Beilage jum
Nr. 63. Sonnabend, den 38. Mai 1910.
Die Menschenfalle.
Von Guy Thorne.
(Schluß.)
In Gilberts Arbeitszimmer, in dem er so manches Jahr in emsigem Fleiß verbracht hatte, saßen Gras Hudders- field, Sir William und Oberst Harrop bei Sadie und Gilbert.
Die Augen des alten Baronets schimmerten feucht, alS er das junge Paar umarmte.
„Gott segne euch, Gott segne euch, meine Kinder", sagte er mit bewegter Stimme. „Dies ist der glücklichste Tag meines Lebens und vielleicht um so glücklicher, weil wir durch so viel Trübsal hindurch mußten, um ihn begehen zu können, doch ich will nicht mehr der traurigen Vergangenheit gedenken, sondern vorwärts schauen."
Als Sir William schwieg, tat sich die Tür aus, und Woople trat ins Zimmer. Der kleine Mann, der in eigenem Wagen den Hochzeitszug begleitet hatte, führte eine elegant gekleidete, schlanke, junge Dame am Arm, die verlegen die Augen nieder- schlug.
„Holla, da kommt Woople!" rief Gilbert. „Mein lieber alter Freund, wie freue ich mich — doch, was seh ich?" unterbrach er sich.
„Meine Braut, Mr. Gilbert!" sagte der Ingenieur. „Es ist eine kleine Ueberraschung, und ich hoffe, Sie werden es nicht übelnehmen, wenn ich Sie am heutigen Tage mit meinen Privatangelegenheiten behellige. Ich habe mich kürzlich verlobt und gedenke, bald zu heiraten."
„Es ist Niobe Robb!" rief Sadie und schritt auf das errötende Mädchen zu. „Wahrhaftig, Niobe", setzte sie lachend hinzu, indem sie ihr die Hand schüttelte, „Sie haben den Vogel abgeschossen! Sie haben in Mr. Woople ja einen Edelstein von reinstem Wasser gefunden."
„Und nun, Sadie", sagte Gilbert, „laß uns zum Frühstück gehen I Ich möchte Dich den Leuten zeigen, damit sie doch alle sehen, wie süß und schön Du bist, mein Lieb!"
„Unsinn!" erwiderte Miß Sadie Wilshire oder vielmehr Mrs. Gilbert Atherton.
In dem alten Hause aus der Zeit der Königin Elisabeth, aus dem Moor von Aorkshire, wohnt, umgeben von großem Luxus, ein älterer Herr. Er ist in beständiger Gesellschaft und Pflege von Mr. Kennard, einem früheren Mechaniker der Firma Wilshire, de Toros u. Co.
Jede Woche besucht ihn einmal eine Dame in Schwesterntracht. Es ist die Oberin des Irrenhauses von Mcorchester. Es bildet nicht den kleinsten Teil der bescheidenen Freuden des Wahnsinnigen, wenn sie — Miß Lucie Harrop — zu ihm kommt und ihm ein Spielzeug mit einem neuen Mechanismus mit- bringt. Sie versteht es, auf seine Ideen einzugehen und sich mit ihm zu unterhalten.
Manchmal, aber nicht gar zu oft, erscheinen auch Lord und Lady Atherton in Schloß Kenyon, um den Mann zu sehen, der einst Julius Wilshire war.
Er erkennt sie selten und nimmt nur so weit Interesse an ihrem Erscheinen, als er ihnen das lausende Kaninchen oder den kletternden Clown zeigen kann, den ihm die stille Krankenpflegerin gebracht hat, die Stunden seiner Einsamkeit zu verkürzen.
Her gestötleU Ruhm.
Roman von F. Sutau.
(Nachdruck verboten.)
Das erste, leise Frühlingsahnen ging durch die Welt. Die Natur erwachte und auch über die Menschenherzen kam es wie ein Erwachen aus Winterschlaf, aus Alltagsträumen; manch einer wurde sich wieder bewußt, daß er Flügel hatte, Flügel zu hohem Künstlerflug. Wer sie haben dürste, seinem Genius zu folgen auf neuen, noch nicht ausgetretenen Bahnen!
Ulrich Arndt, der mit seinem Freunde Felix Bürger im Tiergarten zu Berlin in der Dämmerung des FrühlingS- abendS spazieren ging, hatte soeben eine solche Aeußerung getan.
Felix Bürger sah sehr erstaunt in daS hübsche, erregte Gesicht des Freundes.
„Du willst Deinem Genius folgen, Du, der Bankbeamte?' fragte er ironisch.
„Ja, ich will es", sagte Ulrich. „Trotz aller Prosa meines Daseins ist in meiner Seele doch noch nicht alles Kunstschnen erloschen, es glimmt noch unter der Asche grauer Tage, Melo- dienfunkcn steigen daraus empor. Du kennst ihn ja, meinen Operntraum. O, dürste ich ihn verwirklichen, ein Werk schaffen, das die Welt entzückt!"
