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herrselder Armblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knfchlutz Nr. 8
Nr. 83. Sonnabend, den 15. Juli 1911.
Die heutige Nummer umfaßt 8 Seiten.
Erstes Blatt.
Amtlicher teil.
Hersseld, den 10. Juli 1911.
Mit Genehmigung der Königlichen Regierung habe ich auf Grund des § 103 der ZuständigkeitS-Gesetzes vom 1. August 1883 an Stelle des Hegemeisters Christ zu Forsthaus Wüst- seid dem Förster Schmidt daselbst die aushülsSweise Mitwirkung bei Ausübung der Jagdpolizei in den Gemeindebezirken Wüstseld, Wippershain, Dünkelrode, Conrode, Schenksolz, Schenklengsseld und WalkomeS übertragen.
Zugleich ist der Königliche Forstausseher Bauer in Wippershain mit der aushülfrweisen Mitwirkung bei Ausübung der Jagdpolizei in den genannten Jagdbezirken und ferner in den Gemeindejagdbezirken Sorga, Hermannshof, Petersberg, Kühn» bach und Rotensee beauftragt worden.
I. 8500. . Der Landrat.
I. B.:
von C o s s e l.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Auch in der BerichtSwoche haben die Erörterungen über die jüngste Entwicklung des HansabundeS ihren Fortgang genommen. Während ganze Gruppen und hervorragende Einzelvertreter der Industrie ihren AuStritt erklärt haben, wurden von der Leitung deS HansabundeS ZustimmungSkund- gebungen, die ihr zugegangen sind, bekannt gegeben. Die Anhänger der aus dem ersten allgemeinen Hansatage hervorgetretenen Richtung wollen in dem Ausscheiden so wichtiger Gruppen wie deS ZentralverbandeS deutscher Industrieller, der Verbandes der Saarindustrie, großer schlefischer Werke usw. nichts als eine „reinliche Scheidung" oder einen „KlärungS« Prozeß" erblicken, der zur Kräftigung deS HansabundeS sühren werde; die Gegner dieser Richtung glauben, auS den letzten Vorgängen aus den Niedergang deS HansabundeS schließen zu können. Welche von den beiden Auslassungen richtig ist, läßt sich jetzt natürlich noch nicht sagen, das wird die Zukunft lehren.
In der auswärtigen Politik steht noch immer die Wa- rokkosrage im Vordergründe deS Interesses. Der sran- zösische Botschafter Cambon, der in der BerichtSwoche wieder in Berlin eingetroffen ist, hat sofort den Staatssekretär des Auswärtigen v. Kiderlen-Waechter in dessen Wohnung ausge
Cture Räncherwar«.
Humoreske von Adolf Thiele.
Seuszend stieg ein älterer Herr die drei Treppen des eleganten Wohnhauses empor. Nachdem er auf den Knopf gedrückt, erschien eine würdige Dame.
„Verzeihen Sie", sagte der Besucher, „ist vielleicht der Herr Professor zu sprechen?"
„Wen darf ich melden?" fragte die Dame.
„Willibald Hinzmann, Maler!" erwiderte der Fremde schüchtern. „Der Herr Prosessor kennt mich schon."
„Bitte, warten Sie hier im Vorzimmer!" entschied die Dame. „Ich weiß noch nicht, ob der Herr Professor zu sprechen ist."
Bald kehrte sie zurück: „Der Herr Professor läßt bitten."
Etwas zaghast folgte der Eingeladene; seinen abgenützten Ueberzieher legte er indessen nicht ab.
„Bitte, bemühen Sie sich nicht!" sagte er. „Ich kenne den Weg schon."
Er ging nun einen Gang entlang inS Hintergebäude, wo Professor v. Wenzel sein Atelier hatte, einen besonderen Bau, den der Hauswirt dem berühmten Maler zuliebe hatte errichten lassen.
Hinzmann klopfte leise an.
„Herein!" ertönte eine scharfe Stimme.
