Beilage jum
herrselder Kreisblatt
Nr. 12.
Sonnabend, den 28. Januar
1911.
ehehtes Wild.
Roman von E. v. Winterseld-Warnow.
(Fortsetzung.)
Wieder zuckte Leonie zusammen. Mühsam fuhr Tessow fort: „Ein Weib, daS ich liebe, und daS mir vertraut, trotzdem ich jetzt ein kranker Mann bin, krank geworden durch ein Duell. DaS soll mich nicht dir gegenüber entschuldigen. Nur sagen soll S dir, daß auch ich gebüßt habe. Entschuldigen will ich mich nicht, aber Verzeihung will ich. Leonie, laß mich nicht umsonst flehen !"
„Und war ich für dich tat? Weißt du ei?" Sie flüsterte er heiser. „Weißt du er ? Meinen Vater, meinen alten Vater gab ich preis, um deinen Namen zu retten, um aus deinen Namen keinen Flecken sollen zu lassen, schwieg ich von jenem unseligen Zusammentreffen. Weißt du eS, waS ich gelitten, waS ich noch täglich leide."
Er griff wie damals im Garten drS Luganer Hotels, mit der Hand nach dem Herzen und seine Lippen wurden weiß. Da erwachte wieder daS Weib in ihr, daS ihn geliebt hatte, das ihn noch liebte, trotz allem. Sie ergriff seine Hand und hielt sie sest.
„Alexander, ich will dir verzeihen, ich bin doch vergrößere Sünder von unS beiden. So wie Gott mir verzeihen möge, so vergebe ich dir! Siebe deine junge Frau, sie ist hold und rein wie eine Blume. Nur so können wir beide Frieden finden. Möchtest du glücklich mit ihr sein! Ich will auch leben, um durch daS Leben zu sühnen, waS ich getan. ES ist oft schwerer zu leben, als zu sterben! Aber Gott helfe mir weiter. Und so lebe wohl, Alexander, — ich habe dir ver. geben!"--
„Aber Alexander, wo bleibst du denn? Denke dir, ich traf unsere Engländer wieder, die Horstfield-, dadurch verlor ich dich aus den Augen. Du bist wohl müde? Armer Schatz, komm. Aber dieses Mal bist du selbst schuld. Du wolltest ja durchaus nach Jsola Bella. Komm, HorstfieldS sagen, man trinke einen prachtvollen vsti spumanti unten in dem kleinen Gasthof, wo die Dampfer landen. Der soll deine Lebensgeister wieder aus- frischen."
Lolo zog ihn mit sich fort.
Sie hatte Leonie in der Fensternische gar nicht bemerkt.
Diese blieb allein zurück.
Aufseuszend lehnte sie die Stirn gegen daS kühle Fenster- kreuz.
„Leben ist oft schwerer als sterben! Ja, hilf mir, mein Gott, zu leben!"---
Sie waren wieder in Lugano.
Leonie fühlte er täglich mehr, daß Tessow recht gehabt hatte. ES war nötig gewesen für sie beide, daß sie ihm vergab. Eine stille Ruhe zog in ihr Herz ein. Die unselige Liebe zu ihm erstarb langsam. Sie sargte sie ein im tiefsten Grunde ihres Herzens. Jetzt trat die Tochterliebe wieder ganz in ihre Rechte. Der Mann, der ihr gesagt, er hätte an ihr gezweifelt, der Mann, der jetzt eine Frau hatte und der diese Frau liebte, der mußte auSgewiesen werden aus ihrem Herzen. Sie fühlte, daß eS fein mußte, und so ging eS. ES wurde stille in ihr.
ES war nicht Friede, eS war nicht daS Glück, aber Stille, tiefe Stille
Und mit diesem Stillesein kam ein anderes Gefühl über sie, der brennende Wunsch, den Vater zu sehen — ihn zu sehen, an dem sie gesündigt, zu wissen, ob er leide.
Und so quälend wurde der Wunsch, so groß daS Heimweh und die Sehnsucht, daß sie Lord Horstfield bat, sie auf vierzehn Tage zu beurlauben.
Hier aus der Reise waren ihre Pflichten doch gleich Null. In Horstmonceux hatte sie wenigsten- die Hausfrau vertreten müssen. Hier kam ei ihr vor, als ob sie nur zum Vergnügen hier fei, nur Genuß habe von dieser herrlichen Reise, während daheim ihr alter Vater schmachtete. Sie wollte Hinreisen, sie wollte ihn sehen. ES hielt sie nicht länger.
Lord Horstfield gab ihr, freundlich wie immer, die Erlaubnis, die Heimat zu besuchen.
Sie sollte dann später mit ihnen in Basel wieder zusammentreffen.
Leonie stand vor dem Gefängnisdirektor.
