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Hersfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage“
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. SS. Dienstag, den 1«. Mai 1910.
Amtlicher Ceil.
Hersseld, den 7. Mai 1910.
Eine Anzahl der Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher des hiesigen KreiseS ist noch mit Einreichung der Kreishunde- steucrhebclisten für daS Rechnungsjahr 1/4. 1910/11 im Rückstände. Siehe meine Verfügung vom 17. März 1910,1. A. 2088, im Kreisblatt Nr. 35.
Ich ersuche deshalb nochmals um Vorlage dieser Listen bis spätestens zum 12. d. MtS
Der Vorsitzende des kreisausschuffes:
I. A. 2088. von GruneliuS.
nichtamtlicher Ceil.
Reichstag.
Der Reichstag beriet am Freitag zunächst den Gesetzentwurf, betr. die Ausgabe kleiner Aktien in den Konsular- gcuchtsbezirken und im Schutzgebiet Kiautschau, in zweiter Lesung. In der Debatte machten die Abgeordneten Dr. Arendt (ReichSp.), Dr. Heckscher (Fortschr. Vp.), Dr. Rösicke (kons), Werner (Reformp.), Raab (Wirtsch. Verein.) und Eichhorn (soz.) mehr oder weniger gewichtige Bedenken gegen die Vorlage geltend, und gleich die Abstimmung über Artikel 1 ergab eine Mehrheit gegen die Borlage, denn der Artikel wurde mit 131 gegen 114 Stimmen abgelehnt. Auch die übrigen Bestimmungen der Borlage fielen, sie ist demnach gescheitert und wird als» gar nicht erst noch zur dritten Lesung kommen. Nach unerheblicher Debatte nahm hieraus der Reichstag das Konsulatsgebührengesetz mit einigen von den Abgeordneten Everling und BehrenS beantragten Abän- dcruugcn in zweiter Lesung an. DebatteloS hieß dann daS Haus das Ausführungsgejetz zur revidierten Berner Konven- tion, betr. den Schutz deS Urheberrechtes an Werken der Literatur und Kunst, in dritter Lesung en bloc gut. In dritter Lesung stimmte der Reichstag weiter der Vorlage über die Entlastung des^ Reichsgerichtes in der Fassung der zweiten Lesung zu; die Gebührenerhöhung bei den Gerichten wurde in namentlicher Abstimmung mit 122 gegen 121 und die Gebührenordnung für Rechtsanwälte in namentlicher Abstimmung mit 134 gegen 113 Stimmen angenommen. Schließlich erledigte das HauS in beschleunigtem Tempo noch das Kolonialbeamtengesetz und das Gesetz über die Sommer- konlniissionsdiätcn in zweiter Lesung, die betreffenden Vorlagen im allgemeinen nach den Kommissionsbeschlüffen annehmend. Am Sonnabend fiel die Plenarsitzung deS Reichstages auS.
Der Reichstag wird, wie neuerdingS verlautet, am Mitt- woch, den 11. Mai, in seine Sommerserien gehen.
Die Menschenfalle.
Von Guy Thornr.
(Fortsetzung.)
Gilbert laS weiter: .
„Sie müssen jetzt die Strafe für Ihre Anmaßung tragen, und es ist eine Strafe, die, wie Ihr ergebener Diener annehmen möchte, der verräterischen Unverschämtheit entspricht, der Sie sich schuldig gemacht haben.
Es wird jetzt vor allem notwendig sein, daß ich Ihrem etwas begrenzten Begriffsvermögen einige Dinge klarmache, die eS bisher nicht zu fassen vermochte.
