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herrfelder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr.. Sonnabend, den 6. August 1910.

Amtlicher teil.

HerSfeld, den 27. Juli 1910.

Es ist neuerdings wieder vorgekommen, daß ein von einem Bürgermeister einer Landgemeinde des Kreises aus­genommenes Nottestament von dem zuständigen Königlichen Amtsgericht aus formellen Gründen für nichtig erfunden worden ist. Dieser Fall hätte wohl kaum eintreten können, wenn ein amtlich empfohlenes Formular zur Errichtung des Testaments benutzt worden wäre, was in meinem Aus­schreiben vom 30. September 1909 A. 6290 jKreisblatt Nr. 117) ausdrücklich den Gemeindevorständen zur Pflicht gemacht worden ist.

Indem ich dieses Ausschreiben hiermit in Erinnerung bringe, spreche ich die Erwartung aus, daß diejenigen Herren Bürgermeister, die etwa noch nicht im Besitze einiger Formu­lare zu Nottestamcnten sein sollten, sich solche von der Waisenhausverlagsverwaltung in Cassel nunmehr s ch l e u n i g st beschaffen. Auch empfehle ich hierbei nochmals, sich mit den bei der Abfassung von sogenannten Nottestamenten erforder­lichen Förmlichkeiten genau vertraut zu machen, damit nicht die ausgenommene letztwillige Verfügung wie es in dem Eingangs erwähnten Fall geschehen ist wegen FormmangelS für nichtig erklärt und der betreffende Bürgermeister selbst zivilrechtlich von den Beteiligten ersatzpflichtig gemacht werden kann.

Der Vorsitzende des Kreisausschusses:

I. A. 5703. von GruneliuS.

HerSfeld, den 3. August 1910.

Der Bürgermeister Jakob Kalbfleisch in SolmS ist als solcher für einen am 21. d. MtS. beginnenden weiteren achtjährigen Zeitraum wiedergewählt worden.

Ich habe diese Wiederwahl bestätigt.

A. 5899. Der Landrat.

I. B.:

W es sei, Kreissekretär.

HerSfeld, den 1. August 1910.

In Sorga ist der Schweinerotlaus amtlich sestgestellt worden.

I. 7426. Der Landrat.

I. B.:

Wessel, Kreissekretär.

nichtamtlicher teil.

Politischer Wochenbericht.

Der neue Staatssekretär deS Auswärtigen AmtS Herr von Kiderlen-Wächter hat, bevor er sein neuer Amt antrat, die erste sich ihm bietende Gelegenheit benutzt, um seine Bekanntschalt mit seinem österreichischen Kollegen, dem Grasen A e h r e n t h a I, zu erneuern. Er ist damit den traditionellen Bahnen der deutschen Diplomatie gefolgt, die das Bündnis mit Oesterreich als die Grundlage unserer auswärtigen Politik betrachtet. Und gerade bei der jüngsten Balkankrisis, deren Einzelheiten Herr von Kiderlen-Wächter in Bukarest ja aus nächster Nähe beobachten konnte, hat sich die Nützlichkeit deS Zusammengehens der beiden mitteleuropäischen Großmächte von neuem dokumentiert. Seitdem sind die deutsch-österreichischen Be­ziehungen nur noch enger geworden. Eine besondere Veranlassung der Begegnung der beiden Staatsmänner in Marienbad lag wohl kaum vor, es handelte sich mehr um eine persönliche Vorstellung, bei der allerdings sicherlich die schwebenden Fragen der Politik werden berührt worden sein, und es ist mit Sicher- Heit anzunehmen, daß sich zwischen beiden Staatsmännern eine völlige Uebereinstimmung gezeigt hat. Auch die während des Ausenthalts deS Reichskanzlers von Bethmann Hollweg in Wien bestätigte gleichartige Auffassung der deutschen und der öster­reichisch-ungarischen Politik hinsichtlich der Lage im Orient sowie die der Erhaltung deS Friedens dienende allgemeine Rich­tung ihrer StaatSkunst sind eine feste Grundlage für ein ver­trauensvolles Zusammenwirken, daS durch enge persönliche Fühlungnahme zwischen den Staatsmännern der verbündeten Mächte nur gewinnen kann.

