Mr > und Busland.
Berlin, den 6. Februar 1910.
S e. Majestät der Kaiser besuchte gestern in Tcgel, wie schon kurz gemeldet, im Anschluß an die Besichtigung des neuen Militärluftschiffes auch die gegenüberliegende Fabrik der Flugmaschine Wright-Gesellschast. Anwesend waren ferner Prinz Heinrich, der Kriegsminister, der Chef des General- stabes, der Chef des Militärkabinetts, der Gouverneur-von Berlin und der Inspekteur der Verkehrstruppen. Seine Majestät verweilte eine halbe Stunde, besichtigte alle Einzelheiten mit dem größten Interesse, sprach Sich anerkennend über das bisher Geleistete aus und wünschte der Gesellschaft eine weitere gute Entwicklung. Zum Empfang der Herrschaften waren anwesend Admiral v. Hollmann und Hauptmann v. Kehler. — Abends besuchten Ihre Kaiserlichen Majestäten mit der Prinzessin Viktoria Luise eine Ballsestlichkeit bei dem Oberstkämmerer und der Fürstin Solms-Baruth. Heute morgen konferierte Sc. Majestät der Kaiser mit dem Reichskanzler.
In den „Blättern für höheres Schulwesen" beschäftigt sich Professor Lentz mit der Frage, inwieweit die Schüler höherer Lehranstalten militärtauglich sind. Er faßt das Ergebnis der Untersuchungen, die er angestellt hat, in folgenden Sätzen zusammen: 1. Die Schüler höherer Lehranstalten waren zum Militärdienst tauglicher als die übrigen Wehrpflichtigen (64,7 v. H : 57,3 v. H.). 2. Weitere 10,3 v. H. wurden nur wegen unzulänglicher Sehkraft nicht eingestellt. 3. ®§_ wurden weniger Einjährige wegen Un- brauchbarkeit entlassen als andere Wehrpflichtige im ersten Dienstjahre (6 : 6,3 v. H.). 4. Schüler, die mit dem 19. Jahre abgingen, waren tauglicher als solche, welche die Schule schon mit dem 16. Lebensjahre verlassen hatten (65,5 : 63,8 v. H.). 5. Das Mißverhältnis der Körperlänge zum Gewicht und zum Brustumfang war, geringer bei längerem Schulbesuch. 6. Die Untauglichkeit war größer, je länger die jungen Leute die Schule hinter sich hatten, sie kann also auch nach der Schulzeit erworben sein. Erwiesenermaßen waren die Gymnasiasten am größten und allgemeine Körperschwäche bei ihnen am fettesten.“ — Danach scheint also der Besuch der höheren Schulen doch nicht so ungesund zu sein, wie oft behauptet wird.
DaS Ergebnis der Zeichnungen auf die am Sonnabend aufgelegten Reichs- und Preußischen Anleihen läßt sich zurzeit zwar noch nicht ganz feststellen, doch ist schon jetzt sicher, daß der aufgelegte Betrag um mehr als 200 Mill. Mark überzeichnet ist. Die Schuldbuch- und Sperr- zeichnungen belaufen sich aus übn Vi Milliarde.
DerRücktrittdesGouverncursvonDeutsch- Südw estafrika v. Schuckmann ist zur Tatsache geworden. Nach einem Telegramm aus Windhuk erklärte Gouverneur v. Schuckmann, er trete allein aus gesundheitlichen, nicht aus politischen Gründen zurück. Ueber sein Scheiden herrscht großes Bedauern. Kundgebungen, die seitens der Bevölkerung geplant waren, lehnte der Gouverneur ab. Er tritt die Rückreise mit dem Dampfer „Kronprinz" am 18. Februar an.
