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Hersfelder Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage" Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 149. Sonnabend, den 18. Dezember 1909.
Zweites Blatt.
Der Sonntagsjäger.
Roman von Fritz Skowronnek.
(Fortsetzung.)
Es war doch ein eigenartiges Gefühl, als Burmeister gegen Abend einen Spaziergang über das Feld machte und in ihm das Bewußtsein aufstieg, daß er aus eig- nem Grund und Boden stehe.
Die geheimnisvolle Macht, die der eignen Scholle entsteigt und jeden, dem dieses Glück beschieden ist, mit der urwüchsigen Kraft der Mutter Erde erfüllt, regte sich auch in seinem Herzen. Jetzt verstand er die Herrennatur der Männer, unter denen er bisher gelebt, ihr zähes Festhalten an der nährenden Scholle.
Ein Heer von Handwerkern rückte schon in den nächsten Tagen auf dem Gut ein. Unter ihren Händen verwandelten sich die vom Alter gedunkelten Räume in helle Zimmer, die ein seiner Geschmack, von den reichlichsten Mitteln unterstützt, bis in die kleinsten Einzelheiten ausschmückte. Für den Tag der Einweihung hatte der Assessor Einladungen zu einem großen Kesseltreiben ergehen lassen. Die Wildbahn des umfangreichen Besitzes war wohl gepflegt, der Verwalter hatte nur das Notwendigste abgeschossen. Nach seiner Schätzung mußten allein die Feldtreiben mehrere hundert Hasen liefern. Burmeister lächelte bei dieser Kunde.
Unwillkürlich dachte er daran, daß man ihm den Spottnamen „Sonntagsjäger" gegeben. Und hätten nicht einige der Gäste eine Spitze darin finden können, dann würde er am liebsten die Einladungen mit diesem Wort unterzeichnet haben.
Mit seinem Freund Adam hatte er das Programm der Jagd bis in alle Einzelheiten durchgesprochen. Es sollte alles wie am Schnürchen gehen. Die laufende Partei wollte er selbst führen, die fahrende Freund Adam. Und die gute Frau Förster hatte sich erboten, die Zurüstungen zu dem Schüsseltreiben zu leiten.
Einige Tage vor der Jagd kamen Burmeisters Eltern an. Die Mutter war eine mittelgroße, etwas behäbige Dame, die in ihrer Jugend sehr schön gewesen sein mußte. Noch jetzt, in der Mitte der Fünfziger, lag der Abglanz der Jugend auf dem feinen, durchgeistigten Gesicht. Der Vater, der den Sohn an Größe noch ein wenig überragte, war ein ernster, würdevoller Herr, dessen starke Züge ebenso ruhiges Selbstbewußtsein wie wohlwollende Freundlichkeit bekundeten.
Stolz schritt der alte Herr an der Seite seines Sohnes durch den Park des Gutes, hinaus auf das Feld. Auch für ihn war dieser Moment von tiefer Bedeutung.
Das war der Boden, auf dem sein altes Geschlecht in einer zweiten Linie erblühen sollte, in anderer Weise als bisher, vor neue Ausgaben gestellt.
Am andern Tagen führte der Assessor seine Eltern zum Besuch nach Signoten in das Braunsche Haus. Er hatte geschwankt, ob er mit ihnen nicht zuerst nach Trempen fahren sollte; denn das Verlangen, den Eltern die Erwählte seines Herzens zu zemen, war sehr groß. Da er aber selbst den ersten Besuch in dem Braunschen Hause gemacht und dort gastliche Aufnahme gefunden hatte, mußte er auch seine Eltern zuerst dort einführen.
Der Besuch war angemeldet. Sie wurden also feierlich empfangen. Mit einiger Spannung beobachtete Paul, wie die beiden alten Herren einander gegenüber- traten: der Freiherr, schlanker, in seiner Figur noch immer an den schneidigen Reiteroffizier erinnernd; der Vater, ohne große Körperfülle, massiger, schwerer. Schon der erste Blick, mit dem sich die alten Herren die Hände reichten, zeigte, daß ein jeder an der Eigenart des andern Gefallen fand.
Er bemerkte wohl, mit welchem Interesse feine Mutter die Tochter des Hauses musterte. Die alte Dame wußte ja, daß diese unter anderen Umständen ihre Schwiegertochter hätte werden können. Um so mehr war sie aus das Mädel gespannt, das nach der Schilderung des Sohnes das Gegenteil dieser strahlenden Erscheinung war und ihn doch in seine Bande geschlagen hatte.
Ihre Neugier sollte bald befriedigt werden. Ganz ahnungslos kam Dora in ihrem Einspänner vor das Haus gefahren. Als sie von dem alten Jean erfuhr, welch ein Besuch da sei, wollte sie schnell umkehren.