„Schwärmer", entgegnete Bürger. „Du bist leider zu spät aus die Welt gekommen. Im vorigen Jahrhundert da gab noch solche Idealisten, die ihren Idealen die größten Opser brachten, darbten und hungerten, wenn es fein mußte. Im zwanzigsten Jahrhundert aber, wo alles zum lohnenden Erwerb treibt und drängt, wo der Kamps umS Dasein meisten- alle Kräfte der Menschen in Anspruch nimmt, da gibt man den Idealen bald den Lauspaß und wirst sie alS unnötigen Ballast aus dem LebenSschiff."
„Lache mich nur auS, verspotte mich nur, Du moderner Mensch, ich komme doch nicht mehr loS von der Idee, die mich gepackt hat!" rief Ulrich.
„Na, dann schieße nur loS damit, schütte Dein über- volles Herz aus, damit ich erfahren kann, waS für ein Ideal
Dein Herz erfüllt. Vielleicht kann ich Dir einen guten Rat geben."
Ulrich begann in sprudelnder Lebhaftigkeit dem Freunde seine Ideen auseinanderzusetzen. Dieser hörte ihm ausmerk- sam zu.
„Alles ganz gut und schön", meinte er dann beistimmend. „ES könnte etwas daraus werden, wenn Du die nötige Zeit hättest. Solch ein Werk erfordert das Einsetzen der ganzen Kraft, jeder Moment der Inspiration muß wahrgenommen werden."
Ulrich seufzte und sagte dann: „Hätte ich aus dem Konservatorium bleiben, hätte ich weiter studieren dürsen, dann wäre ich schon weiter. Du weißt ja, wie alle? kam, wie ich mein herrliches Musikstudium ausgeben mußte, und wie nun statt der Roten Zahlen, tote Zahlen vor meinen Augen aus- und niedertanzen, Geldrollen durch die Finger gleiten. DaS nüchterne Kontor, die öden Zahlenmenschen, die da kommen und gehen, na, und mein Onkel, das personifizierte Rechen- exempel, wie mich daS alles anwidert!"
„Er zahlt Dir doch aber guter Gehalt, Dein Onkel, und will Dein Glück."
„Wofür ich leider meine Freiheit, meine Selbständigkeit, das unbezahlbare Glück deS freien ungehinderten Schaffens dahin geben muß. Wäre wenigstens ein Instrument im Hause, woran man seine Mußestunden verbringen könnte, aber seit es Phonolas und Pianolas gibt, erklären alle meine liebwerten Verwandten, alles Klavierspiel und Lernen sei unnütze Zeitverschwendung. So bleibt mir immer nur die eine Zuflucht das stille HauS draußen in Moabit, meiner Schwester bescheidenes Heim, wo aber die Musen heimisch sind!"
„Ja, ich weiß, die Eva Fehrle ist Deine Muse!"
Ein glückseliges Leuchten flog über Ulrichs Gesicht. „Eva 1 Ja, sie versteht mich!" rief er. „Ich muß sie heute noch sehen, muß ihr die Melodie vorspielen, die das Leitmotiv meiner Oper werden soll. Leb' wohl, ich sehe dort die Straßenbahn kommen."
Felix schaute Ulrich nach, wie er jetzt aus dem Vorderperron der Straßenbahn stand, die mit ihm davonsauste. Wieder, wie schon so oft, regte sich ein Gefühl deS Neides in ihm. Was gäbe er darum, wäre es ihm doch auch vergönnt, so aus voller Kraft heraus zu schaffen. Stets war Ulrich der Schaffende gewesen, damals, als sie noch beide zusammen dar Konservatorium besuchten, die Melodien flogen ihm nur so zu. In der Technik, dem Beherrschen der einzelnen Instrumente, hatte Felix eS ja weiter gebracht als Ulrich, das war eben etwas, was man mit Fleiß erreichen konnte. Felix wollte aber doch gern mehr erreichen, er wollte unsterbliche Werke schaffen. Das aber ließ sich ohne die Gabe deS Genies nicht erzwingen, der Wille vermag es nicht allein. O launenhaftes Schicksal! Warum gab es Ulrich dieser Geschenk, dem es jetzt zur Qual wurde, und warum nicht ihm, Felix, der, durch nichts gehemmt, Hohes damit erzielen würde. Mit seltsamen Gedanken ging Felix nach Hause.
