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herrMer Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 115. Sonnabend, den 30. September 1911.
Zweites Blatt
An die Reservisten
richtet Oberstleutnant a. D. Heusch in dem „Badischen Militär- vereinSblatte" folgende beherzigenswerten Worte: Mit Abschluß der Manöver hat ein militärisches Jahr sein Ende erreicht. Mit dem stolzen Bewußtsein ihre vaterländische Pflicht getreu und redlich erfüllt zu haben, kehren Tausende von jungen deutschen Männern in die Heimat zum häuslichen Herd und zum altgewöhnten bürgerlichen Beruse zurück. Ist manchem beim Einrücken zum Regiment der Abschied von den Seinigen recht schwer geworden, schwer dem jungen Soldaten die Erfüllung der militärischen Pflichten, die Unterordnung des eigenen Willens, die Ertragung von Anstrengungen und Ent- behrungen beinahe unmöglich, so scheidet er dennoch jetzt mit schweren Herzen von den ihm lieb gewordenen Vorgesetzten, die ihm in manchem den Vater ersetzt haben, und von seinen treuen Kameraden.
Ja, er hat kennen gelernt, was Fürsorge der Vorgesetzten, was Kameradschaft heißt, welch wichtige Hebel sie im militärischen Leben bilden. Und wenn der Oberst den scheidenden Reservisten das letzte Lebewohl zugerufen, der Kompaniechef sowie die Offiziere und Unteroffiziere jedem einzelnen Reservisten die Hand mit den besten Wünschen für eine srohe Heimkehr und glückliche Zukunft gedrückt haben, da wird es wohl manchem weh umS Herz, und das Scheiden wird schwer. Gewiß wird der Heimgekehrte, nachdem die Freude des Wiedersehens der geliebten Eltern und Geschwister vorüber ist, des Abends nach Ersüllung seiner Berufsarbeiten in feinen Gedanken nach der Kajernenstub,e zu den Kameraden zurückschweifen, und er wird sich eingestchen müssen, daß ihm diese gemütlichen Stunden deS kameradschaftlichen Zusammensein- fehlen.
So wird in dem gedienten Soldaten der Wunsch nach kameradschaftlichem Anschluß rege. Nirgendwo kann er aber diesen besser finden, nirgends wird er freundlicher ausgenommen und nirgends ist er mehr willkommen, als in dem Kriegerverein. Hier werden die militärischen Tugenden, Liebe und Treue zu Kaiser, LandeSfürst und Vaterland, Erhaltung deS militärischen Bewußtseins, treue Kameradschaft, weiter gepflegt. Allerdings übernimmt der junge Reservist mit dem Eintritt in den Kriegerverein Pflichten. Diefe sind aber für einen Mann, der mit Ehren der Kaisers Rock getragen hat, leicht zu erfüllen, weil sie auf dem geleisteten Fahneneide beruhen und nur verlangen, daß jedes einzelne Mitglied sich bei allen Gelegenheiten als ein Mann von wahrer Vaterlandsliebe und echter deutscher SinneS- und DenkungSart bewähre.
Leider gibt es in unserem herrlichen Vaterlande Tausende von deutschen Brüdern, die vaterlandSloS genug sind, die Saat des Unfriedens und deS Aufruhrs in die Herzen des Volkes zu pflanzen, und sich nicht gescheut haben, in letzter Zeit deutsche Brüder in der Stunde der Gefahr, wenn daS Vaterland ruft, zum Ungehorsam aufzusordern. Kameraden, Reservisten! denkt allezeit daran, daß Ihr gediente Soldaten seid, Euerem Fahneneide aus das gewissenhafteste und ohne Widerspruch treu geblieben seid und ihm bis zum Tode treu bleiben wollt. Folgt dem wohlgemeinten Rufe eines alten Kriegsveteranen, kommt in unseren Kriegerverein und werdet ebenso gute und treue KriegervereinSmitglieder, wie Ihr brave und pflichttreue Soldaten gewesen seid!
Die Zerstörung der englischen Lustkreuzers „Mayfly".
