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Herrjel-er Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 96.

Dienstag, den 16. August

1910.

Amtlicher teil

Unter Bezugnahme aus die Bekanntmachung vom 8. Januar 1910, Amtsblatt Nr. 3 vom 19. Januar 1910, wird hierdurch erneut bekannt gemacht, daß der nächste Termin der durch das Gesetz vom 18. Juni 1884 vorgeschriebenen Prüfung von Schmieden über ihre Befähigung zum Betriebe des Hufbeschlaggewerbes hierselbst am Sonnabend, den 24. September, vormittags 9 Uhr, in der Schmiede des Ober­meisters Schade wird abgehalten werden.

Cassel, am 21. Juli 1910.

Der Vorsitzende der staatlichen Husschmiede-PrüfungSkommission deS Regierungsbezirks Cassel:

Veterinärrat Buch.

Hersseld, den 12. August 1910. Wird veröffentlicht.

I. I. Nr. 7637. Der Landrat.

I. V.:

W e s s e I, Kreissekretär.

Hersseld, den 13. August 1910.

Die Herren Ortsvorstände erhalten in den nächsten Tagen die Rekrutirungsstammrollen der Jahrgänge 1888, 1889 und 1890 zurück. Dieselben find gemäß § 46,12 der Wehrord- nung in der Gemeinderepositur sorgfältig auszubewahren.

I. M. 1310. Der Landrat.

I. V.:

Weisel, Kreissekretär.

Nachdem bei der Abstimmung fich die Mehrheit der be­teiligten Gewerbetreibenden für die Einführung deS Beitritts- zwanges erklärt hat, ordne ich hiermit an, daß zum 1. Oktober 1910 eine Zwangsinnung für daS Echuhmacher-Handwerk in dem Bezirk der Stadt Hersseld mit dem Sitze in Her-feld und dem Namen Zwang-innung für daS Schuhmacher- Handwerk im Bezirke der Stadt Her-seld errichtet werde.

Von dem genannten Zeitpunkt ab gehören alle Gewerbe­treibende des vorbezeichneten Bezirks, welche das Schuhmacher- Handwerk betreiben, gleichviel ob sie Gesellen und Lehrlinge beschäftigen oder nicht, dieser Innung an. (A. n. G. 1386.) Cassel, am 28. Juli 1910.

Der Regierungspräsident. I. A>: Lücke.

Hersseld, den 12. August 1910.

Wird veröffentlicht.

I. 7424.11. Der Landrat.

I. B.:

W e s s e l, Kreissekretär.

Der Plan über die Errichtung einer oberirdischen Tele­graphenlinie an der Kreisstraße von Reckerode bis Forsthaus

KvMlGill und MteHme.

Roman von A. v. Liliencron.

(Fortsetzung.)

Der Kommerzienrat beobachtete, wie Reginas dunkle Wimpern seucht wurden, und wie langsam Träne aus Träne über die bleichen Wangen rollten. Sie rührte sich nicht, nur ab und zu schüttelte ein krampfhafte- Zittern ihren Körper.

Wieder wie vor acht Tagen, als sie sich gegen den Flieder- tust gewehrt hatte, fragte er sich, wa- hat das zu bedeuten? Eben srisch und heiter und nun dieser Zustand eines völligen ZusammenbrechenS.

Schon legte er die Hand an die Klingel, um zum Arzt zu schicken, da hörte er, wie sie mit halberstickter Stimme murmelte:Großer Gottl Großer Gott! ES kann ja nicht sein I"

Der Kommerzienrat trat an ihr Lager.WaS kann nicht sein, mein Liebling?" fragte er.

Sie öffnete die Augen, starrte ihn an, und der AuS- druck jähen Erschrecken- trat in ihre Züge.ES wäre ja surchtbar", sagte sie langsam. Verzweiflung klang au« ihrer Stimme.

Was denn, mein arme- Kind?" drängte er und beugte sich zu ihr.

Da schlang sie beide Arme um seinen HalS und brach in krampfhaftes Weinen auS.

