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herrfel-er Armblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Zernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 49
Dienstag, den 26. April
1910.
Amtlicher teil.
Hersfeld, den 21. April 1910.
Den Ortsvorständen sind die Betriebssteuerrollen für das Steuerjahr 1910 zugegangen. Die Absührung der BetriebS- steuer an die Kreiskommunalkasse hat bis zum 20. Mai ds. Jahres ju erfolgen.
I. Nr. 901. Der Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher teil.
Reichstag.
Im Reichstag standen am Sonnabend nicht weniger als fünf Gesetzentwürfe bezw. Initiativanträge betreffs Gewährung von Beihilfen an Kriegsteilnehmer aus der Tagesordnung. Im wesentlichen ziemlich gleichlautend verlangen sie eine Beihilfe von jährlich 120 Mark an solche unterstützungsbedürftigen Veteranen, deren Einkommen weniger als 900 bezw. 600 Mk. beträgt. Von der fortschrittlichen Volkspartei wird zur Deckung der erforderlichen Mehrausgabe eine Verminderung der Branntweinliebesgabe gefordert. Von den Nationalliberalen und den Parteien der Rechten die Einführung einer Wehrsteuer. Ein älterer Antrag Bassermann verlangt darüber hinaus noch die Gewährung eines Ehrensoldes an alle Inhaber des eisernen Kreuzes. Die Abg. v. Liebert (Rp.) und Bindewald (wirtsch. Vgg.) begründen in längeren Ausführungen die Anträge ihrer Partei. Während die rechtsstehenden Parteien und die Nationalliberalen in einer Wehrsteuer das allein geeignete Deckungsmittel erblickten, erklärten sich die Redner der Linken des Hauses grundsätzlich gegen eine solche Steuer und an Stelle deren für Aufhebung der sogenannten Branntweinliebesgabe, ein Vorschlag für den sie weder bei den Konservativen und dem Zentrum, noch beim Staatssekretär des Reichsschatzamtes Wermuth Zustimmung fanden. Dieser bebaute' auf seinem Standpunkt, ohne aussichtsvolle Deckungsvorschläge den Anträgen nicht näher treten zu können; er'ließ nur durchblicken, daß man vielleicht von der WertzuwachSstruer eine Hilfe erwarten dürfe. Schließlich genehmigte man einstimmig die gleichlautenden Anträge, für alle Veteranen in unterstützungsbedürftiger Lage oder über 60 Jahre oder mit weniger als 600 Mk. Einkommen einen Ehrensold von jährlich 120 Mk. zu gewähren, und zwar vom 1. Mai ab. Die Deckungsanträge wurden abgelehnt.
Abgeordnetenhaus.
Dem Abgeordnetenhause gelang es am Sonnabend endlich, nach mehrtägiger »Debatte einen der wichtigsten Teile deS Kultusetats, das Elementarunterrichtswesen, zu beenden. Die
Die Menschenfalle.
Von G u h T h 0 r n e.
(Fortsetzung.)
Gilbert sah die Schönheit des üppigen Haares, daS zarte Oval des Gesichts, den roten Mund und das tiefe Blau ihrer Augen. Das war das Mädchen, das er liebte!
Als er antwortete, klang ihm die eigene Stimme fremd und gepreßt, als käme sie aus weiter Ferne, und in seinen Ohren summte und sauste es wie Musik.
„Nein," antwortete er, „ich habe das Buch nicht gebracht."
Sie legte die Hände aus den Rücken und nickte, indem sie ihn schmollend ansah, schnell und lebhast mit dem Kopf.
»Das muß ich sagen, Mr. Gilbert, Sie werden wohl vergeßlich aus Ihre alten Tage?" rief sie lachend.
Sie sah so herausfordernd und lieblich aus, daß ihr kein sterblicher Mann hätte wiederstehen können. Wie sollte es Gil- bert^Atherton tun?
Ja, der Augenblick war gekommen! Hier in diesem großen, weißen llchtdurchfluteten Raum mußten die entscheidenden Worte gesprochen werden, die ihn für alle Zeiten an die lieb- li^c Herrin dieses Hauses fesseln sollten.
Er trat zwei Schritt näher.