Zuerst erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, daß die Ankunft meines Freundes JuliuS Wilshire in Moorchcster keine zusällige war, wie Sie geneigt sein mögen, anzunehmen. Ich hörte, daß Sie die alte Fehde kennen, die zwischen Senor Julius Wilshire und Ihrem würdigen Vater besteht. Lange Jahre hat Tenor Wilshire auf seine Rache gewartet. Er wollte sie nicht ausüben, so lange Senora Atherton am Leben war. Der Tod der Dame räumte das letzte Hindernis aus dem Wege, und Wilshire erschien in England, um Vergeltung zu üben. Er brauchte den Beistand Ihres ergebenen Dieners, und als Belohnung für diesen Beistand versprach er ihm die Hand seiner Tochter. Senora Wilshire wird binnen kurzem daS Weib des ergebenen Schreibers dieser Zeilen sein. Die Dinge wurden kompliziert, als Sie in unverschämter Narrheit die Hand nach einer Dame ausstreckten, die unerreichbar für Sie war. Ich wurde dadurch gezwungen, Senor Wilshire daraus aufmerksam zu machen, daß eS ein weit härterer Schlag für Ihren Vater sein würde, wenn wir die so sinnreich erdachte Rache nicht an ihm selbst, sondern an Ihnen ausüben würden. DaS Geschlecht der Athertons ist dadurch erloschen, oder wird eS doch wenigstens in einigen Tagen sein.
Dieser Vorschlag setzte mich nicht nur instand, Mr. Wil» shire einen ausgezeichneten Gefallen zu erweisen, sondern ich diente dadurch auch meinen eigenen Zwecken.
Und wenn Sie auch all Ihre Schlauheit und Ersahrung
Abgeordnetenhaus.
Das preußische Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Freitag mit dem Anträge Ahrens, betr. die Verschärfung der Geschäftsordnung. Er gibt in der Fassung der Geschästs- ordnungSkommission dem Präsidenten das Recht, einen Abgeordneten, der die Würde des Hauses besonders gröblich verletzt, für den Rest der betreffenden Sitzung auSzuschießen. Auf Vorschlag deS Präsidenten kann das Haus einen solchen Abgeordneten bis zur Dauer von sechs Sitzungen von der Teilnahme an den Verhandlungen ausschließen. Der Antrag verleiht dem Präsidenten ferner noch das Recht, den ausgeschlossenen Abgeordneten eventuell gewaltsam aus dem HauS entfernen zu lassen. Es entspann sich eine lebhafte Debatte, in welcher die Abgeordneten Borgmann (soz.), Brisly (nat.-lib.), Träger (Fortschr. Vp.) und von Jazdzewski (Pole) scharf gegen die „Hausknechtsparagraphen" sprachen. Schließlich wurde der Kommissionsantrag, den Ausschluß eines Ab- geordneten immer nur für eine Sitzung zuzulassen, angenommen, alle weiter gehenden Anträge wurden auf Antrag des Zentrums abgelehnt. Der fo abgeänderte § 66 der Geschäftsordnung wurde dann in der Echlußabstimmung mit 218 gegen 74 Stimmen angenommen; das Gros der Nationalliberalen, die Fortschrittliche Volkspartei, die Polen und die Sozialdemokraten bildeten die Minderheit.
Msttk«.
Am nächsten Dienstage, dem 10. Mai, dem Jahrestage des Frankfurter Friedens, wird in der Walhalla bei Regensburg, dem erhabenen Ruhmestewpel für deutsche Geisteshelden, die Büste des Generalfeldmarschalls Grasen v. Moltke seierlich enthüllt werden. Dieses denkwürdige Ereignis mahnt Deutschlands Heer und Volk, sich des ManneS dankbar zu erinnern, dem eS beschieden war, Preußens und Deutschlands Streitern die Bahn zu den gewaltigsten Siegen und Erfolgen zu zeigen, welche die Kriegsgeschichte kennt, und der in seiner langen Ruhmeslausbahn kaum einen Fehlschlag zu verzeichnen hatte. Seit dem „Marschall Vorwärts", dem alten Blücher, ist kein Kriegsheld so volkstümlich gewesen, wie der „große Schlachten- denker" Helmut v. Moltke. Seine weltgeschichtliche Wirksamkeit begann im Jahre 1857, wo ihn der Prinz von Preußen, der nachmalige Kaiser Wilhelm der Große, an die Spitze des Generalstabes der Armee beries. In dieser Stellung arbeitete Moltke an der Ausbildung der Generalstabsoffiziere, an der Kriegsbereitschaft des Heeres mit einem Eifer und einem Erfolge, der beispiellos ist.
