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Hersfelder Kreisblatt

Gratisbeilagen: Illustriertes Sonntagsblatt" und Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage8

Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 47. Donnerstag, den 21. April 1910t

Amtlicher teil.

Berlin, den 14. März 1910.

In dem Erlasse vom 2 3. Februar 1906 S. 788 (Fürsorgestatistik 1905 B. S. 47) ist zum Ausdruck gebracht, daß sich der § 9 Absatz 3 deS FürsorgeerziehungSgesetzeS nur aus die erstmalige Üebcrführung des Fürsorgezöglings in eine Familie oder Anstalt beziehe. Der Erlaß hat aber die Mitwirkung der Polizeibehörden bei der Zurücksührung entwichener Fürsorgezöglinge in die Anstatt pp. keineswegs grundsätzlich ausgeschlossen, vielmehr auch die Fälle der Unentbehrlichkeit beschränkt. Wird diese Anordnung aller­dings einschränkend ausgelegt und die erbetene Rechtshilfe von der Polizei in der Regel abgelehnt, so kann die Zurück» führung entlaufener Fürsorgezöglinge in die Anstalt oder die Dienst- oder Lehrstelle den Kommunalverbänden unter Um­ständen nicht nur große Schwierigkeiten verursachen, sondern für kleinere Anstalten, denen es an dem zur Abholung er­forderlichen und geeigneten Personal schlt, direkt unmöglich sein. In Ergänzung des ErlasseS vom 23. Februar 1906 bestimme ich daher, daß die Kommunalverbände bei Ent- weichungen von Fürsorgezöglingen auS der Anstalt oder dem Dienst pp., sosern die Zurücksührung durch dar Anstatts- personal oder die Dienst- pp. Herrschaft nicht ausführbar ist, berechtigt sind, die Hülse der Polizei in Anspruch zu nehmen. Bei der Uebersührung find die Vorschriften der Nr. IV der Au-sührungSbestimmungen zum Fürsorgeerziehung-gesetz und deS Erlasses vom 29. April 1902 (Min. Bl. 6. 82) zu be­achten. Die durch die Zurücksührung entstehenden Kosten sind Kosten der Fürsorgeerziehung.

Abschrift übersende ich Euerer Hochwohlgeboren (Durch­laucht, Hochgeboren) mit dem Ersuchen, die Polizeibehörden deS dortigen BezirkS mit entsprechender Weisung zu versehen. Die den Polizeibehörden durch die Zurückführung entwichener Fürsorgezöglinge in die Anstalt oder die Dienst- pp. stelle er­wachsenen Kosten sind bei den Kommunalverbänden zur Er­stattung zu liquidieren. (S. 380.)

Der Minister deS Innern.

I. A.: gez. von K i tz i n g.

An die Herren Ober-Präsidenten und an den Herrn Re- gierungS-Präsidenten in Sigmaringen.

* * *

Herkfeld, den 15. April 1910.

Vorstehendes teile ich den OrtSpolizeibehörden des Kreises zur Kenntnisnahme und Beachtung in künftig vorkommenden Fällen mit.

I. 3752. Der Landrat von Grunelius.

HerSfeld, den 12. April 1910.

An Stelle deS freiwillig aus dem Amte geschiedenen Fleisch- beschauers Schuchhardt in Niederaula ist der Friseur August

Die Menschenfalle.

Von Guy Thorne.

(Fortsetzung.)

Man wußte, daß Eduard Woople ein beträchtlicher Ver­mögen besaß, und daß er feinen Brotherren, die shm zu Stellung und Wohlstand verholfen hatten, mit Leib und Seele ergeben war. Es konnte nicht behauptet werden, daß er sich besonderer Popularität erfreute, dazu trat er zu wenig in« öffentliche Leben, aber die Bewohner Nord- Englands schätzten keine Tugend so hoch wie die Treue, und deshalb genoß auch Woople in ganz Moorchester hohe- Ansehen.

Ungefähr einen Monat nach dem Gartenfest deS Bürger- Meister- stieg Mr. Edward Woople die altmodische Treppe seines kleinen Hause- herunter. Er trug einen Spazier- stock in der Hand, hatte einen leichten Sommeranzug angelegt und seinen allbekannten grauen Hut aufgesetzt.

