Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. 0er Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark Na
—,—•*
Der Bnzeige'ipleis beträgt für den Raum einer ein« gespaltenen Zeile 10 pfg., im amtlichen Teile 20 pfg. Reklamen die Zeile 25 Pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.n»«»v»n»
herrsel-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 21. Sonnabend, den 17. Februar 1912.
Erstes Statt
HmilkW M
LandespolizeMche Anordnung, betreffend die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche im Kreise Herrfeld.
Mit Rücksicht auf die Gesahr der Weiterverbreitung der Maul- und Klauenseuche verlängere ich hierdurch die Gültigkeitsdauer meiner landeSpolizeilichen Anordnung vom 9. Oktober 1911 A. III. 4843, Amtsblatt Nr. 41, Seite 354/5 — Verbot des Hausierhandels mit Klauenvieh im Kreise HerSseld — um weitere 2 Monate und zwar bis zum 9. April 1912. (A. III. 777.)
Caffel, den 6. Februar 1912.
Der RegierungS-Präfident. Gras von Bernstorss. * *
*
HerSseld, den 8. Februar 1912.
Wird veröffentlicht.
I. 1638. Der Landrat.
3. A.:
Wessel, KreiSsekretär.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
In der BerichtSwoche hat nun endlich der neue Reichs- t a g sein Präsidium bekommen. Aber waS für eins I Ein „Genosse", sinnig von 2 Fortschrittlern umrahmt. Immer und überall rühmte sich bisher der Freisinn, der Todseind der Sozialdemokratie zu sein, im Wahlkampje konnte er nicht Worte genug finden, vor der roten Gefahr zu warnen — jetzt sitzen zwei seiner Vertreter friedlich neben einem „Genossen" im ReichStagSpräsidium. Fürwahr wir haben eS herrlich weit gebracht! Wie ist denn jo etwas überhaupt denkbar, ja möglich geworden? fragt der gesunde Menschenverstand. Nur einzig und allein dem bis zum Haß auS- gearteten Hader unter den bürgerlichen Parteien ist eS zuzu- jchreibcn. Möge ihnen daS jetzige ReichStagSpräsidium eine ernste Lehre fein, daß sie sich in den 4 Wochen, auf die dasselbe zunächst gewählt ist, wieder zusammenfinden. Dann^kann die Schmach noch getilgt werden.
In Bayern ist die Ministerkrifik mit der Neubildung deS Kabinetts durch den bekannten ZentrumS- führer FreiherrnvonHertling glücklich beendet worden. Die bayerische RegierungSpolitik wird voraussichtlich durch den KabinettSwechfel keinerlei Aenderung erleiden; dafür bürgt der politische Standpunkt deS Freiherrn von Hertling, der durch seine bisherige parlamentarische und parteipolitische Tätigkeit genau festgelegt ist. Im übrigen kann man vom Standpunkt deS ReichsgedankenS aus mit der Wahl des Regenten durchaus einverstanden sein, da Freiherr v. Hertling sich jederzeit als ein vornehmer, weitblickender Politiker erwiesen hat, der seinen Beinamen als „ZentrumSdiplomat" zu Fug und Recht verdient. Seine ReichStagSreden zu Deutschlands auswärtiger Politik überragten stets weit den Durchschnitt deS zu dieser Materie im Reichstage Gesprochenen, und seine Berufung an die Spitze deS bayerischen Ministeriums erscheint auch aus dem weiteren Grunde wertvoll, weil in ihm eine Persönlichkeit die Zügel der Regierung deS t zweitgrößten BundeSstaateS übernimmt, deren vielseitige Bildung und enge Bekanntschaft mit dem Leben deS Reichs vor partikularistifchen Neigungen schützt. ES ist deshalb zu hoffen, daß Freiherr von Hertling die Politik BayernS jederzeit so führen wird, daß sie sich mit dem ReichSgedanken im vollstem Einklang befindet.
