li^e militärische Zwischenfälle zugetragen. Ferner sollen die Griechen und Bulgaren in Mazedonien miteinander ein anti- türkisches Gcheimkömitee gegründet haben, welches u. a. den angeblichen Beschluß gefaßt hat, den Vorsitzenden deS jung- türkischen Komitees in Saloniki, Nasim Bey, zu ermorden. Der Herausgeber der türkischen Zeitung „Balkan" in Philip- popel, Edhem Bey, ist aus Befehl der bulgarischen Regierung verhaftet worden, weil das Blatt über die bulgarischen Heeres- bewegungen berichtet hatte. In der türkischen Treffe zeigt sich große Entrüstung über diesen Vorfall.
König Gustav von Schweden hat die Blind- darmopnation, welcher er sich plötzlich unterziehen mußte, verhältnismäßig gut überstanden. Ein am Mittwoch abend in Stockholm ausgegebenes offizielles Bulletin besagt folgendes: „Der König bat im Laufe deS Tages häufig kurze Zeit ge- schlasen und flüssige Nahrung zu sich genormten. Die Schmerzen sind säst vollständig verschwunden, nur ein Gefühl der Müdigkeit macht sich geltend. Der Verlauf der Krankheit ist bisher normal." — Uebrigens vernimmt man nachträglich, daß der Zustand des Königs infolge der Blinddarmentzündung ein recht ernster gewesen ist, und daß nur die schleunigst vor- genommene Operation einen schlimmen Ausgang verhütete. In der nächsten Umgebung des Monarchen war man selber über die plötzliche Feststellung einer Blinddarmentzündung ganz überrascht. Nunmehr steht nach der Meinung der Aerzte binnen etwa drei Wochen die vollständige Wiederherstellung des hohen Patienten wieder zu erwarten. Die Gemahlin des KönigS, Königin Viktoria, welche bislang am Karlsruher Hofe weilte, hat auf die Nachricht von der Erkrankung ihres königlichen Gatten hin sofort die Rückreise von Karlsruhe nach Stockholm angetreten, wo die Ankunft am Mittwoch abend erfolgte. Als die Königin Viktoria Berlin passierte, wurde ihr auf dem Stettiner Bahnhöfe namens der Kaiserin Auguste Viktoria ein prachtvoller Blumenstrauß überreicht.
Aus Buenos Aires wird gemeldet, daß im Hochgebirge östlich von Rio Negro eine Kannibalenbande ausgehoben wurde, die während der letzten vier Jahre 62 Reisende getötet hat. Die Reste der Menschenopfer wurden noch vorgefunden.
In der gestrigen Sitzung der holländischen Kammer wurde die Debatte über den angeblich vom Deutschen Kaiser an die Königin gerichteten Bries fortgesetzt, der die Drohung enthalten haben soll, der Deutsche Kaiser müßte niederländisches Gebiet besetzen, wenn nicht die Niederlande ihre VerteidigungSmittel gegen England in Stand setzen würden. Der Minister des Aeußern erklärte kategorisch und unter Berusung aus seine ministerielle Verantwortlichkeit, die Königin habe niemals einen solchen Brief, noch ein Telegramm, noch eine Note, noch irgend ein anderes Schriftstück betreffend die VerteidigungSmittel gegen England erhalten, sie habe niemals eine Unterredung über dies Thema mit dem Deutschen Kaiser gehabt, und niemals sei jemand im Austrage des Deutschen Kaisers an die Königin herangctretcn, um hierüber zu sprechen. Der Minister schloß seine Ausführungen mit dem Ausdrucke hoher Sympathie für den Deutschen Kaiser, dessen aufrichtige Freundschaft gegenüber Holland sich so oft und so deutlich gezeigt habe. Der Deputterte van Loebensels fragte in Abwesenheit des Deputierten van Heeckeren, warum man denn, wenn im Jahre 1904 eine Gefahr fremder Einmischung nicht bestanden habe, heimlich Maßnahmen ergriffen habe gegen einen plötzlichen Angriff. Die Regierung hätte bester getan, davon abzusehen, ihre uneingeschränkte Sympathie für Deutschland auSzudrücken, da hier zwei Mächte in Betracht kämen. Darauf wurde die Debatte geschloffen.