Der Eintretende sand den großen Kollegen mit einer jener kleinen Skizzen beschäftigt, bei denen der Laie nicht einzusehen vermag, daß der Schöpfer so gewaltiger Gemälde erst so peinliche Vorstudien macht.
„Recht lange nicht gesehen, lieber Kollege!" äußerte Menzel mit seiner scharfen Stimme, ohne seine kleine Gestalt M «heben. „Bitte, nehmen Sie Platz!" Hinzmann setzte sich auf einen Fauteuil, während Wenzel sich eifrig zeichnend “bet seine Skizze beugte, so daß man von seinem Haupte nur mächtige Glatze sah.
Nach einer Weile erhob er sich und gab dem Besucher H"ud. ohne daß sich in seinem ehernen Gesicht eine Be- w-Sung kundgab.
sucht. Die Aussprache beider hat, wie offiziös mitgeteilt wird, ergeben, daß keinerlei Anlaß zur Beunruhigung vorliegt, daß vielmehr aus beiden Seiten der aufrichtige Wunsch besteht, sich über etwaige Differenzen zu verständigen. DieS wird überall Befriedigung hervorrufen. ES ist von Anfang an von der deutschen Regierung versichert worden, daß die Entsendung einer Kriegsschiffes nach Agadir nur den Zweck hat, bedrohte deutsche Interessen zu schützen. Wenn auch der eigentliche Zweck der sein sollte, daß sich Deutschland, nachdem Spanien und Frankreich ohne Rücksicht aus den AlgesiraS- Vertrag in Marokko allmählich Gebiete okkupieren, auch zu Worte meldet, so war doch von vornherein angenommen worden, daß das Vorgehen Deutschlands stets besonnen bleiben werde. Darin wird die Oeffentlichkeit auch durch die offiziöse Mitteilung über die Unterredung CambonS mit Herrn v. Kiderlen-Waechter bestärkt. Wenn indes in ausländischen Blättern befürwortet wird, den Zustand in Marokko, wie er vor dem Zuge nach Fez war und die Algesirasakte wieder- herzustellen, so dürste daran wohl kaum zu denken sein. Wir stehen vor einer neuen Lage, und diese muß eine neue Lösung finden.
Zwei wichtige Entscheidungen sind in der Be- richtSwoche im englischen Parlament gefallen. Das Oberhaus hat die Spezialberatung der Vetobill beendet, nachdem eS das von der Regierung entschieden abgelehnte Amen- dement Lansdowne, durch welches verschiedene Maßnahmen, insbesondere Homerule, von der Wirksamkeit der Vetobill ausgeschlossen werden, mit 243 gegen 46 Stimmen angenommen hatte. Wie auS London gemeldet wird, erhält sich in dortigen politischen Kreisen die Ansicht, daß, nachdem das Unterhaus die Amendements zur Vetobill abgelehnt und ASquith die Absicht der Regierung kundgegeben haben werde, der Krone die Ernennung neuer Peers anzuroten, daS Oberhaus nach- geben werde. Ferner wurde im Unterhause nach mehrtägiger heftiger Debatte die zweite Lesung deS SeeprisengesetzeS angenommen, das an den nationalen Prifengerichten diejenigen Aenderungen vollzieht, die erforderlich sind, um den internationalen OberprisengerichtShos inS Leben treten zu lassen, und welche die Notifizierung der Londoner SeerechtSdeklaration bedingt. Der Antrag der Opposition, die Londoner Deklaration einer Kommission von Sachverständigen zu überweisen, wurde unter heftigen Kundgebungen der Unionisten abgelehnt. Nun hat daS Oberhaus daS Wort, wo die Gegner der Vorlage die große Mehrheit besitzen. Es wird sich in nächster Zeit zeigen, ob die LordS geneigt sind, auch in dieser Frage Widerstand zu leisten.
