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Nr. 31.
Sonnabend, den 18. Februar
1911.
Amtlicher teil.
Her-seld, den 13. Februar 1911.
Der Herr R«gierung--Präsident hat auf Grund bei § 17 der Reich-Viehseuchengesetze- vom 23. Juni 1880 — 1. Mai 1894 und der § 7 det Preußischen Au-führungS» Gesetzer vom 12. März 1881/18. Juni 1894 für den Umfang der Regierung-bezirk- Cassel die hierunter abgedruckt« Lande-polizeilich«-Anordnung zur Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche erlassen.
Die genaue Durchführung der Anordnung ist mit Rücksicht auf die immer mehr zunehmende Gefahr der weiteren Ausbreitung der Seuche geboten.
I. 1770. Der Landrat.
I. A.:
W e s s e l, Krei-sekretär.
Landespolizeiliche Anordnung, betreffend Maßregeln gegen die Einschleppung der Maul- und Klauenseuche.
Auf Grund bei § 17 bei Reich-gesetze-, betreffend die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen vom 23. Juni 1880/1. Mai 1894 und bei § 7 bei Preußischen Au-süh- rungSgefetzeS vom 12. März 1881/18. Juni 1894 wird für den Umfang bei Regierungsbezirk- Caffel folgendes angeordnet:
§ 1. Der Beaufsichtigung durch den beamteten Tierarzt werden die von Viehhändlern, Kommissionären oder sonstigen Unternehmern behus- öffentlichen Verkaufs mit oder ohne vor- gängige Bestellung in öffentlichen oder privaten Räumlichkeiten (Sammelstallungen) zusammengebrachten Viehbestände unterworfen.
§ 2. Die Beaufsichtigung bezieht sich auf Pferde, Wiederkäuer und Schweine jeden Alter».
§ 3. Gastställe, in die Pferde, Wiederkäuer oder Schweine regelmäßig eingestellt werden, sind durch den beamteten Tierarzt zu überwachen.
Die amt-tierärztliche Revision dieser Ställe hat vierteljährlich einmal, an Pferde- und Viehmarktorten und deren unmittelbarer Nachbarschaft außerdem noch je nach Sage bei Zutriebes an einem der letzten Tag« vor dem Markte, zu erfolgen.
Die für einzelne Viehmarktorte erlassenen weitergehenden Anordnungen werden hierdurch nicht berührt.
§ 4. Die Kosten bei Beaufsichtigung zusammeng«brachter Viehbestände sowie diejenigen der Gaststallüberwachung fallen nach § 24 bei angelegenen Preußischen Au-sührung-gesetze- dem Unternehmer zur Last.
§ 5. Die Anordnung tritt mit dem Tage bet Bekanntmachung in Kraft. (A. III. 273.)
Cassel, am 29. Januar 1911.
Der Regierungspräsident, gez. Graf von Bernstorss.
Jas
aus -er Fremde.
KarnevalS-Erzählung von C. Gerhard.
(Schluß.)
AI- sein Arm sie umschlang und er mit ihr nach den Klängen eine- Straußschen Walzer- dahinflog, zerstoben seine Sorgen und er empsand nur den Reiz der Gegenwart. Wer die holde Zauberin war, die seine Stimmung erhellt, erfuhr er nach der Dema-kierung durch Frau von Herbeck.
„Bester Herr von Rhaden", bat sie, „lassen Sie sich meiner PensionSschwester und Ihrer Gevatterin bei unsere- Jungen Tause, Ilse Dunker, vorstellen!"
Er reichte der Errötenden, mit der ihn gemeinsame Pflicht verbinden sollte, die Hand; wir viel schöner war sie noch ohne dir entstellende Larve mit dem zarten Antlitz, den dunkeln Brauen über leuchtenden, tiefblauen Augen!