Die Begnadigung der griechischen Marine- verschwörer ist nun zur Tatsache geworden. Ein allgemeiner Amnestieerlaß, der den Leutnant Typaldos und die übrigen Marineoffiziere umfaßt, die an der Bewegung vom 29. Oktober vorigen Jahres teilgenommen haben, ist unterzeichnet und amtlich bekannt gemacht worden. Die begnadigten Offiziere, die auf drei Jahre Urlaub nach dem Auslande genommen haben, find bereits entlasten worden und abgereist. — Diese Begnadigung kann der Disziplin in der griechischen Marine nicht gerade sehr förderlich sein.
NotHF^
DaS Militärlustschiff „M. 3". unternahm gestern unter Führung deS Hauptmanns v. Jena eine längere Fahrt. Als es sich über Schöneberg besand, bemerkten die in der Gondel befindlichen Herren — außer dem genannten Hauptmann bestand die Besatzung aus zwei weiteren Offizieren und zwei Ingenieuren — daß das Steuer nicht richtig funktionierte und daß die vordere Spitze ihre straffe Form verlor. Sie stellten dann fest, daß das vordere Ballonett schadhaft geworden und die Luftzusührung in das Ballonet unterbunden war. Trotzdem versuchten sie zunächst, den Tegeler Landungs- Platz zu erreichen. Mit einiger Schwierigkeit gelangte das Luftschiff auch nach Tegel, wo es in einer Höhe von 1400 Meter über dem Felde schwebte. Da aber auch das Höhen- steuer nicht mehr funktionierte, waren alle Versuche, zu landen, erfolglos. Der Wind trieb nun das steuerlose Luftschiff über das Häusermeer Groß-Berlins bis nach Mariendors. Als die Gondelinsaffen unter sich das freie Feld sahen, wurde das Luftschiff durch Ziehen der Reißleine teilweise vom Gase ent- leert, und nun glückte die Landung, die ziemlich glatt erfolgte. Beim Ausstößen aus dem Erdboden verbogen sich zwar mehrere Metallteile der Gondel, doch ist der angerichtete Schaden nur gering. Schon als der Lustkreuzer zu Boden ging, eilten von allen Seiten Menschen herbei, die die ausgeworfenen Leinen ergriffen und aus diese Weise nach den Weisungen der Offiziere daS Luftschiff festhielten. Wenige Minuten später eilten die Feuerwehren von Berlin, Schöneberg, Tempelhof und Mariendors dem Landungsort zu, um gegebenenfalls Hilfe zu leisten. Rasch wurde ein Leiterwagen in die Erde gegraben und daran das Luftschiff befestigt Major Groß, der Kommandeur des Lustschiffer-Bataillons, wurde sofort von der Havarie benachrichtigt; er begab sich gleichfalls schleunigst im Automobil nach der LandungSstelle, um die nötigen Anordnungen zu treffen. DaS Bataillon wurde alarmiert und nach der Unfallstelle kommandiert. Dort wurde sofort mit den erforderlichen Reparaturarbeiten begonnen. Am unteren Teil der Gondel haben sich einige Metallteile verbogen, die wieder her,gerichtet werden müssen. Sobald diese Arbeiten beendet sein werden, wird das Luftschiff wieder nachgesüllt, um dann mit eigener Kraft nach Tegel zu fahren. An der LandungSstelle nahmen Polizribeamte die nötigen Absperrungen vor. DaS Feld war rings um daS Luftschiff mit Tauen abgegrenzt.
Nach der Landung deS Militärlustschiffes wurden zur Nachsüllung deS teilweise vom Gas entleerten Ballons das erforderliche Gas und die notwendigen Apparate an Ort und Stelle gebracht. Bei den Arbeiten stellte sich aber heraus, daß die Verbiegungen einzelner fester Teile des Ballons erheblicher waren, alk man zuerst angenommen hatte. Jnsolge- desirn ordnete Major Groß dar Demontieren deS Ballons an.
