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herrfelder Kreisblatt
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Fernsprech-Anschlutz Nr. 8
Nr. 17.
Dienstag, den 8. Februar
1910.
nichtamtlicher teil.
Her Kulms M neuen »rechische« Wühlseselies.
In dem Bestreben, das als veraltet geltende preußische Wahlrecht zu reformieren, ist nun ein großer Schritt getan worden. Der Entwurf für das neue Wahlgesetz in Preußen ist sertiggestellt worden und bereits am nächsten Donnerstage soll die erste Beratung dieser wichtigen Vorlage im preußischen Abgeordnetenhaus« beginnen. Bei der Schwierigkeit der Reform des Wahlrechtes in Preußen hat wohl niemand gehofft, daß in dieser wichtigen Frage alle Wünsche der Parteien eine Berücksichtigung finden würden, und man kann schon jetzt sagen, daß auch bei dem neuen preußischen Wahlrechte an der bisher geltenden konservativen Grundstimmung für das Wahlrecht in Preußen festgehalten werden soll. Drei wichtige Punkte des alten preußischen Wahlrechtes sollen daher auch für das neue Wahlgesetzt in Kraft bleiben, nämlich das Dreiklassen-Wahl- system, ferner die öffentliche Ausübung der Wahl und drittens die Erhaltung der bisherigen Wahlkreise. Als schlerhast und nicht mehr den politischen Anforderungen der Neuzeit entsprechend hat man in Preußen nur das indirekte Wahlsystem erkannt, und sollen nach dem neuen Wahlgesetze die Wahlen künftig in allen drei Klassen direkt stattfinden, die Wähler wählen also in Preußen die Abgeordneten unmittelbar und das veraltete System der Wahlmännerwahlen soll aus dem neuen Wahlgesetze ausscheiden. AlL eine weitere wichtige Neuerung für das preußische Wahlrecht soll die sogenannte Maximierung der Wahlberechtigten eingesührt werden, und soll nach dieser Maximierung die fünftausend Mark Gejamtsteuer übersteigende Steuerleistung bei dem Wahlrechte nach Klassen nicht mehr angerechnet werden. Die dritte Neuerung für das Wahlrecht bezieht sich daraus, daß außer der Steuerleistung bei der Einteilung in die Wahlklassen auch die höhere Bildung, die reife Berufserfahrung und die verdienstvolle Tätigkeit im öffentlichen Leben eine Rolle spielen sollen. Wie diese Eigenschaften der Wähler in der Praxis berücksichtigt werden sollen, wird wohl erst nach einer gründlichen Durchberatung der betreffenden Punkte des Gesetzentwurfes entschieden werden können. Auch für die Art der Zählung der Stimmen soll das neue preußische Wahlgesetz eine Verbesserung bringen, cS soll danach in Abteilungen in den Stimmbezirken abgestimmt werden. Die Zusammenrechnung der abgegebenen Stimmen soll also in jeder Abteilung für den ganzen Bezirk erfolgen, sodaß die Minoritäten in den einzelnen Stimmbezirken bei dem Gesamt- refultate der Wahl zur Geltung kommen sollen. Als Grund für die Beibehaltung der öffentlichen Wahl wird angegeben, daß auch die geheime Wahl den Wähler nicht vor ungesetzlichen Einflüssen schütze, und daß das öffentlich auSgeübte Wahlrecht das Gefühl der politischen Verantwortlichkeit steigere.
ver Liebe Skg.
Novelle von F. S t ö ck e r t.
lNachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Manch düsterer Blick sorgenbelasteter Menschen streifte die heitere Kavalkade; ein wüst aussehender Mensch ballte die Faust, als sie an ihm vorüberritten, und fluchte über die Ungerechtigkeit der Weltordnung, die ihn dazu verdammt hatte, den Staub zu schlucken, den diese vom Schicksal Begünstigten auswirbelten. Die kleine Szene wurde von einem Spaziergänger beobachtet, der langsam des Weges daherkam.
