sich zweifellos nach vollbrachter Tat die Hände gewaschen hat. Dann lies der Hund die Treppe und ein Stück in daS Treppenhaus hinab, verlor dann aber völlig die Spur. Nachdem auch die Staatsanwaltschaft von der grausigen Tat in Kenntnis gesetzt war, traf StaatSanwaltschastSrat Bauer mit einer GerichtSkommission am Tatort ein. Die Herren nahmen sofort den Tatbestand aus. Von den Hausbewohnern wurde mitgeteilt, daß kurz nach halb 9 Uhr heute morgen ein Hausierer daS Haus betreten habe und daß eS nicht ausgeschlossen sei, daß er auch in der ersten Etage bei der Frau Müller vorgesprochen habe. Wie man annimmt, hat der Täter angesichts der hübsch eingerichteten Wohnung geglaubt, einen guten Beutezug machen zu können oder aber hat er ein Sittlichkeitsattentat geplant. Bei dem Ringen mit seinem Opfer hat er alsdann der Frau eine große Anzahl Messerstiche in Gesicht und HalS beigebracht. Nach dem Gutachten deS hinzugezogenen Arztes muß der Tod der Frau alsbald durch Verbluten eingetreten sein, da die Halsschlagader von dem Messer getroffen wurde. Wie weiter- festgestellt ist. hat der Täter alle Wertsachen und Schmuckstücke, deren er habhaft werden konnte, mit sich genommen. Sogar der Ehering der Ermordeten fehlt. Während sich in der Mittagsstunde nach der Entdeckung des furchtbaren Verbrechens vor dem Hause eine große Menschenmenge ansammelte, bemerkte man angeblich unter ihr auch wieder jenen verdächtigen Hausierer, der Die Bemerkung gemacht haben soll, daß ein ganz ähnlicher Fall sich auch einmal in Basel ereignet habe. Man nimmt an, daß der Verdächtige sich nur vergewissern wollte, inwieweit gegen ihn bereits Verdacht geschöpft worden war. Nach diesem Austauchen verschwand der Mann spurlos; er wird jetzt eifrigst von der Polizei gesucht, der es hoffentlich gelingen wird, schnell Licht in diese Angelegenheit, der ein blühendes Menschenleben zum Opfer gefallen ist, zu bringen.
Cassel, 19. September. Für die KorpSmanöver, die am Montag begannen, war die allgemeine KriegSlage folgende: Eine rote Armee, die über Witzenhaufen-Casiel auf Hannover marschierte, ist am 13. September bei HildeSheim von einer blauen Armee bei Lcinefelde-Witzenhausen gezwungen worden. Die blaue Armee verfolgt. Die Manöver am Montag spielten sich in der weiteren Umgegend von Mühlhaujen und Schlotheim ab. Einer ungeheuren Schlange gleich schob sich Rot die Straße von Mühlhausen über Grabe, Körner. Schlotheim, Malterode nach Almenhausen zu, das der RichtungSpunkt für das Gefecht war. Der Infanterie folgte in gleich unabsehbarem Zuge der Train. Die Marschleistung der Truppen war eine ganz bedeutende; mehrfach blieben Soldaten am Wege liegen. Die rechte Flanke bildete die Artillerie, die wiederum einer gewaltigen Schlange gleich auf den Höhen parallel zog. Links flankierte weit vorgeschobene Kavallerie, die auch zuerst mit dem Feind in Fühlung kam. Wo die Marschroute die Straße von Kirchheilingen schneidet, kreuzten sich auch die Truppengattungen. Die Artillerie bog in den Wald ein, die Infanterie ging in der Senke in großem Bogen, Almenhausen 'vor der Front, in Stellung. Der Ausmarsch war noch nicht beendet, als der Feind in breitgezogenen Kolonnen, bald in Schützenlinie auSschwärmend, auf der Linie Mehrstedt-Hocken- fußra hervorbrach. Die Verspätung im Aufmarsch und seine Länge waren Rot von vornherein nachteilig. In dem Gesecht, das gegen I2V2 Uhr begann und überaus lebhaft war, gab Rot gleich zu Anfang die Offensive aus. Der Rückzug erfolgte über Malterode—Schlotheim; bei Schlotheim wurde auch abends Biwak bezogen.
