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Herrselder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Zernsprech-Snschlutz Nr.S

Nr. 143. Sonnabend, den S. Dezember 1911.

Drittes Blatt

Um silbernen Sonntag.

Skizze von Elfe K r a f f t.

Zehnmal schlug die Kirchenuhr drüben am Platz.

Gott sei Dank," sagte der kleine, hagere Buch­halter zu dem blassen Mädchen, das ihm gegenüber am Schreibpult saß,zu, zu--mach's Buch zu! Dieses Nacharbeiten jetzt vorm Fest soll der Kuckuck holen!"

Lisbeth nickte. Ein Weilchen blieb sie müde und regungslos aus dem harten Schemel sitzen, beide Hände über die schmerzenden Augen gelegt.

Der alte Mann hatte sogar schon den Hut auf, so eilig ging's heut mit dem Heimwärtswollen.

n bißken dalli, Fräulein," meinte er aufmunternd. Draußen rasselt der dicke Philipp schon mit seinem Schlüsselbund. Der will auch nach Hause. Der will heute nacht noch einen Pferdestall, zwei Festungen und eine Puppenküche für seine Bälge zusammenkleistern. Ein Glück, daß wir bloßen gros" sind, Fräulein! Morgen ist silberner Sonntag, da haben die Detail- geschäfte den ganzen lieben langen Tag offen. Da muß das Personal antanzen, als ging's in die Schlacht. Wir haben's besser morgen ist frei!"

y 'Frei", wiederholte Lisbeth sehnsüchtig. Sie war aufgestanden und dehnte den schlanken Körper, daß der redselige Graukopf sich in der Tür noch einmal umblickte.

De reinste Juno!n Abend, 'n Abend, Herr Reichardt," sagte er gleich darauf sehr laut und zuvor­kommend im Korridor draußen.

Dem zurückbleibenden Mädchen schoß jäh das Blut ins Gesicht. Da ging eben der Prokurist vorüber, der blonde, große, den sie alle im Geschäft liebten und verehrten, vom kleinsten Laufjungen an bis zu den Ab- teilungschess hinauf, vor dem sie alle den Kopf besonders tief neigten. Nur sie nicht, sie wollte das nicht . . . sie hatte das nicht nötig . . so tief . . wenn sie auch nur eine Buchhalterin war mit 75 Mark Mo­natsgehalt.

Der braune Kopf hob sich lauschend.

Ging er nicht weiter? Er sprach mit dem Haus­diener jetzt, mit dem dicken Philipp, der sofort sein klingendes Schlüsselbund mäuschenstill hielt. Er lachte, fragte nach den Kindern des Mannes, sprach vom Weihnachtsmann, der an den Kleinen am meisten denkt . . es folgte ein überrascht gestammeltesDanke", ein erneutes freudiges Schlüsselgeklinge. Lisbeth wußte ganz genau: jetzt hatte der Prokurist dem Hausdiener irgend ein Geldstück gegeben für seine fünf Kleinen. ,

Im nächsten Moment schreckte sie auf. Sie stand schon in Hut und Jackett, und in dem großen Korridor drüben war das elektrische Licht schon erloschen, als durch die kleine Seitentür ein blonder Kopf sah.

Also wirklich wieder die letzte," sagte dieselbe laute, warme Stimme dicht vor ihrem Antlitz.Es geht aus elf, Fräulein Richter."

Das weiß ich," meinte sie kurz.

Na, na," lachte er,ich tue Ihnen wrrklrch nichts. Ich wollte Sie bloß maln Augenblick sprechen. Darf ich? Wir können ja gleich die Hintertreppe hmabgehen --hoppla, fallen Sie nicht, Fräulein!"

Er hatte unwillkürlich zugegriffen.

