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Hersselder Kreisblatt

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Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 97.

Donnerstag, den 18. Anglist

1910«

Amtlicher teil.

HerSfeld, den 10. August 1910.

In der ersten Anweisung zur Ausführung der Landge­meindeordnung für die Provinz Hessen-Nassau vom 4. August 1897 (Gesetzsamml. S. 301), betreffend die erstmalige Bil­dung der Gemeindeversammlungen, Gemeindevertretungen und Gemeindevorstände, vom 5. Oktober 1897, ist zu Abschnitt I Nr. 1 in der Erläuterung zur Liste A unter b Absatz 4, so­wie zu Abschnitt II Nr. 1 in der Erläuterung zur Liste B unter Absatz 3 (vergl. Amtliche Ausgabe 1897 S. S. 4 und 9 und BrauchitschErgänzungSband für die Provinz Hessen- Nassau" S. S. 160 und 165) u. a. ausgeführt, daß durch § 16 Abs. 4 der Landgemeindeordnung die Vorschrift des § 11 Abs. 4, wonach Steuerzahlungen, Einkommen und Grund­besitz der Ehefrau dem Ehemann anzurechnen sind, eine Ein­schränkung erleide, indem diese Anrechnung dann nicht statt- finde, wenn der Grundbesitz der Ehefrau für sich zum Stimm- recht befähige, er also entweder in einemWohnhause bestehe oder der auf ihn entfallende Jahresbetrag der vom Staate veranlagten Grund- und Gebäudesteuer mindestens 3 Mk. betrage.

Im Gegensatz hierzu hat das Oberverwaltungsgericht in der Entscheidung vom 22. April d. Js. I. C. 54. 09 unter Hinweis darauf, daß die Hessen-Naffauische Landge- meindeordnung von dem in § 11 Abs. 4 enthaltenen Grund­satz, demzufolge der Grundbesitz der Ehefrau dem Ehemann zuzurechnen sei, keine Ausnahme mache, dahin entschieden, daß die Vorschrift des § 16 Abs. 4, wonach auch grundbesitzende Frauen unter Umständen stimmberechtigt seien, nur insoweit Platz greifen könne, als für ihre Anwendung neben dem & 11 Abs. 4 Raum sei.

Hieraus folgt, daß unter denFrauen" deS § 16 Abs. 4 regelmäßig nur unverheiratete oder verwitwete verstanden werden können. Ehefrauen werden dagegen nur ausnahmsweise eine selbständige Stimmberechtigung besitzen, nämlich dann, wenn der Ehemann nicht gemeindeangehörig ist (also getrennt von der Frau außerhalb der Gemeinde wohnt) oder wenn ihm eines oder das andere der allgemeinen Erfordernisse deS § 11 (z. B. Nr. 2, 3 oder 5) sehlt. In gleicher Weise wird auch den unter väterlicher Gewalt stehenden Kindern nur aus­nahmsweise d. h. wenn in der Person des VaterS liegende Hindernisse der vorgeschriebenen Art die Anrechnung deS Grund­besitzers ausschließen eine selbständige Stimmberechtigung zustehen.

Ich ersuche die Herren Bürgermeister deS Kreises, in Zu­kunft nach diesen Grundsätzen zu verfahren.

Der Vorsitzende des kreisausschuffes:

I. A. 6120. I. V.:

F. Rechberg, KreiSdeputierter.

jioimtH^tin null Kelterßürme.

Roman von A. v. Liliencron.

(Fortsetzung.)

Ich will fort", erklärte Regina.ES taugt nicht, Herr Doktor Tondern, daß wir hier allein beieinander sind! Jedes LiebeSwort, das ich anhöre, jede Schwäche, die ich zeige, kommt mir vor wie ein Verrat an dem gütigen Manne, dessen Namen ich trage, und dessen Ehre ich zu hüten habe, daß sie ohne Flecken bleibe!"

Tondern trat unbewußt einen Schritt zurück, so hoheitS- voll war ihm die Geliebte noch nie erschienen und so achtung- gebietend klang ihre Stimme, daß er sich vor ihr beugte und doch zugleich die Liebe noch heißer in feinem Herzen auswallen fühlte.

Da er aber noch immer kein Wort der Erwiderung fand, wiederholte Regina noch einmal mit fester Entschlossenheit: Ich will fort! Gleich und aus der Stelle! Es soll nicht . . ."