Die politische Lage im nahen Osten hat merklich an Spannung nachgelassen, wozu im besonderen die friedfertigen Erklärungen der griechischen Regierung in Konstantinopel beigetragen haben. Man wird somit an dem guten Willen der beteiligten Mächte, den Frieden am Balkan aufrechtzuerhalten, nicht gut zweifeln können. Einen erhöhten Nachdruck erfuhren aber diese Bestrebungen noch durch die demnächst erfolgenden Vorstellungen der vier Schutzmächte in Kanca sowohl wie in Athen, durch die das unzweideutige Verlangen zum Ausdruck gebracht werden soll, die Wahl kretischer Abgeordneter zur griechischen Volksvertretung mit aller Energie zu hintertreiben. Sollten sich diese Erklärungen der Schutzmächte als unzureichend erweisen, so sind von diesen verstärkte Maßnamen in Aussicht genommen.
In Mazedonien haben die Niedermetzelungen von Griechen durch Bulgaren von Neuem begonnen. In Uesküb wurden zwei der reichsten Griechen der Stadt von bulgarischen Komidatfchis, die zur Bande des Wojwoden Rjo- larSky gehören, ermordet und beraubt. In Karamanova wurden der griechische Getteidegroßhändler Viskoti und sein Schwager am Hellen Tage in ihrem Bureau vom Bulgaren Ordan und zweier seiner Genossen überfallen und erschossen.
Bus Provinz u. Dachbargebiet
* (Bauern-Wetterregeln für Februar.) Wenn's im Hornung (Februar) nicht recht wintert, so kommt Kälte um Ostern. — Friert es nicht im Hornung ein, wird's
ein schlechtes Kornjahr sein, — Ein nasser Februar, bringt ein fruchtbar Jahr. — Ist der Februar sehr warm, friert man zu Ostern sich in den Darm. — Wenn im Februar spielen die Mücken, so gibt's im Schasstall große Lücken. — Scheint zu Lichtmeß (2. Februar) die Sonne heiß, so kommt noch viel Schnee und Eis. — Lichtmeß im Klee, ist Ostern im Schnee. — Fällt am Lichtmeßtage Schnee, schneit's im Tal und auf der Höh'. — Ist der Himmel hell und rein, fehlt auch kaum der Sonnenschein. — Ein Zimmer, das des Ofens bar, heizt sich nicht gut im Februar. — Wer seinen Pelz im Leihhaus hat, bekommt gar leicht den Winter satt. — Mattheis (24. Februar) bricht's Eis; hat er keins, so macht er eins.
* (Das Kometenjahr 19 10.) Die Zahl der aus dem Publikum eingelaufenen Nachrichten über den Kometen 1910a ist sehr bedeutend, denn jeder, der bis vor kurzem nach Untergang der Sonne bei abdunkelndem heiteren Himmel im Westen den Kometen suchte, konnte ihn mehr oder weniger deutlich wahrnehmen. Jetzt ist er nur noch am Fernrohr zu sehen und bewegt sich vom Sternbilde deS Wassermanns durch das des Pegasus. Neben diesem Kometen spielt der Halleysche Komet, der sich jetzt der Sonne rascher zu nähern beginnt, beim Publikum noch keine besondere Rolle, da er vorerst nur im Fernrohr gesehen werden kann, doch wird seine Zeit schon kommen. Außer den beiden genannten steht aber gegenwärtig noch ein dritter Komet am Himmel und eilt, sich auf Nimmerwiedersehen in die Tiefen des Weltraumes zurückzubegeben. ES ist der von Daniel auf der Sternwarte zu Princeton R. A. am 6. Dezember 1909 entdeckte Komet 1909e. Er war am 27. November in seiner Sonnennähe, hat aber jetzt bereits so sehr an Helligkeit abgenommen, daß er nur an sehr großen Fernröhren als schwacher Nebel noch gesehen werden kann. Im lausenden Jahre sind noch mehrere Kometen von kurzer Um= laussdaucr zu erwarten. Darunter zunächst der 1873 entdeckte und nach seinem Entdecker benannte Komet Tempel II. Ein anderer Komet, der in diesem Jahre in seine Sonnennähe kommt, ist der nach seinem Entdecker benannte d'Arrestsche Komet. Er ist sehr lichtschwach und kann nur an größeren Instrumenten gesehen werden, zudem hat er anscheinend bei jeder Rückkehr zur Sonne an Helligkeit eingebüßt. Ein 1896 von Giacobini in Nizza entdeckter Komet hat der Berechnung nach eine Umlaufsbauer von 62/3 Jahren, wurde aber 1903, als man ihn erwartete, nicht ausgesunden; ob er bei seiner diesmaligen Rückkehr im Frühjahr 1910 gesunden wird, ist fraglich.