DaS deutsch-französische Marokkoabkommen ist nun endlich perfekt geworden, nachdem eS im französischen Senat mit großer Mehrheit angenommen worden ist. Meline befürwortete die Annahme deS Vertrags in sehr verständigen Worten, und Ministerpräsident Poincars legte die Vorteile deS Vertrags gegen den früheren Zustand dar, wobei er nachdrücklich auf die unabsehbaren Folgen einer Ablehnung hinwieS. Die Opposition bestand aus ClemenccauS persönlichem Anhang, verstärkt durch die gesamte Rechte. Cle- menceauS Ausführungen über das Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich wurden zwar respektvoll angehört, aber eS gelang ihm keineswegs, die Wirkung der vortrefflichen Poincarvfchen Rede abzuschwächen, deren Haupteffekt die Versicherung war, daß Rußland und England den Abschluß deS deutsch-französischen Abkommens mit Ungeduld erwarteten. In den zumeist sehr maßvollen Erörterungen, welche diesran» zöfische Presse der Annahme deS Abkommens widmet, kommt hauptsächlich das Gefühl der Erleichterung zum Ausdruck, daß diese langwierige Angelegenheit endlich erledigt ist. Selbst die dem Abkommen hartnäckig feindseligen Blätter geben zu, daß dessen Annahme notwendig, ja unvermeidlich war. Auch wir
begrüßen den endgültigen Abschluß deS Marokkostreits mit ausrichtiger Befriedigung. Nunmehr ist ein Streitpunkt zwischen Deutschland und Frankreich auf absehbare Zeit gütlich erledigt, der den Keim einer surchtbaren KriegeS in sich trug. Möge sich der neue Marokkovertrag alS ein dauerhaftes Friedensinstrument erweisen!
In England find in letzter Zeit mehrsach Stimmen laut geworden, die einer Besserung der deutsch-englischen Beziehungen das Wort reden, und die englischen Versuche, zu einer Verständigung mit Deutschland zu gelangen, werden vom „Daily Telegraph" sympathisch begrüßt. Wenn der englische Kriegsminister Haldane durch seine Reise nach Berlin an diesem guten Werk mitgearbeitet habe, so würden alle Friedensfreunde ihn beglückwünschen, nicht nur in den unmittelbar daran beteiligten Ländern, sondern auch auf dem ganzen Kontinent. Zu der Frage der Rüstungen sagt das Blatt, jedes Land habe daS Recht, die Maßregeln zu treffen, die eS zu seinem Schutze für notwendig hält. Von diesem Gesichtspunkte aus sei eS bedauerlich, daß Minister Churchill von einem Unterschiede zwischen der britischen Flotte als einer Notwendigkeit und der deutschen Flotte als einem LuxuSgegen- stand gesprochen habe. ES werde zunächst in dem Tone und in der allgemeinen Stimmung Deutschland gegenüber eine Aenderung eintreten, wie hoffentlich auch Deutschland das gleiche tun werde, und dann werde eine Einschränkung der Rüstungen in dieser Atmosphäre von selbst erfolgen. Die Besserung der deutsch-englischen Beziehungen würden die Beziehungen Englands zu Frankreich und Rußland nicht gefährden und eine Stütze zur Wiederherstellung der Ruhe in Europa bieten. DaS sind vernünftige Worte. Hoffentlich finden sie in England Gehör.
Das weltgeschichtliche Drama im Reich der Mitte hat seinen vorläufigen Abschluß gefunden: die M a n d s ch u - D y n a sti e, die zweieinhalb Jahrhunderte lang China beherrschte, hat abgedankt, und die älteste und konservativste Monarchie der Erde ist Republik geworden mit dem stolzen Namen Tatschunghoamingko, d. h. „Große Republik der Mitte der Zivilisation." Zunächst muß abgewartet werden, wie die neue Republik China in Wirklichkeit auSsieht. Danach dürsten auch die interessierten Großmächte ihre zukünftige Haltung einrichten. Für unS Deutsche bleibt immer die Hauptsache, daß durch die neue Lage die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen nicht beeinträchtigt, sondern womöglich noch gefördert werden. Geschieht daS, so haben wir keinen Anlaß, unS in die innerpolitischen Vorgänge des ReichS der Mitte einzumischen.
Reichstag.
