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Beilage tum

Nr. 57* Sonnabend, den 14. Mai 1910,

Die Menschenfalle.

Von Guy Thorne.

(Fortsetzung.)

Gilbert war sich gar nicht bewußt, daß er einen unge­wöhnlichen Mut und hervorragendes Selbstvertrauen verriet, als er sich unter Umständen, die einen anderen Mann bereits halb getötet haben würden, zur Ruhe zwang und zum Essen niedersetzte.

Aber die Gedanken ließen sich nicht zurückdrängen. Daß neue und größere Gefahren seiner harrten, wußte er wohl. Nach dem, was er bereits durchgemacht, wäre es Torheit ge­wesen, nicht zu begreifen, daß dies nur der Ansang war, und daß die Martern, die seine Peiniger sür ihn in Bereitschaft hielten, sich noch lange nicht erschöpft hatten.

Und doch belebte ihn größere Hoffnung, als er sie bisher gehabt. Sein Scharfsinn schien mit seiner üblen Lage zu wachsen, sein Selbstvertrauen zuzunehmen. Gefahren üben aus einige Menschen zuweilen diese Wirkung aus, und eS sind die Besten und Tatkräftigsten, die in den Stun­den höchster Bedrängnis ihre glänzendsten Fähigkeiten ent- falten.

So war es auch mit Gilbert. Er war auf alles vorbe­reitet und wollte auch gegen die Uebermacht stark und ent­schlossen den Kamps aufnehmen.

„Ich weiß, wo ich bin", sagte er sich, „ich kenne meine Feinde, und ich habe nach den Erfahrungen der letzten Stunden eine Vorstellung von der Art der Mittel, die man gegen mich anwenden will. Doch ich muß mir immer die eine Tatfache gegenwärtig halten: es sind nur mechanische Anlagen, durch die mein Leben bedroht wird, und das ist anders, als wenn ich mit meinen Feinden persönlich zu tun hätte. Ich bin selbst ein Mechaniker, und es gibt wenig, was ich aus diesem Gebiet nicht kenne. Ich darf keinen Schritt tun, ohne zu überlegen, was er eventuell sür Folgen haben könnte. Ich muß meine ganzen Kenntnisse über Mechanik und Elektrizität aufbieten und alles untersuchen, was damit in Zusammenhang stehen könnte, muß jede Stelle prüfen, an der ein gefährlicher Mechanismus verborgen sein kann. Vielleicht hat man nicht bedacht, daß mir, nachdem ich einige Zeit an diesem schrecklichen Ort verlebt habe, ihre Methode allmählich klar werden wird. Da ist zum Bei­spiel das Fenster. Ich weiß genau, in welcher Weise es mit Elektrizität geladen war — sie haben irgendwo einen Dynamo stehen und setzen ihn durch einen Benzinmotor in Bewegung, um die Akkumulatoren zu laden. Der Trick mit dem Spazier- stock in der Halle erschreckte mich zuerst, aber jetzt weiß ich, wie er ausgeführt wurde. Zu dem herabfallenden Rahmen war ebenfalls kein komplizierter Mechanismus erforderlich, ich könnte fosort eine Zeichnung dazu ansertigen, und allein meine Unauf­merksamkeit war schuld daran, daß ich in die Falle ging. Der kleine Tisch im Schlafzimmer war nun gar das reine Kinder- spielzeug.

Nun gut, ich weiß, es ist erst der Anfang, aber viel­leicht gelingt es meiner Wachsamkeit dennoch, dem Schlimmsten aus dem Wege zu gehen. Ich muß wie ein Tiger aus der Lauer liegen, um im gegebenen Augenblick nicht aus ein be­stimmtes Objekt zu, sondern von einem unbestimmten wegzu- springen."

Ja, er wollte und mußte diese Teufelei überlisten, die er gründlich zu verachten anfing. Jugend — die wunder­volle Kraft der Jugend, wurde sein Schild und Schirm. Er sah im Geiste, wie er die Hindernisse niederriß, wie er die Mauer übersprang und die Geliebte in die Arme zog.

„O", rief er laut, „ich habe noch nicht den zehnten Teil dieses Hauses durchsorscht und ich halte mein braves, altes Schüreisen in der Hand. Doch Vorsicht! Vorsicht! Vielleicht wird es das beste sein, wenn ich in daS Schlafzimmer zurück- kehre. Dort kann ich einen Feldzugsplan entwerfen. Wie spät mag es denn sein?"

Er sah aus die Uhr. Es war eine Minute vor zwei. Er sprang aus, nahm die Eisenstange in die rechte Hand und lief zur Tür.

Als er die Klinke niederdrückte, stieß er einen lauten Schmerzensschrei aus. Ein gebogenes Messer war aus dem Drücker gefahren und hatte ihm die Hand durch und durch gestochen.