Ein knatternder Donnerschlag übeltönte die Worte, und fast ohne Pause reihte sich Blitz und Donner in kürzester Reihenfolge daran.

Da ist die Antwort! Sie können jetzt nicht mehr fort", erklärte er und bemühte sich, mit völliger Selbstbe­herrschung zu sprechen.Ein arges Gewitter geht über Breslau nieder! Hören Sie den Sturm, gnädige Frau ? So braust er auch durch die Seele, wenn der Schmerz mit elementarer Gewalt hindurchsegt und die Blüten knickt, so daß alle Hoffnungen und Wünsche zertreten am Boden liegen I"

Seien Sie nicht grausam, Willibald!" flehte sie,schonen Sie daS schwache Herz, daS stark sein will und bleiben wird, weil Pflicht unb dankbare Liebe eS gebieten I" flehte die junge Frau.

Er sah ihr tränenüberströmteS Antlitz und auch ihm wurden die Augen feucht.

Wenn dann die wilde Gewalt deS Sturmes sich gelegt

nichtamtlicher teil.

3«m 80. Geburtstage des Kaisers 8« Ms.

18. August.

Kaiser und König Franz Josef, der Herrscher der mit uns verbündeten Doppelmonarchie, begeht an diesem Donnerstage seinen 80. Geburtstag und damit eine Feier, an der weit über die schwarzgelben Grenzpsähle hinaus nicht am wenigsten in Deutschland inniger Anteil genommen wird. In aller Erinnerung ist noch der glanzvolle Verlaus des 60. Regierungsjubiläums des erhabenen Fürsten, zu dem vor zwei Jahren unter der Führung unseres Kaisers die deutschen Fürsten im Schönbrunner Schlosse erschienen waren, um dem edeln Herrscher, dem treuen Bundesgenossen, dem mäch­tigen Horte des Friedens" Glückwünsche darzubringen. Die weihevolle Stunde dieser ehemaligen Kundgebung steht wieder lebendig vor der Seele des deutschen Volkes, das sich mit den Völkern Oesterreich-Ungarns in dem Wunsche vereinigt, daß eine gütige Vorsehung dem verehrungswürdigen Herrscher des Habsburgischen Kaiserstaates auch fürderhin Gesundheit und Glück verleihen und noch viele Jahre segensreichen Wirkens gewähren möge.

In harter, schwerer Arbeit ist eS dem Kaiser Franz Joses gelungen, den bei seiner Thronbesteigung rings von Feinden bedrohten Erblonden ihre Machtstellung zu erkämpsen. Un­geachtet mancher betrübender Wahrnehmungen, vermag Kaiser und König Franz Joses, auf sein RegierungSwerk mit der Ueberzeugung zurückzublicken, daß sein Reich unter seiner Füh­rung eine emporsteigende Entwicklung durchlebt hat. Harrt die wichtige Nationalitätensrage in Cisleithanien auch noch einer allen Teilen gerecht werdenden Lösung, so wird doch der Geschichtsschreiber große Fortschritte aus allen Gebieten deS staatlichen Lebens zu verzeichnen haben. Unter dem jetzigen Herrscher deS HabSburgischen Reiches ist dieses aus den Fesseln des absolutistischen Gemeinwesens zu einem Ver­fassungsstaate entwickelt worden, dessen volle Wirksamkeit nur durch die nationalen Gegensätze gehemmt wird. Die wirt­schaftlichen Verhältnisse haben einen allenthalben sichtbaren er­sprießlichen Aufschwung ersahren. Mit ihnen ging die Hebung der kulturellen Zustände Hand in Hand. Mit der Besetzung und Angliederung von BoSnien und der Herzegowina, wo Oesterreich-Ungarn hervorragende Kulturarbeit geleistet hat, ist der Bestand des Reiches durch wertvollen Besitz gemehrt worden. An die Stelle der den neuzeitlichen Bedürfnissen der Völker nicht mehr entsprechenden Verbindung mit Deutschland ist das völkerrechtliche Bundesverhältnis mit dem Deutschen Reiche getreten, unter dessen Geltung der Entfaltung der Kräfte beider Mächte freie Bahn gesichert und ihre internatio­nale Stellung wesentlich gekräftigt wurde. So ist Kaiser und König Franz Joses in Wahrheit ein Mehrer seines Reiches

