Einzelbild herunterladen
 

Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich

1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark. Na

Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein« gespaltenen Zeile 10 pfg., im amtlichen Teile 20 Psg. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.nLns^n»

Hersfelder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 89»

Sonnabend, den 30. März

ISIS.

Zweites Blatt.

Der fourageur.

Von Emil 8 tiner.

Schmitt, jetzt erzählen Sie unS mal endlich, wie unser alter Kamerad Werner zu dem lahmen Bein gekommen war," sagte der Rat-schreiber MichelS zum Wagenmeister Schmitt im Hinterstübchen beiSchwarzen Ochsen," allwo der Krieger- Verein seine Versammlungen abhielt und man nach der bald erledigten Tagesordnung sich noch einem gemütlichen Dämmer- schoppen hingab.

Ja, man loi; morgen jährt sich ja sein Todestag, und da können wir bei treuen Kameraden Gedenken gleich begehen, indem Sie uni die Geschichte seiner Verwundung erzählen. Sie waren ja sein Kriegskamerad und wissen auch, wie er mit seiner ehrenvollen Verletzung zu einer Frau kam. Er hat ja nie etwas davon erzählt, also tun Sie ei jetzt," ermunterte ihn der Vorsitzende.

Schmitt zog ein paar mächtige Rauchwolken auS seiner Pseise und rückte etwas unruhig aus seinem Stuhl hin und her; aber die Kameraden ließen nicht locker. Er müsse die Geschichte nun zum besten geben, er sei ei schon der Ehre des Kameraden schuldig, sonst könnte man sich allerlei Gedanken darüber machen.

Na, dann will ich sie euch erzählen," sagte Schmitt und nahm zuvor einen Schluck aus dem Kruge,aber ehrenvoll ist seine Verwundung gerade nicht gewesen, wenn er sie auch im Dienst um daS Wohl der Kameraden erhalten hat. Er hat mich gebeten, niemals ein Wort davon zu erzählen und ich hab'S auch gehalten, doch da er und seine Frau tot sind, kann ich sie preiSgeben. Aber laßt mich ruhig erzählen.

Wie ihr wißt, war ich im Feldzug 70/71 als Bursche dem Stabsarzt Dr. Wendel zugeteilt, in besten Begleitung sich mein Freund Werner als Lazarettgehilfe befand. Zwar wäre eS mir lieber gewesen, in den Reihen meiner Kameraden zu fechten, als solch eine rühmlose Rolle in dem großen Ringen mit dem alten Erbseinde zu spielen; aber schließlich findet man sich in allen Lebenslagen zurecht. Und dazu hat nicht zum wenigsten mein Freund Werner geholfen.

So konnte ich ja auch mein Möglichstes tun, wenn ei galt, den verwundeten Kameraden zu heften, und wir mußten oft tüchtig ini Zeug greifen, denn zum Zuschauen kann man keinen brauchen bei solchem KriegSspiel.

Werner und ich hatten uni in die Arbeit geteilt. Er be­sorgte die Kranken und die Lebensrnittel, ich hatte die Sachen des Stabsarztes und besten Pferd zu versehen. In schwie­rigen Lagen finden sich die Menschen bester zusammen, und so teilte Werner auch sein Interesse aus das stabsärztliche Ergehen.

Die LebenSmittelwagen waren nicht immer zur rechten Zeit zur Stelle. Aber wenn die anderen noch aus dieselben war­teten und einstweilen sich mit den Vorbereitungen zum Ab­kochen besaßten, so hatte Werner schon den VorratSjack zur Hand und schmorte tüchtig daraus loS. Ich war selbst oft ganz boff, woher er nur den Happen hatte; aber aus meine Frage lächelte er nur verschmitzt, und mit seinem LicblingS- auSdruck:Daß du die Nase ins Gesicht behältst" fertigte er mich ab.

Wegen seiner Findigkeit im Fouragieren war er bei den Offizieren gut angesehen. Deshalb bekam er auch viele Aufträge von ihnen, aber er versorgte keinen, bevor er nicht die stabsärztliche Küche versehen hatte.

