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herrftlder Kreisblatt
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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 111. Donnerstag, den 31. September 1911.
Amtlicher teil.
HerSseld, den 18. September 1911.
Die Maul- und Klauenseuche in Weißenhasel, Kreis Roten- bürg, ist erloschen.
I. 11 685. Der Landrat.
I. 8.:
Wessel, Kreitsekretär.
nichtamtlicher teil.
FmrWe WeserM in der Rarokkefrsze.
Seit gestern abend ist die Stimmung in Paris hinsichtlich der Marokko-Verhandlungen unstreitig etwas nervöser geworden. DaS wiederholte Warten aus Antwort und die Befürchtung, daß Deutschland in den Punkten, die den Franzosen am meisten am Herzen liegen, am Ende doch nicht nachgeben könnte, haben die öffentliche Meinung unstreitig erregt, war sich auch in einem beträchtlichen Teile der Presse widerspiegelt. Immerhin herrscht keine Kriegsfurcht, sondern nur die Besorgnis, daß sich die Verhandlungen entweder zerschlagen oder inS Unendliche hinziehen können, worunter naturgemäß die beiderseitigen freundnachbarlichen Beziehungen schwer zu leiden hätten. Mit unverkennbarer Erregung erwartet man dar Eintreffen der deuischen Antwortnote, über deren ungefähren Inhalt aber vor morgen schwerlich etwa- bekannt werden dürste. Es wird vielsach daraus hingewiesen, daß die telegraphischen und brieflichen Mitteilungen, die Cambon schon vorher nach PariS gesandt und worin er die Eindrücke mitgeteilt hatte, die ihm in der Freitags-Unterredung mit Herrn von Kiderlen zuteil geworden sind, hier nicht voll befriedigt hätten. DieS soll auch in der Besprechung zutage getreten sein, die de SelveS gestern mit Caillaux über den Gegenstand hatte. Der Matin glaubt zu wissen, daß nach Uebersendung der letzten französischen Note noch immer zwei wichtige Punkte in der Schwebe bleiben, ein politischer und ein wirtschaftlicher, die sich aber beide auf Marokko selbst beziehen. DaS genannte Blatt behauptet, im Anschluß hieran im Lause deS gestrigen TageS aus angeblich guter Berliner Quelle die Nachricht erhalten zu haben, daß gewisse Anzeichen aus eine Annahme der wirtschaftlichen französischen Gesichtspunkte durch Deutschland schließen lassen. Der Matin glaubt, daß Deutschland seinerseits bereits Zugeständnisse gemacht habe. Ueber den strittigen politischen Punkt wird nichts weiter gesagt, so daß sich an- nehmen läßt, daß er noch heiß umstritten wird. Die nationalistische und in Marokko direkt interessierte Presse versichert mit äußerstem Nachdruck, daß Deutschland sich irre, wenn eS glaube, durch lange- Hinziehen der Verhandlungen
falsches Glück.
Novelle von Th. Werner.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
„Erinnerst Du Dich ihrer nicht mehr?"
„Aus zwei Gesichter kann ich mich besinnen: daS eine, glaube ich, war blond und lachend, daS andere dunkel und schön; ob aber eins von ihnen meine Mutter war, kann ich nicht sagen. Mir schweben die beiden Gesichter auch nur ganz undeutlich, wie ein schwacher Traum vor. Sie kannten meine Mutter?"
Ihr Herz schlug dem Knaben warm entgegen, voll tiefen Mitleids und leidenschaftlichem Weh. Alles hätte sie für ihn getan — nur nicht Jmmenbrook abtreten.
„Ja, ich kannte sie; deshalb bin ich auch zu Dir gekommen."
„Woher wußten Sie, daß ich hier war?"
Diese Frage machte Sie stutzen.
„Ich erfuhr eS zufällig und wollte Dich gern sehen.
„Wie gut von Ihnen!" ,
„Ich werde öfter mal Herkommen, und wenn Du irgend etwas gern möchtest, eS Dir mitbringen." .
