nachträglicher guter Führung ist in doppelter Form vorgesehen: in der Wiedereinsetzung in dir bürgerlichen Ehrenrechte, die der Verurteilte infolge der Verurteilung verloren hat, und in der Löschung der Vorstrafen im Straftegister oder in den sonstigen amtlichen Etrafverzeichnissen und zwar bei Jugendlichen aller Vorbestrafungen, bei Erwachsenen von einjährigen Gefängnis- oder Haststrasen mit der formellen Wirkung, daß die angeordnete Löschung in dem Strasregister und in den sonstigen amtlichen Strasverzcichnifsen zu vermerken, bei Erteilung eines RegisterauSzugs die Strafe als gelöscht zu bezeichnen und bei einer AuSkunstSerteilung auf Grund der an- deren Verzeichnisse (polizeiliche Leumunds» oder Strasbogen) überhaupt nicht anzugeben ist.
Für daS ganze Etrafrecht stellt der Entwurf den Grundsatz auf, daß strafbar nur ist, wer schuldhast, d. i. vorsätzlich oder fahrlässig handelt. Die starre Ersolgshastung des jetzt geltenden Rechte? ist ausgegeben und der Eintritt der Straferhöhung, z. B. bei Körperverletzung mit Todessolge, davon abhängig gemacht, daß der Täter die Möglichkeit deS (nicht gewallten) Erfolge- vorauSsehen konnte. Ferner kennt der Entwurf nur S t ras a u ss ch l i e ßun g s -, keine Schuld- auSschließungSgründe, so daß also, im Gegensatz zu srüher, Teilnahme und Hehlerei an der Tat eines UnzurechnungSsähi- gen bestraft werden kann. Die klinischen Zustände der Unzu- rechnungSsähigkcit sind mit Geisteskrankheit, Blödsinn und Bewußtlosigkeit bezeichnet. Im Anschlüsse hieran ist die verminderte ZurechnungSsähigkeit in der Form geregelt, daß, wenn durch einen dieser Zustände, selbstverschuldete Trunkenheit ausgenommen, die freie Willensbestimmung zwar nicht auSge» schlossen, jedoch in hohem Grade vermindert war, obligatorisch die milderen Strosvorschriften über den Versuch mit der Er- möglichung der Strafbefreiung in besonders leichten Fällen anzuwenden sind. Die grundsätzlichen Aenderungen deS Jugendstrasrechts sind nicht nur durch die Hinausrück» ung der Strasunmündigkeit auf das vollendete 14. Lebensjahr und die Ausgabe deS EinsichtSerforderniffes verwirklicht; sie stellen auch da» Gericht in der Beurteilung freier und betonen auch den Erziehungsstandpunkt stärker.
Hur Zu- und Ausland.
Berlin, 28. Dezember 1909.
6 e. Majestät d er Kaiser ist gestern abend vom Neuen Palais hier eingetroffen. Der Kaiser besuchte die Vorstellung im Königlichen Echauspielhause, begleitet vom Prinzen und der Prinzessin August Wilhelm, dem Prinzen OSkar und der Prinzessin Viktoria Luise. Gegeben wurde SudermannS Strandkinder. Der Kaiser verblieb die Nacht in Berlin.
Dem Staatssekretär deS Auswärtigen AmteS, Freiherrn von Echoen, ist laut einer Meldung deS „Reich-anzeigerS" vom Kaiser der Rote Adler-Orden 1. Klasse mit Eichenlaub verliehen worden. Diese dem Leiter der auswärtigen Angelegenheiten des Reiches zuteil gewordene Ordens» auSzcichnung erscheint gerade im gegenwärtigen Moment sehr bemerkenswert, angesichts des Umstandes, daß an der Haltung Herrn von Echoen- in der ManneSmann-Angelegenheit seitens eine» großen Teiles der deutschen Presse eine so herbe Kritik auSgeübt worden ist.