* * *

Zwei Tage waren vergangen, und die Wunde in GilbertS Hand verheilte allmählich.

Aber sein Haar hatte in dieser kurzen Spanne Zeit den Glanz verloren und eine stumpfe Farbe angenommen. Er sing an, grau zu werden. Zwei Tage hatte er den Mut behalten, obgleich er in jeder Stunde aus eine harte Probe ge­stellt worden war. Zwei Tage hatte er mit der Energie der Jugend geglaubt, das Glück würde sich ihm wieder zu- wenden.

Furchtbare Dinge waren geschehen. Mehr als zehnmal hatte er in Gefahr geschwebt, den Tod zu erleiden und nur seiner beständigen Wachsamkeit und dem Vorhersehen der Dinge, die kommen könnten, war eS zu danken, daß er nicht längst ein jämmerliches Ende gesunden hatte. AlleS, waS teufliche Bosheit ersinnen kann, um ein in einem Käfig ein- gesperrtes lebendes Wesen zu peinigen, hatten seine Feinde an ihm probiert.

Dreimal am Tage war in dem alten Haus an einem oder dem anderen Ort und zu völlig unerwarteten Stunden Nah­rung für ihn bereitgestellt worden und wie er auch nachforschen und aufpaffen mochte, eS war ihm nicht gelungen, zu ergrün­den, woher sie kam, oder diejenigen abzufassen, die in so ge­heimnisvoller Weise für die Bedürfnisse seines Magens Sorge trugen.

Den unerwartetsten und unglaublichsten Angriffen war er

auf Schritt und Tritt auSgesetzt gewesen, und jetzt, als daS Morgenrot über dem dritten Tag seiner Qualen ausging, waren seine Nerven zerrüttet, sein Haar grau und sein Gesicht daS eines alten Mannes.

Er sühlte e» mit jeder Fiber seine» Herzens: das unab­wendbare Geschick stand nahe bevor. Die Hoffnung war ge­schwunden, seine Gesundheit untergraben, und er ging abge- stumpst gegen die ihn umgebenden Gefahren umher.

Am vorhergehenden Abend war er aus gut Glück in ein kleineres Zimmer getreten. Zitternd und aus daS Schlimmste gefaßt, aber körperlich und geistig völlig erschöpft, warf er sich auf ein darin befindliches Bett nieder und lag dort die ganze Nacht in schwerem, von ängstlichen Träumen unterbroche­nem Schlaf, ohne von äußeren Zwischensällen gestört zu werden.

Am Morgen nahm er in dem ganzen Zimmer eine genaue Untersuchung vor. Er prüfte den Schränk, beklopfte den Fuß­boden und faßte alle nur erdenklichen Möglichkeiten inS Auge, aber nicht das geringste ließ sich entdecken.

ES schien ihm schließlich, als gehöre eS zu seinen Folter­qualen, daß er so viel Scharfsinn und Mühe an einen Raum gewendet hatte, in dem zufällig kein verborgener Feind lauerte und keine verderbenbringende Maschine ausge­stellt war.

Am Tage vorher hatte eine schreckliche Erfahrung die andere abgelöst und sein Körper wurde von tausend Schmerzen gepeinigt. Er hatte Dinge erlebt, welche die Vorstellung der ausschweisendsten Phantasie übersteigen und erschien sich selber wie das Spielzeug eines überlegenen Geistes, vor dem er trotz aller Todesqualen Ehrfurcht und Bewunderung empfinden mußte.

Beim Nachtessen, das von unsichtbaren Händen im Eß­zimmer sür ihn serviert worden war, hatte er dann eine Flasche Whisky gesunden und sie in das Schlafzimmer mit­genommen.

Als er am Morgen erwachte, beschloß er, seine sinkende Krast durch Alkohol zu beleben, und nun stand er, ein wenig durch das Getränk ersrischt, und überlegte, was der Tag sür neue Schrecknisse bringen mochte.

Plötzlich faßte eS ihn wie Wahnsinn. Seine Nerven waren bis zum Zerreißen angespannt — wozu der Kampf? — Er wollte es hinter sich haben. Der Tod hing über ihm gleich einer schwarzen Wolke; gut denn, mochte er kommen — und zwar schnell!

Er verließ daS Zimmer, in dem er die Nacht ohne Störung verbracht hatte und wanderte ohne Furcht oder Hoffnung in den Korridoren umher. Eine Tür stand offen — es war die Tür zu der Schlasstube, in die er am ersten Tage seiner Gefangenschaft geraten war.

Nichts hatte sich darin verändert; das Kopfkissen, welches er damals mit nach oben genommen, lag aus dem Fußboden, und daS Fenster, daS ihm fast das Rückgrat gebrochen, war durch Eisenstangen und Netzwerk sicher ver­wahrt.