In Frankreich hat der Antimilitarismus neuerdings wieder derart um sich gegriffen, daß ein um- faffendeS gerichtliches Vorgehen gegen ihn eingeleitet worden ist, daS zu ebenso überraschenden wie bedenklichen Ergebnissen geführt hat. Den Ausgangspunkt deS gerichtlichen Verfahrens bildete die Wahrnehmung, daß in den jüngsten Wochen den Soldaten massenhaft Rundschreiben zugingen, die sie zu Un
„WaS führt Sie zu mir, Kollege?"
„Verzeihen Sie, Herr Prosessor!" begann Hinzmann stockend. „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll —"
„Nur heraus damit!" brummte Wenzel, indem er mit der Hand in den großen „Hambacher Bart" fuhr, der sein Gesicht umrahmte.
„Nun denn, er geht mir schlecht, mein Hauswirt will mich pfänden lassen!"
„Hm!" brummte Wenzel und blickte ihn durchdringend an.
„Ich verdiene jetzt nicht mehr viel," fuhr der Besucher fort, „und da mußte ich die Miete schuldig bleiben. Natürlich will ich nichts geschenkt, aber bei einer solchen Psändung gehl manche- zu Spottpreisen fort, woran man hängt . . . Wenn Sie, Herr Professor —"
„Lieber Herr Hinzmann", sagte Wenzel, „sürS erste bin ich für Sie nicht der Herr Prosessor, sondern wie früher, wo wir noch mehr miteinander verkehrten, einfach Wenzel. Hätten sich schon längst einmal an mich wenden sollen!"
„Unsere Lebenswege gingen auseinander, Herr Pro . . . Herr Wenzel!"
„Ach was, wir sind noch immer die Alten I — WaS ist'S denn für ein Kerl, Ihr Hauswirt ?"
„Er ist ein vermögender Mann, aber die Mieter schraubt er aus jede Weise, und mit dem PsSnden ist er gleich bei der Hand."
„So'n richtiger HauSpascha, wieS hier so manchen gibt!" murrte Wenzel, indem sich die Furchen auf seiner hohen Stirn tiefer zogen. „Nun ich helfe Ihnen, aber unter einer Bedingung: daß Sie mir nicht in den Weg treten, wenn ich dem Kerl eine Lektion gebe für sein schofles Verhalten."
Hinzmann versprach dies, worauf ihm der berühmte Kollege noch einige Weisungen gab. „Gelingt eS nicht, geb’ ich Ihnen einen Vorschuß", sagte er, und dann führte er ihn vor ein Bild. „WaS ist Ihr Urteil über diese Vase?" fragte er ihn.
gehorsam und Fahnenflucht aufzureizen suchten und häufig von Geldgeschenken von fünf und zehn Franken begleitet waren. Eine erste Untersuchung hat ergeben, daß sehr viele dieser Sendungen von den Syndikaten deS Baugewerbes auS» gingen, die gerade jetzt mit einem Generalstreik drohen. DaS ist sehr bezeichnend. Diese Syndikate haben ihren Sitz in der Pariser Arbeitsbörse, und ihre Hauptleiter sind die Sekretäre Baritaud, Vian und Dumont. Die französischen Behörden haben sich angesichts des belastenden Materials, daS gegen die drei EyndikatSsekretäre vorliegt, entschlossen, sie kurzerhand zu verhaften. Man sieht daraus, daß daS repuplikanijche Frankreich nicht gewillt ist, seine Wehrkraft untergraben zu lassen und gegen die Vaterlandslosen Hetzer sehr energisch vorgeht.
In der südamerikanischen Republik Paraguay, wo seit längerer Zeit innere Wirren herrschten, ist der Präsident I a r a durch eine unblutige Revolution gestürzt worden, der Vorsitzende des SenatS RojaS ist als vorläufiger Präsident der Republik eingesetzt worden, und die Wahl deS neuen Präsidenten soll im Oktober stattfinden. Jara sührte ein so strenges diktatorisches Regiment, daß schon im Frühjahr die Fahne der Empörung gegen ihn erhoben wurde. Er warf die Revolte zunächst nieder und verhängte über daS Land den Belagerungszustand, so daß die Hundertjahrfeier der Unabhängigkeit deS Landes, die Mitte Mai dieses JahreS hätte begangen werden können, fang- und klanglos vorüberging. In der letzten Zeit verlor Jara aber auch im Offizierkorps an Anhang, die Offiziere der Garnison von Asuncion erhoben sich gleichsallS gegen ihn, nahmen ihn gesangen und setzten RojaS alS seinen interimistischen Nachfolger ein. Diese Vor» gänge spielten sich ohne Blutvergießen ab. Welche Stellung die großen Nachbarstaaten Brasilien und Argentinien zu den Wirren in Paraguay nehmen werden, bleibt abzuwarten.