Die ReichSeinnahmen der MonatS November waren wieder recht günstig. Die Mehreinnahmen gegenüber dem November 1908 betrugen rund 40 Mill. Mk. Der größte Teil deS Zuwachses entfällt auf die Erträge auS den neuen Steuern und diese Tatsache eröffnet die erfreuliche Aussicht, daß der Ertrag der neuen Steuern nicht nur ein buchmäßiger, sondern ein realer sein wird. 40 x 12 ist 480. Das ist also von den veranschlagten 500 Millionen der Reichsfinanzreform nicht mehr weit entfernt, und wenn auch nicht dir vollen 40 Millionen aus das Konto der neuen Steuern zu setzen find, so ist daS Ergebnis für die Uebergangs» zeit doch in jedem Falle recht gut.
Der neugegründete Hansabund hat nunmehr den ihm nötigen geschäftlichen Leiter in der Person deS bisherigen Oberbürgermeisters von Bromberg, Alsred Knobloch gesunden; der Vertrag zwischen ihm und dem Hansabunde ist am 25. Dez. in Berlin perfekt geworden. Wie erinnerlich, hatte seinerzeit der Oberbürgermeister von Potsdam, Voßberg, in letzter Etunde die auf ihn gefallene Berufung zum Geschäftsführer deS Hansa- bundeS abgelehnt. — Die Korrespondenz des HansabundeS bestätigt, daß der Bromberger Oberbürgermeister Knobloch vom Direktorium des HansabundeS zum Direktor (ersten Geschäfts- führn) gewählt worden ist und daß er die Wahl angenommen hat. Weiter wird über Knobloch gesagt, er habe es in Bromberg verstanden, sich daS ungeteilte SB er trauen aller politischen
ist und auch zu ihrn Genesung führen könnte, wenn sie mit der Darbietung deS Kindchens freudig überrascht wird."
„Da bliebe wohl kein anderer Ausweg, Herr Kommerzien- rat, als daß Sie zur Ausführung ihres Vorhaben- zwei be- sonders vertrauenswürdige Personen zu Rate ziehen", meinte der Justizrat. „ES muß doch auch nicht gerade ein Kind auS dem Waisenhause sein, eS gibt doch auch sonst noch arme ver- lassene Waisenkinder ehrbarer Eltern."
„DaS ist sicher der Fall", erwiderte der Kommerzienrat, „aber woher soll ich gleich erfahren, wo sich ein arme- ver- lassene» Waisenkind befindet? Soll ich ein solche» durch Zeitung-inserat suchen? Dann kommen viele Angebote und Bittgesuche, und ich stehe wieder vor der mir so peinlichen Wahl, von vielen Kindern eins wählen zu sollen. Das widerstrebt mir aber, daS kann ich nicht I"
„Da kommt mir ein Gedanke, Herr Kommerzienrat", bemerkte der Justizrat. „Wenden Sie sich doch an solche Per- sonen, die in ihrem Berufe so oft mit dem Familienunglück und Elend in Berührung kommen, ich meine die Herren Pfarrer und die leitenden Aerzte unserer Krankenhäuser sowie auch die Bezirk-vorsteher der städtischen Armenpflege, vielleicht könnte Ihnen aber auch der Kreisarzt ein Waisenkind zur Adoption empfehlen."
„Da- ist ein guter Gedanke, Herr Justizrat, für dm ich Ihnen dankbar bin", entgegnete der Kommerzienrat, „denn zwischen den Pfarrern und dm unglücklichen Armen und Waffen der Gemeinde bestehen die von der christlichen Nächstenliebe gebotenen Beziehungen, nnd ich kann da manche- erfahren, war für die Adoption eine» KindeS wichtig und entscheidend ist. An Aerzte und Armenpfleger kann man sich in dieser Angelegenheit natürlich auch wenden und jedenfalls würde ich das für die Adoption in Frage kommmde Kind erst von einem tüchtigen Arzt oder noch bester von zwei ange- fehenm Aerzten auf feinen Gesundheitszustand untersuchen lassen. Jetzt werde ich mich aber in dieser Angelegenheit einmal zu dem Herrn Pfarrer Helmstadt begeben, der mir und meinem Hause nahe steht, und werde ihm meine Sache vortragen."