Es wurden dann die Fahrzeuge deS LustschifferbataillonS herbeigeholt und noch in der Nacht die Hülle und die sonstigen Bestandteile des Ballons nach Tegel gebracht; die Gondel dagegen blieb verpackt aus dem Felde zurück. Zu ihrer Bewachung wurde eine Abteilung Eisenbahntruppen herangezogen. Heute wird auch die Gondel nach Tegel geschafft werden.
Aus dem Leben unserer Landsleute in Dentsch-Südweftafrika.
Die schweren Kriegsjahre in Südwest sind vorüber. Mit srischem Mut sind unsere Landsleute drüben wieder an die Arbeit gegangen. Zerstörte Farmen sind wieder ausgebaut, neue sind im Entstehen begriffen. Mit der fortschreitenden Kolonisation und Zivilisation Südwestasrikak hat auch deutsches Kulturleben dort immer festeren Fuß gefaßt und Einrichtungen und Zustände geschaffen, ähnlich, wie sie unsere Heimat besitzt; naturgemäß, soweit das Klima deS fremden Weltteiles dies gestattet. Heute, wo bereits Tausende unserer Landsleute auf afrikanischem Boden eine neue Heimat und einen Wirkungskreis gesunden haben, ist es nicht ohne Interesse auch einen Blick auf daS gesellige und häusliche Leben der wackeren Vorkämpfer und Verbreiter deutscher Kultur in jenen fernen Landen zu werfen. Ebenso wissenswert ist es zu sehen, wie diese inmitten einer fast tropischen Natur und einer in der Kultur und Zivilisation weit zurückgebliebenen Bevölkerung ihre Lebensweise und Lebensführung eingerichtet haben.
Einen guten Einblick gewinnt man bei einem Besuch in der Handelsstadt unseres Südwests, Swakopmund, und in der Hauptstadt der Kolonie, Windhuk, dem Sitze der Regierung. Swakopmund bietet denen, die jetzt an der sandigen Küste Südwestafrikas landen, einen weit tröstlicheren Anblick als den ersten Ansiedlern, die in den Jahren 1893 bis 95 in das Land zogen. Wo heute ein lebhafter Hasenort emporgewachsen ist, standen damals nur Holzbaracken und Wellblechhäuser, und der Weg im Brandungsboot vom Schiffe durch die tobende See bis zum öden Sandstrand bildete den ersten Vorgeschmack der Schwierigkeiten und Fährnisse, die den Einwanderer in seiner neuen Heimat erwarteten.
In Swakopmund tritt einem als stattlichster Bau der Stadt zuerst das von hohem Turme überragte stilvolle Geschästs- gebäude der Damara- und Namaqua-Handelsgesellschast entgegen. Dringt man weiter in daS Innere der Stadt vor, so stößt man auf reichlich breite, gradlinig verlausende und sich rechtwinklich schneidende Straßen mit altbekannten vertrauten Namen, wie Kaiser-Wilhelm-, Bismarck-, Moltke-, Roon-, Poststraße usw. Auch die Namen der zahlreichen Swakop- munder Gasthäuser und Wirtschaften haben wohlbekannten, heimischen Klang. So begegnet man unweit des Strandes dem Hotel „Fürst Bismarck", dem ältesten Hause am Platze; ferner gibt es einen „Kaiscrhos", ein Hotel „Hohenzollern", „Germania", „Hansa" usw. In der Hauptstraße deS Ortes, der Kaiser-Wilhelm-Straße, erheben sich die Kaiserlichen Gebäude und die vornehmsten Privatbauten, während sich in den Nebenstraßen die Geschäftshäuser, Hotels usw. befinden. Die Bürgersteige, aus Zement und Holz angelegt, schließen die tiefsandigen, von Schmalspurgeleisen durchzogenen Straßen ein. In all den geschmackvollen, oft eleganten Bauten, großen Hotels und riesigen Waren- sowie Lagerhäusern herrscht die peinlichste Ordnung und Reinlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit an allen Ecken und Enden. In den mit roten Geranienbeeten gezierten Anlagen vor dem Kaiserlichen Bezirksamt erhebt sich das zu Ehren der in dem letzten Ausstande gefallenen See- soldaten gewidmete Marinedenkmal, das seltsam auffällt in der sonst so geschäftsmäßig-nüchternen Hafenstadt. Wie ein Stück Kriegsromantik ragt es auf und erinnert an die schweren Zeiten des Herero-Ausstandes, in dem unsere brave Marine-Infanterie dem ersten Anprall des Feindes Widerstand zu bieten hatte. Der Platz vor dem BezirkSamte mit dem eben erwähnten Denkmal und dem Blick auf die See bietet ein recht stimmungsvolles Bild.