„Eine Augenblicksphotographie der Zeitstimmung!" murmelte er mit feinem Lächeln und musterte dann die Reiter. „Ah, da ist ja auch. Koser", fuhr er in seinem Selbstgespräch fort, „welch stattliche Figur er zu Rosse spielt, als wäre er der geborene Kavalier und nicht ein Ritter des Pegasus."
In diesem Moment kam Koser aus ihn zu: „Sich da, Berner!" rief er, ihm die Hand zum Gruße reichend, „auch schon so früh unterwegs?"
„Nun, früh kann ich eS kaum noch finden, nachdem ich schon drei Stunden diese- Tages am Schreibtische zugebracht."
Ein flüchtiger Rot glitt über Käsers Gesicht. Drei Stunden hatte dieser kleine blasse Mann schon gearbeitet, während er, eine wahre Hünengestalt ihm gegenüber bis in den hellen Tag hinein geschlafen und nun spazieren ritt; er schämte sich wirklich in diesem Augenblick.
Die geistvollen Augen des kleinen Gelehrten ruhten forschend auf ihm, dessen ganze vornehme Erscheinung jetzt den vollendeten Lebemann repräsentierte, dann verabschiedete er sich unb dachte an Fräulein Klein, die mit ihrer Prophe- zeiung, daß daS Talent Kosers in solchem Wohlleben iu Grunde gehen würde, doch vielleicht recht behalten Dürfte.
Auch sei noch erwähnt, daß Personen, die nach ihrer Steuer- leistung in die zweite Wahlklasse oder gar in die dritte gehören, das Recht erwerben, in die nächsthöhere Wahlklasse eingcreiht zu werden, wenn sie eine abgeschlossene Hochschulbildung besitzen, Mitglieder des Reichstages sind, eine ehrenamtliche Tätigkeit in der Selbstverwaltung oder in den Kommunalver- bänden bekleiden oder Offiziere im Heere und der Marine gewesen sind. Aus eine neue eigenartige Weife soll das Wahlergebnis nach dem neuen preußischen Wahlrechte festgestellt werden, nämlich so, daß für jed^pbtcilung besonders die Zahl der im ganzen LandtagswahlbeE abgegebenen gültigen Stimmen zusammengerechnet und der^Anteil jedes Kandidaten an den abgegebenen gültigen Stimmen abtcilungsweise nach Hundertteilen der Stimmen sestgestellt wird. Die sogenannten Hundertteilzahlen aller Stimmen jeder Abteilung werden dann für jeden Kandidaten gezählt. Dje, so erhaltene Summe wird dann durch drei geteilt und gewählt ist derjenige Kandidat, wenn er einen durchschnittlichen Stimmenanteil von mehr als fünfzig von hundert Stimmen erhält. Es ist sehr wahrscheinlich, daß viele Punkte der neuen Wahlrechtsvorlage im Landtage Preußens noch wesentlich geändert werden.
Abgeordnetenhaus.
DaS preußische Abgeordnetenhaus trat am Freitag in die erste Beratung der Novelle zum preußischen Gerichtskostengesetz und der damit verbundenen Gebührenordnung für Notare, Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher ein. Justizminister Dr. Beselcr wies in seiner Begründung daraus hin, daß bei der Reform des Gerichtskostengesetzes Zweckmäßigkeitsgründe vorgewaltet haben, daß aber auch der finanzielle Effekt nicht außer acht gelassen worden ist. Man erwartet eine Mehrein- nähme von etwa 3 Millionen aus den Gerichtskosten. In der Debatte kamen fast nur Juristen zum Wort. Die Vorlagen wurden wegen der Wichtigkeit der Materie nicht der Justizkommission, sondern einer besonderen Kommission über- wiesen. Das Haus begann dann noch die zweite Lesung des Justizetats. Die Einnahmen wurden ohne wesentliche Debatte bewilligt.