London, 25. September. Ueber da« rühmlose Ende deS englischen Militärballons „Mayfly" ist bereits kurz berichtet worden. Dieses Luftschiff, das niemals flog, dürste nach Ansicht hiesiger Aeronauten kaum je wieder feine Halle in der bisherigen Form verlassen, denn es hat sich herauS- gestellt, daß Konstruktionsfehler vorhanden sind, die eS ganz wertlos machen. Zwei Jahre hat daS Marinemmisterlum an dem 510 Fuß langen Ungetüm in Barrow bei Vickers bauen lassen, und die Geheimnistuerei war schon nicht mehr schön. Das Lustschiff hat die riesige Summe von 1,400,000 Mk. gekostet und war am Donnerstag letzter Woche, ohne daß eS je einen Probeflug gemacht hatte, endgültig von der aeronautischen Kommission der Admiralität übernommen worden. Im Mai deS JahreS hatte die „Mayfly" zum ersten Male daS Licht der Welt erblickt. Mit großen Vorsichtsmaßregeln war sie aus ihrer Halle in den Hafen von Barrow herauSgebracht worden, wo sie mit ihren Gondeln auf dem Wasser ruhte. Man hatte ein Netz von starken Stricken ringsum gespannt, das sie vor plötzlichen Luststörungen schützen sollte. Damals, im Mai, machte die „Mayfly" keine Flug- bersuche.
Angeblich war das Wetter nicht gut genug. In Wirklichkeit aber war sie viel zu schwer, um sich überhaupt erheben zu können. Am nächsten Tage brächte man sie in die Halle zurück, ließ daS teure Waffergas entweichen, und machte sich daran, daS Aluminiumgerippe zu erleichtern. Als sie gestern wieder zum Vorschein kam, sah man sofort, daß der lange
verdeckte Gang zwischen den beiden Gondeln verschwunden war. Was man ihr sonst noch an Gewicht abgenommen hat, ist nicht bekannt. Auch gestern war der obenbeschriebene „Windschirm" gespannt, obwohl der Wind kaum mit elf Kilometer Geschwindigkeit per Stunde wehte. Langsam schälte sich der weißgraue Körper aus seiner Hülle, wenn man so die Halle beschreiben darf, und glitt geräuschlos in den Hafen hinaus. Kaum zwei Minuten schwebte daS Schiff, mit den Gondeln auf dem Wasser ruhend, alS ein Getöse wie Schnellfeuer die Zuschauer erschreckte. Zugleich sah man die Mitte des langgestreckten Körpers zusammensinken, alS ob da ein oder mehrere BallonettS geplatzt wären, und plötzlich durchbrachen Aluminiumstangen die äußere Hülle, die nun an verschiedenen Stellen auseinanderriß. Der Achterteil des Luftschiffes sank müde auf das Wasser herab und drückte so schwer auf die dort befindliche Gondel, daß sie untertauchte. Die Mannschaft rettete sich, wie berichtet, durch Schwimmen. Ein Teil des aus den geborstenen BallonettS entwichenen GaseS war in die äußere Hülle deS Vorderteils geströmt und hob diesen plötzlich empor, so daß die Spitze fast senkrecht über der Stelle stand, wo der lange Körper eingeknickt war. Mit der größten Mühe gelang eS, die Spitze mit Stricken wieder auf das Wasser herabzuziehen und die Mannschaft der vorderen Gondel aus ihrer gefährlichen Lage zu befreien. Mit unendlichen Schwierigkeiten wurde das gebrochene Ungeheuer dann in die Halle zurückgebracht. Alt Erklärung für den Bruch in der Mitte wird angegeben, daß durch daS Bersten einiger der 17 BallonettS eine Lücke entstanden sei, die dem Gerippe zu viel zumutete. Einer anderen Erklärung nach soll ein plötzlicher Windstoß, einer dritten nach ein Pfeiler, an den sich daS Luftschiff stieß, daS Unglück verschuldet haben. Sachverständige erklären jedoch, daß daS Gerippe zu schwach war, um daS Gewicht des Schiffer zu tragen, und meinen, der Unfall habe den Erbauern eine noch größere Blamage erspart, denn die „Mayfly" würde nie geflogen sein.
Schicksalswege.
Erzählung von Theodor Werner.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Schon war sie nahe daran, ihm aller zu gestehen, im letzten Moment aber noch besann sie sich eines Bessern, und in fast stolzem Tone versetzte sie: „So wenig Sie zu solcher Frage berechtigt sind, so wenig habe ich ein Recht, daraus zu antworten — niemals könnte ich Ihnen eine andere Antwort geben. Wir müssen uns Lebewohl sagen für immer."