Am 22. Januar 1871 hatte unser Bataillon Vorposten vor der Stadt ByanS, wo sich am andern Tage ein Schar­mützel mit den Franzosen entwickelte, die dann in eiligem Rückzüge auf Besancon zurückgingen. Die LebenSmittelwagen waren anscheinend 50 Kilometer hinter der Front, denn wir erhielten an diesem Abend nichts. Da mußte man sich mit dem wenigen, daS man für den Notsall aufgehoben hatte, begnügen. Feuer durften wegen der Nähe - eS Feindes nicht gemacht werden, und so war biei in der kalten Nacht ein miserables Vergnügen.

Unser Bataillon lag aus der Anhöhe bei von den Fran- zvfen besetzten ByanS. Wir hätten sie am liebsten noch nachts hinausgeworfen, aber wir dursten unS aus einen Kampf nicht einlassen, da wir in der Avantgarde waren und das Gros noch bei Warney stand.

Nachdem ich daS Pferd versorgt, trabte ich an unsern Lagerplatz, um zu sehen, waS Werner für unS zum Schmausen hatte. Aber heute schien eS auch bei ihm nichts zu fein, denn er lag, Pfeift rauchend auf seinem Mantel vorm Zelt und sah gedankenvoll zum Himmel.

Werner", fragte ich ihn,wie sieht ei denn mit der Küche heute auS?"

Ja, da ist noch ein Schluck Wein in der Büttel, ich habe heute nicht, erwischt. Nachher gehe ich mal auf den Fang, ich habe gerade den paar Leuten die Leichdörner verbunden." m

Na, bleibe heute mal hier, ick habe noch etwas Brot im Brotbeutel, und da, langt vorläufig für uni, bis die Wagen

kommen. Man weiß nicht, waS daS Fianzofenpack uni heute nacht noch fürn Schabernack spielt, denn daß wir vor ihrer Nase liegen, werden sie wohl wissen."

Daß du die Nase inS Gesicht behältst," rief er,und waS bekommt der Stabsarzt? Dem lasten wir wohl die Rinde vonS trockene Brot ? Schlaule, der hat auch noch nichts. Ich muß unbedingt auf die Suche."

Nachdenklich kratzte ich mich hinter dem Ohr, daran hatte ich gerade nicht gedacht.

Da kam der Bursche bei Leutnants Klein in unsern Ge­sichtskreis, der unterm Arm etwas trug. Werner tief ihn an, und das dicke Gesicht Müllers glänzte vor lauter Freude, anscheinend hatte er etwas Eßbares erwischt. Vorläufig konnten wir in der Dunkelheit noch nicht enträtseln, waS er hatte.

Müller, hast du waS gefunden," fragte ihn Werner.

Jawoll, dort drüben uff dem Acker sein? noch mehr, sie schmecken grad wie Radi."

Daß du die Nase ini Gesicht behältst, waS sind denn daS, Rüben? WaS willst du denn mit diesen machen?"

Herr Leitnant zum Esten. WaS annerS ii ja nicht zu sinne.

Donnerkicl, wie willst denn du die weich kriegen, wo man kein Feuer anmachen darf?"

Jetzt kratzte sich Müller dummdämlich am Schädel.

Da hab' ich gar net dran gedacht," sagte er,aber de Herr Leitnant kann sie ja so esse, ein Stück Brot dazu, bai schmeckt sein!" Damit zog er auS seiner Tasche ein Stück Brot heraus, dessen Achterseite die schaffen Umrisse von Müller? Zähnen auswies.

Na, denn man zu. Bring die RübenHerrn Leitnant" und sage ich ließe ihm guten Appetit ne, ein WohlbekommS wünschen und--na, der Herr Stabsarzt ist ja alle- wcil da."

Müller trollte mit seinem Rübengericht ab, und Werner sagte mir, bai er nun auch ginge. Wenn nach ihm gefragt würde, seiet ausgetreten. Damit verschwand er in der Dunkelheit.

Ich legte mich nun auf den Mantel, den Werner vorher zum Ruheplätzchen auserkoren hatte und langte nach dem Rest Wein, um damit meine Brotrinde zur besseren Verdauung anzuseuchten. Ich stand davon ab, denn wenn Werner nichts fand, so mußte der arme Junge doch auch waS haben, und legte ei säuberlich zusammen neben mich und steckte mir eine Pfeife an. Meine Gedanken weilten bei ihm aus seinem Gang und ständig horchte ich in die Nacht. Von ByanS herauf hörte ich noch die Uhr Ve nach 9 Uhr schlagen, dann schlief ich ein.