Er ließ sie still gewähren, die Tränen an seiner Brust geweint, mußten ihr Erleichterung bringen. AlS er fühlte, daß sie ruhiger wurde, legte er sie sanft zurück. Dabei be­merkte er, daß vorhin bei ihrem hastigen Ausrichten die Zeitung aus die Erde gefallen war, die sie im Garten in die Tasche gesteckt hatte. Er wollte sich danach bücken, aber Regina kam ihm zuvor. Sie faßte daS Blatt, schob eS von neuem in die Tasche, legte die Hand darauf und schloß die Augen.

Weber, peinlich erregt durch den ganzen Vorsall, meinte,

Mönches liegt bei dem Postamt in Hersseld vom 16. August ab 4 Wochen aus.

Cassel, 10. August 1910.

Kaiserliche Ober-Postdirektion.

nichtamtlicher teil.

Ein Augenzeuge über die Kapitulation von Sedan.

In PariS ist soeben unter dem Titel: Fröschweiler, Sedan und die Kommune ein neues Werk erschienen, das die Erinne­rungen und Auszeichnungen des Generals Vicomte Aragonnss d'Orcet zusammensaßt, der als Rittmeister im 4. Kürassier- regiment an dem Kriege teilnahm und als Parlamentär jener historischen Verhandlung zwischen Moltke, Bismarck und dem General de Wimpffen beiwohnte, der die Kapitulation der französischen Armee folgte. Nach den Kämpfen deS 1. Sep­tember betrat der junge Rittmeister das kleine Haus, in das man den schwer verwundeten Mac Mahon gebettet hatte. In diesem Augenblicke kam der Generalstabsches des Mar- schallS, der General Faure, und teilte den Offizieren mit, daß General de Wimpffen im Begriffe sei, ins feindliche Lager zu reiten, um Unterhandlungen einzuleiten. Er suchte einen Offizier, der Deutsch sprach; d'Orcet meldete sich und wurde so Zeuge der denkwürdigen Szene in Donchery. Um V2IO Uhr AbendS brach die kleine Kavalkade von Sedan auf. Kaum 100 Meter vor den Toren der Stadt war die Straße durch einen Verhau gesperrt: der erste preußische Posten. Mit Tränen ohnmächtiger Wut in den Augen sprach der französische Parlamentär den deutschen Offizier an und erklärte, daß unmittelbar hinter ihm die Abgesandten Seiner Majestät deS Kaisers folgten, um mit feiner Majestät dem König vom Preußen zu unterhandeln. Die Barriere öffnete sich, und die Franzosen schlugen den Weg nach Donchery ein. D'Orcet an der Spitze, hinter ihm ein Trompeter und ein Reiter mit der weißen Flagge; hundert Schritte weiter zurück General de Wimpffen, General Castelnau, General Faure, ein Ritt­meister der reitenden Jäger und ein junger Leutnant der Mobilgarde. Die Dunkelheit war vollkommen, überall die größte Stille. Plötzlich taucht aus dem Wege eine Gestalt aus und fragt halbblaut:Wer da?"Französischer Parla­mentär." Die Gestalt tritt zur Seite. Der RufVorbeilasten" klingt durch die Nacht, in der Ferne sieht man einen zweiten Schatten zur Seite treten. In Donchery endlich übernimmt ein deutscher Offizier die Führung des Parlamentärs. Man bringt ihn in ein kleines Häuschen, in dem wenige Minuten später auch Wimpffen und seine Begleiter eintreffen. Man bittet die Franzosen, in einem kleinem Salon zu warten. In der Mitte des Zimmers steht ein Tisch mit roter Decke. Schweigend und bedrückt warten die Franzosen. Endlich, zehn Minuten mochten verstrichen sein, öffnet sich die Tür. Drei höhere deutsche Offiziere in langen Ueberröcken treten

in diesem ängstlich gehüteten Zeitung-blatte vielleicht eine Er­klärung deS eigentümlichen Zustandes seiner Frau zu finden. Er verließ leise das Zimmer, gab dem Diener den Auftrag, ihm ein zweites Exemplar der eben gebrachten Zeitung zu be- sorgen und erwartete in unruhiger Spannung die Rückkehr deS Dieners.