hat", fuhr er fort,dann kommt der erlösende Regen, der Tränenstrom, der den Kampf im Gemüte beruhigt und der gefolterten Seele ein Ausatmen bringt. Wir kennen uns beide zu genau, wir wissen, daß wir Stürme durchlebt haben so schwer, wie nur ein armes Menschenherz sie durchmachen.kann, und heute" er machte eine kurze Pause, sein Atem ging heftig und stoßweise, dann setzte er mit erzwungener Ruhe hinzu:Wo wir unS klar darüber sind, daß wir alle uns zu Gebote stehenden Waffen anwenden müssen, um nicht elendiglich zu unterliegen, kennen wir doch beide den Weg der Pflicht und werden ihn im Auge behalten. Warum da dies ungesuchte und doch so heiß ersehnte Wiedersehen abbrechen, bevor eine erlösende Aussprache stattgesunden hat?"

Sie antwortete nicht gleich, sondern hielt noch immer den Kops gesenkt, erst als er jetzt näher an sie heran» trat, hob sie abwchrend die Hand und murmelte, ohne ihn anzusehen:Wir beide beten: Führe uns nicht in Ver­suchung!"

Und jetzt in dieser Stunde werden wir die Bitte heißer, inbrünstiger zu unserem Vater im Himmel senden als je", er­klärte er,aber mit diesem Schilde stehen wir auch unter sicherem Schutz in einer Gefahr, die wir erkennen. Sie waren srüher mutig, gnädige Frau, unerschrocken, wenn eS galt, einen Liebesdienst zu tun, können Sie dem Manne gegenüber furcht­sam sein, dem Sie einst ganz vertrauten, und wollen Sie ihm die einzige Bitte abschlagen, die er noch an Sie hat, eine kurze klärende Aussprache?"

Jetzt schlug Regina die Augen mit einem freimütigen Blick zu ihm aus.

Ich war feige, jämmerlich feige", gestand sie,und daS unerwartete Wiedersehen überwältigte mich, aber Ihre Worte haben mir das Gleichgewicht wiedergegeben."

Er schob einen Sessel für sie hin.Mein ganzes Herz verlangt danach, aus Ihrem eigenen Munde zu hören, wie sich daS Schicksal derjenigen gestaltet hat, deren Glück mir teurer ist als daS meinige. WaS ich bisher darüber erfahren habe, ist doch nur Oberflächliches."

Regina hatte sich gesetzt, sie lehnte müde im Stuhle zurück.

gewesen. Weder trübe Erfahrungen und Enttäuschungen noch das unsäglich tiefe Leid, das ihm persönlich durch schwere Schicksalsschläge zugesügt wurde, denen die nächststehenden Familienmitglieder zum Opfer fielen, haben vermocht, dm Herrscher von der mit nie versagender Sorge für das Gemein­wohl geübten Pflichterfüllung abzuwenden. Aus solcher Saat mußte reiche Frucht erstehen, die Frucht der Verehrung, dir seine Völker ihm zollen.

Wie in allen Schichten der österreichischen Bevölkerung, so werden auch in der Armee die Empfindungen der FesteS- sreude und der Ehrerbietung gegen den obersten Kriegsherrn an dessen 80. Geburtstag lebhaftesten Ausdruck finden. Kaiser Franz Joses ist Soldat vom Scheitel bis zur Sohle. Ohne Unterlaß erfreute sich die Wehrmacht der Fürsorge durch den obersten Kriegsherrn; das Heer ist aus der Höhe seiner ruhm­reichen Vergangenheit geblieben, und der Kriegsflotte, aus deren Blättern herrliche Taten verewigt find, wird die ihr zu- kommende sördemde Aufmerksamkeit zu teil. Noch jetzt unter­zieht sich Kaiser Franz Joses mit rastlosem Eiser den Bcfich- tigungen der Truppen und der Teilnahme an deren Manövern. Eure Majestät haben fich stets als daS Muster aller sol­datischen Tugenden bewährt" sind Worte unseres kaiserlichen Herrn, die er seinem hohen Verbündeten gegenüber bei einer Hostasel im Berliner Schlosse äußerte. Von seinem 14. Lebensjahre an in den militärischen Unterrichtsgegenständen unterwiesen, wurde Kaiser Franz Joses im Frühjahr 1848 der in Italien unter dem Feldmarschall Grafen Radetzky stehenden Armee zugeteilt und zeichnete sich hier durch Kalt- blütigkcit und Umsicht aus. Sein bedeutsamstes Werk ist die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, die er im Jahre 1868 an Stelle einer veralteten Heeresversaffung setzte, wobei mannigfacher Widerstand zu überwinden war, da vielerlei Vor­rechte und Dienstbefreiungen aus früherer Zeit hierdurch ihr Ende fanden.