Er führte sie zu Tisch und freute sich ihrer freimütigen Antworten. Sie war ander- als die jungen Damen diese- Kreise-, sie hatte einen offenen Blick, selbständig« Gedanken und dabei doch ein warme- Gemüt.
In der Nacht nach dem »alle fand Günther seinen Schlaf; immer stand Ilsen- Bild vor feiner Seele; er fühlte ei, sie hatte fein Herz im Sturm genommen. Und doch, ob sie reich oder arm war, er durfte sie sich nicht zu gewinnen suchen. . „ ,
Am solgenden Vormittage wurde in der Weinstube von Wagner dar Ma-kensest in allen Einzelheiten von den Offizieren durchgesprochen. Günther- Aufmerksamkeit wurde erst rege, al- Ilsen- Name erwähnt ward.
„Ein reizende- Mädchen aut der Fremde, aber arm wie die KirchenmauS", näselte Baron Werthern. „Würde mich sonst bewerben, aber nicht- und nichts addiert macht bekanntlich wieder nichts.
„Ein Herz und eine Hütte genügt heutzutage nicht mehr", lacht« ein anderer.
HerSfeld, den 13. Februar 1911.
ES besteht die Absicht auch in diesem Jahre wieder eine Anzahl Zuchtbullen reiner Rasse durch die Körung-kommission in nächster Zeit ankaufen zu lassen.
Ich ersuche daher die Interessenten bei Kreise-, welche bei der demnächst stattsindenden Versteigerung der anzukausenden Zuchttier« auf ein solche- reflektieren, mir von ihrer Absicht bi- spätesten- den 20. d. Mt-. Mitteilung zu machen. Die Bedingungen bleiben die gleichen, wie sie in meinem AuSschreiben vom 8. Mai 1907 I. Nr. I. 4156 — abgedruckt im Krei-blatt Nr. 55 vom 9. Mai 1907 — enthalten find.
Eine Verpflichtung zur Abnahme eine- Tiere- entsteht hieraus nicht.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
A. 956. von Gruneliu -.
Bekanntmachung.
DaS Kurmärkische Dragoner-Regiment Nr 14 in Colmar i. Elf. teilt mit, daß bis Ende August 1911 Dreijährig- Freiwillige für Oktober b. Jr. angenommen werden.
Junge Leute, welche bereit und im Besitze einer Meldescheines zum dreijährig-freiwilligen Dienst sind, wollen ben- selben unter genauer Angabe der Adresse an bai Regiment einfenben. Handwerker, insbesondere Schuhmacher, Schneider, Sattler, Schmiede, Musiker pp. haben den Vorzug.
Her-feld, den 11. Januar 1911.
I. M. 331. Der Landrat.
I. «.:
Wessel, KreiSfekretär.
Her-feld, den 14. Februar 1911.
DeS König- Majestät haben durch Allerhöchsten Erlaß vom 10. b. MtS. dem Vorstände deS Verbandes Deutscher Beamtenvereine die Erlaubnis zu erteilen geruht, im Jahre 1911 eine Geldlotterie mit einem Spielkapital von 125 000 Mark zur Schaffung einer Heimstätte für notleidende Hinterbliebene von Reichs-, StaatS- und Kommunalbeamten sowie sonstiger mildlätiger Einrichtungen zu veranstalten und die Lose in allen Beamtenkreisen zu vertreiben.
Die Ziehung der Lotterie soll mit ministerieller Genehmigung am 1. November stattfinden.
Die Ort-polizeibehörden ersuche ich dafür zu sorgen, daß dem Vertriebe der Lose keine Hindernisse bereitet werden.
I. 1991. Der Landrat
von GruneliuS.
Her-feld, den 17. Februar 1911.
Ich ersuch« die Herren Bürgermeister und Gut-vorsteher bei Kreiset, mir bestimmt innerhalb 24 Stunden zu berichten, auf wie hoch sich da- Steuersoll derjenigen Steuerpflichtigen beläust, die nach der Gemeindesteuerliste pro 1910 mit dem Steuersätze von 1,20 Mk. und weniger veranlagt worden sind.