Die Präfidentenkrisis im neuen Reichstag hat mit der am Mittwoch erfolgten Bildung eines fortschiittlich-sozialdemo- kratischen Präsidiums ihre vorläufige Lösung gefunden. Der erste Vizepräsident Echeidemann eröffnete die Sitzung vom genannten Tage mit der Mitteilung, daß der Abgeordnete Paasche sein Amt alS zweiter Vizepräsident deS Hauses nieder- gelegt habe. ES fand nun die anderweitige Wahl deS Präsidenten und deS zweiten Vizepräsidenten statt. Zum Präsidenten wurde mit 193 Stimmen von 201 gültigen Stimmen Abg. Kaemps von der Forschrittlichen Volkspartei gewählt; 173 Stimmzettel, die offenbar vom Zentrum und von den Parteien der Rechten herrühren, waren unbeschrieben. Abg. Kaempf nahm die Wahl mit kurzen Worten an. Zum zweiten Vizepräsidenten wählte daS HauS mit 194 von 202 abgegebenen gültigen Stimmen den Abgeordneten Dove von der Fortschrittlichen VolkSpartei, 166 Stimmzettel waren un- beschrieben. Demnach setzt sich daS ReichStagSpräsidium nunmehr auS dem Fortschrittler Kaempf als Präsidenten, dem Sozialdemokraten Scheidemann als ersten Vizepräsidenten und dem Fortschrittler Dove als zweiten Vizepräsidenten zusammen. Kaempf steht im 70. Lebensjahre, er vertritt im Reichstage den ersten Berliner Wahlkreis; im Reichstage von 1907 war er bis zu der bekannten Krisis im Jahre 1909 zweiter Vizepräsident. Dove ist 59 Jahre alt und vertritt den Wahlkreis Wittenberg-Schweinitz im Reichstage. In feinem bürgerlichen Berufe ist Dove zurzeit Syndikus der Berliner Handelskammer und der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft. Reichstags- Präsident Kaempf gehört dem KaufmannSstande an und ist Präsident der Aeltesten der Berliner Kaufmannschaft. Nach der Wahl deS Präsidiums beschäftigte sich der Reichstag mit der nationalliberalen Interpellation wegen der Verhandlungen der Brüffeler Zuckerkonferenz und mit den Interpellationen der Fortschrittlichen VolkSpartei und der sozialdemokratischen Fraktion, welche sich auf die zeitweilige Aufhebung deS Zolles auf Mais und Futtergerste, sowie auf die zeitweilige SuSpendierung deS am 15. Februar eingetretenen Kartoffel- zolleS beziehen. Die genannte nationalliberale Interpellation fand ihre Erledigung mit einer Erklärung deS Reichsschatz. sekretärS Wermuth, wonach er gemäß dem internationalen Brauch vorläufig nicht in der Lage ist, Mitteilungen über die Brüffeler Zuckerkonferenz zu machen. Ebenso kurzerhand wurden die fortschrittlich-sozialistischen Interpellationen erledigt, indem Staatssekretär Wermuth ihre Beantwortung
seitens deS Reichskanzlers für allernächste Zeit in Aussicht stellte. Die weitere Mittwochssitzung wurde durch die Generaldebatte über den Etat auSgefüllt. Staatssekretär Wermuth leitete sie mit dem üblichem finanzpolitischen Expos« ein. In ihm gab Herr Wermuth eine ungemein klare Darstellung des Standes der Reichsfinanzen und über die Haupt- ziffern der einzelnen Ressorts der Reichsverwaltung, wobei er auf den Fortschritt in den gesamten Zoll- und Steuereinnahmen hinwieS. Im weiteren sprach er sich gegen die Verwendung von ReichSanleihen für nicht werbende Zwecke auS und erklärte sich für den Grundsatz, daß keine ReichS- auSgabe ohne Deckung bleiben dürfe. Mehrfach nahm der Staatssekretär auch Bezug auf die neue Wehrvorlage und ihre Deckung und deutete hierbei an, daß diese Deckung vermutlich durch Steuern erfolgen wird, die zwar eine Erweiterung deS eigentlichen Reichssteuergebietes darstellen, welche aber doch indirekt durch die BundeSstaaten aufgebracht werden sollen. Nach der Rede des Staatssekretärs trat Vertagung des Hauses auf Donnerstag ein.
Abgeordnetenhaus.