Cassel, 18. September. Die Schauspielerin Jffland, eine junge Anfängerin, die erst seit Beginn der neuen Spielzeit am hiesigen Königlichen Hoftheater engagiert ist, hat einen Selbstmordversuch gemacht, indem sie sich mit einem Revolver eine Kugel in den Kops schoß. Die Schwerverletzte wurde in ein Krankenhaus gebracht. Der Beweggrund zur Tat soll unglückliche Liebe sein.
Hausen am Meißner, 16. September. DaS hier statt- gehabte Manöver hat für eine hiesige Familie einen beklagenswerten Unfall im Gefolge gehabt. Ein etwa 14jähriger Junge fand eine liegengebliebene Platzpatrone, auf die er mit einem Hammer schlug, wobei die Patrone explodierte und der Holz- pfropfen in daS Bein des Knaben drang. Der Junge mußte in das Landkrankenhaus nach Cassel gebracht werden.
Löwenhagen bei Münden, 18. September. Der Wirt der bekannten Sommerfrische „Spießmühle" wurde auf der Rückfahrt von Uslar bei der Ruine der alten Kirche im Schwülmetal von vier mit Gewehren bewaffneten Männern angehalten, wahrscheinlich Wilddieben, vom Wagen gerissen und beraubt. Die Männer setzten sich dann auf den Wagen des Wirtes und fuhren davon. Nach einer kurzen Strecke aber ließen sie den Wagen stehen und verschwanden im Walde. Der Wirt konnte nun nach Hause fahren. Leider fehlt von den Räubern jede Spur.
Vacha, 18. September. Ein hiesiger Geschäftsmann wurde kürzlich zwischen Nippa und Ransbach von einer gif- tigen Fliege in den Mittelfinger der rechten Hand gestochen, wodurch eine Blutvergiftung eintrat, die eine starke Anschwellung der Hand und des Arme- zur Folge hatte. Nur dem Umstand, daß der Betroffene alsbald tiefe Einschnitte in die angeschwollene Hand machen ließ, hat er es zu danken, daß die Blutvergiftung keine schlimmeren Folgen zeitigte.
Homberg, 19. September. Der Führer der deutsch- sozialen Partei, Abg. Liebermann von Sonnenberg, der Vertreter des Hess. Reichstagswahlkreises Fritzlar—Homberg—
Ziegenhain, ist in einem Sanatorium in Schlachtensee gestorben. Die letzten Lebenslage LiebermannS waren durch schwere Leiden stark getrübt. Anfangs Juli erlitt er bei einem Besuch bei der Gräfin Reventlow in Holstein einen Schlaganfall, der dem Kranken die Sprache völlig raubte. Darum war seine Uebersührung in ein Sanatorium notwendig geworden.
Gelnhansen, 17. September. Vor dem leichtsinnigen Gebrauch der Schußwaffen kann nicht genug gewarnt werden. Ein hiesiger Geschäftsführer nahm in dem aus der Dürich gelegenen Blockhaus (Gastwirtschaft) ein an der Wand hängendes Gewehr ab, trotz der Mahnung des Wirtes, eS sei geladen. Er glaubte eS nicht. Plötzlich fiel ein Schuß, und die Kugel traf den Arbeiter Henke derart in das rechte Bein, daß er nach Haufe gebracht werden mußte.
Hana«, 16. September. Beim Spielen am Ufer deS Stadtgrabens fiel das vierjährige Kind deS Arbeiters Geyer in daS Wasser und wurde von der Strömung fortgetrieben. DaS Kind wurde später als Leiche geländet.
Darmstadt, 19. September. Ein schweres Automobilunglück ereignete sich heute nachmittag nach 6 Uhr aus der Chaussee zwischen Pfungstadt und Bickenbach. Ein Frankfurter Automobil, das sich auf der Rückfahrt befand, fuhr an einer scharfen Kurve gegen einen Randstein. Die beiden Insassen, der Monteur Schreiber und Ingenieur Buß, wurden heraus- geschleudert. Der Monteur war sofort tot, Buß wurde schwer verletzt.
Mühlhausen i. Thür., 18. September. Ein von Schlotheim abgelassener Extrazug, der um 6 Uhr abends die Manöverbummler in 18 vollbesetzten Wagen nach Mühlhausen brächte, Überfuhr bei der Station Bollstedt ein Geschirr. DaS Pferd war aus dem Felde scheu geworden und lies mit dem Wagen über die Schienen, wo es der Zug erfaßte. Dem Kutjcher wurden Kopf und Beine abgefahren, der Wagen zertrümmert; daS Pserd rannte mit der Deichsel querfeldein.