Rhaden erhob sich brü-k, er konnte die Reden über bai geliebt» Mädchen nicht mehr anhören. Aber feine Gedanken weilten fort und fort bei idr. Er erschien ihm nur passend, seiner Gevatterin einen Strauß zu senden, und dann schalt er sich wieder selbst wegen dieser Annäherung. Doch Jls«n- strahlender Blick am Abend sagte ihm, daß er recht getan. Sie erschien ihm heute im Rahmen bei Hause- noch anmutiger, und als sie dat Kindlein in ihrem Arme hielt, lag ein so weihevoller Ausdruck auf ihrem Antlitze, daß er sie in seine Arme hätte ziehen und küssen mögen. O, daß er nicht die Mittel besaß, um Sie zu der Seinen zu machen! Sie, bie Zarte, Schöne, sollte bai Joch der Dienstbarkeit aus sich nehmen, Gesellschafterin werden, wie er gehört, und er konnte nichts dazu tun, ihren rauhen Leben-pfad zu ebnen! Sein Mitgefühl steigerte nur feine Liebe.
Noch während man bei der Tafel faß, wurde eine Schlittenfahrt für den nächsten Sonnabend vorgeschlagen, bai Lo- sollte die Paar» einen. Arthur von Horst bot sogleich den Herren kleine Papierstreifen, auf denen die Namen der Damen verzeichnet waren. Günther wollte an der Partie nicht teilnehmen, um nicht immer wieder dem Zauber Ilsen- zu erliegen, aber alt sie erschreckt fragte: „Sie wollen nicht mitsahren?", ergriff er willenlos einen der Zettel. Wie er ihn entrollt hatte, strömte ihm eine heiße Blutwelle zum Herzen; er reichte da- Blättchen feiner Nachbarin.
„Mein gnädige- Fräulein, ich werde die Ehre habrn."
Und von neuem überlief ei ihn, alt er sah, daß lichte Rosenglut ihr Antlitz färbte.
Einige Tage vergingen, an denen er Ilse nicht sah, aber eine leidenschaftliche Sehnsucht nach ihr empsand.
Endlich kam der Sonnabend heran, aber er brächte ihm am Morgen eine erneute Mahnung seine- Verwalter-, nicht länger mit dem Verlause Günther-hausen zu zögern. Zähneknirschend setzte er sich an den Schreibtisch und gab Werner Vollmacht, mit einem Agenten in Unterhandlungen zu treten. So ging ihm denn sein Erbe verloren, und ei war zweifello-, daß ihm von der Kaufsumme kein Psennig blieb.
Genaue Einhaltung der gestellten Frist mache ich zur be- fonberen Pflicht.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
A. 20311. von Gruneliut.
Hertseld, ben 17. Februar 1911.
Unter Hinweis auf die Bestimmungen in § 89 der Land- gemeindeordnung sür die Provinz Hessen-Nassau vom 4. August 1897 veranlasse ich die Herren Bürgermeister der Landgemeinden bei Kreiset den Gemeindevoranschlag für bai Rechnungsjahr 1911 umgehend aufzustellen. Nach erfolgtet öffentlicher AuSlegung und Feststellung durch die Gemeindevertretung bezw. Gemeindeversammlung ist mit derselbe bii spätestens zum 10. März d. Jt. in zwei Exemplaren unter gleichzeitiger Mitvorlage einer Abschrift bei GemeindebeschlussrS über die zur Erhebung gelangenden Gemeindeumlagen zur Prüfung einzureichen.
Ich erwarte auf dat Bestimmteste, daß die Aufstellung bei Boranschlagt sachgemäß und genau erfolgt.
Der Vorsitzende des kreisausschusses :
A. 1032. von Gruneliut.
Im Forsthaut Mönches im Kreise Hertseld ist eine Telegraphenanstalt mit Unsallmeldedienst und öffentlicher Fern- sprechstelle in Wirksamkeit getreten.