* *
*
Ulrich hatte schon vor einigen Jahren den Besuch des Konservatoriums aufgeben müssen, als sein Vater, der mittellose Beamte, starb. Er hatte kein Vermögen hinterlassen und Ulrich blieb nichts übrig, alS das Anerbieten seines Onkels, eines BruderS seiner früh verstorbenen Mutter, anzunehmen und in dessen Bankgeschäft einzutreten. Seine Ausbildung auf dem Konservatorium war noch nicht beendet. Mit dem, was er bis jetzt gelernt, vermochte er sich noch keine Existenz zu gründen. Ohne Mittel, wie er war, mußte er noch dankbar fein für dieses Unterkommen bei dem Onkel. Es lebte sich soweit ganz angenehm in dem Hause deS reichen Bankiers, nur Ideale durste man dort nicht haben, die wurden erbarmungslos vernichtet. Von den Künsten ließ der reiche Onkel höchstens noch die Malerei gelten, gute Bilder an den Wänden, daS macht sich ganz hübsch, gab der Einrichtung in seinem prächtigen Hause, besonders wenn die Rahmen der Bilder recht schön waren, etwas Vornehmes, Stilvolles. Die Dichtkunst aber und vollends die Musik erklärte der Onkel Bankier für brotlose Künste; unbegreiflich war eS ihm, wie Ulrichs Vater seine Zustimmung zu dessen Musikstudien hatte geben können. Ein Idealist, ein Schwärmer war derselbe freilich immer ge- wesen und man hatte ja gesehen, was dabei herauSgekommen war. Geld und Gut hatte er seinen Kindern nicht hinter- lassen. Aber andere Güter, die tausendmal mehr Wert hatten alS der schnöde Mammon, hatte Ulrichs Vater seinen Kindern doch hinterlassen, den Glauben an das Gute in der Welt, die Begeisterung für alles Wahre und Schöne, die Liebe zu den schönen Künsten und dar hohe Glück einer reinen ungetrübten Kindheit und ersten Jugend.
Seinen Verwandten daS aureinanderzusetzen, wäre ja nun sreilich verlorene Liebesmüh gewesen, waS fragten sie nach solchen Dingen, die nach ihren Ansichten alle keinen reellen Wert hatten.
„Eine Krämerseele war er eben nicht, mein Vater, sondern ein Edelmensch", erklärte Ulrich eines TageS den Verwandten, als wieder einmal kränkende Bemerkungen über den Idealisten gefallen waren.
„Phrasen", sagte sein Onkel, der Bankier Winkler, wegwerfend. „Edelmenschen, Uebermenschen, daS find so die beliebten Schlagwörter, die gar nichts besagen, mit denen sich aber solche Menschen, die für daS praktische Leben nicht- taugen, gern ein gewisses Ansehen geben."
„Wir sind natürlich die Krämerseelen, die Alltag-- menschen", fügte seine Tochter Anna mit gekränkter Miene hinzu.
„Kind, so laß doch daS ewige Nörgeln", nahm Frau Winkln das Woet. „Ulrich wird ja auch noch zu der Einsicht kommen, daß da- Vermögen eine Rolle im Leben spielt, und er wird daS Glück auch nicht von der Hand
weisen, wenn es sich ihm bietet, so vielleicht durch eine gute Heirat."
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— (Hinrichtung eines FrauenmörderS.) Gestern morgen um 6 Uhr ist in FlenSburg der 18jährige Dienstknecht Julius Sörenfen, der die Ehefrau Lorenfen in Juhlfchau ermordet hatte, hingerichtet worden. Ein Gnadengesuch an den Kaiser war abschlägig beschieden worden.
— Bern, 25. Mai. Ein Erdrutsch verursachte die Zerstörung eines Teiles der Ortschaft Fontenay. Fünf Wohnhäuser sind vollständig verschüttet worden. Unter den Trümmern liegen drei Familien begraben. Bis jetzt find fünf Leichen geborgen.
— (Ein undankbarer Patient.) Der Brauermeister Edmond DorcheS in Bruay-sur-L'escaut bei Lille litt seit langer Zeit an heftiger Neuralgie. Kürzlich ließ er seinen Arzt, einen Doktor Schultz kommen, der ihm eine Morphiumeinspritzung machte, um die Schmerzen zu lindern. Kaum war der Arzt hiermit fertig, als Dorches sein Jagdgewehr ergriff und einen Schuß aus den Arzt abgab, der jedoch nicht getroffen wurde. Doktor Schultz begab fich hierauf zu dem Werkmeister des AngreiserS, um ihn auf den gemeingefährlichen Zustand von Dorches aufmerksam zu machen. Da plötzlich tauchte dieser aus dem abendlichen Dunkel von neuem aus und gab einen zweiten Schuß auf den Arzt ab, der diesmal die ganze Schrotladung in Schulter und Hinterkops erhielt. Der Zustand deS OpserS ist bedenklich. Dorches wurde ver- hastet und in die Krankenabteilung des Liller GesängnisseS übersührt.