„Sadie", sagte er schnell und leidenschaftlich, „ich bin gekommen, um Sie zu sehen und Ihnen etwas zu sagen."
Er ergriff ihre Hände und hielt sie mit starkem Druck in den feinen; er sah das Erröten ihrer Wangen und schaute durch die feucht schimmernde» Augen auf den Grund ihrer Seele.
„Die ganzen Tage und Wochen, Sadie, seit ich Sie kenne, waren mir wie einleitende Akkorde zu einer himmlischen Musik. Sie schwollen an und wurden stärker und stärker, bis in meinem Herzen nur die eine Melodie ertönte: „Ich liebe dich, ich liebe dich I"
Bei diesen Worten beugte er sich vor und zog sie in seine Arme,
Diskussion verlief wenig interessant. Erst war von den Ost- markenzulagen an die Lehrer die Rede; dem polnischen Abgeordneten Dr. von JazdzewSky, der von dieser, wie er sagte, auS politischen Rücksichten gewährten Beihilfe eine Korruption der Lehrer befürchtete, trat Ministerialdirektor Dr. Schwartzkopff entgegen. Für Altenpensionäre verwendeten sich dann mehrere Redner; doch blieb die Regierung auf ihrem Standpunkt, daß eine rückwirkende Kraft des letzten Pensions- gesetzeS vorläufig nicht durchführbar sei, bestehen und sie wies auf den auch in diesem Jahre erhöhten Unterstützungssonds hin. Für die Förderung der Knabenhandarbeit interessierte sich besonders der Nationalliberale von Schenkendorf. Der Kultusminister gab aus verschiedene Anfragen bereitwilligst Auskunft. So soll, wie er erklärte, der 100. TodeStag der Königin Luise in den Schulen seierlich begangen werden. Nachdem noch kurze Zeit wieder einmal der katholische Lehrerverein das Thema gebildet hatte, war der Abschnitt „Elementarschulen" und nach kurzer Diskussion auch derjenige über „Kultur und Unterricht" erledigt.
Die Militärlustschiffe in Homburg glücklich gelandet.
Nach einer durch keinerlei Zwischenfälle getrübten Fahrt von etwa 5 Stunden sind am Freitag nachmittag die drei Kölner Militärlustschiffe „M. 1", „P. 2" und „Z. 2" in Homburg vor der Höhe glatt gelandet und vom Kaiserpaar besichtigt worden.
Als die Nachricht von der Abfahrt der drei Luftkreuzer in Homburg eintras, strömte'' aus Frankfurt, Homburg und den umliegenden Ortschaften große Menschenmengen nach dem Landungsplätze, der etwa zwei Kilometer hinter dem neuen Bahnhöfe liegt. Das Wetter war trübe. Vier Offiziere und zwanzig Mann der Lustschifferabteilung hatten alles nötige Verankerung-material, Wasserstoffga- sowie mehrere Lastautomobile zum Transport bereit, um alles an die gewünschte Stelle zu schaffen. Mit fieberhafter Geschwindigkeit war der Landungsplatz, ein völlig baumfreieS großes Feld, hergerichtet. Die Absperrung dieses gewaltigen Raumes und die Bedienung besorgten daS Bataillon des Füsilierregiments von Gersdorff (Kui hessisches) Nr. 80; ferner drei Kompagnien deS 1. Kur» heffischen Infanterieregiments Nr. 81 aus Frankfurt, die anwesenden Lustschiffer, die Gendarmerie und die freiwillige Feuerwehr Homburg, die auch zur etwa erforderlichen Hilfeleistung bereit stand. Alle Häuser in der Stadt waren heute mit Tausenden von Schaulustigen besetzt, die mit Eiser durch den dichten Dunstkreis nach den Luftschiffen spähten. Endlich, kurz nach 3 Uhr, wurden die Luftschiffe am Horizont in der Richtung auf Oberursel sichtbar. Zuerst kamen „Z. 2" und „P. 2", dann weiter zurück „M. 1". Kaum waren die Luft- kreuzer gesichtet, als auch schon das bekannte Huppensignal die Ankunft des Kaisers verkündete. Kurze Zeit daraus, um
An seinem Herzen ruhte die schönste der Frauen, das geliebte Mädchen, das sein teures Weib, sein tapferer Weggesell werden sollte in diesem und in jenem Leben.
