Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-slnschlutz Nr. 8
Nr. 31. i Dienstag, den 14. März 1911.
Amtlicher teil.
Unter Bezugnahme aus die Verordnung der Herrn Ober- präsidenten der Provinz Hessen-Nassau Dom 13. Mai 1905, betr. Verbot der Ausfuhr von Reben aus reblausverseuchten Gemarkungen, (veröffentlicht im Amtsblatt Nr. 21 von 1905) wird hiermit zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß zurzeit die Gemarkungen Wellmich, Nochern, St. Goarshausen, Bornich, Caub, Lorch, Geisenheim, Biebrich, WieSbaden, Hochheim und Winkel, sämtlich im Regierungsbezirk Wiesbaden, als reblausverfeucht zu gelten haben.
Cassel, am 23. Februar 1911.
Der Regierungspräsident.
I. V.: Rieß von Scheurnschloß. * *
Her-feld, den 8. März 1911. Wird veröffentlicht.
I. 2644. Der Landrat.
I. A.:
Wessel, KreiSsekretär.
Bekanntmachung.
Einstellung von Drei- und Dierjährig-Frei- willigen für die Matrosenartillerie-Abteilung
Kiaulschou (Küstenartillerie) in Tsingtau (China).
Einstellung: Oktober 1911, Ausreise nach Tsingtau: Januar 1912 bezw. 1913, Heimreise: Frühjahr 1914 bezw. 1915. Bedingungen: Mindestens 1,64 m groß, krästig, gesunde Zähne, vor dem 1. Oktober 1892 geboren (jüngere Leute nur bei besonders guter körperlicher Entwicklung).
In Tsingtau wird außer Löhnung und Verpflegung täglich 0,50 Mark Teuerungszulage gewährt.
Meldungen mit genauer Adresse sind unter Beifügung eines vom Zivilvorsitzenden der Erjatzkommission ausgestellten Meldescheins zum sreiwilligen Diensteintritt aus drei bezw. vier Jahre zu richten an:
Kommando der Stammabteilung der Matrosenartillerie Kiaulschou, Cuxhaven.
Bekanntmachung.
Einstellung von Dreijährig-Freiwilligen für das III. Seebataillon (Marine-Infanterie) in
Tsingtau (China).
Einstellung: Oktober 1911, Ausreise nach Tsingtau: Januar 1912, Heimreise: Frühjahr 1914. Bedingungen: Mindestens 1,65 m groß, kräftig, gesunde Zähne, vor dem 1. Oktober 1892 geboren (jüngere Leute nur bei besonders guter körperlicher Entwicklung).
ioiintnstljiisudjl.
Roman von Freifrau Gabriele von Schlippenbach.
(Herbert Rivulet.)
(Fortsetzung.)
Die Kinder wurden zu Bett gebracht, und Frau Margarete betete mit ihnen, küßte sie und trat einen Augenblick anS Fenster. Millionen von Sternen leuchteten am Himmel, friedlich schlief die Erde unter wärmender Schneedecke.
Frau West faltete die Hände.
„Ich danke dir, lieber Gott, für mein glückliche- Heim," dachte sie, für meinen guten Mann und meine liebe, kleine Schar." —
Es lag ein stiller Abglanz des himmlischen Friedenk auf ihrem Gesicht, al- sie zu ihren Gästen hinunter ging, jenes Friedens, den die Welt nicht gibt.
„Mutting hatte wieder gute Gedanken gehabt," sagte West, als seine Frau in daS Zimmer trat, und er umfaßte und küßte sie innig.
Um 11 Uhr ging LörSbach nach Hause.
„Das war ein schöner, harmonischer Abend," sagte der Hauptmann.
„Ja, es sind brave Leutchen," entgegnete Jrmgard etwas herablassend.
Ich wünschte, wir wären ebenso glücklich," dachte LörSbach. —
Nachdem der Hauptmann und seine Frau bei den Honoratioren in G. und beim Major von Brunnen Besuche gemacht, erfolgten die Einladungen, die Jrmgard mit sauersüßer Miene wohl oder übel annehmen mußte. Sie war denn doch so weitklug, daß sie auS ihrer hochmütigen Reserve heraustrat und sich liebenswürdiger gab; auch wählte sie eine einfachere Toilette. Ihr Mann war ihr dankbar und umarmte sie herzlich, was lange nicht geschehen war.
ES ging nach JrmgardS Begriffen höchst ärmlich bei sol
In Tsingtau wird außer Löhnung und Verpflegung täglich 0,50 Mark Teuerungszulage gewährt.
Meldungen mit genauer Adresse sind unter Beifügung eines vom Zivilvorsitzenden der Ersatzkommission ausgestellten Meldescheins zum freiwilligen Diensteintritt auf drei Jahre zu richten an:
Kommando des III. Stammseebataillons, Wilhelmshaven.
HerSfeld, den 9. März 1911.
Die Ortspolizeibehörden des KreiseS weise ich ganz besonders daraus hin, daß die Polizei-Verordnung betr. den Fuhrwerksverkehr vom 15. April 1909 durch die Polizei-Verordnung vom 15. Februar d. Jr., Amtsblatt Nr. 9, geändert worden ist.