* (Forst-Personalien.) Erck, Obersörster zu Marjoß, Regierungsbezirk Casiel, ist nach Sitzenroda, Regierungsbezirk Merseburg versetzt worden. Richter, Forstasscsfor, Oberleutnant im reitenden Feldjägerkorps, ist zum Oberförster ernannt; ihm ist die Obersörsterstelle Marjoß, Regierungsbezirk Casiel, endgültig übertragen worden.
* (Einladungskarten als Drucksache.) Nach den Bestimmungen der Postordnung ist es zulässig, in Einladungskarten, die als Drucksache versendet werden sollen, den Namen des Eingeladenen, sowie die Zeit, Zweck und Ort der Zusammenkunft handschriftlich zu vermerken. Dagegen dürfen nach einer Entscheidung des Reichs-Postamts die einzelnen Punkte der Tagesordnung nicht handschriftlich angegeben sein.
):( Hersseld, 7. Februar. (Vom Wetter.) Im Januar 1910 waren die Temperaturverhältnisse unserer Gegend recht ungewöhnliche. Während die langjährige DurschnittS- temperatur dieses Monats im Bezirke der Wetterdienststelle Weilburg in den Tälern —1 Grad Celsius beträgt, bestes sie sich im verflossenen Monat aus +2 Grad. Im Januar pflegt bei uns die Temperatur am Tage durchschnittlich auf 4-1 Grad zu steigen und in der Nacht auf —4 Grad zu sinken; im Januar 1910 stieg sie dagegen durchschnittlich aus -f-4 Grad und sank in der Nacht im Mittel noch nicht bis zum Gefrierpunkte. Während wir sonst im Durchschnitt an 21 Tagen nachts und an 11 Tagen auch tagsüber Frost haben, hatten wir in diesem Januar im Mittel nur zwölsmal nachts Frost und nur einmal (am 27.) am ganzen Tage Frost. Besonders war die Mitte des Monats zu warm (5 bis 6 Grad), gegen Ende wurde die Temperatur normaler. Aus den Bergen waren die Temperaturverhältnisse nicht so ungewöhnlich. Die Bewölkung wich im allgemeinen nicht so stark vom Mittel ab (8/io gegen 7/io). Ebenso belies sich die Zahl der trüben Tage nur aus 21 (im Mittel 18). Unter den Winden pflegen sonst die südwestlichen zu überwiegen. Im Januar 1910 hatten die Winde eine ausgesprochene Neigung, aus Süden zu wehen. Nur an zwei Tagen (7. und 8. Januar) hatten wir trockenes Wetter, sonst wurden täglich Niederschläge beobachtet, und zwar an 23 Tagen Regen, an 19 Tagen Schnee. Im Mittel pflegen sonst nur an 17 Tagen Niederschläge zu sollen. Dem-
entsprechend war auch die GesamtniederschlagShöhe zu hoch.
Sie betrug im Mittel aller Stationen 69 Zentimeter, während sonst im Januar nur gegen 50 Zentimeter zu sollen pflegen. Auch hier zeichnet sich die Mitte des Monats durch auffallend starke Niederschläge aus, während besonders im Anfänge zu trockenes Wetter herrschte.
Hanau, 4. Februar. Am hiesigen Bahnhos wurde heute früh ein Arbeiter von der Maschine eines Personenzuges ersaßt und übersahren. Ein Bein wurde vollständig vom Rumpse getrennt. Außerdem erlitt der Mann noch schwere Verletzungen am ganzen Körper und mußte nach Anlegung von Notverbänden nach dem Landkrankenhaus verbracht werden. Die Personalien des Verletzten konnten bisher noch nicht sestgestellt werden.