Das Haus beschäftigte sich am Sonnabend mit dem Justizetat. Die Beratung des Titels „Ministergchalt" gab Gelegenheit, die Einrichtungen unserer Justiz einer Kritik zu unterziehen. Der Justizminister bekam dabei eine ganze Reihe lobender Anerkennungen zu hören, freilich fehlte es auch nicht an verschiedenen Bemängelungen. Im Vordergrund der sehr sachlichen Debatte stand die Frage der juristischen Vorbildung. Hier forderte der erste Redner, der Abg. Böhmer (tonf.), daß in dem juristischen Lehrplan der Volkswirtschaft ein größerer Raum geschaffen werde. Er begrüßte ebenso wie der Redner des Zentrums, der Abg. Maiß, den Plan, eine Konferenz ein- zuberufen, die über die Ausbildung der Juristen beraten soll; mit Zustimmung von allen wurde auch von den Richtern Vertrautheit mit den lokalen Verhältnissen gefordert. Bei der
„Was war denn das für ein kleines, verhutzeltes Gelehrtengewächs?" fragte lachend ein flotter Hufaren- leutnant, als Koser wieder zu den Reitern herangefprengt kam.
„Das war ja der Doktor Berner!" rief ein anderer der Herren, ein junger Bankier. „Allen Respekt vor diesem Gelehrten, der hat sicher mehr Geist wie wir alle zu- sammen!"
Koser biß sich ärgerlich aus die Lippen, stellte man ihn denn schon in eine Kategorie mit diesen Durchschnittsmenschen hier, waren seine Geisteswerke schon gänzlich in Vergessenheit geraten?
„Sie nehme ich natürlich aus, Koserchen", fuhr der Bankier fort.
„Von Ihnen erwarten wir noch Großes, so einen Welt- roman, ein Spiegelbild unsrer nervösen, ruhelosen und doch so schönen interessanten Zeit, Schilderungen des fin de siecle- Menschen. Wenn Sie mich gebrauchen können, natürlich nur als Nebenfigur, denn zu einem Helden besitze ich wohl nicht hervorragende Eigenschaften, stehe ich gern zu Ihren Diensten."
Koser blickte etwas von oben herab auf den Schwätzer. „Vorläufig sammele ich jetzt nur Stoff", sagte er dann, „möglich wäre es ja, daß, wenn der Stoff sich erst zu einem Ganzen gestaltet, auch eine Tagesfigur wie die Ihre darin auftritt."
Etwas verblüfft strich sich der junge Bankier seinen Bart.
„Tagesfigur, das ist gut; meine Zeit ist aber um, denn ich bin auch eine Tagesfigur, ein Tagedieb bin ich nicht, den Posten ganz ausfüllen, den daS Schicksal uns angewiesen, das ist mir Gesetz."
Er verabschiedete sich und sprengte davon; auch die andern Herren zerstreuten sich, nachdem man für den Abend einige Verabredungen getroffen.
Etwas verstimmt ritt Koser heim. Das Wort Tagedieb hatte ihn wie einen Schlag ins Gesicht getroffen. Vielleicht hatte Ferno, der im ganzen doch ein ziemlich harmloses Menschenkind war, gar keine Anspielung damit beabsichtigt, denn er so wenig wie ein anderer konnte es wissen, daß er so
Ausführung dieses Gedankens verweilte besonders eingehend der Abg. Viereck (frkons.) Auch der Nationalliberale Boisly beschäftigte sich mit dieser Frage. Er protestierte auch gegen das Hincintragen konfessioneller Momente bei der Besetzung der Richterstellen. Die Abgg. Böhmer und Cassel (sreis. Vp.) griffen den Fall der Frau v. Schönbeck heraus, bei dem sie die verschiedenartige Auffassung der ärztlichen Gutachten bemängelten. Auch die Bestrafung Jugendlicher wurde berührt und hier der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß eine Besserung solcher jugendlicher Verbrecher ohne Gefängnisstrafe möglich sei. Auch der Kieler Werstprozeß fand Erwähnung, so vom Abg. Cassel, der dem Justizminister für seine in der Kommission abgegebene Erklärung Dank wußte.
Reichstag.