Richtungen der dortigen Bürgerschaft zu erwerben. Im preußischen Herrenhaut gehörte er von Anfang an der sogenannten neuen Fraktion an. Wie daS „B. T." wissen will, steht der Direktor des HansabundeS politisch auf sreikonservativem Standpunkte, wirtschaftlich dagegen dürfte er sich den Anschauungen der Freisinnigen nähern. Herr Knobloch soll, wie eS heißt, ein jährliche» Gehalt von 50 000 Mark erhalten.
Um die Ansiedlung deutscher Frauen in den deutschen Kolonien zu fördern, hat sich die ReichS- regierung zu Maßregeln entschlossen, die eS den Kolonisten erleichtern sollen, Familien zu gründen. DaS RcichSkolonial- amt will, so verlautet, von jetzt ab Kolonisten, Militärpersonen und Zivilangestellten Beihilfen in barem Gelde für die AuS- reife und für die Heimreise von Angehörigen gewähren; unter Heimreisen werden auch UrlaubSreisen verstanden. Die Bei- hilsen werden sich auf die Uebersiedelung der Ehefrauen und Kindern sowohl wie von weiblichen, den Haushalt führenden Verwandten erstrecken. Bedingung für die Gewährung dieser Beihilfe ist aber, daß die Personen, die sie in Anspruch nehmen, sich einer ärztlichen Untersuchung zur Feststellung, ob sie den Einflüssen deS TropenklimaS gewachsen sind, unterziehen.
DaS „Journal offiziell" stellt einen immer stärkeren Rückgang der Heiraten und der Geburten in Frankreich fest. Während der ersten sechs Monate beS Jahres 1909 fanben 6201 Heiraten weniger statt als während der gleichen Zeitdauer im Vorjahre, aber 543 Scheidungen mehr. Noch schlimmer ist eS jedoch, daß während dieses Halbjahres die Zahl der Geburten von 411 402 auf 398 710 herabgesunken ist, also 12 692 französische Bürger und Bürgerinnen weniger geboren wurden. Die Zahl der Sterbe- sülle dagegen hat um 25 019 zugenommen. AuS diesen Zahlen ergibt sich auch, daß sich die Bevölkerung Frankreich« vom 1. Januar bis zum 20. Juni 1909 im ganzen um 28 203 Köpfe vermindert hat.
Endlich haben die langwierigen Verhandlungen zwischen Frankreich und Marokko über die Anleihe zu einem befriedigenden Ergebnis geführt. Der Vertreter deS Sultans in Paris hat nach Ueberwindung einiger furchtsamen Regungen jeden Widerstand gegen die französischen Bedingungen aufge» geben und seinen Namen unter einen provisorischen Vertrag gesetzt. Der Hauptgegenstand der MinisterratSsitzung bildete der Bericht deS Ministers Pichon über seine entscheidende Unterredung mit dem marokkanischen Gesandten El Mokri bezüglich der Bedingungen für den Abschluß deS Anlehen- von 80 Millionen Franken. Pichon teilte mit, daß El Mokri während der Unterredung nicht zu bewegen war, schriftlich festzulegen, waS er wenige Minuten zuvor mündlich zugesagt hatte, und daß eS darum zu einem ernsten Konflikt kam, welcher die ganze Transaktion beinahe zum Scheitern gebracht hätte. Endlich bezwäng El Mokri seine Furcht vor dem Sultan und dem Wachsen und unterfertigte das ihm vorgelegte Schriftstück, wonach außer den bisherigen 60 Prozent der Zolleinnahmen, die zur Tilgung früherer Schulden an Frankreich dienen, ein sehr erheblicher Teil der verbleibenden Einnahmen zur Verzinsung de» neuen Anlehen- Verwendung finden sollen. Auch den von Frankreich vorgeschlagenen ModuS der Besriedigung der andern europäischen Gläubiger au» dem zu bewilligenden Anlehen hat El Mokri nach einigem Widerstreben angenommen.