Die Siegesfeier in manchen.
16. und 17. Juli 1871.
Nachdem im Jahre 1866 zwischen Preußen und Bayern Friede geschlossen war, schrieb König Ludwig II. an König Wilhelm die Worte: „Nachdem der Friede geschlossen und eine feste und dauernde Freundschaft zwischen unseren Häusern und Staaten begründet ist, drängt er mich, dieser auch einen äußeren symbolischen Ausdruck zu geben, indem ich Euer Königliche Majestät anbiete, die ehrwürdige Burg Ihrer Ahnen zu Nürnberg gemeinschaftlich mit mir zu besitzen. Wenn von den Zinnen dieser gemeinschaftlichen Ahnenburg die Banner von Hohenzollern und Wittelsbach vereinigt wehen, möge darin ein Symbol erkannt werden, daß Preußen und Bayern einträchtig über Deutschlands Zukunft wachen, welche die Vorsehung durch Euer Königliche Majestät in neue Bahnen gelenkt hat." Durch diese Worte hat der so tragisch geendete Fürst seiner deutschen Gesinnung ein schlichtes und schönes Denkmal gesetzt. Dieser Gesinnung hat er noch deutlicheren Ausdruck verliehen, als er im Jahre 1870 unter dem Jubel
„Aber Herr Wenzel, ich kann mir doch nicht erlauben . . ."
„DummeS Zeug", brummte Wenzel, „ich lerne von jedem Sie sind ja in Keramik sicher . . . ."
„Aber Herr Wenzel, woher wissen Sie daS noch?"
„Ich vergesse überhaupt nichts," sagte der Professor; nach einigen sachlichen Bemerkungen entließ er dann seinen Kollegen, und dieser verabschiedete sich höflich von der Dame, die dem Hauswesen deS nur seiner Kunst lebenden großen Malers Vorstand.
*
Im AuktionSlokale befanden sich unter zahlreichen anderen Dingen auch einige Bilder, die Hinzmann gehörten. Der Hauswirt, der unter einer Anzahl von Kauflustigen zugegen war, hatte sich von seinem ebenfalls anwesenden Mieter die Gegenstände, die diesem gehörten, angeben lassen.
Zehn Minuten vor Beginn der Auktion erschien ein elegant gekleideter kleiner, älterer Herr im Saale, schenkte jedoch den Anwesenden und den Möbeln nicht einen Blick, sondern steuerte aus einige Bilder zu, die aus Stellagen da- standen.
Unter diesen fesselte besonders eins, ein anscheinend sehr altes, gebräuntes Bild, seine Ausmerksamkeit.
Beim Eintritt deS kleinen Herrn hatte unter den Anwesenden ein Getuschel begonnen, alle flüsterten miteinander und blickten dabei mit scheuer Ehrerbietung nach dem alten Herrn, der jetzt mit der Lupe höchst aufmerksam das alte Gemälde besichtigte.
Der Hauswirt Hinzmanns kannte den berühmten Prosessor v. Wenzel ebenfalls vom Sehen; er erkundigte sich nun bei einigen ihm bekannten Personen und beim Auktionär darüber, ob der große Maler auch ein Kenner von Gemälden sei.
„Na natürlich", sagte der Auktionar; „dessen Blick trügt nie, damit haben wir schon die größten Ueberraschungen erlebt. Wenn ich dessen Urteil hätte, wäre ich ein gemachter Mann."