I. 2880. Der Landrat.
I. A.:
W e s s e l, KreiSsekretär.
nichtamtlicher teil.
Hie Kurie in Preutzeu.
Die vatikanische Presse schweigt. In Korrespondenzen aus Rom wird gesagt, daß die vatikanische Presse dies aus höheren Besehl tue; der Papst wünsche jede Verschärsung des bestehenden Gegensatzes zu Preußen möglichst zu vermeiden. Als Zeichen für das Zurückweichen der »?Wie soll auch die Entfernung des MonsignorS Benigni aus dem StaatSjekretariat gelten. Ihm wurde vor allem die sonderbare Haltung der vatikanischen Presse zugeschrieben, die wiederholt Erfolge preußischer Vorstellungen bei der Kurie hinwegzudeuten, amtliche vatikanische Erklärungen abzuschwächen versuchte. So war es schon bei dem Konflikt wegen der Borromäusenzykliea, wo eS der „Osservatore Romano" sogar dahin brächte, daß deutsche Blätter seine Bemäntelungen des Rückzuges der Kurie ernst nahmen und zu Angriffen auf die eigene Regierung auSnutz- ten. So war es kürzlich bei Veröffentlichung deS Brieses des Kardinalstaatssekretärs Mery del Val an Kardinal Kopp, der nach der amtlichen Vertretung des AbsenderS eine Folge preußischer Vorstellungen war und zur Beseitigung der üblen Wirkung deS SilvesterbrieseS deS Papstes an Kardinal Fischer dienen sollte, waS die offiziöse vatikanische Presse wieder nicht wahr haben wollte.
Gegen dieses Doppelspiel hatte sich der Ministerpräsident v. Bethmann Hollweg am 7. März in seiner großen Rede mit der scharfen Bemerkung gewandt, daß normale geschäftliche Beziehungen dadurch nicht gefördert werden könnten. Wenn wirklich Herr Benigni bisher der böse Geist im Vatikan war, so läßt sich nun auch eher hoffen, daß der tiefste Eindruck, den die Rede des Ministerpräsidenten und die ganze Debatte im
chen „Absütterungen", wie sie die Gesellschaften nannte, zu. Zwei Gänge und hinterher eine süße Speise oder Obst. —
Kaum zurück im eigenen Hause, machte Jrmgard sich über ihren Gastgeber lustig, hechelte alles durch und reizte ihren Mann durch ihre häßliche Kritik.
„Ich kann die Kalbsbraten und den Kartoffelsalat kaum mehr essen," sagte sie eines Abend- gähnend. Sie waren bei dem Bürgermeister eingeladen gewesen. „Wie spießbürgerlich geht eS her I Die gute Stube ist vollgepfropft, und es wird geraucht. Morgen habe ich wieder meine Migräne."
„Ich finde eS häßlich, daß du über die Menschen loSziehest, bei denen du eben Gastfreundschaft genossen hast," tadelte LörSbach. „Sie geben es, ss gut sie können; es sind Leute, die nur ein bescheidener Jahreseinkommen haben."
Ja, daS ist eS eben! Ich kann mich mit diesen Klein - städtern nicht einleben."
„Du willst eS nicht! DaS ist richtiger. Bei Wests gefällt es dir doch. Frau West ist eine ideale deutsche Frau!"
„Wie oft wirst du mir daS noch sagen? rief Jrmgard gereizt. „Schade, daß du sie nicht geheiratet hast, du wärest mit ihr glücklicher geworden."
„DaS weiß ich," lautete die Antwort.
So erweiterte sich die Kluft zwischen ihnen mehr und mehr.
Nachdem einige Zeit vergangen war, fühlten LörSbach, daß sie nun ihren geselligen Verpflichtungen nachkomnun mußten.
„Ich wünsche nicht, daß el bei unS anders gehalten wird, wie eS hier Sitte ist," befahl der Hauptmann.
Also Kalbsbraten und Kartoffelsalat," höhnte Jrmgard.
„Wenn auch daS nicht, so doch .nur zwei Gänge und Dessert."
LörSbach ging zum Dienst. Jrmgard schrieb nach Berlin und ließ allerlei Delikatessen kommen: Rehrücken, seltene- Obst, eine große Torte und Konserven.
„Ich bin die Hau-frau," dachte sie trotzig, „und setze meinen Willen durch."
Wie aber sollte sie die Speise Herrichten? Die biedere Köchin auS G. hatte nur für die bürgerliche, tägliche Küche
Abgeordnetenhause, insbesondere auch die sehr gedämpfte und in gewissem Sinne verlegene Haltung der ZentrumSreder un- zweiselhast gemacht hat, anhalten und den Papst veranlassen werde, die durch daS einseitige Vorgehen der Kurie verschuldete Störung des konfessionellen Friedens nach Möglichkeit wieder gut zu machen. Der Hauptfehler liegt in der unzureichenden Kenntnis, die man im Vatikan von den deutschen Verhältnissen hat. Sonst wäre es unbegreiflich, wie die Kurie, der die Konflikte mit allen romanischen Staaten, Italien, Frankreich, Spanien, Portugal doch schon genug Sorge machen müssen, sich nun auch noch in die Gefahr einer Streite- mit Preußen und anderen deutschen Staaten begeben konnte.