Schon für den Krieg gegen Dänemark — 1864 — gab er die Mittel und Wege an, um rasch und sicher zum Ziel zu gelangen, und Moltke war es, der nach dem Doppelsturm, als der dänische Widerstand noch nicht gebrochen war, den Weg nach Alsen zeigte. In großem Maßstabe entfaltete der große Stratege seine wunderbare Begabung, seine Voraussicht und erst
zu Rate ziehen, Senor, so werden Sie doch in einigen Tagen sterben müssen und zwar einen fürchterlichen Tod, dank der hervorragenden Intelligenz des Senor Julius Wilshire und deS ergebenen Schreibers dieser Zeilen.
Nach Ihrem Tode wird Sir William Atherton Photographien von Ihrem Leichnam erhalten, welche, wie ich wohl annehmen darf, ihn etwas überraschen und erschrecken werden. Er wird die Einzelheiten Ihres, sich durch eine Woche erstreckenden Todeskampfes erfahren; denn, Senor, wir haben beschlossen, daß Ihr Sterben eine Woche in Anspruch nehmen soll. Und danach wird durch Mittel, die Senor Wilshire sehr sinnreich ersunden hat, Ihr Vater an Ihre Stelle treten.
Und ich, Senor, ich werde leben in Glück und Wonne! Im warmem Süden, umfächelt von würzigen Winden, bestrahlt von dem großen runden Mond, werde ich, umgeben von herrlichen Blumen, die schönste der Blumen in den Armen halten, die Sie in Ihrer Erbärmlichkeit sich vergebens bemüht haben, zu gewinnen.
Nun, Senor, wissen Sie die Hauptsache. Zum Schluß lassen Sie mich Ihnen sagen, daß Sie trotz aller Anstrengungen Ihrem Schicksal nicht entgehen werden. In diesem Schloß, eine kurze Wegstrecke entfernt von Ihres ehrenwerten Vaters Hause, umgeben Sie unsichtbare Kräfte, denen Sie nicht enti innen können.
Schon jetzt sind Sie für die Bewohner der Erde verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen, und mir bleibt nur noch übrig, Senor, Ihnen eine angenehme Reise in das Reich der Schatten zu wünschen, und Ihnen mitzuteilen, daß ich nicht versäumen werde, Augenzeuge zu sein, wie Sie die einzelnen Stationen dorthin zurücklegen.
Ich habe die Ehre zu sein, Senor, mit der Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung
Ramon de ToroS."
Jetzt wußte eS Gilbert.
In wenigen Minuten war ihm die fürchterliche unglaublich klingende Wahrheit enthüllt worden. Der Brief mit feiner
wägende, dann wagende Entschlossenheit im Feldzuge von 1866, wo er die drei preußischen Heeresabteilungen so zu ver- sammeln und zu leiten wußte, daß nach den siegreichen Ein- marschkämpsen am Tage der Entscheidungsschlacht alle Kräfte zur rechten Zeit und am rechten Orte eingesetzt werden konnten. Die eine Schlacht von Königgrätz entschied den ganzen Feldzug.
Kaum war der Friede geschlossen, als Moltke an die Vor- bereitungen für die Kriegsbereitschaft gegen Frankreich ging, riefen doch die Franzosen unaufhörlich nach „Vergeltung für Sadowa". Der von Moltke eingereichte und vom König genehmigte Feldzugsplan faßte von Haus aus die Eroberung der feindlichen Hauptstadt ins Auge. Maßgebend für die Heeresleitung und für alle deutschen Heeresabteilungen sollte vor allem der Entschluß sein, den Feind, wo man ihn traf, unverzüglich anzugreifen, und die Kräfte so zusammenzuhalten, daß eS mit überlegener Zahl geschehen konnte.
So gelang es, durch die blutigen Kämpfe bei Metz die französische Hauptarmee in den Feuerkreis dieser Festung ein- zuschließen; so wurde Mac Mahon, der in abenteuerlichem Zug Bazaine zu Hilfe kommen wollte, an die belgische Grenze gedrängt und samt dem Kaiser Napoleon gefangen genommen. Mit derselben Umsicht und Sicherheit leitete Moltke von Versailles aus die Einschließung der Hauptstadt, die Kriegführung in den Provinzen, die Bekämpsung und Niederwerfung der von dem unermüdlichen Gambetta ausgebotenen Massen, bis endlich PpriS bezwungen war und Frankreich die FriedenSbe- dingungen annehmen mußte, die für Deutschlands Sicherheit und Machtstellung unerläßlich waren.