Swakopmund bietet in bezug auf das häusliche und gesellige Leben der dort seßhaften Deutschen die vollkommensten und zweckmäßigsten Einrichtungen. Außer der dort stationierten Truppe und den Beamten sind daselbst viel Privatleute und die Vertreter vieler größeren Handelsunternehmungen nebst ihren Bediensteten ansässig. Dazu kommen noch die Durch- reisenden, die der Dienst oder die Geschäfte an den Platz bringen. Die geselligen Vereinigungs- und Sammelpunkte der Junggesellen sind die Hotels und Gasthäuser, in denen sich Speise- und Unterhaltungsräume befinden. Die größeren Hotels enthalten große Säle, die zu besonders festlichen Bereinigungen, wie zu Hochzeiten, Festvorstellungen an Kaisersgeburtstag usw., dienen. Das alltägliche Leben in Swakopmund spielt sich nach einer ganz feststehenden Ordnung ab. Nach dem ersten und dem zweiten Frühstück wird der Vormittag den geschäftlichen Arbeiten oder dem Dienst gewidmet. Von 1 bis 3 Uhr mittags ist der Ort wie ausgestorben; flimmernde Hitze brütet auf dem gelben Sande; alles schläft, um ihr zu entgehen. Von 3 bis 6 Uhr ist man wieder an der Arbeit; dann werden Spazierritte in die Umgegend unternommen oder man verschafft sich andere notwendige körperliche Bewegungen. Gegen 7 Uhr erfolgt die Einnahme der Adend- Mahlzeit, und nach dieser pflegt man bei einem Glase Bier noch einige Zeit in der Abendkühle in gemeinsamer Unterhaltung zu verweilen. Vielfach ergötzt man sich auch an dem Leben und Treiben der Eingeborenen, die nach dem Klänge einer Mundharmonika in den Straßen von Swakopmund deS Abends — Negermännlein wie -weiblein — ihre kakewalk- artigen Tänze vollführen. Nächst dieser Art von Belustigung schwärmen die Eingeborenen für das Fahren auf der Swakop- munder Pferde-, Maultier- oder Dampsbahn, und die aus den Schmalspurgeleisen in den Straßen ständig verkehrenden Rollwagen — „TrollieS" genannt — sind stets von schwatzenden und kreischenden Eingeborenen zumeist als blinde Passagiere bevölkert. Wer für das Leben und Treiben der eingeborenen Bevölkerung ein Auge hat, kann bei den eben geschilderten Belustigungen derselben hübsche Studien machen.
Der Sonntag wird vielfach zu Ausflügen mit der Bahn oder zu Pserde benutzt. Ein großer Teil der ansässigen Europäer bleibt auch im Ort, um diesen Ruhetag in beschaulicher Stille zu genießen. Wer Sonntag- nicht ausreitet oder mit der Bahn eine Vergnügungstour unternimmt, ergeht sich am Strand und im Swakoptal oder beobachtet das Ausladen der Dampfer und das Fischen am Strande. Viele Herren und Damen treiben auch allerlei Sport, wie Tennis, Turnerei usw. Eine Anzahl Herren finden sich zuweilen auch auf dem Schießstande der Schutztruppe zusammen, um dort ein PreiS- ausschießen abzuhalten. Die Schießausbildung wird eifrig betrieben, denn sie ist ja auch von großem Nutzen, sei eS, daß sie für eventuelle spätere kriegerische Expeditionen Verwendung findet, sei eS, daß sie für die Ausbildung der Jagd erwünscht ist. Wassersport wird nicht betrieben, da es die ungünstigen
Wasserverhältnisse in Swakopmund nicht zulassen. Ein eigenartiges Bild gewähren deS Sonntag« die Eingeborenen. Aus allen Wegen kauern sie im heißen Sande. Einzeln und in Truppen ziehen sie schnatternd und Instrumente blasend umher, die Weiber in zinnoberroten Röcken mit grasgrüner Schürze und gelben Kopftüchern. Unter den Männern sieht man Gigerln, hochmodern, mit dem neuen Strohhut auf einem Ohr und geschwungenen Spazierstöckchen; andere haben sich ungenähte bunte Stoffstücke malerisch um den schlanken Leib drapiert, in der Mitte mit breitem Messinggürtel zusammengehalten ; einige tragen schwarze Kaisermäntel und schwarzen Schlapphut; da sieht man weiter nichts als das Weiße im Auge und die blendend weißen Zähne.