Ihr schöner Kopf fiel an seine Schulter, und er fühlte das Beben ihres leichten Körpers, als sie sich, seiner Leidenschaft nachgebend, in heiligem Vertrauen in seine Arme schmiegte.
ES war ein Augenblick, in dem Worte verstummten. Ihre klopfenden Herzen jubelten das hohe Lied der Liebe und wurden auf den Schwingen der süßen Töne zu den Pforten des Paradieses getragen.
Und dann standen sie Hand in Hand; der wunderbare Augenblick höchster geistiger Ekstase war vorüber und zu einer Erinnerung geworden; und noch Jahre nachher, in seltenen Momenten ihres Daseins, vermochten sie ihn in voller Natur- wahrheit wieder zu durchleben.
Doch jetzt traten die irdisch Liebenden in ihre Rechte. Sie schlang den Arm um feinen Nacken und küßte ihn, und ihre Lippen waren wie die Blütenblätter der Rose von SchiraS. Der Arm an seinem Hals war weich und warm und die großen, blauen Augen waren seinem Mund so nahe, ach, so nahe!
Wie eine Flamme schlug die Leidenschaft in ihm empor. Er riß die Geliebte an seine Brust und umschlang ihren Leib mit der ganzen Kraft seiner starken Arme, und der wilde Impuls des Mannes fand Ausdruck in den Worten: „Du bist mein, mein, mein I"
Die heiße Flamme der Leidenschast flackert aus und erstirbt, und daS ist gut; denn welch Geist oder Körper wäre widerstandsfähig genug, sie aus die Dauer zu ertragen? Eine halbe Stunde später saßen Gilbert und Sadie Hand in Hand aus einem Sosa, und das ruhige Glück inniger Liebe leuchtete aus ihren jungen ehrlichen Augen.
„Und nun, Geliebte", sagte Gilbert, „kommt die Frage: Wie wird sich dein Vater dazu stellen? Dem meinigen werde ich noch heute abend mein unaussprechliches Glück mitteilen. Ich weiß, es wird auch ihn glücklich machen, daß die Liebe in mein Herz gezogen ist und daß daS Mädchen meiner Wahl ein- gewilligt hat, die Meine zu werden. Ich denke, es wird das
3 Uhr 15 Minuten, trafen auch die Kaiferin, Prinzessin Viktoria Luise und ein großes Gefolge in Automobilen auf dem Landungsfelde ein. Inzwischen waren die Luftschiffe auch für die den riesigen Platz umstehende Menschenmasse sichtbar geworden und lösten begeisterte Hochruse aus. In majestätischer Fahrt kam „Z. 2" als erster voran, bog aber nach dem Taunusgebirge zu ab, während „P. 2" über dem Landungsplätze kreuzte und nach einigen Manövern um 3 Uhr 45 Minuten ganz in der Nähe des Kaiserpaares glatt landete, das sich sofort zur Gondel begab. Der Kaiser nahm die Meldung des führenden Offiziers, Oberleutnants Stelling, entgegen, sprach seine Anerkennung über die flotte Fahrt aus und begrüßte dann die in der Gondel befindlichen Herren, den Inspekteur der Verkehrstruppen, Generalleutnant Freiherrn v. Lyncker und den Kommandeur des Luftschifferbataillons, Major Groß. „M. 1", unter fFührung des Hauptmanns George, kam nur langsam heran und arbeitete zeitweilig nur mit einem Propeller, da das Antriebsseil des zweiten Propellers defekt geworden war. Trotzdem vollzog sich die Landung um 4 Uhr 7 Minuten glatt, wenn auch etwas entfernt vom Bestimmungsorte. DaS Luftschiff wurde sodann von den Bedienungsmannschaften herbeigeschleppt und vom Kaiser besichtigt. Inzwischen hatte die Sonne das Gewölk verteilt und in glänzender Fahrt kam nun „Z. 2" heran. Er landete, nachdem er noch in verschiedenen Schleifen die Wirkung der einzelnen Seiten» und Höhensteuern gezeigt hatte, um 4 Uhr 27 Minuten. Der Kaiser gratulierte den Führern, Major v. Neumann und Hauptmann v. Jena, ließ sich dann alles eingehend erklären und beauftragte sodann den Hauptmann v. Jena, auch die Prinzessin mit allen Einzelheiten des Luftschiffes bekannt zu machen. Der Monarch ließ sich sodann die Offiziere der Lustschifferabterlung vorstellen, sprach daraus längere Zeit mit Landrat v. Marx und winkte dann den General a. D. v. Engelbrecht heran, mit dem er sich lange und in eingehender Weise unterhielt. Gegen 5V2 Uhr verließ der Hof den Landungsplatz und begab sich in Automobilen nach der Saalburg. Inzwischen hatte sich ein reges Leben und Treiben an den Luftschiffen entwickelt, da sie wieder instand gesetzt, das verbrauchte Wasser und das entwichene Gas ersetzt werden mußten. Die Luftschiffe wurden sodann ziemlich nahe bei einander verankert. Gegen nachmittag wurde der Wind wieder stärker und die Bewölkung nahm auch zu, so daß beschlossen wurde, auf freiem Felde zu übernachten.