Von der Edertalsperre, 5. Februar. Anläßlich der in Arolsen im Laufe d. M. stattfindenden großen landwirt- schastlichen Versammlung soll auch über die Nutzbarmachung der geplanten elektrischen Ueberlandzentrale bei der Edertal- sperre verhandelt werden. Nach den jetzt vorliegenden Plänen wird der preußische Fiskus das Elektrizitätswerk bei Hemfurth errichten. Das Werk soll imstande sein, eine Stromstärke von 1500—5000 Pserdekräften zu entwickeln. Für die Strom- lieserung sind inbetracht gezogen die Kreise der Eber und Twiste, Eisenberg, die angrenzenden Gebiete von Hessen-Nassau und des Uplandes. Das Werk soll den Strom bis aus 100 Kilometer Entsernung liesern. Der Preis für die Kilowattstunde soll äußerst billig gestellt werden.
Datterode, 4. Februar. Durch übermäßigen Alkoholgenuß aufgeregt, gerieten hier mehrere jugendliche Burschen in $ Streit, der schließlich in eine gesährliche Schlägerei ausartete. Dabei griff ein Bursche sogar zur Axt und schlug aus seinen Gegner damit ein, traf ihn auch mehrere Male aus den Kopf, sodaß eine schwere Verletzung entstand und der Arzt geholt werden mußte. Mehrere Zähne sind ausgeschlagen, die Lippen durch einen abgeschrammten Axthieb gespalten.
Laasphe, 4. Februar. Vorgestern wurde bei Geisweid beim Spielen mit einer Vogelflinte der 13jährige Schüler Hoffmann von einem anderen Schüler erschossen.
Allendorf, 4. Februar. Beim Rodeln am Hegeberg ist heute ein Kind aus Sooden so schwer verunglückt, daß die Knochensplitter des Beins durch das Fleisch gedrungen sind.
Carlshafen, 5. Februar. Ein bei der Frau M. hier im Dienste stehendes Mädchen trank vorgestern abend Kleesalzlösung und verfiel alsbald in Starrkramps, auS dem es erst gestern wieder erwachte. Es wurde nach seiner Heimat transportiert. Ob das Mädchen daS Gift in selbstmörderischer Absicht oder infolge einer Verwechselung im Kaffee ausgelöst und dann zu sich genommen hat, entzieht sich der Beurteilung.
Gelnhausen, 4. Februar. In Spielberg ist bei einer Schlägerei der 20jährige Eurich aus Hellstein durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt worden. Ein der Tat verdächtiger Knecht ist verhaftet worden.
Heiligenstadt, 4. Februar. Der auf dem Rittergut Unterstein beschäftigte Knecht Apel aus Kirchgandern wurde, als er die Bremsvorrichtung lockern wollte, von dem schwerbeladenen Wagen übersahren. Die Räder gingen ihm über den Leib. Der Verunglückte wurde in das hiesige Krankenhaus gebracht. Er hat schwere innere Verletzungen erlitten, doch hofft man, ihm das Leben zu erhalten.
Frankfurt a. M., 6. Februar. Infolge des Geständ- nisses einer im pfälzischen Ort Jakobsweiler verstorbenen Frau wurden dort vier Arbeiter unter dem Verdacht verhaftet, vor acht Jahren einen bisher unaufgeklärten Mord an einem Kurgast in Wiesbaden verübt zu haben, bei dem den Mördern 2300 Mark in die Hände fielen.
Frankfurt a. M., 3. Febr. Das 9jährige Töchterchen des Hausmeisters in der Körnerwiese Nr. 3 stellte gestern abend eine Petroleumlampe aus den heißen Herd. DaS Petroleum explodierte und die Kleider des KindeS fingen Feuer. Das Mädchen erlitt so schwere Brandwunden, daß es heute früh denselben erlag.