„O, ich wünsche mir manche- — zum Beispiel einen guten Krocketschläger und Pfeil und Bogen."
„Da sollst Du beide- haben", lächelte Tea.
„Wie gut Sie sind!" sagte der Knabe, so ganz nut Valerie- Stimme, daß Sie förmlich zusammenfchrcckte. Aber Sie haben mir noch garnicht gesagt, wer Sie finb!"
„Du wirst Dir den Namen Frau Schmidt leicht merken können."
„Wir haben schon fünf Schmidt- in der Schule" lachte der Knabe. — „Haben Sie auch meinen Vater gekannt?
Tea bejahte mit matter Stimme.
„Meine Eltern sind beide tot" seufzte der Knabe. „Ich war in Amerika bei meinem Onkel Dornberg. Der ist nun ou$ tot und ich bin ganz allein in der Welt."
und durch Unnachgiebigkeit Frankreich gefügiger machen zu können. Alle diese Versicherungen jener Presse zielen nur darauf ab, einen Druck auf die französische Regierung und dann, wenn möglich, auch aus die deutsche oder gar aus den Kaiser auSzuüben, um so ein Nachgeben Deutschland- zu erzwingen. In hiesigen RegierungSkreisen trägt man nach außen hin eine gewisse Hoffnungsfreudigkeit zur Schau, verhält sich sonst aber äußerst reserviert, so daß eS unmöglich ist, einigermaßen sichere Schlüsse auf die wahren Ansichten zu ziehen.
Brüssel, 19. September. Nachdem Deutschland und Frankreich ihre Reservisten in der vor Monaten bereits festgesetzten Art und Weise entlassen, geht Belgien jetzt in gleicher Weise vor. ES wird bekannt, daß die Reservisten morgen entlassen werden. Damit beseitigt Belgien eine Unruhe, die in die Bevölkerung getragen wurde und erheblichen Schaden angerichtet hat. Inzwischen setzt die belgische Regierung die Instandsetzung der befestigten Plätze fort. Man erklärt sogar, eS werde in den nächsten Tagen ein Probealarm gegeben werden, um zu sehen, ob man auf alle Fälle vorbereitet ist.
B r ü s f e l, 19. September. Die hiesigen Sozialisten hielten gestern abend eine Versammlung gegen den Krieg. Die Redner protestierten gegen den Krieg, indem sie sich mit den Sozialisten Frankreichs und Deutschlands solidarisch erklärten.
J«r Warnung.
Vor dem Zuge in die großen Städte ist schon oft gewarnt worden. Behörden, Vereine und auch die Presse haben immer wieder darauf hingewiesen, daß daS draußen verlockend scheinende Bild der Großstadt bei näherem Zusehen manche häßlichen Züge zeigt. Genützt haben die Warnungen nicht viel. Die Zahl der Landflüchtigen beläuft sich jahraus jahrein auf viele Tausende.
Die meisten kommen ohne Aussicht aus eine seste Stellung in der irrigen Meinung, in einer großen Stadt könne eS ihnen an Arbeit und reichlichem Verdienst nicht fehlen; sie glauben, daß eS ihnen da, wo unzählige Menschen wohnen, leicht werden müsse, Beschäftigung zu finden. Wie bald müssen viele von ihnen einsehen, daß sie sich getäuscht haben. Wenn die mitgebrachten Spargroschen verbraucht sind, beginnt daS Elend. Zahlreiche junge Männer sinken in der Großstadt von Stuse zu Stufe, weil sie ohne Arbeit und Verdienst gezwungen sind, in schlechten, billigen Schlafstellen oder Herbergen zu wohnen und mit mehr oder weniger verkommmen Menschen zu verkehren. Noch schlimmer find die Familienväter daran. Wenn sie nach wochenlangem Umherlausen keine Arbeit gesunden haben, wenn sie immer wieder abends mit leeren Händen und ohne Aussicht auf Beschäftigung zu der Familie kommen, so bemächtigt sich ihrer nicht selten die Verzweiflung. Der Polizeibericht weiß manche- Stücklein hiervon zu erzählen.