Der Raum war groß und gut möbliert, wie Schlafzimmer in einem Durchschnittshotel zu sein pflegen. Dort stand das große Bett aus blinkendem Messing, mit seinen weißen Decken und Kissen; hier in der Ecke befand sich daS Bad und an der gegenüberliegenden Wand war ein geräumiger Kleiderschrank auS Mahagoni ausgestellt.

Er war ein Morgen wie jener erste. DaS Sonnenlicht schien wie damals durch die Fenster von EiSglaS, er hörte die Vögel im Garten der Sonne einen Morgengruß zurufen, eS war alles wie damals, nur er war ein anderer geworden. Der kraftvolle tapfere Mann hatte sich in wenigen Tagen in einen zitternden Greis verwandelt, der sein Schicksal resigniert über sich ergehen läßt.

Allein, er war noch gut genährt und litt mehr durch die Depression der Nerven und deS GemütS als durch die Schwäche des Körper». Ohne zu überlegen, was er tat, ja vielleicht, ohne überhaupt etwas zu denken, schritt er den furchtbaren Weg des Gesungenen; da» Zimmer immer auf und ab.

Aus und nieder — hin und zurück, zehn Schritt jeder Weg, der Durchmesser eine- Menschenkäfigs. Die rechte Hand hielt er tief in der Tasche seines Beinkleids, und die Finger spielten nervös mit einigen Münzen, die noch drin steckten. Er hörte halb unbewußt auf da- Klingen der kleinen Geld- stücke, wie er sie eins nach dem andern durch Daumen und Zeigefinger aus den Boden der Tasche gleiten ließ, alt er plötzlich bemerkte, daß eine außergewöhnlich kleine Münze da- runter war.

Er nahm sie heraus und schaute sie an. Es war ein kleines silbernes Geldstück mit einem Loch darin, da» Sadie einst von einem Armreif abgerissen war und daS sie ihm geschenkt hatte, damit eS ihm Glück bringen möchte. Er hielt eS lange auf der Handfläche, blickte darauf nieder und atmete tief.

„Geliebte", sagte er dann, „dies ist deine Münze, und deine Finger haben sie berührt. Komme, waS da kommen mag, ich will mich deiner würdig zeigen und sterben wie ein Mann."

Er küßte daS kleine Silberstück, und trotz Wunden und Beulen und herabgestimmter Nerven kam Trost und Ruhe über ihn.

Er unterbrach seine Wanderung und schrie in die Stille hinein:

„Sadie! Sadie! Ich liebe dich!"

Die Worte widerhallten in dem großen leeren Haus, unb er freute sich an dem Laut der eigenen Stimme.

In veränderter Richtung ging er abermals hin und her, und dabei mußte wohl der Druck der Füße eine neue furcht- bare Erfindung seiner Gegner in Tätigkeit gesetzt haben, denn der große schwere Mahagonischrank löste sich plötzlich von der Wand los und sauste mit der Geschwindigkeit eine»

ExpreßzugeS und der Kraft eines Rammbockes in die Mitte der Stube.

(Fortsetzung folgt.)

vrmircdtet.

— (D ie Feldküche des Deutschen Kaiser».) Die seither mit Pserdebespannung ausgerüstete kaiserliche Feld­küche soll jetzt durch entsprechend eingerichtete Motorwagen ersetzt werden, die gleichzeitig den Vorteil bieten, eine vollstän­digere Einrichtung mitführen zu können, als dies mit den von Pferden gezogenen Wagen möglich ist. Auf Befehl bei Kaisers wurde der Daimler-Motoren-Gesellschast Untertürkheim der Auftrag zur Lieferung eines automobilen Küchenwagen- zugeS gegeben, der aus dem eigentlichen, mit eingebautem Herd versehenem Küchenauto und einem omnibuSartigen Motorwagen zur Beförderung der Bedienungsmannschaften besteht. Bei den nächsten Manövern dürste dieser neue Feld- küchenzug des Kaisers das besondere Interesse des Publikum» finden.

— Innsbruck, 11. Mai. In der vergangenen Nacht trat in Nordtirol heftiger Schneefall ein, der in den Vor­mittagsstunden noch anhielt und an den Obstkulturen großen Schaden anrichtete. Die Telegraphenlinien find vielfach unter­brochen. In den Bergen liegt der Neuschnee einen Meter hoch.

— (Selbstmord eines Fünfzehnjährigen.) Der 15jährige Sohn eines Münchener Weinhändlers hat sich mit Sublimat vergiftet und außerdem noch eine Kugel in den Kops gejagt, weil ihm sein Vater nicht genug Taschen­geld geben wollte.