Er schritt die Kirchstraße hinunter, ging durch die Vor- !tadt, ließ Oberst HarropS Besitzung hinter sich und kam endlich in die Nähe von Claremont House, das er n.it seinen Vogelaugen nach allen Richtungen hin musterte.

Eduard Woople hatte ein enormes Interesse für alleS, waS Julius Wilshire anging. Denn seit der Amerikaner seinen Wohnsitz bei Moorchester aufgeschlagen hatte, waren dem kleinen Manne so manche Dinge aufgefallen, und er fing allählich an zu ahnen, welcher Art die Beziehungen fein mußten, die da« frühere Leben Sir William- und JuliuS WilshireS ver- banden.

Ganz Moorchester sprach von der Freundschaft Sir Williams und des Amerikaner-. Man sah, daß zwischen Olaremont und Abnash Crost beständig Besuche auSge. huscht wurden und hielt die Möglichkeit einer geschäftlichen Verbindung zwischen dem amerikanischen Forscher und

Handel-fürsten noch immer nicht für au-ge-

Wooplt wußte natürlich, daß diese Gerüchte jeder Grund­

Meuser daselbst heute von mir bestellt und alS solcher eidlich verpflichtet worden.

I. 3690. Der Landrat

von Grunelius.

HerSseld, den 15. April 1910.

In einem der nächsten RegierungS-AmtSblätter wird der VerteilungSplan über die Beiträge zur V o l k S s ch u l l e h r e r- Witwenkasse für die Rechnungsjahre 1909, 1910 und 1911 veröffentlicht werden.

Die Schulvorstände des Kreises werden auf diesen Ver- teilungSplan aufmerksam gemacht.

I. Nr. 3829. Der Landrat.

3. V.:

Wessel, Kreissekretär.

HerSseld, den 16. April 1910.

Unter Hinweis aus den Erlaß deS Herrn Ober-Präsidenten vom 28. Februar 1878 (cfr. die landratamtliche Verfügung vom 9. März 1878 Nr. 24443, im Kreisblatt Nr. 20, wonach die Abhaltung von HauSkollektion wegen Beschädigungen durch Hagelschlag nicht genehmigt wird, veranlaffe ich die Herren OrtSvorstände des Kreises, die Landwirte in ihren Gemeinde­bezirken hierauf speziell aufmerksam zu machen, und dieselben bei jeder sich darbietenden Gelegenheit aus die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Versicherung ihrer Feldsrüchte gegen Hagel­schaden hinzuweisen.

3. I. Nr. 3838. Der Landrat.

J. V.:

W e s s e l, Kreissekretär.

HerSfeld, den 15. April 1910.

In einer der nächsten Nummern deS Regierungs-Amtsblattes wird der VerteilungSplan über die Beiträge zur R u h e g e - haltSkafse der Lehrer und Lehrerinnen an den Volksschulen für das Etatsjahr 1909 veröffentlicht werden.

Die Schulvorstände deS KreiseS werden aus diesen Ver- teilungsplan aufmerksam gemacht.

I. Nr. 3828. Der Landrat.

3. V.:

Wes s el, Kreissekretär.

nichtamtlicher Leii.

Reichstag.

3m Reichstage widmete der Präsident Graf Schwerin am Montag vor Beginn der Verhandlungen dem verstorbenen nationalliberalen Abgeordneten Grafen Oriola einen ehrenden Nachruf. Dann trat das HauS in die erste Beratung der ReichSversicherungSordnung ein, welche vom ZentrumSabge- ordneten Spähn eingeleitet wurde. In längerer Rede ver­breitete er sich über Wesen und Bedeutung der genannten wichtigen sozialpolitischen Vorlage und erklärte hierbei die

lage entbehrten. Hätte eine solche Absicht bestanden, so wäre er der erste gewesen, den man davon benachrichtigt und um Rat gefragt haben würde.