In leidenschaftlicher Erregung schleuderte er ihre Hände von sich.
„Ach, ich verstehe! — Baronin von Walten! Welcher Mädchen würde sich nicht für einen Titel verkaufen. Diese Torheit, mir einzubilden, Sie würden einen simplen Bürgerlichen heiraten!"
Dorle verfärbte sich, ihre Brust wogte heftig auf und nieder, aber sie erwiderte nichts. Und eben wollte Georg Scherling seinem gepreßten Herzen noch weiter Lust machen, als die Tür aufging und der Baron eintrat.
Dorle wandte sich, und wie ihr trauriger Blick dem Offizier begegnete, griff derselbe nach seiner Mütze und empfahl sich.
„Ich habe heute einen Brief von Alfred erhalten", sagte Dorle nach der ersten Begrüßung, „willst Du ihn lesen? — Einen ganzen Bogen füllt er damit, feine Freude und Ueber- raschung über seinen unbekannten Wohltäter auszudrücken. Ach, ich kann es Dir auch gar nie genug danken!"
Ehrhard lachte.
„Laß den Brief, Kind. Dein strahlendes Gesicht, wenn Du von Alfred sprichst, ist mir reichlich Lohn für den kleinen Dienst, den ich Dir leisten konnte. — Viel Wichtigeres möchte ich jetzt mit Dir besprechen. Wann soll die Hochzeit sein? Ich bin sehr einsam in dem großen, stillen HauS, Dorle."
Sie schreckte leicht zusammen, daS Herz klopste ihr zum Zerspringen.
Etwas besorgt ruhten seine guten Augen auf ihr.
„Reut Dich Dein Versprechen, Dorle?"
„Eine Sekunde war sie unentschlossen. Sollte sie ihm die Wahrheit sagen und ihm die Entscheidung überlassen?
Während sie noch mit sich zu Rate ging, legte er leicht seine Hand aus die ihre.
„Bedauerst Du, mir Dein Wort gegeben zu haben? Hast Du nicht genug für Deinen alten Freund übrig, um seine Frau zu werden?
So weich, so ruhig er sprach, klang eS doch wie geheime Angst hindurch, als er hinzufügte: „Willst Du nicht versuchen, mich ein bißchen lieb zu gewinnen, Dorle? Ich will je alles tun, Dich glücklich zu machen; bist Du mir doch daS Liebste auf der Welt."
Sie besiegelte ihr Schicksal mit ihren eigenen Lippen, und dann brach sie in bittere Tränen aus.
„Ich bin nicht gut genug für Deine Frau", schluchzte sie.
Er nahm sie in seine Arme, küßte sie zärtlich und meinte lächelnd:
„DaS kann ich doch wohl am besten beurteilen. — Und nun sag, wann soll die Hochzeit sein?"
„Wann du willst", hauchte sie leise. —
Baron von Wollen überschüttete feine Braut mit Geschenken ; sie dankte ihm lächelnd für einen jeden neuen Liebet» beweis, und er schaute ihr in die offenen stahlblauen lachenden Augen, ahnungslos, welch bittere Tränen dieselben Augen in der Dunkelheit der Nacht vergossen, wenn Dorle daS Gesicht in den Kissen vergraben, mit sich kämpste und sich krampfhaft bemühte, Georg Echerlings Züge auS ihrem Herzen und Gedächtnis zu reißen, und mit welchen Gefühlen der Angst sie sich ihr zukünftiges Leben ausmalte — ein Leben der Pflicht, das sie sich selbst gewählt hatte.
Das ***te Regiment, dar nach einem anderen Ort versetzt wurde, gab seinen Abschiedsball. Wohl manchem mochte daS Herz schwer sein, bei dem Gedanken an die Trennung von Freunden, und vielleicht mehr alS Freunden.
Keiner aber trug eS wohl so schwer wie Georg Echerlings. Gegen einen Pfeiler gelehnt, stand er allein und sah finsteren Blickes auf die bunte Menge.