Wie lange ich geschlafen hatte, weiß ich nicht, ich merkte bloß, daß ich durch einige sachte Rippenstöße in die Wirklich­keit zurückgebracht wurde. Werner stand vor mir.

Daß du die Nase ini Gesicht behältst, der schläft hier vorm Feind. Da jetzt mal." Damit drückte er mir eine ansehnliche Wurst und eine Flasche in die Hand,Brot hast du ja noch."

Und der Stabsarzt?" fragte ich.Halt's Maul, daS ist meinReperlSwar" (Repertoire), der ist schon versorgt." Na, gut, aber wo hast du dieS gefischt?"

Ich hab' jetzt keine Zeit, ich will den Leutnant Klein holen, sonst verstaucht der sich man an Müllers greu- lichen Rüben den Magen", und damit war er wieder ver- schwunden.

WaS dann weiter loS war, kann ich euch nur nach seiner Angabe erzählen.

Werner war, nachdem er bai Lager verlassen, einen nach ByanS zu führenden Feldweg entlang gegangen, als er vor sich etwa 600 m vom Lager einige Gestalten zu sehen glaubte. Da er dem Frieden nicht traute, ging er vorsichtig nach links ab, als er plötzlich den Halt verlor und einen Abhang hinabstürzte. Im Moment schwanden ihm die Sinne, und er blieb einige Zeit ruhig liegen. Da hörte er in der Nähe französische Worte, die mit Schlüsselgerassel verbunden waren. Eine Tür knarrte und wurde dann abgeschlossen. Gleich daraus kamen zwei Gestalten in seiner Nähe vorbei, die mit Körben beladen schienen.

Jetzt hatte er Lunte gerochen. Hier mußte in der Nähe ein Keller sein, dem die beiden einen Besuch abgestattet halten. Er verweilte noch einige Minuten, dann suchte er den Abhang ab, und bald hatte er die künstlich mit Rasen verdeckte Tür gesunden, die durch davorstehende Sträucher noch mehr ver­borgen wurde.

Aber wie aufmachen? Die Tür hatte, soweit er den Rasen entfernte, keinerlei Handhabe, woran man einen Ver­such wagen konnte. Auch das Seitengewehr konnte er nicht zum Ausbrechen ansetzen. Nach kurzem Uebcrlegen eilte er zum Lager und holte vom Wagen eine Feile und begann dann, die eisernen Türangeln abzufeilen. Ein saureS Stück Arbeit, aber endlich hatte er die Tür offen.

Die mitgebrachte Laterne zündete er im Innern bei Kellers an und stieg hinab. Seine Erwartungen wurden übertroffen. Da lachten ihm vier schöne Schinken entgegen, die zwischen einer langen Reihe appetitlicher Würste hingen. Längs bei Ganges standen einige Weinfüsser und auf Regalen umsichtig gelagerte Flaschen, deren Etiketten verführerisch winkten.

Daß du die Nase ini Gesicht behältst, herrje, wie bei

JansonS". entschlüpfte es Werner, dennJansonS" waren die reichen Gutsbesitzer in feinem Geburtsort.Und wem biei bloß gehört? Mir, ja mir, daS ist jetzt Kriegsbeute, will gleich mal zum Major nein, da wird ei beschlagnahmt, lieber zum Stabsarzt."

Werner bat am Offizierszelt den Stabsarzt um ein paar Worte unter vier Augen und erzählte ihm die Geschichte. Aber Hauptmann Schmitz und der Oberleutnant Hägel rochen Lunte und pirschten nach, so daß sie schließlich auch eingeweiht werden mußten. Aus Vorschlag bei HauptmannS wurde gleich im Keller selbst eine Stichprobe vorgenommen. AuS einigen leeren Fässern und Planken waren bald Tisch und Bänke hergestellt, und nun ging bai Probieren loi. Werner mußte zurück, um Brot zu holen und dem Leutnant Klein Bescheid sagen, aber so,daß die andern nichts merkten".