Lisbeth war so hastig auf den Treppenabsatz ge­treten, daß sie stolperte. Wovor floh sie eigentlich? Vor dem Manne da, der jedesmal zu ihr sprach wie ein Bruder, ein guter Freund, nie aber wie ein Vor­gesetzter? Sie durfte nicht ebenso freundlich sein, durfte nicht. Sie wußte es ja nur zu gut von den Freundinnen, von den Kolleginnen aus anderen Ge­schäften, warum die Herren so lachten mit den Buch­halterinnen, so sprachen--so weich und süß. Und sie wollte nicht unterliegen wie so viele, viele, die ein­sam und verwaist waren wie sie.

Stumm schritt sie voran.

Er folgte ihr langsamer.

Ich habe nämlich eine Bitte," meinte der blonde Mann, als er wirklich dicht neben ihr durch das Haus- tor auf die Straße schritt,eine große, Fräulem Richter. Aber machen Sie doch erst ein freundlicheres Gesicht, dann wird sie mir leichter."

Er sagte es so drollig und treuherzig, daß sie lachen mußte. ., .,

Bitte--sprechen Sie nur, Herr Reichardt.

Er blickte sie unverwandt an.

Lisbeth begann sich zu schämen. Ob er ihr abge­tragenes Jackett sah, ihren selbstgarnierten Hut und dre

baumwollenen Handschuhe, unter denen die Finger so kalt und rot in der strengen Winterluft wurden?

Nein, er sah nur ihr Gesicht, ihr junges, süßes, zartes Gesicht mit den bangen, nachtschwarzen Augen unter dem braunen Flechtenkranz. Ihm wurde noch wärmer in dem dicken Mantel.

Sehen Sie mal, Fräulein Richter, wir kennen uns doch nun schon eine ganze Weile. Und ich hab' immer das Gefühl, als ob Sie ein sehr praktisches und ver­nünftiges Mädchen wären."

Warum?"

N . . . nun . . ., weil Sie trotz ihrer Jugend so stolz und sicher Ihren Weg gehen, sich nach der Mutter Tod so selbständig ein Zimmer bei fremden Leuten gemietet haben, und . . na. . ich hab' jedenfalls das Empfinden, daß man mit Ihnen so wie mit . . mit einer Schwester reden kann!"

Sie war bei diesem seltsamen Geständnis dunkel­rot geworden. Ein kurzes Gefühl rasender Freude durchzuckte sie und der Gedanke: Er ist doch nicht so wie die andern, von denen die Kolleginnen er­zählten . . .

Sie schritten jetzt beide die stille Königstraße bis zum Schloßplatz hinaus. An der Brücke blieb sie stehen.

«Ich gehe jetzt einen anderen Weg, Herr Reichardt." Er lachte.

Warum? Hier am Wasser entlang ist's zu so später Stunde viel zu dunkel für Sie allein. Da muß ich unbedingt mitgehen. Ich habe ja schuld an den heutigen Ueberstunden im Geschäft. Nun will ich's auch ausbaden."

Sie litt es schweigend, daß er an ihrer Seite blieb. Und dennoch, die Angst war wieder da in ihrer Seele, die große Angst vor der Freundlichkeit des blonden Mannes und vor sich selber, vor dieser heimlichen dunklen Sehnsucht im Herzen.

Morgen ist ja wohl der silberne Sonntag was?"

Ja," nickte sie beklommen.

Da haben die Geschäfte bis 8 Uhr auf?"

Ich glaube."

Lisbeth hatte so leise das gesagt, daß er scherzhaft ebenso flüsternd wiederholte:Ich glaube."

Lauter fuhr er fort:Und deshalb muß ich morgen einkaufen gehen für Weihnachten. Ich habe nämlich zu Hause in unserm weltfremden Heimatstädtchen ein ganzes Regiment von Verwandten zu beschenken. Hören Sie bloß! Vater, Mutter, drei Schwestern, zwei Brüder und ebensoviel Tanten, Nichten und Neffen bis zum Wickelkinde herab. Im vorigen Jahre bin ich schön reingefallen mit meiner Bescherung. Muttern chab' ich eine himmelblaue Backfischschürze und einen rosenroten Seidengürtel geschenkt, den ihr sofort meine jüngste Schmester abgeknöpft hat. Sie können sich denken, daß die alte Dame im würdigen Silberhaar davon nicht sonderlich erbaut war. Vätern, dem Antialkoholiker, hatte ich einen Bierhumpen gekauft, der mindestens drei Liter Flüssigkeit in sich aufnimmt, und meinen Brüdern, die schon Bärte haben ä la Haby, Jndianerbücher, für Gymnasiasten passend. An den anderen blühenden Unsinn gar nicht zu denken, den mir unpraktischem Menschen damals die Verkäuferinnen als ideale Geschenkobjekte ausge­schwatzt hatten.