DaS Abgeordnetenhaus nahm gestern die Vereidigung von vier Mitgliedern in der üblichen Weise vor und setzte dann die Beratung des LandwirtschaftSetatS fort. Sie gipfelte in einer ziemlich lebhaften Diskussion über die Frage der Jnncnkoloni- fation, die ja schon gestern recht eingehend behandelt worden ist. ES kam auch heute wieder zu einem Konflikt zwischen der Rechten und dem Freisinn; doch wurde im großen Ganzen die Debatte aal# geführt, abgesehen von einer Rede deS Abg. Hoffmann (Sojb.), der mit Schlagworten wie „Knechtschaft der Arbeiter" und „Reitpeitsche der Großgrundbesitzer" arbeitete. Interessant waren die Ausführungen bei Landwirtschaftsministers, der in Zahlen zu belegen suchte, daß Preußen ganz erhebliche Mittel für die innere Kolonisation auSgibt. Die Arbeiteransiedlungen seien im Fortschreiten, und zwar würden sie besonders in den Provinzen gesördert, in denen ArbeitSmangel herrsche. Den Großgrundbesitz nahm Herr v. Echorlemer in Schutz gegen den Vorwurf, daß er die Kolonisation zu hindern suche. UebrigenS stellte der Minister bei dieser Gelegenheit fest, daß der mittelbäuerliche Besitz, für den zuvor der Abg. v. Kardorff (fks.) ein eifriger Fürsprecher gewesen war, in den Jahren 1895 biS 1907 um 11.81 v. H. zugenommen, der Großgrundbesitz dagegen um 2.22 v. H. abgenommen habe. Zum Schluß seiner Rede streifte der Minister die nationalen Aufgaben der Kolonisation in der Ostmark.
Uns 1«- und Ausland.
Berlin, den 15. Februar 1912.
Der Kaiser ist heute vormittag gegen 11 Uhr beim Reichskanzler vorgefahren und verweilte dort gegen drei Viertelstunden.
Der französische Senat hat daS d e u t s ch - f r a n - zösische Marokkoabkommen mit 222 gegen 48 Stimmen angenommen. Der Annahme ging eine Rede bei Ministerpräsidenten Poincare voraus, die mit lebhaftem Beifall ausgenommen wurde. ClemenccauS für deutsches Wesen wenig freundliche Rede gegen den Vertrag mit parteiischer Darstellung der Geschichte der letzten 40 Jahre vermochte nur einen kleinen Teil deS Hauses ernstlich zu erwärmen.
Die Unruhen im belgischen Bergarbeiterstreik sind zu einer wahren Schreckensherrschaft auSgeartet. Fremdes Gesinde! reizt die bisher ruhig gebliebenen Bergarbeiter zu vielfach vandalischen Plünderungen auf. So wurden an verschiedenen Orten die Milch- und ButtertranSportwogen umgestürzt und die LebenSmittel mit den Füßen zerstampft.
Die sich widersetzenden Wagenführer wurden mißhandelt und einer sogar durch Revolverschüsse verletzt. Ein von acht Soldaten eskortierter Speditionswagen der StaatSeisenbahn wurde von einer Bande von Aufrührern angefallen. Die Soldaten pflanzten daS Bajonett auf und trieben die Angreifer zurück. Aber diese lauerten an der nächsten Ecke dem Transport mit Verstärkungen auf, überwältigten die Soldaten, entwaffneten sie und plünderten den Güterwagen vollständig auS. Um den von auswärts zu den Gruben fahrenden Streikbrechern den Zuzug zu verwehren, sind dir Schienenwege der Kleinbahnen aufgeriffen und von Gräben durchzogen worden. In den Straßen wurden überall nach Einbruch der Dunkelheit die Deckel der KanolisationSschächte entfernt, um die Pferde der Gendarmerie hineinstürzen zu lassen. Die Straßen find überall mit Glasscherben bestreut. Der Streit ist vollständig.
DaS franzöfische „Fliegerregiment Nr. 1", beffen Errichtung soeben von dem Kriegsminister Millerand angekündigt wurde, ist bereits durch die planmäßige Anlage von Flugplätzen, die gegen die deutsche Grenze allmählich immer mehr vorgeschoben werden, vorbereitet. Frankreich ist nämlich eben dabei, neben den bisherigen Flugzentren an der Ostgrenze noch zwei neue Fliegerstationen zu errichten, mit deren Bau bereits jetzt begonnen worden ist. ES werden