Die Reichstagsersatzwahl in Cannstadt- L u d w i g s b u r g hat leider abermals einen sozialdemokra- tischen Sieg gebracht. Jetzt ist auch dieser Wahlkreis, der früher niemals in den Händen der Sozialdemokratie gewesen ist, dem Bürgertum verloren gegangen, und dieGenossen" stellen prahlend sest, daß ihre Zahl im Reichstage wieder aus ein halbes Hundert gestiegen ist. Die Sozialdemokratie ist jetzt wieder die drittstärkste Partei. Auch dieser sozialdemokra- tische Wahlsieg hat wieder den Beweis geliefert, daß die liberale Agitationsweise den Sozialdemokraten keinen Abbruch tut, ihnen vielmehr nur nützt. ES unterliegt keinem Zweifel mehr, daß durchweg und überall durch die einseitige und übertriebene Agitation gegen die ReichSfinanzresorm nur das Heer der Mitläufer der Sozialdemokratie verstärkt wird,.

und zwar erfolgt offenbar diese Verstärkung vornehmlich aus Kosten der liberalen Parteien. Indem die Liberalen bisher ihre Agitation ausschließlich auf den Kampf mit den Konser­vativen und dem Zentrum zugeschnitten hatten, boten sie den Sozialdemokraten die denkbar wirksamsten Angriffswaffen gegen die eigene Stellung und erkauften so den Gewinn eines einzigen ostpreußischen Mandats von den Konservativen mit dem Verluste einer ganzen Reihe größtenteils bisher den bürgerlichen Parteien sicherer Mandate an die Sozial­demokraten.

In dem uns verbündeten Italien ist in der Berichts­woche der zehnjährige Todestag des Königs Humbert allent­halben als Trauertag begangen worden. Zehn Jahre sind verflossen, seit König Humbert, der Vater und Vorgänger des gegenwärtig regierenden Herrschers, einem Mordanschlage zum Opser fiel, als er in Monza einem Feste beiwohnte, und mit tiefem Schmerze hat das italienische Volk der ruchlosen Tat gedacht, durch die ihm ein edler Herrscher entrissen wurde. Eine Linderung des Schmerzes konnte es nur in der berech­tigten Ueberzeugung finden, daß daS verflossene Jahrzehnt nicht ohne ernste Arbeit aus materiellem und moralischem Gebiete verstrichen ist. Das Ergebnis der aus den geschaffenen Grund­lagen weiter bauenden Arbeit liegt vor aller Augen. Es zeigt sich in der Hebung der allgemeinen Wohlfahrt und es äußert sich in dem neu belebten Bewußtsein, daß Italien in der monarchischen Staatsform ein unschätzbares Gut besitzt, mit dessen Pflege Gedeihen und ruhiges Fortschreiten des Landes eng verknüpft sind. Unter weiser Führung des Königs Viktor Emanuel III. wird die italienische Nation auf der eingeschla­genen Bahn zu immer höheren Zielen emporsteigen, würdig der Vorfahren, die ihr die Einheit und die gebührende Stellung im Rate der Völker erstritten. -

Der Konflikt SpanienS mit dem Vatikan hat zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen geführt und droht noch größere Folgen nach sich zu ziehen. Behauptet sich die Regierung, so dürste die Entwicklung ähnliche Wege gehen wie in Frankreich und in eine Trennung von Kirche und Staat auSmünden. Es ist ein merkwürdiges Schauspiel, daß die romanischen Staaten sich einet nach dem andern von den uralten Einflüssen Roms srei machen. Italien jührte den Reigen, dann folgte Frankreich, jetzt Spanien. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, wann auch Portugal die Tren­nung von Kirche und Staat zum Ziele seiner Politik machen wird.

Die Rede des englischen Premierministers Asquith, der in der letzten Woche wieder einmal Ab­rüstungspläne vortrug und sich deshalb verschiedeneDread- noughtS" bewilligen ließ, soll in Italien auf guten Boden ge­fallen sein. Wenigstens behauptet der französische Senator Gervais, zu wissen, daß der italienische König den anderen Regierungen Vorschläge zur Einschränkung der un­geheuren Seerüstungen unterbreiten wolle. Inzwischen ist die Haltlosigkeit dieses Geredes ausgedeckt worden. Er findet sich eben niemand, der mit dem Abrösten den Ansang machen will!____________________________

Bus ]n- und Busland.