Jena, 17. September. Ueber einen Studentenulk aus Anlaß deS sozialdemokratischen Parteitages wird solgendes mitgeteilt: Den Zug eröffneten zwei als Schutzleute verkleidete Studenten als Vorreiter. Dann folgten zwei von Studenten besetzte Wagen, die aus einer Tafel die Inschrift trugen „Marokkoexpreßzug". Dann solgte eine Anzahl betrübt auS- fchauender Studenten, die die Köpfe hängen ließen, vor ihnen wurde eine Tafel getragen, mit der Aufschrift: „Resultat deS Parteitages." Die Studenten stellten sämtliche Karrika- turen von Persönlichkeiten deS Parteitages dar und waren als solche bezeichnet. U. a. kamen so zur Darstellung: Bebel, Dietz, Klara Zrtkin, Rosa Luxemburg, Molkenbuhr usw.
Saalfeld a. d. S., 18. September. Hier ist in der vergangenen Nacht die Nähmaschinensabrik von Richard Knoch vollständig niedergebrannt. Die EntstehungSursache ist noch unbekannt.
Gera, 18. September. Hier entleibte sich der Leder- warensabrikant Lehmann, der bei dem Zusammenbruch deS Bankhauses Bauer u. Anders, bei welchem zahlreiche Personen ihr Vermögen verloren haben, über 100 000 Mark eingebüßt hat.
Weimar, 16. September. In Leutcnthal wurde bei Ausübung der Jagd in einem unweit deS DorseS gelegenen Gehölz der Sohn des Gastwirts Salzmann durch einem vom Vater abgegebenen Schuß am Kopf und im Gesicht so schwer verletzt, daß er in eine hiesige Klinik übergeführt werden mußte.
Vermischtes.
— Westerland, 19. September. Heute früh um 8 Uhr entstand in dem ersten Strandrestaurant Ostermann durch bisher noch nicht aufgeklärte Ursache Feuer. Der Südwest- wind beschleunigte den Brand, so daß innerhalb einer Stunde die sämtlichen vier Restaurants im Norden, nämlich die Halle von Ostermann, die des Carlton-HotelS, die Halle deS Hotels Deutscher Kaiser und die Halle von Maresch völlig nieder- brannten. Ferner fiielen der ZeitungSpavillon und ein Teil der Wandelbahn dem Brande zum Opfer. Leider waren die Löschvorrichtungen äußerst mangelhaft. Von der Feuerwehr sind drei Personen leicht verletzt. Der Schaden beläuft sich auf etwa 250,000 Mark, der nur zum Teil durch Versicherungen gedeckt ist.
— B erli n, 19. September. Im Hause Vogtstraße 7—8 stürzte sich die Frau des Friseurs Erler heute vormittag von dem Dach des fünfstöckigen Gebäudes auf den Hof, wo sie tot liegen blieb. Den Grund bilden eheliche Zwistigkeiten.
— Berlin, 19. September. Im Hause Grünerweg Nr. 47 find in der Wohnung einer Frau Ezerwitzki sechs Personen nach dem Genuß von Schabefleisch erkrankt, darunter drei schwer.
— Eine Familientragödie hat sich im Schloß Ricklingen (Hannover) ereignet. Der seit vier Jahren dort wohnende Kunstmaler Paul Huver hat seine Frau, sein dreijähriges Kind und dann sich selbst erschossen. Der Grund ist in finanziellen Schwierigkeiten zu suchen, womit die Familie seit längerer Zeit zu kämpfen hatte. Huver ist der Sohn deS Professors Huver in Posen und hat als Kunstmaler noch nichts Ersprießliches geschaffen. Vor vier Jahren kam er nach Ricklingen, wo er mit feiner Frau das ihm gehörige Schloß bezog, dar früher einem Prinzen Waldrck gehörte. Huver hatte häufig versucht, in Hannover Aufträge zu bekommen, die er aber nicht erhielt. Da die Not immer
größer wurde, verkaufte Huver dar HauS an einen Fabrikanten in Hannover. Von dem Rest deS Hausgelder nach Abzahlung der Hypotheken lebte die Familie bis jetzt. Dabei ging der Gerichtsvollzieher schon vorher bei H. aus und ein. Huver hat scheinbar seine 30 Jahre alte Feau ohne deren Einwilligung erschossen, wie auS den näheren Umständen hervor- geht. Frau Huver, die im Begriff war, sich zur Ruhe zu begeben, scheint vor dem Spiegel gestanden zu haben, um sich daS Haar zu lösen, alS sie von ihrem Mann sestgehalten und durch einen Schuß in die Schläse getötet wurde. Dann hat er sein dreijähriges Söhnchen im Bett erschossen und hieraus sich selbst durch einen Schuß in die Schläfe getötet. Der Vater der Huver ist heute mittag in Ricklingen eingetroffen.