Lisbeth lachte herzlich.

Wie kann man aber auch, Herr Reichardt!"

Sehen Sie, nun kommt's! Ich möchte nämlich diesmal, wenn ich wieder nach Hause fahre zum Fest, nicht wieder so schmählich reinfallen mit meinen Ge­schenken. Ich muß unbedingt jemand zum Einkäufen mitnehmen, der alle jene Tugenden besitzt, die mir fehlen, jemand der weiß, womit man so einem alten Muttchen eine Freude macht, weiß, was Vater braucht und Bruder und Schwester Spaß machen könnte . . . kurz . . . jemand, der Herz, Gefühl und Praxis zu gleicher Zeit hat. Ich glaube, ... Sie haben's, Fräu­lein Richter."

Lisbeth begann zu zittern.

Haben Sie denn keine anderen Bekannten oder Verwandten hier, die mit Ihnen so was"--

Nein," unterbrach er sie hastig.Keinen, keinen, vor allen Dingen keine Dame. So ein Junggeselle aus der Provinz findet in Berlin schwer den passen­den Familienanschluß. Also, wenn Sie mir einen grossen Gefallen tun wollen, morgen mit mir zu wählen für die Meinen, ich wäre glücklich."

Als sie noch zögerte und stumm den Kopf gesenkt trug, wurde er ungeduldig.

^Aber so verstehen Sie mich doch! Sie müssen einfach! Meinetwegen denken Sie, ich brauche Sie für das Geschäft morgen, dann würden Sie auch ge­horchen. Wenn's auch gerade kein Vergnügen für Sie ist, mit mir durch das Gedränge morgen die Straßen zu durchbummeln, andere müssen am silbernen Sonn­

tag auch arbeiten . . . das gehört zum Fest" seine Stimme wurde weicherund dann, Sie haben ja auch Vater und Mutter gehabt, denen macht man doch gern so die rechte Freude zu Weihnachten."

Sie war schon besiegt. Die Hand streckte sie aus und nickte dreimal ja, ja, ja . . als er sie bat, morgen nachmittag um vier Uhr am Rathause zu sein. Dann verabschiedeten sie sich. In wenigen Minuten war sie zu Hause, weiter dürfte er nicht mitgehen.

Merkte er, daß sie Tränen in den Augen hatte? Warum sah er ihr so lange nach?

Sie lies wie gehetzt ihren einsamen Weg. Ob er fühlte, daß sie an das Weihnachtsfest im vergangenen Jahre dachte, da sie auch noch ein Heim, eine Mutter hatte, für die sie kaufen konnte, damit sie sich freute, die alte, müde Frau . . . ?

Der silberne Sonntag brächte Schnee. In feine, weiße, glitzernde Sterne hüllte er ganz Berlin ein.

Das gab Weihnachtsstimmung und regte die Kauf­lust an.

Lisbeth hatte um das Trauerkleid zum erstenmal eine weiße schmale Spitze am Halse gelegt. In das kurze, offene Bolerojäckchen wehten die silbernen Flocken hinein und legten sich wie Edeksteine über den schwarzen Krepp.

(Schluß folgt.)

Vermischtes.