„Ich darf nicht, Frau Berg", sagte der ernste Mann. «Ich kann Sie nicht hineinlassen zu Ihrem Vater. Et ist streng verboten, die Verwandten mit den Gefangenen in Verbindung zu bringen. Und ich mache mich einer direkten Uebertretung schuldig, wenn ich ei tue."
Leonie blickte vor sich nieder.
Tiefste Enttäuschung malte sich auf ihren Zügen. Tag und Nacht war sie durchgesahren, um so rasch als möglich in die Nähe ihres Vaters zu kommen. Bon einem Wärter hatte sie dann gleich erfahren, der sonst so gleichmäßig heitere, ruhige Förster Erdmann sei schweigsam und finster geworden. Er flechte seine Körbe mit stetem Fleiß, aber ohne ein Wort zu verlieren. Nach Briefen der Tochter frage er nicht.
Auch der Direktor, den Leonie so dringend um Wahrheit bat, teilte ihr diese Einzelheiten mit. Der bisher für seine Jahre noch so srische und rüstige Mann sei ein Greis geworden, grau die Haare, gebeugt der Nacken, erloschen daS Blitzen der früher so leuchtenden Augen.
Und nun sollte sie ihn nicht einmal sehen?
„Und könnte man nicht eine Eingabe an Majestät machen wegen Begnadigung?"
„Wegen Begnadigung? Ich bitte Sie, Frau Berg! — Gewiß, er führt sich tadellos. Aber er fitzt erst seit kaum ändert-
halb Jahren. Die Strafe ist außerdem sehr milde ausgefallen in Anbetracht seiner Unbescholtenheit und der seltsamen Umstände. Nur, wenn er selbst daraus bringen würde, daß daS Versahren wieder ausgenommen wird, nur dann wäre eine Aenderung möglich. Er selbst hat sich mit der Strafe einverstanden erklärt und sie freiwillig angetreten — da ist nichts mehr zu wollen!"
„Und ich kann ihn nicht sprechen, wirklich nicht?" „Unmöglich!"
„Nicht sprechen und auch nicht sehen?"
Ihr« Stimme klang so flchend! Der Direktor überlegte. Wenn er sie durch daS Echirbesensterchen sehen ließ, daS konnte kein Unrecht sein.
Sie tat ihm leid.
Er kannte ja die schöne Frau von früher. Auch sie hatte sich verändert. Sie war noch schön, aber welch weher Zug lag um den Mund, welche Trauer in den Augen. Wie blaß und schmal war sie geworden!
Er überlegte noch einen Augenblick, dann sagte er: „Gut, ei sei! Kommen Siel"
Er führte sie selbst zur Zelle. Der Förster Erdmann hatt« Einzelhaft. An der Gefängnistür war oben ein kleiner Schieber angebracht, der ein Guckloch verschloß, durch bai die Beamten die Sträfling« beobachten konnten. Hin durfte Leonie durchsehen. Sie sah in die Zelle hinein, ei war gerade Mittagszeit. Da saß der Vater auf einem kleinen Hocker. Er hielt ein Schälchen mit Erbsensuppe in der Hand, einen Löffel in der anderen, aß aber nicht.
Er sah träumend vor sich hin.
Träumte er von Wald und Feld und von der Welt draußen? Dachte er daran, daß jetzt ein Monat wie der andere verfloß, ohne daß er sich um bie Jahreszeiten zu kümmern brauchte? Ihm war, ihm mußte eS völlig gleichgültig sein, ob bie Hasenjagd begonnen hatte, oder ob ei Zeit war, den Rehbock zu pirschen oder Rebhühner zu suchen.
Die Augen sahen leer und lichtloS auS.
Und Leonie starrte hinein.
DaS war ihr Vater?! Dieser finstere, alte Mann? Sie konnte nicht an sich halten, sie schluchzt« bitterlich auf.
Hatte er bai Geräusch an der Tür gehört? Merkte er, daß man ihn beobachtete? —
Ein Blitz bei Unwillens zuckte durch die bisher säst toten Augen, und er stand heftig auf.
Er drehte der Tür ostentativ den Rücken, wie um anzu- deuten, daß ihm bie Beobachtung lästig fiel.
Leonie wachte auS ihrer Erstarrung auf und hauchte: „Vater!" in einem Ton, auS dem all ihre Qual und Liebe sprach.
Er zuckte zusammen. Hatte er bai Wort gehört?
Aber er wandte sich nicht um; er dreht« sich nur noch entschirdener nach dem vergitterten Fenster herum, bai so hoch lag, daß er nur ein Stück Himmel sehen konnte.
Wollte er sie nicht hören?
Da sagte der Direktor höflich, aber bestimmt:
„Frau Berg, ei ist genug. Ich muß Sie bitten, jetzt mit wieder zu folgen."