Leutnant Klein wußte bereits Bescheid und verschwand gerade, als der Major inS Zelt kam. Er merkte sosort bai Fehlen einiger Offiziere und fragte den Rest derselben, wo die anderen seien. Keiner konnte Auskunft geben, als fein Blick auf den gerade davongehenden Werner fiel. Ein Ruf brächte ihn zurück, und daS Examen begann. Anfänglich wollte Werner nichts missen, aber der Gestrenge ließ nicht locker. Ihm stieg so eine Ahnung von den Genüssen der Herren auf, und da ihm selbst durch das Ausbleiben der LebenSmittelwagen die Petersilie verhagelt war, so drohte er mit Straft, und Werner beichtete.

Die ganze Kolonne brach nun aus. Der Major hielt sich mit dem Adjutanten scharf hinter Werner, damit er nicht durch die Lappen gehen sollte. Am Keller wurde eine Laterne angezündet, und hinab ging ei.

Unterdessen waren die imKasino", wie der Oberleutnant daS Kellergelaß benamste, sitzenden Herren urfidel geworden. Vom Schinken sah man nur noch den Knochen, der friedlich zwischen den leeren Flaschen am Boden die Nichtigkeit alle, Daseins überdachte.

Ein Ausruf bei HauptmannS ließ sie plötzlich verstummen. Er hatte Schritte über sich gehört, und jetzt vernahmen auch die anderen Stimmen. Leutnant Klein nahm geistesgegen­wärtig gleich eine Flasche in die Hand, um sie dem über« fallenden Feinde ini Gesicht zu werfen. Diesem Beispiele folgte alles.

Der Major besah nun die Beute. Pflichtschuldig ergriff er hiervon Besitz und ließ durch den Adjutanten die Jststärke bet vorhandenen Würste und Schinken feststellen.

Ja, wo sind denn eigentlich die Herren", fragte er nun Werner.

Ich weiß nicht, Herr Major," flötete der Sünder, während er eifrig bemüht war, einen durch die Ritzen der Tür, hinter der das vierblättrige Kleeblatt saß, fallenden Licht­schein zu decken.

Bon woher kommt denn eigentlich der Lichtstrahl, der hier zeitweise auf die Mauer sällt?"

Daß du die Nase wollte sagen, Herr Major, daß der vom Wachtfeuer kommt!"

WaS!" der Major machte förmlich einen Satz,wer hat das erlaubt, daß Wachtfeuer angesteckt werden? Herr Leutnant, sofort" bautz, sauste etwa« wider die Tür, beten Füllung im Nu in Splitter lag, und durch dieselben flogen Glasscherben, dem armen Werner gerade anS Bein.

Der Major war baff, und sein entsetztes Auge fiel durch das Loch auf die in Kampsbereitschaft stehenden Offiziere. Werner aber lag blutend am Boden. Leutnant Klein hatte sich in der Aufregung und KampseSbegeisterung nicht mehr halten können und loSgefeuert, d. h. die Flasche an die Tür geworfen. So war daS Unglück geschehen.

Der Stabsarzt beschäftigte sich nun mit Werner, der eine klaffende Wunde am Bein hatte und dem eine Sehne von einem Scherben durchschnitten war, und der Major hielt den anderen eine kräftige Standpauke.

Am andern Tag kam Werner in ByanS inS dort errichtete Lazarett, die Franzosen waren ja morgen» rauSgefchmiffrn worden, und kam dann nach Deutschland zurück, da fein Bein nicht mehr recht gebrauchsfähig wurde."

Ja, wie kam er denn zu seiner Frau, bai soll doch damit zusammenhängen?"

Na, im Lazarett pflegte ihn Schwester Anna so gut, daß er sie nicht mehr misten konnte und sie nach seiner Ent­lassung sich zur Frau nahm."

Und die Würste im Keller?"

Die ließ der Major bis auf wenige auSteilen, die er für den Besitzer hängen ließ und--die holte ich mir noch denselben Abend und gab sie Werner andern Morgen» mit."

Vermischtes.

Ein schwerer UnglückSsall von er­schütternder Tragik in seinen Folgen ereignete sich in der Nähe von Geilenfelde bei Fürstenwalde. Der auf der einsam gelegenen Echwachenwalder Mühle allein mit seiner gleichaltrigen Frau wohnende 70jährige Besitzer Hansen hatte sich spät abendS noch aus den Stallboden begehen, um dort etwas in Ordnung zu dringen. In der Dunkelheit stürzte er herunter und blieb schwer verletzt liegen. Frau Hanftn fand