bersiche«, pn, BundeSrat und Reichstag würden sicherlich einschreiten, u/üm Sie» uuiqi Sie gedachten Treibereien einmal notwendig werden sollte. Nach dem Reichskanzler sprachen auS dem Hause die Abgeordneten Dr. Haas (VolkSp.), Echultz-Bromberg (ReichSp.), Hauß (Elf.) und Dr. Lensch (Soz.), doch waren ihre Ausführungen zu dem elsaß-lothrin­gischen Thema nicht weiter bemerkenswert. Der letztgenannte sozialistische Redner erhielt wegen seiner beleidigenden Ausfälle gegen den Reichskanzler einen wiederholten Ordnungsruf vom Präsidenten. Dann erfolgte Schluß der Sitzung; am Sonn­abend setzte der Reichstage die Debatte über den Etat des Reichskanzlers fort.

DieNordd. Allg. Ztg." hat zu dem Vorsall, der sich am Freitag im Reichstage abspielte, daS Wort ergriffen, um daS Verlosten des EitzungsaaleS durch die Vertreter der Regierungen zu rechtfertigen. DaS offiziöse Blatt schreibt:

Im Reichstage hat sich ein Vorgang abgespielt, der auS dem gewöhnlichen parlamentarischen Rahmen herauSsällt und der, wie sich auS mehreren Zeitungsberichten ergibt, nicht überall richtig dargestellt wird. Wir stellen daher den tat- sächlichen Verlaus fest. Der Abg. Echeidemann, all erster Redner zum Etat deS Reichskanzlers, kam in seinen AuS.

den Trank braun fließen sahen, rief die Kranke freudig erschrocken:Ach du meine Zeit, doch gar Schokolade. Du lieber Gott du!" DaS letztere klang wie ein Dankgebet, sie hatte dabei auch ordentlich die Hände zu- sammengesaltet.

Marthchen erlangte nach und nach die gewohnte Sicher­heit wieder.Na so großartig ist eS nun nicht gleich, Schokolade trinken wir, wenn Sie wieder gesund find", da­mit reichte sie lächelnd die Taste. Diese zitterte ein Weilchen in den dürren Händen.Da werden wir wohl keine mehr zusammen trinken!' sagte die Kranke dann mit einer unheim­lichen Ruhe und Festigkeit, und Marthchen empsand schon wieder gegenüber diesem armen Wesen jene peinliche Qual, keinen rechten Trost zu finden.Nun, nun, so schlimm wird es doch nicht sein!" sagte sie zuversichtlicher, all sie war. Die Alte schüttelte nur mit dem Kops und trant begierig.

Marthchen warf einen Blick durchs Fenster. Am untern Rande klebten draußen zwei flachsköpfige Kindergefichter, die Lippen aus daS Holz gepreßt, die Augen weit aufgeristen. Beide fuhren zurück, eins mußte dabei wohl vom SimS ab. gerutscht fein, eS tot einen Plumps, und gleich daraus erhob sich ein klägliches Schreien. Martha lief zum Fenster, um zu sehen, ob ein Unglück geschehen sei. Aettere Geschwister aber hatten scheltend und tröstend das Wurm bereits auf- gezerrt und schleiften eS mit sich fort.

Die Kranke mußte die Stimmen erkannt haben.Er sind die Kinder auS dem Gemeindetzause drüben, dem Hirten feine Weißköpse, armeS Chor. Aber einen guten Marks haben solche Kinder." Sie lächelte.Ich habe ihnen jeden Tag von der übrigen Ziegenmilch gegeben, daS misten sie nun nicht anders und warten drauf. Gott, die Leute mit zehn Kindern, daS ist ein Elend, da muß man schon bißchen aul Nachbarschaft zugeben. Ach vielleicht könnten wir ihnen von dem Kakao zu kosten geben." Sie hielt Marthchen ihre leere Tasse hin, die diese anfüllte, um sie zur Türe hinauS- zutragen.

(Fortsetzung folgt.)