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Beilage jum

Herrselder Kreisblatt

Nr. 4. Dienstag, den 10. Januar ___________ 191*«

Gehetztes Wild.

Roman von E. v. Winterfeld - W a rn o w.

(Fortsetzung.)

Reichenbach schien sehr befreundei mit den HorstfieldS zu , sein. Natürlich würde er nun dem Lord sagen:Diese ; Frau ist nicht sähig, ein reine- Kind wie Florry zu er­ziehen; diese Frau hat monatelang unter schwerstem Ver­dacht in Untersuchungshaft gesessen. Der Vater dieser Frau ist ein Mörder und büßt dafür im Gefängnis. Und man ist noch gar nicht einmal sicher, ob die Frau unschul­dig ist."

Würde er daS sagen?

Mußte er daS nicht tun? Wenn er wirklich ein Freund deS LordS war, mußte er eS ja tun!

Wie langsam die Mahlzeit verlief!

Trotzdem aller Servieren wie am Schnürchen ging, schien eS ihr eine Ewigkeit zu sein.

Sie. saß zur Rechten der LordS und neben einem älteren, - sehr liebenswürdigen Herrn, dessen Namen sie bei der Vor- stellung nicht verstanden hatte. Doch schien auf der Tischkarte zu stehen: General Gresser. Er war augenscheinlich ganz be- geistert von LeonieS Schönheit und gab sich die größte Mühe, sie gut zu unterhalten.

Sie antwortete und lächelte und schien zuzuhören und hatte doch keine Ahnung, wovon die Rede war.

Immer mußte sie nach jener Seite der Tisches blicken, wo Reichenbach neben Florry saß, und von wo so oft silberhelle- fröhliches Lachen erscholl.

Also so vergnügt, so herzig konnte die Kleine sein?

Auch daS hatte sie nicht geahnt in diesen Wochen.

Da nickte sie ihr freundlich zu.

Sie hob ihr GlaS ein wenig, und sagte halblaut: |Leonie!" halb verschämt, daß sie eS wagte, sie, die ihr ß doch eigentlich Respektsperson sein sollte, so zutraulich anzu- I reden.

Leonie hob auch ihr GlaS und nickte.

Da sah sie Reichenbach» Blick und wußte:Er hat mich wiedererkannt!"

Florry aber beugte sich zu ihrem Nachbar und flüsterte: Oh, Onkel Reichenbach, ich will gut zu ihr sein. Nicht allein, weil Sie eS wollen, sondern weil sie so lieb und so schön ist."

Auch Reichenbach war nicht ganz leicht zumute in dem Gedanken an die bevorstehende Aussprache mit Leonie. Er mußte sie ja sprechen! Er mußte ihr nicht allein sagen, daß sie ruhig sein könne, daß er sie hier nicht vertreiben wolle, sondern er mußte ihr auch etwa- mitteilen, etwa-, daS mög­licherweise einen großen Eindruck machen würde nämlich die in Bremen schon allgemein erwartete bevorstehende Verlobung deS Leutnant- von Tessow mit Fräulein Lolo Lüning.

So sehr ihn sonst Florry» Grplauder sesselte, so lieb ihm die Kleine war, so hörte auch er heute manchmal nur halb, waS der rote Mund plauderte. Er erwog immerfort in Ge­danken, ob er ihr da- sagen soll« oder müsse. Jedenfalls schien doch Tessow mit keinem Gedanken mehr an Leonie zu denken, und die Zeit in St. war scheinbar für ihn nur eine Episode mehr auS der flotten Zeit in der kleinen Gar­nison.

Miß Florry, können Sie mir eine Unterredung mit MrS. Berg verschaffen? Eine kurze Viertelstunde, in der ich sie ungestört sprechen kann?"

Florry sah ihn überrascht an, und wie schon einmal, huschte ein Ausdruck deS Mißtrauen- über ihr Gesicht.

WaS wollen Sie mit ihr sprechen ?"

DaS kann ich Ihnen nicht sagen"

Warum nicht, wo ich doch weiß, daß Sie sie kennen?"

Weil Kinder noch nicht alle- wissen dürsen."

Ach, also ich bin ein Kind, da» noch nicht alle- wissen dars? Aber ihr können Sie alle» sagen, ihr!"

Wütend zerdrückte sie eine Brotkugel in der Hand, die sie spielend geformt hatte.

Sie hätte sie am liebsten demOnkel" Reichenbach in» Gesicht geworfen.

Aber sie besann sich; dann hätte er ja recht gehabt, wenn er behauptete, sie sei ein Kind. Ja, sogar ein recht unge­zogene» Kind.

Nein, nun gerade nicht! Dame wollte sie fein! Groß, erwachsen! Aber ihn da wollte sie durchaus nicht mehr sehen, und sie, die Falsche da drüben, auch nicht.

Denn dat war ja klar: er hatte gewußt, daß sie hier war, und nur deshalb war er gekommen!

Sie wandte sich an ihren Nochbar zur Rechten, einen ganz jungen Vetter, der seine erste Schnitzeljagd mitgemacht hatte, und den sie bis dahin eigentlich kaum ernstlich beachtet hatte.

Aus einmal beglückte sie nun den schüchternen Jüngling mit so viel strahlender Laune, daß er nach wenigen Minuten bangen Staunen» wie man so sagen pflegt im siebenten Himmel schwebte.

Einen Augenblick war Reichenbach förmlich erschrocken. Da hatte er ja etwa» Schöne- angestiftet. Gleich darauf lächelte er. Pah, Trotzköpfchen!

Sie würde sich schon besinnen, feine liebe, kleine Range! Nach seiner Erfahrung waren bei Florry derartige An­wandlungen zur Taubenhaftigkeit sehr rasch vorübergehender Natur.

Leonie hob auf einen Wink deS Lord» die Tafel aus. Die Damen zogen sich daraufhin zurück in ihre Zimmer, die Herren begleiteten sie artig bi- zur Tür und kehrten dann aus ihre Plätze zurück, um noch ein Weilchen beim Wein fitzen zu bleiben.

Im Vestibül standen fich später Leonie und Florry gegenüber.

Da der Abend so köstlich war, schlug Leonie vor, noch ein wenig im Park zu promenieren. Aber Florry wandte sich ab und sagte: Gehen Sie ich nicht!"

Nun, wenn Sie keine Lust haben, Florry, können wir auch im Hause bleiben."

Wir? Gehen Sie doch! Ich will nicht!"