Also nicht- erreicht! Reinen Blick von Auge zu Aug«! Ktinen Hoffnungsstrahl! Rein vertrauende- Lächeln!
Nur das hatte sie gesehen, daß ihr Vater in der Hast sich sehr, sehr v«rändert hatte, daß er traurig au-sah und verfallen.
Armer, armer, alter Vater!
Und dreimal unglückliche, arme Tochter!
Oh, sie sühnte, sie büßte schon jetzt. Sollte sie noch nicht genug gebüßt haben? Nein, ganz gewiß nicht! Solange ihr Vater hier fern von Licht und Lust im Gefängnis schmachtete, solange war sie verfemt, au-gestoßen von Glück und Leben!
Von dem Direktor hatt« sie sich mit kurzem Dank verab- schiedet. Und er verstand, daß ei ihr jetzt nicht möglich war, viele Worte zu machen.
Nun stand sie draußen vor dem düsteren Bau. — WaS nun? — Wohin?--
Da war ei ihr, alS riefe sie jemand, als sagte eine Stimme: „Der Wald!"
Ja — in den Wald wollte sie.
Einmal wieder hinauSsahren nach der Försterei, nach dem alten, lieben Heim, wo sie ihre glückliche Kindheit und Jugend verlebt hatte — ja, bai mußte sie, daS würde sie trösten.
Sie fand eine Drofchk« und gab dat Ziel an. Schon dicht hinter der Stadt nahm der Wald sie auf. Hi«r war noch Winter, tiefer Winter. Und sie hatte vor kurzem Röschen und Anemonen gepflückt l In den Graben- rändern lag noch Schnee, schmutziger, graugelber Schnee, von den Wegen herabgeweht und in allen Vertiefungen ausgehäuft. Die Wagengeleise waren von den Holz- fuhren tief auSgefahren, und der Wagen kam nur langsam vorwärts.
Zu beiden Seiten erhoben sich die hohen Buchen, die im Sommer wie ein herrlicher, grüner Dom über bie Straße sich wölbten. Jetzt Hing«n kahle Zweige herab; ei war wir ein Bild ihres eigenen Leben-.
Leoni« grübelte anhaltend darüber nach, wie sie eS möglich machen könne, daS Verfahren wieder aufnehmen zu lassen. ES wollte sich für- erste aber kein Au-weg zeigen. Sie hatte weder Beweise für noch gegen die Schuld ihre- Vater-. Waste wußte, gründete sich nur auf innere felsenfeste Ueberzeugung von seiner Unschuld und aus da- Bewußtsein ihrer eigenen seelischen Schuld.
Jetzt hörten die Buchen aus. Der Tannenwald, der köstliche, immergrüne Tannenwald fing an.
Oh, über ben Zauber deutschen Walde-! Leonie- Herz wurde weit, weit und still.
Hier war ei, wo sie ali Kind gespielt hatt«. Hier wuchsen bie Weihnacht-bäume, dir am heiligen Abend im Glanz« bet Kerzen erstrahlten. Hier wanderte sie so gern, wenn bie Zweige voll Schnee hingen, wenn alle- so still, so rein und so weiß war.
Die- war der Wald, von bem sie ben Batemanschen Kindern durch bai Märchen von der Schneekönigin einen Begriff zu geben versucht hatte. Ihr lieber, geliebter, köstlicher Tannenwald!
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— (DieUnwohnlichkeitde-Unterseeboot-.)