Aber wenn auch der Ankömmling vom Lande schließlich eine Stelle gefunden hat, so ist er damit doch noch keineswegs
„Er war wohl sehr gut zu Dir?"
„Ach, so gut, wie ein Mensch nicht besser sein kann."
„Ich werde auch gut zu Dir sein und Dir, so oft ich komme, irgend eine Frende machen."
„Sind Sie eine Verwandte von mir?" forschte der Knabe. „Mir ist immer, als müßte ich Ihre Stimme schon einmal gehört hoben. Ihr Schleier ist so dicht, darf ich Ihr Gesicht nicht einmal sehen?"
Einen Moment zögerte Tea.
„Gewiß, warum nicht?" sagte sie dann lachend und schlug den Schleier zurück.
„Ich muß Sie schon einmal gesehen haben — aber wann, wo?"
„Unmöglich! Ich bin noch nie in Amerika gewesen", lächelte Tea, während ihr vor Angst und Schrecken der Atem stockte.
„Ich bin froh, daß Sie gekommen sind, mich zu be» suchen — so allein hier ist eS doch oft recht einsam für mich. Ich bin auch noch nie, seit ich hier bin, auS dem Garten herausgekommen."
„ArmeS, armes Kind!" murmelte sie und ihre Augen wurden feucht. „Nun, ich komme bald wieder", versprach sie, indem sie aufstand, sich zu dem Knaben niederbeugte und ihn auf die Stirn küßte.
Er wurde dunkelrot.
„Ich glaube eS hat mich noch nie jemand geküßt", sagte er verlegen.
In der nächsten Minute hatte sich die Tür wieder hinter ihr geschlossen.
27.
Anstatt, nachdem sie den Knaben wiedergesehen, innerlich ruhiger zu werden, wie sie gehofft hatte, verließ der Gedanke an ihn sie nun Tag und Nacht nicht mehr. Mit eiserner Hand suchte sie den Vorwürfen ihre- eigenen Herzens zu steuern.
Sie besuchte ihn wiederholt, brächte ihm den Krocket- fchlägcr, gab ihm Taschengeld, gewährte ihm jeden Wunsch, jede Laune.
aller Not und Fährlichkeit des Leben- überhoben. Die Lage deS Arbeiter- in der Großstadt ist und bleibt viel weniger gesichert als die des ländlichen Personals. Der großstädische Arbeiter wird beständig von Arbeitslosigkeit bedroht, er hat selten eine sichere Arbeitsstelle. In der Saison Ueberorbeit, außer der Saison Arbeitslosigkeit! Not und Elend find da oft erschreckend, Freunde und Nachbarn nicht vorhanden; denn daS natürliche Mitleid ist in den großen Städten nicht leicht zu finden, aus dem einfachen Grunde, weil man sich nicht kennt, weil selbst unter den Bewohnern desselben HauseS der Begriff der Nachbarschaft verloren gegangen ist.
Nur zu oft sührt in den großen Städten die Not unmittelbar oder als Folge des Leichtsinns auf schiefe Bahnen. Nicht mit Unrecht hat man den Asphalt der Großstädte als den Nährboden für Verbrechen bezeichnet. In feiner Schrift „Die Verbrecherwelt von Berlin" sagt StaatSanwalt Otto: „Nur in großen Städten ist der Boden, in dem Pflanzen gedeihen können, auf die man Ausdrücke wie gewerbsmäßiges Verbrechertum mit Recht anwenden kann. Nur die Verhältnisse einer Großstadt lassen einen Verbrecher von Berus großwerden, und nur sie gestatten ihm, sein Gewerbe in nennenswertem Umfange auSzuüben." Diese Tatsache ist unbestreitbar. Dazu kommen weiterhin die gesundheitsschädlichen Einflüsse der Großstadt mit ihrem Mangel an Lust und Licht, die für Unzählige schon in jungen Jahren den Ruin der Lebenskraft und ein frühzeitige- Grab bedeuten.