Cassel, den 10. Februar 1911.
Kaiserliche Ober-Postdirektion. J. B.: B u ch h o l z.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Dot preußische Abgeordnetenhaus ist während der Bericht-woche die Stätte heftiger Debatten und erregter Reden gewesen. Wir bedauern den Zusammenstoß bet bürgerlichen Parteien im Interesse det inneren Frieden- und StaattwohleS auf! lebhafteste, und wir halten bie Anfrage berechtigt, ob ei wirklich notwendig ist, die Au-einandersetzung über gewisse Ereignisse der Vergangenheit immer wieder in die parlamentarische Diskussion zu tragen. Hier könnte man sich sehr wohl an den Meinungsverschiedenheiten genügen lassen, die der Parteistandpunkt bei der Erörterung der vorliegenden Tagetsragen mit sich bringt. Ein größere- nationalgesinntet Blatt schreibt hierzu: „Im Wahlkampse wird noch genug von der Vergangenheit die Rede sein; denn dort läßt sich den politischen Leidenschaften nicht gebieten, und ei kommen Leute zu Worte, von denen man nicht immer erwarten kann, daß sie über den nächsten Parteihorizont hinautzublicken vermögen. Die Führer aber im weiteren Sinne, zu denen wir alle aktiven Parlamentarier rechnen, sollten wenigsten- im Parlamente selbst daran denken, wie nutzlos und sogar schädlich ein solche- Aus-
Wie ein Hohn kam'- ihm vor, al- der Bursche am Nachmittag bie prächtigen Füchse an den eleganten kleinen Schlitten spannte. Wie lange würde e- dauern, dann gehörten sie ihm nicht mehr, dann zog er auch den bunten Rock auS und wanderte hinau- in die Welt, ein armer, einsamer Mann!
Golden lachte die Sonne, alt die Schlitten durch die Stadt nach einem beliebten Vergnügung-ort im Wald» suhren. Günther saß oft schweigtnd neben Ilse; er hatte auk ihren warmen Worten erkannt, daß sie um fein Schicksal wußte, daß sie ihn tief beklagte. Erwiderte sie seine Gefühle? hatte sie ihm ihr reinei Hrrz geschenkt? Ein holder Traum umspann ihn, Ilse wäre sein Weib, und sie führen heim nach Günther-hausen und schafften dort gemeinsam. — Weg, ihr Träume, ihr Trugbilder! Die WirNichkeit ist ander-!
RhadenS Stimmung schien sich Ilsen mitzuteilen; im Gasthause saß sie zwischen den Fröhlichen blaß und ernst, und Günther bemerkte mit heimlichem Entzücken, daß ihre Augen oft mit bangem Au-druck zu ihm flogen. Plötzlich stand sie leise auf, verließ daS Zimmer und ging zum Hause hinaus. Da litt ei auch ihn nicht mehr drinnen, er eilte der Geliebten nach und fand sie ihm Walde. Tränen schimmerten in ihren Augen.
„Um GotteS willen, Ilse, waS ist Ihnen?"
„Oft überkommt mich unter heiteren Menschen ein tief«S Weh; ich denke dann daran, wie verlassen ich bin. Ich habe keine Eltern mehr, keine Geschwister, niemand liebt mich . . .“
Da ergrifft ihn mit Sturmeigewalt. „Doch, Ilse, ich liebe dich über alle-! Und du, mein holde- Mädchen aui der Fremde?"
Si» legte ihr Köpfchen an seine Brust. „Ich bin dein für immer!"
Innig küßt« er sie, aber dann löst« er sich doch jäh von ihr. „O Gott, waS tat ich! Ilse, verzeih, vergiß! Ich kann dich nicht an mein Dasein ketten, ich bin bettelarm!"
„So teile ich deine Armut!"