Von den Hülf-mitteln, die ein Unterseeboot zum Leben-unterhalt und zur Sicherung seiner Besatzung aufzunehmen vermag, hängt bet Erfolg jeder einzelnen Fahrt wesentlich ab. And«r- seit- ist ei nicht wünschenswert, die Unterseeboote zu erheblicher Größe anwachsen zu lassen, und da- in dieser Richtung in Frankreich hervorgetretene Bestreben ist von erfahrenen Fachleuten nachteilig beurteilt worden. Mit der Größe bei Boote- muß auch die Zahl der Besatzung steigen, und ei ist keine Gewähr dafür gegeben, daß diese dadurch besser gestellt ist. Eine gerade jetzt besonder- interessante Erörterung wird in der Pariser Wochenschrift Co-mo- über bie WohnlichkrU der Unterseeboote veröffentlicht. In Frankreich, bem klassischen Land für bie Entwicklung dieser Seewaffe, ist eine treffliche Gelegenheit geboten, vergleichende Studien über diesen Punkt an verschiedenen Typen vorzunehmen. Die französische Marine besitzt auch bai größte Unterseeboot der Welt in ihrem Archimede von 600 To. Der Pluvios« unseligen Angedenken- hatte nebst einer Reihe von Genossen eine Raumverdrängung von 400 To., während die Fahrzeuge nach dem Typ der Sirene auf 150 To. abgemessen sind. E- ist nun hie Frag«, in welchem dieser Typen die Mannschaft am ehesten ein menschenwürdige- Dasein führt. Die kleinsten Tauchboot« von 150 To. sollen einen Aktionsradius von 300 Seemeilen bei einer Geschwindigkeit von 8 Knoten besitzen. Demzusolge find sie mit einer vollständigen Ausrüstung für eine dreitägige Fahrt versehen. In Wahrheit hat aber noch kein Unterseeboot weder dieser noch anderer Art eine Fahrt von so langer Dauer zu unternehmen gewagt. Die längste Fahrt im Unterseeboot hat bi-her 36 Stunden betragen, und auch diese Leistung hat mit einer starken Erschöpfung der Mannschaft geendet. Die Hoffnung, daß sich diese Verhältnisse bei den größeren Unterseebooten günstiger gestalten würden, hat sich nicht bewährt. Bei der Klasse bei Pluvios« von 400 Tonnen mußt« bie Mannschaft verdoppelt werden, und der Uebelftanb der von den elektrischen Akkumulatoren au-gehenden Dünst« hat stch in «rhöhttm Grade gezeigt. Bei Fahrten an ber Oberfläche, wo bie Lust verhältnismäßig freien Zutritt hat, können bie Fahrleistungm bei ruhiger See natürlich etwa- weiter gesteigert werden. Der Papin hat die Strecke von 2400 Seemeilen von Cherbourg nach Bis«rta zurückgelegt, hat sich ab« immer an der Küste gehalten und über offene See höchsten eine Fahrt von drei Tagen gemacht. Da- amerikanische Unterseeboot Salmon hat die Urbersahrt nach den Bermuda- Jnseln, eine Strecke von 750 Seemeilen, in 5 Tagen zu stande gebracht, und ein schwedische- Unterseeboot hat sog« den ganzen Weg von seinem Bauplatz in Spezia bi- nach Stockholm mit eigenen Mitteln gemacht, und die erste Streck von Spezia bit Cartagena sogar in einer Fahrt von wenig mehr all 4 Tagen. Daß der große Archimede endlich eint Strecke von 1400 Seemeilen in 5 Tagen zu überminben vermochte, ist unter günstigen Witterung-verhältnissen wenig erstaunlich, da von jedem Handel-dampfer von gleicher Grüß« eine entsprechende Leistung verlangt wird. Die französischen Sachverständigen find auch weit entfernt davon, diesen Gewaltmärschen der Unterseeboote eine übertriebene Bedeutung beizulegen. Sie bezeichnen sie all an sich bewunderungswürdige Versuche, die aber für den gewöhnlichen Dienst dieser Fahrzeuge wenig besagen. Er wird immer ihre Unwohnlichkett bleiben, die zu einer Herabsetzung der Leistungen führen muß. vußirdem wird die Geschwindigkeit bet Boot« an bet Oberfläche bi-her durch bie Rücksicht aus die zur Steuerung unter Wasser dienende Vorrichtung behindert.
— (Ein schlauer Jugendstreich.) «l- biefet Tage in der Ort-schule zu Loitz in Pommern bet Lehrer gezwungen war, einem Schüler einen Hieb überzuziehen, machte sich zum Schreck der ganzen Klasse ein knatternde- Geräusch bemerkbar, und ein starker Pulverdampf entquoll der Kleidung de- verblüfften Jungen. Er mußte sich schleunigst seiner Jacke entledigen, damit er vor Brandichaden bewahrt blieb. Wie die Untersuchung ergab, hatte der jugendlich« Sünder mehrere Schachteln Pulverblättchen für Kinderpistolen in der Tasche gehabt, die sich bei dem Hieb bei Lehrer- entzündeten.
— (Trauung im Luftschiff.) Eine Meldung auf San Antonio in Texat berichtet von eimr phantastischen Heirat einer Miß Shcllon im Lustschiff in einer Höhe von 800 Meter. Die Trauung bei jungen Paare- fand über den Wolken statt. Nach der Trauung legte die ganze Gesellschaft noch 35 Meilen in der Luft zurück und stieg dann nieder, um in einem Hotel daS Hochzeit-diner einzunehmen.
— Sreil au, 26. Januar. Der Oberlörster Adam KledoS aus einem Gute bei NeuromSk wurde von Wilderern erschossen, all er in seiner Wohnung beim Abendbrote saß.
— (Ermordung einer Familie.) In einem kleinen spanischen Dorfe am ManzanareS wurde eine ganze Familie, bestehend auS Vater, Mutter und zwei Kindern, tot ausgefunden. Sämtlichen Leichen sind bie Köpfe abgeschnitten. Ob ei sich um einen Racheakt oder um Raubmord handelt, ist noch nicht festgestellt.