Aus allen diesen Gründen kann man die Landarbeiter nicht dringend genug vor dem Zuge nach der Großstadt warnen. Glückliche Landbewohner bleibt aus eurer Scholle, bei Licht und Lust, Grün und Sonnenschein, den unersetzlichen Gütern, die der Großstädter fast immer entbehren muß! Meidet da- unsichere, nervöse Tresen der Großstädte, in denen zwar nach außen Glanz, nach innen aber desto mehr Elend und Verzweiflung zu finben ist! Ein wahrer Ozean von Elend flutet durch die moderne Großstadt. Tausende und abertausende, die gleißenden Lockungen folgend, ihr Heim auf dem Lande verließen, um da- Glück in Berlin und anderen Großstädten zu suchen, find in diesem Ozean versunken. Möge daS Schicksal der zahllosen Armen, bemitleidenswerten Opfer der Landflucht ein warnendes Beispiel sein.
A<$ > und Ausland.
Se. Majestät der Kaiser hörte gestern nachmittag im Schlöffe in Cadinen den Vortrag deS Chefs deS Zivil- kabinettS, Wirklichen Geheimen Rat- v. Valentini.
Die Kronprinzessin Cecilie vollendet am heutigen Mittwoch ihr 25. Lebensjahr. Sie ist am 20. September 1886 zu Schwerin als die Tochter deS GroßherzogS Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin und der Großherzogin Alexandra, Großfürstin von Rußland, geboren. Nach spontaner, auf dem Grunde zärtlichster Zuneigung geschlossener Verlobung der
EineS TageS kam Direktor Nestmann und Dr. Hartig in demselben Moment nach Hause, als Tea daS Institut verließ.
Letzterer grüßte höflich.
„DaS war Frau Schmidt, die immer zu Edgar Dornberg kommt", wandte er sich, nachdem sie aneinander vorbeigegangen waren, zu dem Direktor.
„Frau Schmidt?" wiederholte dieser. „Nein, da irren Sie, das war Frau von Oetting, ich kenne ihren Mann näher — aber vielleicht ist der kleine Dornberg ein armer Verwandter von ihr; daS ist sehr möglich."
Wenige Tage danach traf der Direktor wieder mit Kurt von Oetting im Wissenschaftlichen Verein zusammen.
Letzterer gratulierte dem Direktor zu seiner soeben mit größtem Beifall ausgenommenen Rede und unterhielt sich noch ein Weilchen mit ihm. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Direktor unter anderem beifällig:
„Zu meiner großen Freude erfuhr ich kürzlich, daß sich ein Protegee von Ihnen in meiner Schule befindet."
„Ein Protegee von mir?— In Ihrer Schule? — Wie kommen Sie daraus?"
„Ich meine den jungen Dornberg, den Ihre Frau Gemahlin immer besucht — Vielleicht ein armer Verwandter von Ihnen?"
„Wie? Meine Frau, sagen Sie, kommt öster in Ihre Schule? — Nein, Herr Direktor, daS ist ein Irrtum, da hätte meine Frau mir doch etwas davon gesagt."
Dem Direktor fiel plötzlich ein, daß sie ihre Besuche vielleicht absichtlich geheim halten wollte und dieselben deshalb als „Frau Schmidt" machte.
„Hoffentlich habe ich da kein Unheil angerichtet", dachte er erschrocken; laut aber sagte er nur: „Da habe ich mich jedenfalls geirrt."
Oetting setzte so unbegrenztes Vertrauen in seine schöne Frau, daß er mit keinem Gedanken weiter an die Sache gedacht haben würde, hätte nicht Tea selbst sie ihm durch ihr eigentümliches Benehmen wiederholt in Erinnerung gebracht.
AI- sie am folgenden Mittag einige Tischgäste bei sich hatten und daS Gespräch unter anderem auch aus die