Die Sorge um Regina ließ ihm auch keine Ruhe; im Balkonzimmer, daS neben ihrer Wohnstube lag, ging er langsam aus und ab. Der dicke Teppich dämpste seinen Schritt, und von Zeit zu Zeit blieb er lauschend stehen, um zu erspähen, ob Regina nach ihm verlange. Aber alles blieb still, ganz still in ihrem Wohnzimmer, vielleicht schlief sie jetzt und hatte die merkwürdige Anwandlung über­wunden.

Endlich ihm erschien eS eine Ewigkeit kam der Diener mit der Zeitung.

Hastig nahm er das Blatt, wars sich in den Sessel und durchflog eS. Plötzlich aber fuhr er mit der Hand über die Augen, als wolle er einen Schatten wegwischen und starrte von neuem in das Blatt, während sein Gesicht aschfahl wurde.

DaS war's daS", murmelte er,arme- Kind, und . er bedeckte da- Gesicht mit beiden Händen und verharrte lange regungslos in dieser Stellung.

AlS er die Hände sinken ließ, schien er um Jahre gealtert, er blickte mit leeren Augen zum Fenster hinaus, aber er sah nicht- von dem Sonnenschein und der FrühlingSpracht da draußen, denn vor seinen Augen und in seinem Herzen war eS dunkel geworden.

Erst nach geraumer Zeit stand er aus und ging müden Schritte- in daS Wohnzimmer seiner Frau, doch er sand sie dort nicht mehr.

Die gnädige Frau", s» berichtete ihm der Diener, ist im Gartenzimmer und bereitet den Tee zum Abend­brot."

Er ging dorthin, im unklaren mit sich, waS er ihr sagen sollte.

Bleich und abgespannt sah daS liebliche Gesicht seiner jungen Frau au-, und tiefe Schatten lagen unter ihren schönen

ein. ES find General Moltke, General v. Blumenthal und der Graf BiSmarck. Kurze Begrüßungen werben getauscht, dann wendet sich Moltke an Wimpffen und fragt, ob er schriftliche Vollmachten mit sich führe. Wimpffen bejaht, aber Molcke besteht darauf, die Papiere zu sehen. Dann stellt Wimpffen Castelnau und Faure vor. Mtt einer Be­wegung labet Moltke die Herren ein, Platz zu nehmen. Er selbst setzt sich an die eine Seite des TischeS, zu feiner Rechten Blumenthal, zu feiner Linken BiSmarck. Von den Franzosen nimmt nur Wimpffen Platz. Hinter ihm, fast ins Schatten verborgen, bleiben die beiden anderen Generale stehen. D'Orcet befindet sich zur Linken Bismarck-. In dem klemm Raume befinden sich sieben oder acht preußische Offiziere; aus einen Wink von Blumenthal stellt sich einer an den Kamin, um hier alles aufzuzeichnen, was gesprochen wird. Man hat kaum Platz genommen, da sieht d'Orcet, wie Bismarck sich zu Moltke hinüberbengt.Sie vergaßen unS vorzustellen", sagt er halblaut in französischer Sprache. Moltke antwortet mit einem unartikulierten Brummen, bann steht er plötzlich auf und stellt seine beiden Nachbarn vor:Der Gras von Bismarck, der General von Blumenthal." Endlich ergreift Wimpsen das Wott.Ich möchte die Bedingungen kennen lernen, die Se. Majestät der König von Preußen unS zu ge­währen beabsichtigt."Sie find sehr einfach dargelegt", antwortet Moltke;die ganze Armee mit Waffen und Bagage ist gefangen; die Offiziere behalten ihre Waffen alS Zeichen der Ächtung für ihre Tapferkett; aber auch fie find gleich der Truppe kriegSgesangen." Die Diskussion beginnt. Sie nimmt auf fetten WimpffenS bald den Charakter eines Plai- doyers an, das übrigens mit wenig überzeugender Stimme vorgetragen wird. Die Deutschen hören zu, aber fie bleiben fest. Moltke weist kurz auf die militärische Lage hin, aus feine 240 000 Mann, auf die 500 Kanonen, die bereits in Stellung stehen um ein Bombardement zu eröffnen. Bismarck spricht davon, daß Frankreich Preußen herauSgesordert habe, vom Pöbel und von den Journalisten sei es zum Kriege ge­trieben worden. Er betont das Wott stark und fügt hinzu: Die sind es auch, die wir strafen wollen." Wimpffen er­klärt schließlich:Wir werden den Kampf wieder ausnehmcn." Der Waffenstillstand", antwortet Moltke,läuft morgen um 4 Uhr früh ab. Puntt 4 Uhr wird daS Feuer eröffnet." In dem kleinen Zimmer find alle ausgestanden. Die Franzosen verlangen, daß ihre Pferde vorgesührt werden. Dann herrscht ein eisige- Schweigen. Um die Stimmung des Augenblicke- zu überwinden, tritt Blumenthal an d'Orcet heran und be­glückwünscht ihn zu der Tapferkeit der Kürassiere, deren Be­wegungen er mit dem Feldstecher verfolgt habe.Sie gehören einer Elitetruppe, einem heroischen Korps an, Herr Rittmeister, ich freue mich, Ihnen das zu sagen." Und er streckt dem Franzosen die Rechte entgegen. Das Eis ist gebrochen, daS Gespräch wird allgemein. Wimpffen nimmt mit Moltke, Bismarck und Blumenthal wieder Platz. Wieder wird unter­handelt, wieder bleibt Moltke fest.Es ist Mitternacht, um