Berlin, den 4. August.

Se. Majestät derKaiser brächte gestern bei der Früh- stückstajel im Offizierskasino zu Stettin einen Trinkspruch auf das Regiment aus, aus welchen Oberst Dickhuth erwiderte. Der Kaiser und Prinz Eitcl-Friedrich reisten etwas später als vor­gesehen um 2 Uhr 15 Minuten mit dem Sonderzug nach Berlin ab. Zur Verabschiedung aus dem Bahnsteig waren der Oberpräsident und der Polizeipräsident erschienen. Das Publikum bereitete dem Kaiser lebhafte Ovationen. Gestern nachmittag 4 Uhr 25 Minuten trafen Se. Majestät und Prinz Eitcl-Friedrich auf dem Stettiner Bahnhos hier ein.

Bezüglich der Frage der neuen R e i ch s st e u e r n wird jetzt bestätigt, daß der Reichskanzler in einer Beratung mit dem Reichsschatzsekretär zu dem Ergebnis gekommen sei, daß in der nächsten Reichstagssession keine neuen Steuern gefordert werden sollen. Man will sich nur auf die Mehr- forderung für die neue Militärvorlage beschränken, deren Kosten man aber ohne neue Reichssteuern auszubringen gedenkt.

Zu den unerquicklichen Erscheinungen in Deutschland innerer Politik muß man auch die fortwährenden Zwiste rechnen, die zwischen dem Bunde der Landwirte und dem H a n s a b u n d e bestehen und zu einem wahren Kriege gesührt haben. Der Hansabund hat jetzt bekanntlich dem Bunde der Landwirte den Vorwurs gemacht, daß er gegen­über Geschäftsleuten, welche dem Hansabunde angehörten. Boykotterklärungen ausgesprochen habe. Gegenüber dieser Anschuldigung hat nun der Bund der Landwirte in der Deutschen Tageszeitung" erklären lassen, daß der Bund der Landwirte als solcher niemals einen Boykott verhängt habe. Die deutsche Tageszeitung muß aber zugeben, daß die Land­wirte mit Vorliebe solche Geschäftsleute unterstützen, die ein gewisses Verständnis für landwirtschaftliche Interessen haben, und daß sie solche Geschäftsleute meiden, die ihnen politisch entgegenstehen. Deshalb könne man den Mitgliedern deS BundeS der Landwirte nicht verdenken, wenn sie mit Mit- gliedern des HansabundeS geschäftlich nichts zu tun haben wollten.

Am 1. August sind seitens der einzelnen Verwaltungszweige in den Reichsämtern die ersten Ausstellungen zu den Vorarbeiten des Reichshaush alt set ats für das Jahr 1911 gemacht worden, diese Aufstellungen find natürlicherweise noch nicht unbedingt seststehend, sondern sie werden erst mit den Einzelsorderungen des ganzen Etats verglichen und später in einer neuen Regelung für den Reichshaushaltsetat zusammen gestellt.

In der linksstehenden Presse wird der Verkauf der beiden Schisse der Brandenburgklasse an die Türkei sehr ungünstig besprochen und die Vermutung auSge- drückt, daß durch den Verkauf eine weitere Verstärkung der Flotte durch neue Schiffe nötig werde. Die beiden an die Türkei übergegangenen Schiffe haben indes schon längst ihre Dienstfähigkeit überlebt, sie sind auch dem modernen Typ nicht gewachsen, denn sie haben nur eine Wasserverdrängung von 10,000 Tonnen und eine Geschwindigkeit von 17 See­meilen. Die Brandenburgklasse hat übrigens seinerzeit bei ihrer Wirksamkeit in China die allgemeine Aufmerksamkett erregt. Außerdem war sie in der Schiffsbestückung ein ganz neuer Welttyp, denn hier hat Deutschland zum erstenmale die Mittelartillerie vollständig hinter den schweren Geschützen zu­rücktreten lassen. Außer mit sechs 28 Zentimeter Schnellade- geschützen, die in panzergeschützten Türmen mit MunitionS- schächten aufgestellt find, ist die Brandenburg-Klasse noch mit vier Maschinengewehren und drei Torpedorohren ausgerüstet. Die Baukosten bezifferten sich auf 16 Millionen Mark, und die Renovierungsumbauten auf eine Million Mark für daS Schiff. Die beiden übrigen Schiffe der Brandenburg-Klaffe, Weißenburg" undWörth", die durch dieDeutschland" und dieLothringen" ersetzt sind, bilden die Stammschiffe der Reservedivision in der Nordsee.