Abgeordnetenhaus.
Im Abgeordnetenhause wurde gestern die allgemeine Aussprache über die Volksschule zu Ende geführt. Sie bot wenig interessante Momente und die Redner, die zumeist dem Pfarrer- oder dem Lehrerstande angehörten, behandelten die bekannten Fragen mit der liebevollen Ausführlichkeit der Fachleute. In dem hauptsächlichsten Streitpunkt, ob kirchliche oder Fachschul- aussicht, wurde selbstverständlich auch diesmal keine Einigung erzielt. Doch gingen diese Auseinandersetzungen in Ruhe vor sich. Im übrigen war von Lehrplänen, vom Lehrermangel, von den Simultanschulen, von dem Religionsunterricht an Dissidentenkinder und anderem mehr die Rede. Hervorhebung verdient eine Erklärung des Ministers über einen Erlaß, der s. Z. in Lehrerkreisen mit Unwillen ausgenommen wurde. 6i handelt sich um die Urlaubserteilung an die Lehrer zu Kongressen und ähnlichen V^ntzastunZen H^r ion Tr^it zu Solz gab zu, daß er mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe gehandelt habe, als er jene Anordnung traf, die während der Schulzeit nur in einzelnen Fällen eine Beurlaubung gestattet. Er versicherte, daß die Maßregel im Interesse des Schulunterrichtes notwendig sei. Im übrigen ist ja den Lehrervereinen angeraten worden, solche Versammlungen möglichst in den Ferien abzuhalten. Die Weiterberatung bei Kultusetats wurde schließlich aus Montag vertagt.
Reichstag.
Der Reichstag erlebte am Freitag bei Fortsetzung der zweiten Lesung des PostetatS gewaltige Lärmszenen, die auS einer GeschäftSordnungSdebatte wegen der Abstimmungen über die Resolutionen zum Postetat hervorgingen. Der sreikonser- vative Abgeordnete v. Gamp richtete scharfe Angriffe aus die bürgerliche Linke, der er den Vorwurf machte, ihr von den Abgeordneten Beck-Heidelberg (nat.-lib.) und Eickhoff (Fortschr. Vp.) eingebrachter Antrag, den älteren Ober-Postassistenten eine persönliche Gehaltszulage von 300 Mark zu gewähren, verfolge lediglich agitatorische Zwecke. Von den Bänken der Nationalliberalen und Freisinnigen widersprach man stürmisch dieser Insinuation, und Abg. Baffermann ent-
»hre Kenntnisse, von der feineren Speise ahnte sie nicht-' Jrmgard stand ratloS da, dann lief sie zu Wests hinüber- Sie hatte sich daran gewöhnt, bei Margarete Rat zu holen. Auch heute erhielt sie ihn.
„Nehmen Sie eine Kochfrau; sie wohnt in Königsberg. Schreiben Sie gleich an sie, hoffentlich ist sie frei."
Erleichtert atmete Jrmgard aus. Was bedeutete ei für sie, daß eS eine Mehrausgabe war, ihr Mann hatte ei ja darnach.
„Reiner wird brummen," dachte sie, „er muß sich fügen."
Er tat eS auch, waS die Kochfrau anbetraf, da- Menü erregte aber seine Mißbilligung.
„ES sieht protzig auS," tadelte er. „Ich habe dir doch gesagt, daß ich eS einfacher wünsche! Fünf Gänge gibt ei hier nirgends, auch bei unS nicht! Ich will e- nicht, verstehst du?"
Jrmgard schmollte, aber sie mußte sich fügen.
Sie fühlte sich indessen doch geschmeichelt, als die Tafel, mit Blumen gefchmückt, im Lichte der Gaslampen strahlte. Elektrisches Licht gab eS in G. bei ihnen noch nicht, nur in einigen Häusern. Jrmgard selbst sah bildhübsch in einer hellseidenen Toilette aus, die sie gewählt hatte. Die meisten Damen besaßen nur ein solides SchwarzseideneS, daß immer wieder modernisiert wurde und Jahre vorhalten mußte.
Der Hauptmann empfing seine Gäste mit seiner herzgewinnenden Freundlichkeit. Auch Jrmgard war alS Wirtin tadellos, sehr höflich und zuvorkommend. Aber eS sehlten ihr jene Eigenschaften, die ihren Mann so beliebt machten. Heute gab sie sich Mühe, liebenswürdig und aufmerksam zu sein, und in gewissem Maße gelang eS ihr auch.
Entgegen der Bitten seiner Frau hatte Lörtbach keinen Champagner geben lassen, er hielt sich streng an das Herkömmliche, und auch die Zigarren waren dieselben, die man in G. rauchte.
Erst nach dem Souper hob sich die Stimmung, und schließlich wurde es ganz heiter, selbst Jrmgard war belebt und lachte. Da- verschönte ihr Gesicht, der verdrießliche Zug schwand, und sie glich ihrem früheren Selbst, da- LörSbach gefesselt hatte.