Der Reichstag erledigte am Freitag die zweite Lesung deS Etats des Reichstages, und wie alljährlich wurden auch diesmal von allen Seiten die verschiedensten Anregungen interner Art gegeben. Den größten Teil der Debatte nahm jedoch die Frage einer Reform der Geschäftsordnung in Anspruch. Hierzu lagen Anträge der Linken und des Zentrums vor, welche die bekannten Wünsche nach einer Ausgestaltung der Geschäftsordnung zum Ausdruck brachten. Alle diese Anträge gingen an die verstärkte GeschästsordnungSkommission, der auch ein neuer Antrag des Abgeordneten Gröber (Z.) aus eine allgemeine Revision der gesamten Geschäftsordnung überwiesen wurde. Die Anträge auf Erweiterung der freien Fahrt wurden gegen die Stimmen der Rechten angenommen und einige RechnungS- sachen erledigt.
Der Reichstag nahm am Sonnabend den Gesetzentwurf, betreffend unsere Handelsbeziehungen zu den Vereinigten Staaten von Amerika in allen drei Lesungen an. In der Generaldiskussion empfahl der Staatssekretär des Innern die Vorlage zur Annahme. Aus dem Hause meldete sich niemand zum Wort. Es konnte also sofort zur zweiten Beratung geschritten werden, in der der Entwurf debattelos angenommen wurde. Damit war die Tagesordnung erschöpft. Vizepräsident Dr. Spähn schlug in Anbetracht dieser Sachlage vor, nach einer Viertelstunde eine neue Sitzung abzuhalten, um den Entwurf auch in der dritten Beratung zu erledigen. Der nationalliberale Abgeordnete Basscrmann meinte aber, wenn niemand widerspreche, könne dies auch ohne Anberaumung einer neuen Sitzung geschehen. Da Widerspruch nicht erhoben wurde, trat das Haus in die dritte Lesung ein und nahm die Vorlage ohne jede Erörterung endgültig an. Dagegen stimmten die Konservativen und ein Teil des Zentrums. Darauf erfolgte Ver- tagung bis zum nächsten Donnerstag.
garnichts produzierte, sein Gehirn in keiner Weise anstrengte, auch nicht mit Stoffsammeln. Das höhnische Lächeln, was er bei einigen der anderen Herren wollte bemerkt haben, war jedenfalls nur eine Täuschung seiner Sinne gewesen. Nun, was schadete schließlich auch das alles, die Zeit würde ja kommen, wo er die Welt mit einem Geisteswcrk in Staunen versetzen würde.
Mit solchen Gedanken suchte er seiner Verstimmung Herr zu werden, und als er jetzt seine Wohnung erreicht hatte und über die weichen Teppiche dahinschritt, als fein schönheits- durstiges Auge all den Luxus der stilvollen Einrichtung streifte, der Diener nach seinen Wünschen fragte, und er dann mit einer Flasche Portwein und einigen Kaviarschnitten seine Lebensgeister auffrischte, da erfaßte ihn wieder Helle Dascins- freude, er wäre ein Narr, wollte er sich dieselbe trüben lassen mit dem Gedanken, daß er seiner Mitwelt noch vieles schuldig sei. Mochten andere sich im Schweiße ihres Angesichts mühen und plagen, er hatte es nicht mehr nötig, und wie diese Fülle deS Reichtums über ihn gekommen, so wird auch eines Tages, wenn er das alles erst mit mehr Ruhe genoß, der Gedankenreichtum über ihn kommen, ihn drängen und treiben zum geistigen Schaffen. Diese Zeit wollte er ruhig abwarten und sich nicht etwa zwingen zur Geistesarbeit wie in früheren elenden Zeiten.
Er setzte das seiner jungen Frau, als diese ihn bei Tische fragte, ob er in den Morgenstunden gearbeitet, mit beredten Worten auseinander.
„Und du meinst, daß eine solche gänzliche Ruhe deinem Talent gut und förderlich sei?"
Etwas zweifelnd und zaghaft sah Ellinore ihren Mann an.
„Warum nicht", versetzte dieser, „man muß nur die Augen offen behalten, überall beobachten, und die Bilder, die daS Leben uns entschließt, sestzuhalten verstehen."
„Machst du dir nicht wenigstens hin und wieder Notizen?"
„Du scheinst mir ordentlich besorgt um meine Tätigkeit, warum sollen wir jetzt nicht unserem Glück, unserer Liebe einzig und allein leben. Genügt dir das nicht mehr? Mich be»