In Pekingist ein M o r d an j ch l a g auf den Prinzregenten von China verübt worden. AlS der Prinz- regent Tfchun vor dem Palast seinen Wagen verließ, führte ein Revolutionär au» Südchina einen Dolchstoß gegen den Prinzen, durch den dieser am Unterleibe leicht verletzt wurde. Der Verletzte befindet sich den Verhältnissen nach wohl. Der Täter wurde verhaftet. Die Stadt Peking ist vollkommen ruhig. Das Attentat erklärt sich wohl auS dem Haß, der vielfach noch bei den Chinesen gegen die Mandschu-Dynastie besteht. In Eüdchina gibt eS ferner immer noch Reste der Boxerbewegung, deren treibende Kraft der Fremdenhaß war. Die vielen Neuerungen, die Prinz Tschun während seiner Regentschaft schon eingesührt hat, Neuerungen, tie ihn alS entschiedenen Reformfreund zeigten, mögen wohl mit den Grund des AttentatS gebildet haben.
Aus Provinz u Nackbargebiel.
* In der Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht der bekannte Medizinalstatistiker SanitätSrat Dr. Friedrich Prinzing in Ulm eine interessante Uebersicht über die statistischen Verhältnisse der Aerzte Deutschlands im Jahre 1909. Die Zahl der Aerzte betrug 31969, somit auf 10 000 Einwohner rund 5 Aerzte. Daß in Deutschland bald eine beträchtliche Steigerung der Aerztezahl zu erwarten ist, wurde
Der Kommerzienrat Sello verabschiedete sich einige Augenblicke später von dem Justizrate und ließ sich dann nach dem Pfarrhause der Peter-kirche fahren und dort bei dem Herrn Psarrer Helmstedt anmelden. Dieser war auch zu Hause und empfing wenige Minuten später in seiner Amtsstube den Kom» merzienrat.
Mit beredten Worten trug Sello dem ehrwürdigen Psarrer, der die Verhältnisse in der Familie deS Kommerzienrat» bereits kannte, fein Anliegen vor, und al» er geendet, sagte der Psarrer leuchtenden Auge»:
„Sie kommen wie von Engeln gesandt, Herr Kommerzienrat. Ich war heute früh am Sterbelager einer jungen Frau, die sich vor wenigen Wochen noch einer blühenden Gesundheit und eine» vollen reinen Glück» erfreute und nun ein liebes, herziges Kind im Alter von fünf Monaten als Vater- uub mutterlose Waise zurücklassen wird, denn länger al- einen Tag wird sie nach dem AuSspruche de» Arztes kaum noch leben und die Sorge um ihr Kindchen umbüftert noch dir letzten Stunden der glaubensstarken Frau. Ein surchtbare- Unglück hat die arme Frau zur Witwe gemacht und dann selbst auf daS Krankenlager geworfen. Ihr Mann war Lokomotivführer, ein tüchtiger pflichttreuer Beamter, der vor drei Wochen durch ein Eisenbahnunglück fein Leben verlor. Die junge Frau hat eS damals gar nicht für möglich halten können, daß ihr Mann tot sei. Sie ist, ungenügend bekleidet, in Schnee und Eis hinaus auf die Unglück-stelle geeilt, und hat sich in unbeschreiblichem Schmerze auf den leblosen zermalmten Körper ihre» so jäh verunglückten Manne» geworfen. Eine surcht- bare Erkältung hat sie dann von diesem Lausen und Hasten, Sorgen und Beben nach der Unglück-stelle davongetragen und au» der Erkältung hat sich seit zwei Tagen eine tätliche Lungenentzündung entwickelt. Wir würde sich die arme Frau freuen, wenn ich ihr am Sterbebett die Botschaft bringen könnte, daß ein edler Mann ihr Kind al» da» Seinige annehmen Willi"