(Der böse Mond!) In Nr. 275 des in Ebingen (Württemberg) «scheinendenAlbboten" findet sich in einem Artikelbai große göttliche Universalgesetz bei Wetters, bei KriegeS und der Seuchen" von Johannes Binder folgende Mitteilung:Unser Erdtrabant Mond erlitt unter der letzten Planetenkonstellation des JahreS 1910 eine solche Veränderung seiner Gase, daß vorübergehend neue GaSverbindungen entstanden, die er im November, Dezember und Januar nach der Erde auSstrahlte und dadurch die Maul- und Klauenseuche erzeugte." Daß der gute Mond, der so stille dahergeht, manche Heim­lichkeit birgt, haben die Bewohner dieses Planeten schon längst herauSgesunden; daß er aber solcher Gemeinheit fähig ist, die Maul- und Klauenseuche auf die Äde auSzustrahlen, das geht doch weit über daS Erlaubte hinaus.

Ein geheimnisvoller Mord in der Be- erdigungskammer im Kathedral-Platz zu Odessa erregt, wie auS Petersburg geschrieben wird, die Gemüter. Vor einigen Tagen merkten einige Beamte der BeerdigungSkammer, daß sich ein unerträglicher Geruch bemnkbar mache. Die Leute glaubten, unter der Diele lägen tote Ratten, und meldeten daS dem Hausverwalter PetschanSki. Inzwischen konnte man eS im Hause kaum mehr aushalten. Noch immer entstand kein Arg­wohn, niemand ging zur Polizei. Man glaubte, die Abfluß- röhre fei geborsten. Bei einer Untersuchung erwies sie sich aber als unverletzt. Die Beamten wurden jüngst fast ohn­mächtig von dem entsetzlichen Geruch, aber man konnte die Ursache nicht seststellen. In der BeerdigungSkammer standen zwar einige Särge und Kisten, die aber schon seit längerer Zeit da waren, ohne daß jemand darauf gekommen wäre, daß sie einen Inhalt bergen könnten. Ein Beamter beschloß endlich, die Kisten und Särge nachzusehen. Er steckte in einen Sarg die Hand, fuhr aber bald mit einem entsetzten Schrei zurück und zog die Hand, die blutbefleckt war, wieder heraus. Man hob den Sarg, der noch bis vor wenigen Tagen völlig leer war, herunter, und der Anblick war so schrecklich, daß selbst diese an den Tod und an Leichen gewöhnten Männer voll Schreck zurückwichen. Der Kops der Leichnams war weit zurückgebogen, und starrte die Männer mit offenen Augen an. Die Füße waren gewaltsam nach oben gezwängt, daS Gesicht war vollkommen entstellt und schwarz geworden, die Nase und Lippen waren abgeschnitten, und der Kops und das ganze Gesicht wiesen schreckliche Wunden aus. Die Hände waren zerschnitten, was wohl daraus hinweist, daß zwischen dem Mörder und dem Ermordeten ein furchtbarer Kamps stattge- funden haben muß. Der Untersuchung-richter erschien sofort, um die Aufklärung der geheimnisvollen Mordes an dieser seltsamen Stätte deS TodeS zu veranlassen. Kein Mensch weiß, wie der Fremde hierher kam, niemand hat ihn gesehen, niemand hat einen Kamps oder einen Schrei gehört. Der Er­mordete war sehr gut angezogen, und man nimmt an, daß es sich um einen Spitzel handelt, an dem die Revolutionäre aus diese schreckliche Weise ihre Rache genommen haben. Diese Annahme, daß eS sich um einen Spitzel handle, wird durch viele Verdachtsgründe bestätigt. Einstweilen ist aber das Geheimnis der Beerdigungskammer noch nicht völlig gelüftet.

Ein entsetzliche - Brandunglück ereignete sich am Donnerstag morgen kurz nach 3 Uhr in Lütgendortmund. Einige junge Leute hatten zwei betrunkene Männer in einen auf der Straße stehenden Möbelwagen transportiert und diesen von außen verriegelt. Der eine Eingeschlossene steckte durch Unvorsichtigkeit einen im Innern des Wagens liegenden Hau­fen Bücher an, wodurch der ganze Wagen Feuer fing und einer der Insassen vollständig verkohlte. ' Der andere wurde mit schweren Brandwunden und Rauchvergistungserscheinungen aufgefunben. Die Täter wurden verhaftet.