Er hatte überdies nicht vergeffen, waS bei WilshireS erstem Besuch in der Fabrik vorgcsallen war. Der kleine Mann be­saß eine vortreffliche Beobachtungsgabe, und wurde Zeit seines Lebens von einer verzehrenden Neugier geplagt. Er setzte feinen Stolz darein, über lokale Dinge genauer unterrichtet zu fein alS andere Leute, und verstand es, auS privaten Mu- teilungen einen Reservefonds anzujammeln, auS dem er nach Bedarf schöpfen konnte, den er zur rechten Zeit im Interesse seine- Herrn verwendete oder mit dem er Uneingeweihten imponierte.

ES stand für ihn fest, daß eS mit den früheren Bezieh­ungen zwischen Wilfhire und Atherton eine besondere Be­wandtnis haben müffe. Welche? das würde er schon heraus finden, noch ehe einige Monate inS Land gegangen waren.

Er hatte bemerft, daß Gilbert die Fabrik seit kurzem nicht mehr so regelmäßig besuchte wie früher und da er den Charakter feine- jungen ChefS kannte, wußte er, daß 'es wichtige Gründe sein mußten, die ihn von der Ersüllung seiner Pflichten zurück hielten. Der Stadtklatsch kannte und besprach diese Gründe natürlich schon lange. Es waren die roten Haare und die Veilchenaugen von Sadie Wilshire.

Auch für Eduard Woople konnte es keinem Zweifel unter­liegen, daß Gilbert dieses Mädchen liebte, aber Woople wußte auch oder glaubte wenigstens er zu missen daß der spanische Eennor Mr. de ToroS ebenfalls ein Anwärter aus die Hand der schönen Amerikanerin war. Man sagte allgemein, daß die beiden schon verlobt gewesen wären, ehe Mr. Wilshire nach Moorchester kam,

Woople- Interesse an dieser Angelegenheit entsprang in diesem Falle nicht allein dem Wunsch, den wirklichen Tat­sachen auf den Grund zu gehen, das heißt, nicht nur persön- lieber Neugierde, sondern vielmehr der herzlichen Liebe, die er für Gilbert Atherton empsand. Der Stolz aus seinen jungen Herrn und die Freude über dessen große geschäftliche Fähig­

Z "timmung seiner politischen Freunde zum Grundgedanken der Reichsverficherungsordnung, wonach den VersicherungS- Smtern die Befugnis eingeräumt wird, ihre Tätigkeit über alle die Versicherung selbst betreffenden Angelegenheiten zu er­strecken. Betteffs die Einzelheiten der Regierungsvorlage sprach der Zentrumsredner verschiedene Wünsche wie Bedenken auS, wobei er namentlich die Aerztesrage streifte. Im letzten Teile der Rede erörterte Abg. Spähn noch die projektierte Hinterbliebenenversicherung. Der nachfolgende Redner, der Konservative Schickert, ging aus die hauptsächlichsten Einzel- heiten der Vorlage ein und bezeichnete die Aerztesrage als ein unerfreuliches Kapitel. Im übrigen äußerte er feine Genug- tuung darüber, daß der ursprüngliche Plan einer vollstän­digen Verschmelzung der drei großen Versicherung-zweig« wieder fallen gelassen worden sei, und sprach schließlich die Hoffnung aus, daß die konservative Fraktion dem Entwürfe zuletzt werde zustimmen können, wenn ihre Bedenken in der Kommission beseitigt würden. Abg. Horn-Reuß (nat.-lib.) stellte sich im allgemeinen ziemlich freundlich zu dem Re- gierungsentwurs und stimmte besonders der Ausdehnung der Versicherung auf Hausarbeiter, Gewerbetreibende und Land­arbeiter zu. Der Freisinnige Dr. Mugdan äußerte ganz er­hebliche Bedenken gegen die Reichsverficherungsordnung in ihrer vorliegenden Gestalt und kritisierte im speziellen die Bestimmungen über das Verhältnis der Krankenkassen zu den Kassenärzten höchst abfällig. Der letzte Redner vom Tage war der Sozialdemokrat Molkenbuhr, welcher den Regierungk- entwurf fast vollständig verwarf. Am Dienstag setzte der Reichstag diese Verhandlung fort.