„Sie sprechen mit au» dem Herzen, Herr Pfarrer", er- widerte der Kommerzienrat, „dieser rührende doppelte Unglück», soll macht mir die arme Waise schon lieb und wert, ehe ich sie gesehen habe. Ich brauche jetzt auch nicht erst noch das
in den letzten Jahren oft genug erwähnt. Auch in diesem Jahre hat die Zahl der Medizinstudierenden wieder zugenom- men. Sie stieg von 6032 im Sommerhalbjahr 1905 auf 9239 im Sommerhalbjahr 1909. Au» einer Tabelle über die Zahl der Aerzte in den einzelnen Landesteilen geht hervor, daß der Osten und Westen Preußens und Süddeutschlands sich verschieden verhalten. Im östlichen Preußen sieht man überall eine kleine Abnahme der Aerztezahl, ausgenommen die Provinz Brandenburg, der die großen Berliner Vororte eine Ausnahmestellung verschaffen. Im östlichen Preußen mit Groß- Berlin kommen auf 10000 Einwohner 4,93 Aerzte, im öst- lichen Preußen ohne Groß-Berlin 3,47 Aerzte, im westlichen Preußen 4,80 Aerzte und in Süddeutschland 5,26 Aerzte. Der Zug nach dem Westen, eine bekannte Erscheinung in Norddeutschland, zeigt sich demnach auch bei den Aerzten. Die Zunahme an Aerzten fällt fast allein auf die Großstädte, wenn diese ihre Anziehungskraft auch etwas verloren zu haben scheinen. Von den vier Großstädten, die in den letzten Jahren eine regelmäßige Zunahme zeigten (Groß-Berlin, Wiesbaden, Dresden und Essen) haben nur zwei (Groß-Berlin und Essen) eine weitere Zunahme. Beträchtlich ist sie in diesem Jahr in München und Köln, in letzter Stadt infolge des Hereinziehens fremder Aerzte durch die Krankenkassen. Hier kamen auf 10 000 Einwohner 10,6 Aerzte, in München gar 16,2. Die Zahl der Aerztinnen in Deutschland ist von 55 im Vorjahre aus 69 gestiegen. Sie kommen fast alle auf die Großstädte, in Berlin waren eS 21 (im Vorjahre 17), in München 6, in Frankfurt a. M. 5, in Dresden und Hamburg je 4. Der Zudrang zu den Specialfächern hat seinen Höhepunkt anscheinend überschritten. Im Interesse des ärztlichen Standes wäre eS zu wünschen, daß dies durch die nächsten Jahre bestätigt würde. Bei den Bundesregierungen steht die Spezialarztsrage noch zur Beratung. Soweit sich die Sache bis jetzt übersehen läßt, seien gesetzgeberische Maßnahmen, besonders die Einführung eines Spezialarztexamens, nicht zu erwarten. Die Aerzte- Organisationen wären heute stark genug, die Regelung der Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen; es sei nur nötig, daß allgemeine Normen aufgestellt werden, und daß die Organisationen die Einhaltung dieser Normen überwachen.
* (Rückvergütung für unbenutzte Fahrkarten.) Bisher kam eS häufig vor, daß gelöste Eisen- bahnsahrkarten nicht benutzt wurden, und daß das Geld für den Erwerber verloren ging. Die Rückgabe und WiederauS- zahlung machte erhebliche Schwierigkeiten, da die Beamten bereits durchlochte Karten nicht zurücknehmen durften. Nunmehr hat nach Beschluß der ständigen Tariskommission die Ausführungsbestimmung zu § 20 der Eisenbahnverkehrsordnung die Fassung erhalten, daß Fahrkarten, die noch nicht durch- locht sind, oder nur zum Betreten deS Bahnsteigs benutzt wurden, auch in Fällen eine» Irrtums, einer Erkrankung oder auS sonstigen Billigkeittgründen vor oder nach unmittelbarem Abgang deS betreffenden Zuges an der Ausgabestelle zurückgenommen werden können.