Der Stempel der überragenden Persönlichkeit des Kaisers Franz Joses ist auch der auswärtigen Politik des habrburg- ischen Reiches aufgedrückt. Aus diesem Gebiete find gerade wir Deutschen dem verbündeten Kaiser zu großem Danke ver­pflichtet, weil seine unerschütterliche BundeStreue die besonders in den letzten Jahren von unseren Neidern und Feinden ge­schmiedeten Pläne im Keime erstickte. Wie finnbetörend auch die Sirenenrufe locken mochten, Kaiser Franz Josef stand sest, wie ein Fels im Meer, und ließ fich nicht um Haaresbreite von dem Wege der strengsten Pflichterfüllung und vollkom­mensten Treue gegenüber dem deutschen Bundesgenossen ab­bringen. Durch die Pflichttreue ist Kaiser Franz Josef daS Vorbild jedes Soldaten geworden. Auch Deutschlands Heer, dem er als Ches von vier Regimentern angehört, gedenkt mit aufrichtigem Wunsche des ehrwürdigen Herrschers, weiß eS doch, daß in der Stunde der Gesahr beide Heere Schulter an Schulter stehen werden.

Wir kennen einander bis auf den Grund der Seele"/ sagte sie,daher müssen auch Sie eS missen, wie ich mich danach gesehnt habe, sobald ich erfuhr, daß Sie noch am Leben seien, zu hören, wie es Ihnen ergangen wäre. Wie zwei gute Kameraden, die unerwartet zusammengetroffen find, um dann für immer wieder voneinander zu scheiden, so wollen auch wir jetzt miteinander austauschen, was wir uns von unsern LebenS» sührungen zu sage* haben. Ich bitte, lassen Sie mich dar zu­erst hören!"

Tondern nahm ihr gegenüber Platz. Den Kops aus die Hand gestützt, beschattete er damit die Augen, damit der sehn­suchtsvolle Blick, den er aus die verlorene Braut richtete, die junge Frau nicht ängstigen sollte, der er jeden Stein aus dem Wege hätte räumen mögen.

Ich werde kurz sein", begann er.Unser Schiff, aus dem ich die Fahrt nach New Dock madjte, wurde vom Sturme gegen einen Felsenriff geschleudert. Wir strandeten und trieben auf dem Wrack steuerlos umher, von den haus­hohen Wellen auf ihren Schaumkamm gehoben oder erbar­mungslos in die Tiefe geschleudert. Angesichts des sicheren Todes schrieben einige von uns unter unsäglicher Mühe einen Abschiedsgruß."

Ich ich habe ihn erhalten", schob Regina dazwischen, sie wollte noch mehr hinzusügen, aber die Stimme ver­sagte ihr.

Auch er, durch diese Mitteilung ergriffen, mußte eine kurze Pause machen, fuhr dann aber in anscheinend ruhigem Tone fort:AlS wir die Flasche mit den AbschiedSgrüßen an den Mast gebunden hatten, faßte ein Wirbelwind daS Wrack und legte es auf die Seite. Die Wellm rissen mich herunter, ich versank in den Wogen. Als ich wieder auftauchte, sah ich vor mir eine loSgerissene Schiffsplanke treiben, ich griff da­nach und noch halb betäubt klammerte ich mich daran fest. Allmählich kehrte bei mir klare Besinnung und ruhigeS Nach­denken zurück und damit die Hoffnung auf Rettung. Ich hatte den Schwimmgürtel um den Leib, die Planke, an der ich mich hielt, war "dauerhaft, nun mußten die Wellen daS Weitere tun. Wenn meine Kräfte auShielten, konnte ich noch irgendwo Land erreichen. Die Stuirden dehnten sich zur