Alfeld, 4. Febr. Einen grausigen Tod fand die 38 Jahre alte Ehefrau des Hofbesitzers Schaper in Jmsen. Um aus einem Schranke etwas aufzuräumen, hatte sie sich auf einen Stuhl, der auf einem Tische stand, gestellt. Plötzlich kippte der Stuhl um, und die Frau stürzte so unglücklich auf das spitze Ende der abgebrochenen Stuhllehne, daß ihr diese in den Leib drang und sie schrecklich verletzte. Nach qualvollen Schmerzen starb die Bedauernswerte infolge innerer Verblutung.
Göttingen, 4. Februar. Als in der vergangenen Nacht ein Automobil, in welchem Theaterbesucher noch Norten fuhren, das Nachbardorf Weende am nördlichen Ausgang verließ, sah
sriedigt es vollkommen; Ehrgeiz und der Durst nach Ruhm plagt mich in keiner Weife."
Er zog die junge Frau zu sich heran, scherzte und tändelte mit ihr in seiner berückenden Art und Weise und verscheuchte bamit sehr bald ihre kleinen Bedenken. Was wollte sie denn auch mehr, als daß er nur für sie und nur ihrem beiderseitigen Glück lebte.
Volles Glück strahlte aus ihren Augen, als sie am Abend mit ihrem Gemahl im Opernhause erschien und voll Entzücken den süßen schmeichelnden Melodien der Cavalleria rusticana lauschte. In der Zwischenpause, wo man in dem kühlen Konzertsaal promenierte, 'wurde lebhaft über das neue Opernwerl debattiert.
Teilweise war man entzückt, begeistert, kritischere Naturen hingegen standen solcher Begeisterung kühl bis ans Herz hinan gegenüber und sprachen dem Werk, das eine Welt bejubelte, jeden klassischen Wert ab, den Erfolg konnten sie ihm ja nicht streitig machen, sie erklärten denselben jedoch für einen vorüber- gehenden, einen Zeitersolg, der Komponist habe eben den Ton für die jetzige Zeit getroffen, aber nicht den Ton, der über Welt und Zeit steht und darum an die Unsterblichkeit heran- reiche. Man müsse erst abwarten, wie dieses junge Talent sich weiter entwickele.
„Ist Mascagni wirklich noch so jung?" fragte Ellinore ihren Mann.
,3a, es heißt so, er hat eben Glück gehabt, der junge Mann, wie es unter Hunderten einmal einem zuteil wird."
Koser, der auch nicht in die Begeisterung der meisten An- wesenden mit einstimmen konnte, fühlte fast etwas wie Neid in sich aufsteigen. Es mußte berauschend sein, so jung noch und schon einen solchen Weltruhm erreicht zu haben. Auch er hatte einst derartige Ruhmesträume gehegt, und ganz be- graben waren sie jetzt noch nicht. Freilich, wenn er es so forttrieb wie bisher, dann mochte er sie nur ruhig einsargen es war wirklich die höchste Zeit, daß es anders wurde, die Phantasie ist flüchtig wie daS Glück, wehe der Stunde, wo der Künstler, der Schriftsteller sich sagen muß: Meine Phantasie, dir einst überschäumte wie die Bäche in der Lenzeszeit, ist mir treulos geworden, ich habe diese Himmelsgabe vernach
lässigt, nun hat sie sich von mir gewandt. Ein leises Grauen erjaßte ihn, wenn sie ihm so treulos werden könnte, seine reiche himmelanstürmende Phantasie, einst sein einziges, sein höchstes Gut.
„Es ist doch etwas Schönes um solch einen Ersolg", mit diesen Worten trat Dr. Berner zu dem jungen Ehepaare heran.
„Freilich, solche spontane Erfolge erzielt nur die Musik, sie ist von hinreißender Kraft, wenn, wie hier die Melodien aus dem Gehirn eines Genies hervorgegangen, und vor einem solchen stehen wir doch wohl!"
„Meinen Sie?" versetzte Koser.