Der Streik aus den Hamburger Schiffs­werften umfaßt etwa 7000 bis 8000 Arbeiter. Die Ar­beiter der kleineren Reparaturwerften werden dem Streik nicht beitreten, da diese keine Forderungen gestellt haben.

Zwischen O est erreich und Italien find in letzter Zeit wiederholt ärgerliche Zwischenfälle an der Grenze vorge- kommen, in dem Oesterreichifche Stteiswachcn auS Versehen oder aus Uebermut auf italienisches Gebiet getreten sind und dort scharfe Auseinandersetzungen mit der italienischen Grenz- wache gehabt haben. Italienische Blätter behaupten sogar, daß ein österreichischer General mit einigen Offizieren und Sol­daten bei Comporosan die italienische Grenze überschütten habe. Wiener Blätter melden nun, daß durch eine strenge Untersuchung diese Vorfälle klar gelegt und künftig vermieden werden sollen.

Zwar nicht aus England selbst, aber aus der englischen Kolonie Kanada, ist in letzter Woche eine bedeutsame Stimme erklungen, die für die Freundschaft zwischen Deutschland und England aus Vernunftgründen eintritt. Der Präsident des geheimen Rates für Kanada, Sir Wifried Saurier, eine sehr einflußreiche Persönlichkeit in der ganzen Kolonie, hat nämlich in einer Ansprache an die deutschen Ansiedler in Kanada erklärt, daß er nicht an die Möglichkeit eines Krieges zwischen Deutschland und England glaube, denn England fei in srüheren Kriegen immer der Freund Deutsch­lands gewesen und nicht nur wegen der internationalen Ver­pflichtungen, sondern auch aus VernunftSgründen sei ein Krieg zwischen England und Deutschland unmöglich.

Ueber die Revolution in Ho ndur as wird nach New-Dork gemeldet, daß es abermals zu einem Zusammenstoß zwischen Ausständischen und RegierungStruppen gekommen ist, wobei 25 Mann getötet wurden. In Puerto Cortez wurden siebzehn des Ausstandes verdächtige Personen hingerichtet.

Schwere Unwetter

sind über Thüringen, Hefsen-Naffau und einem Teil Württem­bergs niedergegangen.

Koburg, 4. August. Ganz Thüringen wurde heute nacht von einem wolkenbruchartigen Unwetter heimgesucht. Der Bahndamm ist an vielen Stellen unterspült. Aus der Strecke Wutha-Ruhla ist der Betrieb für mehrere Tage gestört.

Cassel, 4. August. Rapides Hochwasser wird vom Obcr- lause deS FuldaflufseS gemeldet. Ein Wolkenbruch hat die Niederungen überschwemmt.

G m ü n d, 4. August. Ein furchtbarer Wolkenbruch ging heute nacht über die hiesige Gegend nieder. Die RemS ist durch den fast unausbörlichen Regen der letzten Tage so stark gestiegen, daß Gesahr für Menschen und Wohnungen besteht. Auch'in Aalen ist der Kocher sehr stark gestiegen und über- schwemmt daS ganze Talgebiet. Um 11 Uhr mußte die Feuerwehr requiriert werden, um die teilwciö stark gefährdete Einwohnerschaft zu unterstützen. Der Schaden ist sehr be­trächtlich, da auch mehrere Brücken vom Hochwasser sortge- rifsen sind.

Nord Hausen, 4. August. Die Zuflüsse der Saale Werra, Seine, Oker, Jnncrst, Bode, Unstrut auS dem Thü­ringer Walde und dem Harz führen seit heute nachmittag Hochwasser und haben vielfach die Talniederungen über­flutet.