Es war schon zu spät. Erich hatte an dem Rasseln des Wagens erkannt, wer da vorfuhr und war sofort
bei der Hand. Auch Lotte kam gleich darauf hinzu. In tiefer Befangenheit folgte Dora der Freundin, die sie mit sich fortzog.
Sie ahnte gar nicht, was dieser Moment für sie bedeutete.
Dora war in den letzten Wochen eine ganz andere geworden, so versonnen, verträumt, oft auch „schmerzlich angehaucht", wie ihr Vater meinte, der sich das veränderte Benehmen seines fröhlichen Kindes gar nicht zu erklären wußte. Er hatte ihr auch von dem Gerücht erzählt, das den Assesfor mit Lotte in Verbindung brächte.
Welchen Schmerz er dadurch seiner Tochter bereitete, ahnte der alte Herr gar nicht.
Sie hatte natürlich auch davon gehört, daß der Assessor eines Tages in Signoten vorgefahren war und mit dem Hausherrn eine lange Unterredung gehabt hatte. Da lag doch die Vermutung nahe, daß etwas im Gange war. Jetzt führte der Asfessor seinen Eltern die zukünftige Braut vor. Also mußte Lotte ihm die Kränkung und Beleidigung verziehen haben.
Das war ja, wie ihr jetzt mit erschreckender Deutlichkeit einfiel, schon beim Dachsgraben zu merken gewesen. In der freudigen Erregung ihres Herzens war es ihr damals nicht sonderlich aufgefallen.
Sie blieb stehen und entzog der Freundin ihre Hand.
„Nein wirklich, Lotte, laß mich g ehen, ich will nicht stören ... bei diesem Familienfeste."
Statt zu antworten, faßte Lotte sie rundum und küßte sie herzhaft.
„Du Dummchen, du, jetzt hast du dich verraten. Hier wird gar kein Familienfest gefeiert. Komm nur ruhig mit."
Etwas überrascht sahen Pauls Eltern auf die zierliche Kleine, die ihre Tochter werden sollte. Sie konnten beide ein leises Gefühl der Enttäuschung nicht ganz unterdrücken. Auch von der entzückenden Schelmerei, die zuerst ihren Sohn gefangen genommen hatte, war bei dem Mädchen, das so entsetzlich schüchtern tat, gar nichts zu merken.
Daß die Kleine befangen war, konnte kaum zur Erklärung dienen.
Dem Asfesfor mißfiel ihr schüchternes Benehmen durchaus nicht. Im Gegenteil! Er hatte ja Bedenken gehabt, wie ihr ursprüngliches Naturell auf die Eltern, in deren Kreisen ein gemessenes Benehmen so ziemlich als unerläßlich galt, wirken würde.
Bei dem Besuche, den Paul mit seinen Eltern am andern Tage in Trempen abstattete, gefiel Dora ihnen schon besser. Ihr frisches Wesen, ihre wirtschaftliche Geschäftigkeit, mit der sie der Mutter jede Sorge um die Bewirtung der Gäste abnahm, blieb von der alten Dame nicht unbemerkt. Dora hätte sich wahrscheinlich noch natürlicher gegeben, wenn Lotte ihr nicht gestern beim Abschied zugeflüstert hätte:
„Sei nur recht lieb zu den Alten, Kleinchen, womöglich kommen sie zu euch auf die Brautschau."
Mit einem Anfluge von Schelmerei fügte sie hinzu: „Bei uns ist nichts daraus geworden."
Als Erwiderung hatte Dora der Freundin nur mit der geballten Faust drohen können; aber die Neckerei hatte die Hoffnung wieder in ihr angefacht und die machte sie besangen. Ganz zum Schluß kam der Schelm doch etwas in ihr zum Durchbruch, als Erich erschien und ihr mit feierlicher Grandezza die Hand reichte.
XVII.
Die Nachricht, daß Herr von Riesa von der Kandidatur zurückgetteten sei, war wie ein Lauffeuer durch den Kreis geflogen und hatte viele Zungen in Bewegung gesetzt. Die Gegner Burmeisters, denen ihr bisheriger Kandidat als Grund seines Rücktritts mitgeteilt, daß er durch eine Hypothek in den Stand gesetzt sei, sein Gut zu halten, waren wütend, denn sie hatten nun niemand dem Assessor entgegenzustellen. Der Besuch des alten Herrn auf dem Landratsamt und sein freundschaftlicher Verkehr mit Burmeister waren natürlich nicht verborgen geblieben.