Der letzte Teil der Fahrt war sehr flott zurückgelegt worden. Da die Luftschiffe den Wind während der ganzen Dauer der Fahrt im Rücken hatten, wurde durchschnittlich eine Geschwindigkeit von 80 bis 85 Kilometer pro Stunde, mit dem „Z. 2" zeitweise sogar 90 Kilometer zurückgelegt. Das Wetter war während der ganzen Fahrt klar; erst bei Homburg zeigte sich, wie oben erwähnt, für kurze Zeit Dunst und Nebel.
Nachdem die Luftflotte die Nacht in Homburg vor Anker gelegen hatte, sollte am Sonnabend morgen 7 Uhr die Wciter- sahrt über Usigen auf Koblenz angetreten werden, wo eine
beste sein, wenn zuerst mein Vater mit dem deinigen spricht Du weißt, er ist sehr reich und — nun, du wirst begreifen, daß eS vor unserer Verlobung noch manche geschäftlichen Dinge zu ordnen gibt. Es ist gewiß richtiger, wenn mein Vater für mich formell um deine Hand anhält."
Sadie drückte übermütig den Arm ihres Verlobten.
„Sieh nicht so ernst und nachdenklich aus", lachte sie. „Heute müssen wir fröhlich sein! Und doch", setzte sie, plötzlich selbst ungewöhnlich ernst werdend, hinzu, „hast du recht. Wir müssen sogar noch viel mehr überminben als du denkst."
Sie sagte diese Worte so sorgenvoll, wie er sie noch nie hatte sprechen hören.
„Was meinst du, Geliebte?" fragte er. „Um welche Hindernisse handelt es sich? Wir sind beide frei, unsere gesellschaftliche Stellung ist die gleiche, und genug Mittel sind auch da."
„Ach", unterbrach sie ihn, „das ist es nicht. Aber ich will es dir sagen; nur mußt du nicht denken, daß ich der Sache zu großes Gewicht beilege. Papa wünscht nämlich, daß ich Ramon de ToroS heirate."
Gilbert sprang auf, als hätte ihn ein Peitschenschlag getroffen.
„Was?" rief er in kaltem entschlossenem Ton. „Heiraten, du — diesen — diesen —"
Die Worte versagten ihm einen Augenblick.
„Himmel! Du sollst diesen gezierten gelben Affen heiraten?
Hat dein Vater den Verstand verloren?"
Sie sah ihn an, und sein Zorn erfüllte sie mit stolzer Freude. „Ah", dachte sie, „das ist ein Mann, würdig, eine Frau zu beherrschen."
Sie sagte jedoch nur:
„Komm, setze dich, Liebster, und laß uns ruhig sprechen. Wir brauchen uns nicht darüber zu beunruhigen. Ich weiß auch nicht auS welchem Grunde Papa wünscht, daß ich Ramon heirate."
„Nenne ihn nicht Ramon!" fuhr Gilbert auf. „Wie kommt der Kerl dazu, daß du ihn bei feinem Vornamen nennst?"