Hersfeld, 29. Dezember. (Neues für b en 8il- v e st e r a b e n d.) Wo junges Volk im Hause ist, dürste wohl kein Silvesterabend ohne daS beliebte Bleigießen vorübergehen, denn anS den seltsamen Gebilden des erstarrten Bleies sucht man die Ereignisse des kommenden JahreS zu erforschen. Diese Art, daS Schicksal zu befragen, ist uralt und wurde, wie uns Viktor von Sd effel in seinem Ekkehard so anmutig erzählt, selbst von der stolzen Herrin deS Hohentwiel nicht verschmäht. Man verwendet heute zum Bleigießen besonders geläutertes, silberweißes Blei, da» in Form von Markstücken gegossen ist und unter dem Namen Glücksblei verlaust wird. Vielfach tritt es aber auch in Form von Glücksnüssen auf, die in ihrem Innern kleine Zettel mit Prophezeiungen und irgend ein symbolische- Gebilde, wie Storch, Schlüssel, Pantoffel usw. bergen, die trotz ihrer geringen Bedeutung gewöhnlich doch doppelten Spaß bereiten. Um nun diese neue Art beS Blei- verteilenS zu benutzen, sie aber etwas eigenartiger zu gestalten, kann man sogenannte Glücksnüsse selbst ansertigen. Man nimmt recht große Walnüsse, halbiert sie vorsichtig, so daß die Schalen ganz bleiben, höhlt sie auS, bronziert sie mit Silber- oder Goldbronze und läßt sie gut trocknen. Indessen überspannt man runde» Glücksblei kreuzweise mit bundseidenem Babyband, so daß immer je ein Stück an die Enden eines 5 bis 6 cm langen Bündchens zu hängen kommt. Nun legt man das Bändchen quer über eine Nußhälstr, drückt es etwas in die Höhlung ein, so daß die Glückstaler an beiden Seiten der Nuß gleichmäßig lang herabhängen, und legt nun noch irgend einen netten, kleinen Anhänger, wie man sie an der Uhrkette trägt, in die Höhlung der Nuß, ehe man die andere Hälfte mittels Leims fest ausklebt. Derartige Anhänger erhält man in Bijouteriegeschäften in allen nur erdenkbaren
Gutachten eines ArzteS über die Gesundheit deS Kindes, die Liebe und Barmherzigkeit kennen in ihrer Ausübung keine Bedenken und Schranken. Ich vertraue Ihnen auch ganz, Herr Psarrer, und da sie mir gesagt haben, daß Sie noch vor wenigen Wochen die Eltern deS KindeS als blühend gesund gekannt haben, so genügt mit die» vollkommen für die Adoption des KindeS. Wenn eS Ihre Zeit erlaubt, Herr Psarrer, so wollen wir unS auch gleich jetzt in die Wohnung der beklagenswerten Mutter begeben; mein Wagen wartet draußen, und ihr die srohe Botschaft bringen, daß ich ihr Kindchen nach ihrem Tode adoptieren werde."
„Ich stehe für diese edle Tat gern zu Ihrer Versügung", sagte der Psarrer und einige Minuten später juhren die beiden Herren nach der totkranken LokomotivsührerSwitwe, Namen- Elise Wallner. (Schluß folgt.)
— Rathenow, 27. Dezember. Der bei seinem Onkel in Niebede im Kreise Westhavelland zu Besuch weilende 19 Jahre alte Schlosser Herrmann Geserich aus Berlin ist, als er mit seiner Cousine von Tremmen nach Niebede ging, auf bet Chaussee von dem Knecht Joses Kniewe aus Gohlitz Überfällen und erstochen worden. Der ebenfalls 19jährige Täter, der den Uebersall au» Eifersucht begangen haben soll, wurde verhaftet und nach Nauen transportiert.
— N e w y o t k, 27. Dezember. Im Osten der Ver- einigten Staaten hat zwei Tage lang ein Schneesturm gewütet, wie er so hestig seit zwanzig Jahren dort nicht aufgetreten ist. In Chelsca (Massachusetts) sind durch eine Sturmflut drei Personen getötet, 1500 sind obdachlos geworden. Die größte Schneehöhe, die aus Philadelphia gemeldet wird, betrug 22 Zoll. In Newyork sind nach den bisherigen Feststellungen 15 Menschen dem Sturm zum Opfer gefallen. Der Gesamt- Verlust an Menschenleben ist noch nicht zu übersehen. Eisenbahn-, Telephon- und Telegraphenverkehr ist gestört.
— PariS, 27. Dezember. Im Museum der hiesigen Bergbauschule sind in der vergangenen Nacht auS einem großen Schränk ein überaus seltener Platinerzklumpen und diamanthaUige» Gestein im Wette von 25 000 Fr. gestohlen.