In alter Treue und mit frischer Kraft ging nach dem Frieden der 71jährige Feldmarschall wieder an seine Lebensarbeit, zu der Nicht nur rastlose Tätigkeit an der Spitze des General- stabes gehörte, sondern auch fein Wirken im Reichstage, wenn es galt, für die Erhaltung der Wehrkraft des Reiches einzu- treten. BiS zum Jahre 1888 Chef des Generalstabes der Armee, dann als Präses der Landes-Verteidigungskommission, wirkte und schaffte der große Mann bis zum letzten Tage seines Lebens, und sanft und friedlich war sein Scheiden.
„Ich habe eine Armee verloren", schrieb unser Kaiser, als ihm Moltkes Tod gemeldet wurde, aber, um mit dem Feld- probst Richter zu sprechen, „er hat ihn auch in der Armee behalten für immer, er lebt in der Armee und in der Nation fort als der verkörperte Geist der Weisheit und der Kraft, der Zucht und des Maßhaltcns, erst zu wägen und dann zu wagen, als der Geist des Hasses wider alles Gemeine, als der Geist selbstloser Pflichtersüllung und der Mannestreue bis in den Tod."
Ein Muster und Vorbild bleibt uns Moltke für alle Zeit, nicht durch die hohe Begabung, die ihm zuteil geworden, nicht durch den Glanz seiner Ruhmestaten, sondern durch die Reinheit in Gesinnung und Lebensführung, feine Pflichttreue und Arbeitsamkeit, die opferwillige Hingebung an das Gemeinwohl. Weltbekannt find MolktcS Wahlsprüche: „Erst wägen
spinnengleichen Handschrift lag vor ihm, und der grausame Spott feiner Worte brannte im Herzen des jungen Mannes wie Feuer.
Langsam fügte sich Glied an Glied in der Kette schreck- licher Ereignisse, die ihn ins Verderben geführt hatten. Er sah nun, wie Wilshire und de ToroS mit unerhörter Ver- schlagenheit vom ersten Augenblick an auf dies Ende hinge- arbeitet hatten. Von der Ohnmacht Sir Williams in her Maschinenhalle bis zum heutigen Tag bildete jedes kleine Ereignis ein Glied der Kette, die ihn an diesem Entsetzen erregenden Ort fesselte.
Der Kopf des jungen Mannes fiel aus die Tischplatte, und er stöhnte laut in Zorn und Verzweiflung. Furcht em- pfand er nicht. In dem großen Augenblick, wo ihm die Erkenntnis dafür aufging, daß fein Leben verwirkt fei, war er frei von selbstischen Empfindungen und seine Gedanken waren ausschließlich in bitterem Schmerz bei dem Mädchen, das er liebte. War es wirklich ihr Geschick, daS Weib des elenden Lumpen zu werden, dessen Bries vor ihm lag? Würde man sie zu der unwürdigen Ehe mit diesem Teufel zwingen?
Nein, er kannte Sadie, er kannte sie gut. Diese Hoffnung blieb ihm wenigstens. Ihr stolzer freier Geist würde nie in eine Verbindung willigen, die sie erniedrigen und beschmutzen mußte. Ein großes beglückendes Vertrauen schwellte ihm die Brust. Er wußte so sicher, wie je ein Mensch eine Tatsache gewußt hat — seine Herrin, seine Geliebte würde ihm die Treue halten, so lange sie atmete. Man konnte sie nicht zwingen, des Spaniers Weib zu werden, dazu war sie zu tapfer und resolut.
Und trotz seiner verzweifelten Lage mußte er bei dieser Vorstellung lachen — ein zärtliches Lachen der Zustimmung und des Triumphes. Ja, wenn er auch auS ihrem Leben verschwunden war, und sie niemals sein schreckliches Schicksal erfahren würde, sie hatte ihm mit heißen Küssen Treue gelobt, und sie war sein für ewig.
Und von neuem erfaßte ihn der Schmerz über ihr und sein verlorenes Lebensglück. Die Sonnenstrahlen vergol- beten in unschuldigem Spiel das braune Haar des jungen