Augen, alS sie ihm entgegenkam.

Verzeihe mir", bat sie,die Schwäche übermannte mich ich werde eS lernen, mich immer bester zu be­herrschen."

Kleiner Liebling armeS Kind", sagte er gepreßt und streichelte ihr glänzendes Haar.

Sie nahm die Hand, die sie liebkoste, drückte ihren Kopf darauf und wiederholte mehrmals langsam mit einer gewiflen Aengstlichkeit:Ich habe dich lieb ich habe dich lieb!"

DaS Wort, daS ihn sonst so beglückte, tat ihm heute weh, denn er verstand, daß sie eS unbewußt als Schild gebrauchte gegen die Gefühle, die diese Zeitungsnachricht in ihr ausge­wühlt haben mochte.

Darum fand er auch keine Antwort, auch nicht den Mut ihr zu sagen, daß er wisse, welche drohende Wetterwolke sich an ihrem Ehehimmel austürmte. Ebenso scheute sich Regina, eine Erklärung ihrer Erregung zu geben, um dem Manne, dem fie in aufrichtiger Verehrung zugetan war, eine schwere Sorge zu ersparen. Daß er bereits klar sah, ahnte sie nicht.

So schwiegen sie beide, aber daS Unausgesprochene drängte sich wie eine Kluft zwischen die Ehegatten und ein dunkler Schatten lagerte sich über daS Haus.

Der Kommerzienrat war einsilbig geworden, quälende Ge­danken wälzten sich in seinem Kops und auch Reginas gleich- bleibende Freundlichkeit vermochte nicht, die Falten auf seiner Stirn zu glätten.

Er beobachtete sie unausgesetzt. Ihre bleichen Farben, die müden Augen sagten ihm ohne Worte. wie tief sie litt Er sagte sich, daß ihre harmlose Heiterkeit von ihr gewichen sei, um einer ängstlichen Aufmerksamkeit Platz zu machen, und nannte sich einen alten Torrn, einen anspruchsvollen Narren.

So ging eS nicht weiter, daS fühlten beide. Regina brach endlich den Bann, der immer drückender würbe.

.Habe ich etwas getan, waS dir unangenehm war?" fragte sie zaghaft,du bist so verändert."

Er seufzte schwer.Mein Sind, dir mache ich keinen Bor-