Die Reichsverficherungsordnung.

Der dem Reichstage noch kurz vor feinen Osterferien zu- gegangene Entwurf einer Reichsverficherungsordnung ist jetzt vom Reichstage am Montag und in den nächstfolgenden Sitzungen zum ersten Male beraten worden. Da ja der Ent­wurf längst bekannt ist, so erübrigt sich ein erneutes Aufzählen seines Inhaltes, nur seien bei der unverkennbaren Wichtigkeit dieser sozialpolitischen Vorlage nochmals ihre Hauptpunkte an dieser Stelle kurz angedeutet. Sie will, was überhaupt den Zweck der Reichsverficherungsordnung anbelangt, die gesamte soziale Versicherung des Deutschen Reiches in einem besonderen Gesetze neu regeln, welches die Vorschriften über all' die viel­fachen Fragen des sozialen Versicherungsrechtes in einem Rah­men zusammenfaßt. Allerdings ist der ursprüngliche Plan, die drei großen Versicherungszweige, die Krankenversicherung, die Unfallversicherung und die Invaliden- und die Hinter­bliebenenversicherung, überhaupt miteinander zu einem einzigen Gesetz zu verschmelzen, an den erheblichen praktischen Schwierig­keiten einer solchen Verschmelzung gescheitert. Immerhin sucht aber der Entwurf der Reichsverficherungsordnung wenigstens, durch die Schaffung einer großen Reihe von Vorschriften, welche für alle Versicherungszweige gemeinsam gelten sollen.

keiten waren sozusagen der einzige Lichtblick in seinem einsamen Leben. Da er selbst weder Frau noch Kinder hatte, wandte sich seine ganze Zuneigung dem jungen Erben der großen Majchinenwerke von Moorchester zu.

Miß Sadie Wilshire fand Mr. Wooples höchsten Beisall. Obgleich kein Kenner weiblicher Schönheit, sah er doch, daß sie vornehmer und lieblicher war, al- irgend ein Mädchen in Moorchester. Aber er erkannte auch ihren festen Willen und klaren Verstand, und diese Eigenschaften waren es vor allem, die dem scharfblickenden Keinen Mann gefielen. Zudem war sie reich, das wußte er genau, und daher schien ihm die Ver­bindung dieser beiden schönen, klugen, begüterten und verliebten jungen Geschöpfe eine höchst wünschenswerte und der Natur entsprechende Sache zu sein. Er, in dessen eigenem Leben die Romantik nie Platz gefunden hatte, erfreute sich an der Liebes- geschichte seines jungen Herrn und hütete sie in feinem Herzen wie ein süße- Geheimnis.

Aber Eduard Woople fühlte sich nach einer anderen Rich- tung hin durchaus nicht befriedigt. Er mißtraute nämlich Julius Wilshire im höchsten Grad«. Bei verschiedenen Ge­legenheiten war er mit ihm zusammen getroffen und halte wohl bemerkt, daß, obschon der Amerikaner ein sehr bedeu­tender Mann mit kühnem, unternehmendem Geiste war, sich etwas Unheimliches, Finsteres hinter diesem massiven, glattrasierten Gesichte verbarg. Woople war überzeugt, daß aus dem Grunde seiner Seele ein düsteres Geheimni- ruhte.

Und was ging in Claremont vor? WaS wurden dort für Experimente angestellt, denen Wilshire niemals einen Namen gab und die Mr. Woople nicht einmal erraten konnte? Die Sachen und Sächelchen, welche Wilshire in der Fabrik der AthertonS bestellte, gaben nicht den leisesten Fingerzeig, in welcher Richtung sich ihre Forschungen bewegten und bei aller Vorsicht und Verschlagenheit war es Woople nicht möglich ge­wesen, aus den beiden Ingenieuren Willy und Kennard, die öfters in die Fabrik herüberkamen, auch nur die kleinste Ant­wort herauszulocken.

Ferner hatte Woople Mr. Julius Wilshire und de Toros beobachtet, wenn sie mit Sir William und Gllbett zusammen