Plötzlich richtete er sich aus, es kam Leben und Feuer in sein Auge, als dasselbe auf Dorle hasten blieb. Eben trat diese am Arme ihres Verlobten ein — schöner denn je in dem schlichten, weißseidenen Kleide — nur etwaS blaß. Mit dem Gesühl bitterster Enttäuschung folgte Georg ihr mit den Blicken. Er mußte sie heute sprechen, daS stand fest in ihm — und wäre es zum letzten Male.
„So, mein Herz," sagte Erhard nach der Polonaise, „jetzt tanze nach Herzenslust, so viel und solange Du willst, nur verlange nicht von mir, Rundtänze zu tanzen, dazu bin ich nun doch schon ein biSchen zu alt."
„Gnädiges Fräulein, darf ich um den nächsten Tanz bitten?" Beim Klang dieser Stimme stieg Dorle daS heiße Blut in die blaffen Wangen und unwillkürlich legte ihre Hand sich fester auf Erhards Arm. „Ich . . . tanze nicht gern Walzer," stammelte sie mit unsicherer Stimme.
„So tanze doch, Kind," redete der Baron ihr zu.
Da legte sie ihre Hand auf Georgs Schulter, und die beiden tanzten zusammen — stumm, ohne auch nur ein Wort zu wechseln.
Erst als die Musik verstummte, sagte der junge Offizier sehr ernst: „Ich habe schon lange auf diese Gelegenheit gewartet. Jetzt sollen Sie mir endlich die Antwort geben, die Sie mir bisher verweigerten."
Dorle zitterte am ganzen Körper, als er sie widerstandslos in einen nebenan gelegenen Salon führte. Er blieb stumm vor ihr stehen in Erwartung ihrer Antwort auf feine Frage. Aber ihre Lippen blieben geschloffen. „Nun?" drängte er, „weshalb heiraten Sie den Baron? Seiner Geldes wegen?"
„O nein," hauchte sie, während ihre Augen sich mit Tränen füllten.
„Seines Namens, seiner Stellung halber?"
„Auch nicht," sagte sie tranig.
„UmS Himmels willen, so reden Sie," stieß er leidenschaftlich hervor; „wenn Sie ihn nicht lieben, ihn weder um seines Reichtums noch seines Titels wegen heiraten — weshalb sonst machen Sie uns beide fürs Leben unglücklich? — Sie sollen, Sie müssen mir eS jetzt sagen!"
„Ich kann ... ich kann ja gar nicht!" schluchzte sie mit erstickter Stimme. — Der arme Georg war ratlos. Er trat einen Schritt näher und ergriff ihre Hand.
„Sie haben wenig schön an mir gehandelt", sagte er traurig. „Sie wußten, daß ich Sie liebte, und ich hätte blind sein müssen, hätte ich nicht gesehen, daß auch ich Ihnen nicht gleichgültig war — und doch geben Sie mich ohne Grund, ohne Erklärung auf. — O Dorle, Geliebte, was ist daS Leben ohne Sie I Noch ist es nicht zu spät! — Weshalb wollen Sie uns beide unglücklich machen? Der Baron ist ein alternder Mann, er kann Sie nicht so heiß, so leidenschaftlich lieben wie ich."
Blaß und traurig sah sie zu ihm auf.
„Ich darf Sie nicht anhören — in 3 Wochen bin ich Erhard WoltenS Frau — bitte, sagen Sie nichts weiter, — ich kann, ich darf Ihnen keine andere Antwort geben."
„Haben Sie denn gar kein Herz?" sprach er bitter.
„Wenn ich doch kein- hätte!" murmelte sie, „ich beschwöre Sie, dringen Sie nicht weiter in mich, ich ertrage es nicht!"
„So ist also alles zwischen uns aus?"
„ES muß sein! — Ach, hätten wir einander doch nie kennen gelernt!"
„Dies Ihr letzter Wort?"
Sie nickte nur stumm und traurig mit dem Kopfe.
„Ein Glück, daß wir noch diese Woche die Stadt verlassen." stieß der junge Offizier heftig hervor, „gebe der Himmel, daß ich Sie niemals wiedersehe! — WaS liegt mir nun noch daran was aus mir wird?! — Ihnen vermutlich auch nicht; wenn Sie aber hören sollten, daß Georg Echer- lings zugrunde gegangen, dann haben Sie den Trost, daß das Ihr Werk ist! Darf ich Sie jetzt wieder zu Ihrem Ver-