— (Vierlinge.) Aus SmolenSk wird gemeldet: Im PorjetschkikreiS gebar die Frau eines dortigen Müllers vier Knaben. Mutter und Kinder sind wohlaus.
— (DieRattenplage in Petersburg.) Eine behördliche Untersuchung über die Rattenplage auf den Petersburger Warenstationen stellte fest, daß der Schaden an den dort aufgestapelten Waren durch Ratten jährlich viele hundert- tausend Mark beträgt. Die großen Petersburger Firmen allein erleiden durchschnittlich 20,000 Mk. Schaden.
— (Eine Million Francs Gage.) Andrea- Dippel, der Generaldirektor des vor kurzem gegründeten Chica- goer Opernhauses weilte, vor kurzem in Berlin. Der einzige Zweck seines Besucher war das Engagement deS bekannten sranzösischen Tenors DalmoreS, der vor kurzem hier im Neuen königlichen Operntheater gastierte. DalmoreS wurde für vier Saisons verpflichtet und erhält für diese Zeit eine Gage von einer Million Francs. — Gegenüber dieser Riesensumme verblaßt sogar die Ziffer der Jahresgage, die der augenblicklich teuerste deutsche Tenor, Hert Tänzler, von der Berliner Großen Oper erhalten wird: es sind ja nur 60 000 Mk.
— Einen surchtbaren Tod in den Flammen haben 35 Neger in BibbS County, Alabama, gesunden, weil die Wächter der Eträflingskolonie, der die Neger angehörten, die Unglücklichen mit Gewalt verhinderten, daS brennende Gebäude zu verlassen, in dem man sie gefangen hielt. Die Sträflinge waren nach amerikanischem Brauche einer Bergwerksgesellschaft zur Strafarbeit überlassen worden, der Red Feather-Kohlcn- gesellfchast, die die übernommenen Gefangenen in einer großen Holzumzäunung von bewaffneten Wächtern überwachen ließ. In den letzten Monaten hatten sich die Fluchtversuche einzelner Sträflinge gehäuft, und man verdoppelte die Wächterzahl. Patrouillen mit scharf geladenen Gewehren umkreisten unau». gesetzt die Palisadenwände. Die Sträflinge mußten erkennen, daß eS unmöglich war, den Wächtern zu entkommen. Einer der Gefangenen griff schließlich zu dem Verzweiflungsmittel, den hölzernen Bau in Brand zu setzen, offenbar in der Hoffnung, daß in der Verwirrung und Aufregung eine Gelegenheit zur Flucht sich bieten könne. Mit furchtbarer Schnelle breiteten sich die Flammen aus, und bald stand der ganze Holzbau in Feuer. Der Gefangenen bemächtigte sich eine wilde Panik. Alle drängten zum Ausgange, um dem Flammentod zu entgehen. Aber die Wächter hatten draußen eine Kette geschlossen und ließen niemand heraus; wer versuchte, daS Gebiet der Umzäunung zu überschreiten, wurde mit Kugeln empfangen, und mehrere der verzweifelten Flüchtlinge fielen schwer verwundet unter den Schüssen der Wächter sterbend nieder. So wurden die Unglücklichen in daS Flammenmeer zurückgetrieben. Die Versuche, der Wut der Elemente zu entgehen, wiederholten sich einige Male, doch immer wieder gelang eS, die schwarzen Sträflinge zurückzuscheuchen. Einer der Neger, dem eS glückte, inl Freie zu kommen, wurde vor den Augen seiner Kameraden sofort niedergeschosien. Als die Flammen weiter vordrangen, versuchten die ratlosen Menschen wieder auSzubrechen, aber auch diesmal empfing sie erbarmungslos eine Salve, bei der viele verwundet liegen blieben. Völlig kopflos rannten die Neger in daS Reich der Flammen zurück und suchten unter den zufammenstürzenden glühenden Balken durchzukommen. Die meisten starken in der Glut oder wurden von herabsallenden Gebäudeteilen zerschmettert. Nur wenigen gelang eS, ihr Leben zu retten: eine einzige niedrige Steinmauer war stehengeblieben, und hinter der konnten sich einige der Neger verkriechen, ohne von den Wächtern gesehen zu werden. AlS dann die Flammen ihr Zerstörung-werk vollendet hatten, krochen die Uebnlebenden zu dem Aschenplatz zurück. Die große Trockenheit deS Holze- hatte eS unmöglich gemacht, das Gebäude zu retten. Nur die eine Steinmauer ist stehen geblieben. Die amerikanischen Blätter veröffentlichen jetzt grausige Schilderungen von den Einzelheiten der Katastrophe und berichten von den grellen Verzweiflung-schreien und den Flüchen der Unglücklichen, die die Uncrbittlichleit der Wächter verurteilte, lebendigen Leibe» zu verbrennen, wo Rettung so nahe war.