Der Lebensunterhalt in Swakopmund ist, wenn auch nicht viel, so doch etwas billiger als im Innern des Landes. In den Warenhäusern ist alles zu haben, wonach eS den Kulturmenschen nur immer gelüsten mag, natürlich entsprechend teurer als in der Heimat. Sämtliche Gemüsearten kommen auS dem Innern: die Preise dafür sind, wie auch bei unS in Deutschland bald hoch, bald niedrig. So kostet z. B. 1 Pfund Kartoffeln 50, bald 75 Ps., 1 Weißkohlkops 1 Mk. bis 1.50 Mk. usw. DaS Fleisch ist nach der Rinderpest im Jahre 1898 und nach dem letzten Aufstande im Preise sehr gestiegen; für 1 Pfund Rind-, Hammel-, Kalb- oder Schweinefleisch zahlt man 1 Mk. bis 1,50 Mk. Meierei-Erzeugnisse sind sehr teuer: 1 Liter Milch kostet 75 Ps., 1 Pfund Butter 3 Mk., 1 Ei 40 Ps., ein kleines Brot 1 Mk. Vielfach kommen in Swakopmund auch Fische auf den Tisch, und war das Wetter für den Fischfang günstig, so hat man die Auswahl unter mannigfachen Arten von Seefischen. Die Seefischerei an der Küste des Schutzgebietes verspricht, wenn einmal planmäßig betrieben, reiche Ausbeute und angenehme Abwechselung im Speisezettel der südwcstasrikanischen Hausfrau. Vielleicht wird eS auch möglich sein, den Fang der südwestafrikanischen Fischerei in firgend einer Form aus dem heimatlichen Markte zu verwerten. Alles in allem ist Swakopmund zwar nicht sehr schön, aber es bietet doch allerlei Interessantes und Vergnügliches.
Wr Provinz u. naebbargebiet
* (Die landwirtschaftlichenSchulen in Hessen-Nassau in 1908.) Nach einer vom Ministerium herausgegebenen statistischen Nachweisung über den Stand des landwirtschaftlichen Schulwesens in Preußen im Jahre 1908 befanden sich in unserer Provinz eine Landwirtjchasls- fchule mit 74 Fach- und 41 Vorklaffen, 13 Ackerbau- und landwirtschaftliche Winterschulen mit 420 Schülern und 730 Fortbildungsschulen ohne sachlichen Unterricht mit 12 944 Schülern. Es betrug die Gesamtsumme der Ausgaben für Landwirtschaftsschulen 57578 M., für Ackerbau- und landwirtschaftliche Winterschulen 96 449 M>, für ländliche Fortbildungsschulen 98 921 M., insgesamt 252 948 M. In ganz Preußen sind die Fortbildungsschulen seit 1903 sowohl nach der Zahl der Anstalten, wie nach der Zahl der Schüler weit über das Doppelte gestiegen. Obenan steht Hessen- Nassau mit 730 Schulen und rund 13 000 Schülern in 1908. Offenbar ist dieser hohe Stand des Fortbildungsschulwesens eine Folge des für unsere Provinz bereits bestehenden Gesetzes, betreffend dir Verpflichtung zum Besuch einer länd- lichen Fortbildungsschule.
):( Hersfeld, 11. Februar. Der Reichsbankdis^ tont ist auf 4 Prozent, der Lombardzinssuß auf 5 Prozent herabgesetzt worden.