Letzte nachrichten.
Berlin, 19. September. Der WilmerSdorfer Magistrat beschloß, den Magistrat von Berlin zu bitten, die Gemeinden von Groß-Berlin demnächst zu einer Konserenz einzuladen, um über Maßnahmen gemeinsam zu beraten, welche zur Linderung der LebenSmittelteuerung zu ergreifen find.
Hamburg, 19. September. Für 30 000 Mark Juwelen find in der letzten Nacht in dem Juwelierladen von Burg im GraSkeller gestohlen worden. Die Einbrecher gelangten durch Oeffnen von zwei nach der Straße zu liegenden Sicherheitsschlössern der HauSeingangStür zum Laden. Von den Einbrechern hat man keine Spur.
Madrid, 19. September. Der „Vofsischen Zeitung" zufolge, wurde die Gegend von Asti von einem Wirbelsturm heimgesucht, der die berühmten Astipumantiweinberge verwüstete. Der Schaden wird aus eine Million Lire geschätzt.
B e r l i n, 20. September. Der „Vofsischen Zeitung" wird von wohl informierter, dem Eulenburgprozeß nahestehender Seite berichtet. Fürst Eutenburg ist feit drei Tagen bettlägerig. In seinem Zustand find seit der letzten ärztlichen Untersuchung, die im April dieser Jahres erfolgte, keine Aenderungen eingetreten. Nach wie vor sei er verhandlungSunfähig. Von einer Terminberaumung könne daher keine Rede sein.
Wien, 20. September. Der gestrige Tag und Abend verliefen am Ottakring vollkommen ruhig.
Warschau, 19. September. Der wegen Ermordung seines Neffen angeklagte Gras Ronikier wurde zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Zwei Mitangeklagte wurden freigesprochen.
Peterkburg, 19. September. Die heutige Nummer der Petersburger deutschen Zeitung „Petersburger Herold" ist wegen eines Zeitungsartikels über Stolypin beschlagnahmt worden. Der Redakteur wird zur Verantwortung gezogen werden.
Petersburg, 19. September. Zahlreiche eingegangene Meldungen beweisen, daß das tragische Ende deS Minister- präfidenten Stolypin überall eine erschütternde Wirkung hervorgerufen hat. In den Kirchen werden Bittgottesdienste zelebriert. Nach Kiew reifen zahlreiche Deputationen, um Kränze am Sarge StolypinS niederzulegen. Die Witwe deS Ermordeten erhält fortwährend Beileidstelegramme. Der Kaiser ließ am Sarge StolypinS ein Kreuz aus weißen Blumen niederlegen.
Düsseldorf, 19. September. Bei der heutigen Reichs- tagSersatzwahl für den verstorbenen AmtSgerichtSrat Kirsch erhielten Haberland (Soz.) 33 812, Dr. Friedrich (Ztr.) 29 076 Stimmen, Herkenrath (nationale Vereinigung) 3138, Dr. Breitscheid (Demokrat) 3510 und ChoziewSki (Pole) 271 Stimmen. ES findet Stichwahl zwischen Haberland und Dr. Friedrich statt.
P a r i S, 19. Eeptenmber. DaS Militärlustschiff „Adjutant Beaux" ist nach 21Vaftünbiger Fahrt von der französischen Ostgrenze nach Jssy-leS-Moulineaux zurückgekehrt. Die Fahrt führte über Verdun und Toul nach Spinal und Belfort, wo über den FortS Rekognoszierungen vorgenommen wurden? DaS Luftschiff hat bei 9300 Kubikmeter Inhalt eine Länge von 94 Metern. Die Godel ist 45 Meter lang. Zwei Motore, deren jeder drei Schrauben antreibt, erzeugen je 120 Pscrdekräste.
Oeffentlicher Wetterdienst.
Wetterdienststelle Frankfurt a. M.
Donnerstag, den 21. September 1911.
Wechselnde Bewölkung, zeitweise Niederschläge.