— (AlsMissionar unterMens ch en sre sse rn.) Die vor kurzem eingetroffene Meldung von dem tragischen Tode zweier amerikanischer Missionare, die aus der Eavage- Jnsel Menschenfressern zum Opfer gefallen sind, wirst von neuem ein grelles Schlaglicht aus die schrecklichen Gefahren, denen sich die Missionare aussetzen, die fernab aller Zivilisation auf den von Kannibalen bevölkerten Inseln Polynesien- ihr Leben ihrem Werke darbringen. Ein englischer Missionar, der Rev. Josef Nettleton, der 13 Jahre lang aus den Fidschi- Inseln gelebt hat und vor kurzem in seine Heimat zurückge- kehrt ist, erzählt einem englischen Blatte allerlei von den Bräuchen der polynesischen Kannibalen. „Es ist ein weit­verbreiteter Irrtum, zu glauben", so äußerte sich der Geistliche, „daß diese Kannibalen Menschen fressen, weil sie hungrig find. Der Kannibalismus ist ihnen Religion. Die Brandstätten, in denen sie ihre Menschenopfer braten, werden nie zu anderem Zwecke benutzt. Ich selbst war einmal Zeuge eines solchen grauenvollen Opsers. Ein Weißer war gefangen worden, er wurde umzingelt, an Händen und Füßen gebunden, zum Tempel geschleppt und hier mit sürchterlicher Wucht gegen den Altar geschleudert. Dann legte man den Körper auf die Brandstätte, während die Häuptlinge die Verteilung der Beute berieten und ihren Kriegstanz begannen. Dieser widerliche Kriegstanz, den sie Derana nennen, ist daS Schauerlichste, waS man erleben kann. Ein amerikanischer Kapitän, der einmal unsere Insel besuchte, erklärte später, daß er weniger Angst gehabt habe, gegessen zu werden, als noch einmal einen solchen Kriegstanz mitanzusehen. Beim Anblick dieses grotesk grausigen Tanzes verlor er allen Mut." Der Rev. Nettleton erklärt, das Wichtigste sei, nicht das Mißtrauen der Kannibalen zu erregen. „Mein Kollege Baker wurde ermordet, gekocht und gefressen mit sieben anderen Gefährten, während er im Walde umherzog; die Kannibalen glaubten, er wolle spionieren. Ich selbst habe niemals einen Revolver mitgeführt. Warum? Weil die Menschenfresser sich sofort sagen: Er führt dies Ding nicht bei sich, um sich selbst zu töten, also will er uns töten. Und demgemäß handeln sie auch." Ein anderer Missionsgesährte NettletonS, der Rev. I. Calvert, verdankt nur einem glücklichen Zusall seine Rettung. Er war von Kannibalen umringt, und man war bereits entschlossen, ihn zu töten. „Mein Freund flehte und predigte, bis er heiser war, doch alles war umsonst. Plötzlich erinnerte sich einer der Menschenfresser, daß Mrs. Calvert, die Frau des Missionars, ihn behandelt hatte, während der Krieger krank war. DaS rettete meinem Freunde das Leben."

— Wie srüher die Seeschlange im Meer, so scheint jetzt alljährlich zur schönen Sommerszeit ein Gespenster- luftschiff im Meer der Luft auftauchen zu wollen. Heuer hat man'S über der französischen Festung Toul gesehen! Die Nacht war dunkel, der einsame Posten hörte das Sausen der Pro­peller, hörte Trillerpfeifen und Kommandoruse an Bord deS geheimnisvollen Luftschiffs, das lange über den Festungswerken kreuzte! Darüber, daß es ein deutsches Luftschiff war, kann wohl kaum ein Zweifel bestehen? — Im vorigen Jahre jagte daS deutsche Gespensterluftschiff über England dahin, wo eS bald hier, bald dort gesehen wurde, und man erinnert sich gewiß noch der frohen Heiterkeit, die bei uns durch die eng­lische Furcht ausgelöst wurde.

— (Unfall eines englischen Unte rsee- b o o t e s.) Das Unterseeboot „A 8" tauchte gestern während seiner Manöver auf der Höhe von PortSmouth zu tief und geriet bei 60 Meter plötzlich auf den Meeresgrund, wo eS auflief. Ueber eine Stunde schwebten die Insassen deS Bootes in Todesangst, da das Schiff nicht wieder flott zu werden schien. Endlich gelang es ihm, mit eigener Maschinenkraft wieder vom Meeresgrund loszukommen und unversehrt die Oberfläche zu erreichen.

— L e m b e r g, 11. Mai. Blättermeldungen zufolge steht die Ortschaft Przemuslany (Galizien) seit gestern früh in Flam- men. Ein Stadtteil ist gänzlich abgebrannt. Durch den herrschenden Sturm breitet sich das Feuer rasch auS und ge- sährdct den höherliegenden Stadtteil. — Bis Mitternacht waren 200 Häuser abgebrannt. 2000 Personen find obdachlos.