Marburg, 8. Februar. Der Umstand, daß Fastnacht diesmal mitten ins Semester fiel und die Studentens t äst noch vollzählig am Platze ist, trug wohl viel dazu bei, daß sich hier ein außergewöhnlich lustiger Faschingstreiben entwickeln konnte. Die buntbemützten Musenföhne, die sonst den Marburger Straßen und Gassen ihr eigenartiges Gepräge verleihen, waren heute verschwunden. Statt dessen erschienen sie, in allerhand seltsame Kostüme gehüllt, und durchzogen einzeln und in Trupps, zu Fuß und per Wagen, die mit dichten Menschenmassen besetzten Straßen. In der Altstadt, besonders bei und aus dem Marktplatze, spielte sich der Haupt- trubel ab. In den besonders von den Studenten besuchten Restaurants gingS natürlich ebenfalls bis in die Nachtstunden hinein lustig zu. In der Stadt herrschte heute ein lebhafter Fremdenverkehr.
Fulda, 9. Februar. Einen Mordversuch verübte gestern nachmittag aus der NikolauSstraße ein von auswärts stammender Kausmann aus seine frühere Geliebte, die er schon mehrsach bedroht hatte. Er feuerte, als daS Mädchen mit einer Freundin nachhause ging, zwei Revolverschüste ab, traf jedoch nur mit einem Schuß. Der rechte Arm des Mädchens wurde durchbohrt. Der Attentäter wurde sestgenommen.
Rathmaunsdorf, 7, Februar. Der Gemeindediener Waschmann stürzte dieser Tage beim AuSputzen von Pflaumen- bäumen von einem Baume so unglücklich, daß er sich eine Gehirnerschütterung zuzog. Er starb noch am Abend. Er hinterläßt Frau und 4 schulpflichtige Kinder.
Bebra, 9. Februar. Von einem schweren Unfall wurde der Zimmermeister Herr Herwig hier betroffen. Derselbe kam mit der linken Hand in das erst kürzlich iu Betrieb genommene Dampssägewerk, sodaß ihm vier Finger glatt abgeschnitten wurden. Der Verletzte begab sich in daS Landkrankenhaus in Hersseld.
Auma, 8. Februar. Im benachbarten Zadelsdors brach daS sünsjährige Söhnchen des Gutsbesitzers Sengewald durch das Eis deS DorfteicheS und ertrank, ehe Hilse zur Stelle war.
Hanau, 9. Februar. DaS Bauunglück an der evange- lischen Kirche zu Groß-Auheim hat sich noch folgenschwerer gestaltet, als man ansänglich angenommen hatte. Dem 31- jährigen Maurer Konrad Schneider auS Langenselbold ist nunmehr auch sein schwer verletzter Kollege Ungermaiin im Tode gefolgt. Beide waren verheiratet und Familienväter. Der ebenfalls schwer verletzte Maurer Edm. Schilling aus Altenmittlau schwebt noch in Lebensgefahr. Der vierte, Maurer Rock aus Langenselbold, welcher ebenfalls Verletzungen davontrug, befindet sich dagegen auf dem Wege der Besserung.
Hanau, 8. Februar. Der landgräfliche Jagdaufseher Philipp Müller aus Mittelbuchen erschoß in der Nähe der Fasanerie einen dem Rentner Karl Spatz in Hanau gehörenden wertvollen Hund, der angeblich ohne seinen Herrn aufgetaucht war. In der heutigen SchöffengerichtS-Sitzung wurde jedoch sestgestellt, daß der Hund sich ganz in der Nähe seines Herrn befand, als ihn der Schuß deS Jagdaufseher- traf. Der Jagdaufseher erhielt wegen Sachbeschädigung eine Strafe von 60 Mark oder 12 Tage Gesängnis. — Im Walde hinter den Dunlopwerken erschoß sich der 27 Jahre alte verheiratete Metzgergeselle Philipp Ruppel, der anscheinend in eine vor dem Gericht anhängige Wildereraffäre verwickelt ist. Auch zerfahrene Familienverhältniffe scheinen mitgesprochen zu haben. Seine Frau, die getrennt von ihm lebt, versuchte er, noch kurz vor der Tat zu sprechen. Da er einen mit 6 Patronen