„Nun, daran ist doch kein Zweisel!" rief da Fräulein Klein, die sich an Frau Straten angeschlossen und mit ihr jetzt zu der Gruppe herantrat. „Ich finde es wahrhaft herz- erquickend, wenn so ein wirkliches Genie einmal auftaucht in dieser geniearmen Zeit."
„Von solcher Herzerquickung habe ich leider noch nichts gespürt", spöttelte Koser.
„Ja, die Damen sind auch darin glücklicher dran wie wir, die wir gar zu gern und überall Kritik üben", meinte Berner. „Sie geben sich viel unbefangener jedem Eindruck hin."
„O bitte, Herr Doktor", unterbrach ihn Fräulein Klein, „die moderne Frau prüft und kritisiert auch, sie bildet sich ihre eigene Meinung, und läßt sich dieselbe nicht ausdrängen, von keinem Mann, und wäre er noch so geistreich !"
Sie personifizierte die moderne Frau in diesem Augenblicke selbst in jeder Hinsicht, wie sie da förmlich kampfbereit, mit energischem Gesichtsausdruck vor dem Gelehrten stand.
„Verzeihen Sie, an die moderne Frau dachte ich allerdings jetzt nicht", versetzte dieser. „Mir schwebte etwas ganz anderes vor, eine Frauenerscheinung, ja, wie soll ich mich aus- drücken, wie meine Mutter war, sie war und ist es heute noch — für mich stets daS Ideal einer deutschen Frau, freilich wohl jetzt ein wenig veraltetes. Hin und wieder aber begegnen uns doch derartige Erscheinungen voll deS Zaubers
des ewig Weiblichen", — sein Blick streifte Ellinore — „sie sachen die Leidenschaften nicht. an, aber sie werden treuer und inniger geliebt, wie ihre modernen Schwestern, die uns Männern so gern den Fehdehandschuh jetzt hinwerfen."
„Aber Berner!" rief Koser lachend, „wie können Sie eine Vertreterin der modernen Frauenwelt so beleidigen?"
„Beleidigen? Meinen Sie, das soll mich beleidigen?" sagte die Malerin sehr geringschätzig.
„Es gibt auch heute noch genug solche in Ihren Augen ideale Frauenerscheinungen, die ein gütiges Schicksal von Jugend auf Rosen gebettet hat, deren reine Stirn nie der rauhe Hauch der Sorgen gestreift und die den Kamps ums Dafein kaum vom Hörensagen kennen. Wirst das wechselnde Leben sie aber doch einmal hinaus auf die Arena, wo ihre Schwestern ringen und kämpfen, dann gehen sie sicher an ihrer Charakterschwäche zu Grunde. Ein Zug zur stillen Häuslichkeit liegt wohl in den meisten Frauen, aber dürfen sie ihm denn folgen, treibt nicht das ganze Leben jetzt sie hinaus in die Oeffentlichkeit!"
(Fortsetzung folgt.)
— Bremen, 4. Februar. Ein junger Sattler wollte sich bei einem Arzt die Mandeln herausnehmen lassen. Eine Krankenschwester reichte dem Arzt statt der von ihm verlangten schwachen Cocainlösung eine daneben stehende starke. Zwei Minuten nach der Einspritzung starb der Patient.
— (Hinrich Holstens Ehrenerklärung.) Nachstehende originelle Ehrenerklärung wird im Nordhannover- fchen Landesboten bekanntgegeben: „Ehrenerklärung. Die auf der Kaiser-Geburtstagsfeier in Klein-Meckelsen von mir zu Herrn Wilhelm Wilkens getane Aeußerung: „Kick mal, Willem, so scheef siit'st Du in'n Kaleschwagen!" nehme ich zurück und bemerke, daß ich mächtig „duhn" war und die Absicht einer Beleidigung nicht hatte, weshalb auch meine „Humpelet" nicht übel zu nehmen ist. Herrn Wilhelm Willens aber erkläre ich sür einen braven Prachtmenschen. Mit dieser Ehrenerklärung ist die krumme Sache wieder gerade und sind wir jetzt wieder die besten Freunde in „Lütt-MeckelS". Hinrich Holsten."