Da lag die Vermutung auf der Hand, daß der Assessor selbst sich durch seinen Reichtum freie Bahn geschaffen hatte. Es wurde ganz offen ausgesprochen, daß er die Hypothek geopfert hatte; denn ein vorsichtiger Geschäftsmann würde doch auf ein verschuldetes Gut nicht solch eine große Summe zur letzten Stelle geben.
Der Ankauf von Jsnoten, der ziemlich zur gleichen Zeit bekannt wurde, fand in diesen Kreisen eine ähnliche Beurteilung. Nun hatten sie den Mann durchschaut ! Das war ein Streber und das Gut das Sprungbrett, um sich in ein Mandat für die Volksvertretung zu schwingen.
Dann kamen die Einladungen zur Jagd und erregten geradezu einen Sturm. Der ganze Jagdschutzverein, dem fast alle größeren Gutsbesitzer des Kreises angehörten, waren geladen. Das sollte wahrscheinlich das Siegesfest sein!
Da gab es einige Hitzköpfe, die am Biertisch in der Stadt laut aussprachen, sie dächten nicht daran, sich an den Siegeswagen des Krämersohnes aus Hamburg spannen zu lassen. Der junge Mann glaube wohl, mit seinem Geld alles zwingen zu können. Aber eins werde er nicht loswerden: den Sonntagsjäger.
Das waren aber auch die einzigen, die wirklich ab- sagten.
Die große Mehrzahl der Kreiseingesessenen freute sich über die Entwicklung der Dinge. Sie hatten alle Ursache, mit dem energischen Wirken des zukünftigen Landrats, der sich durch sein ruhiges, bestimmtes Wesen die allgemeine Achtung erworben hatte, zufrieden zu sein. Namentlich in der Stadt war die Freude allgemein. Da war mancher, der in Sorgen zum Landratsamt gegangen und emporgerichtet zurückgekehrt war.
Der enge Freundschaftskreis war natürlich sehr befriedigt. In dem neuen Besitzer von Jsnoten sahen sie den Mann, der durch den großen Grundbesitz ebenbürtig in ihre Reihen trat und sich durch seine Erfahrungen auf eignem Grund und Boden gum Vertreter ihrer Interessen entwickeln mußte.
Am Tage vor der Jagd war die Familie Dernburg nach Jsnoten eingeladen. Der Assessor hatte geschwankt, ob er die Entscheidung nicht noch einen Tag hinausschieben sollte. Er mußte sich aber sagen, daß die großartige Veranstaltung mit ihrem Trubel seinem Vorhaben nicht günstig war. Deshalb war er kurz entschlossen, am Vormittag nach Trempen hinübergeritten, um sich die Einwilligung der Eltern zu holen.
Dora hatte er nicht zu Hause angetroffen; sie war bei den Abgebrannten in Mostolten, die schon in den neuen Häusern wohnten.
Jetzt erst zeigte es sich, daß es noch an allen Ecken und Kanten fehlte. Aber nun konnte sie auch nach ihrem Ermessen durchgreisen. Die Gaben waren sehr reichlich geflossen, und der Umstandskommissarius im Landratsamt, Herr Klotzkowski mit der explodierten Nase, hatte sich aus gütliches Zureden seines hohen Vorgesetzten ein schnelleres Tempo für die Verteilung angewöhnt.
Vater Dietrich war, wie man zu sagen pflegt, aus den Wolken gefallen, als Paul sich mit herzlichen Worten, die ihm sein volles Herz eingab, als Bewerber an Doras Hand entpuppte.
Ohne dem Assessor Antwort zu geben, sprang er aus und öffnete die Tür zur Wohnstube, wo seine Frau saß.
„Frauchen, Jdachen, komm mal schnell herein! Eine Ueberraschung ... ein Glück . . . denk dir, der Assessor will unser Kind haben! Was meinst du? Ich meine, wir können glücklich sein."
Jetzt erst besann er sich, daß der feierliche Moment doch vielleicht eine würdevollere Haltung erforderte.
Er begann: „Herr „Asfessor, wir wissen die große Ehre durchaus zu schätzen" . . .
Mitten in der Redensart übermannte ihn die Rührung. Er breitete die Arme aus.
„Ach was, kommen Sie an mein Herz, Sie lieber Kerl Sie . . . mein Sohn!"
Er schloß den zukünfttgen Tochtermann in seine Arme. Eine wehmütige Anwandlung kam über ihn.
„Mutter es wird leer werden in unserm Hause! Mein Sohn, Sie wollen uns unser Kleinod wegnehmen. Wir geben es Ihnen gern. Sie werden es in Ehren halten. Mit Dora sind Sie doch einig?
Ich habe ihr noch keine Andeutung gemacht."
„Na, ist das nicht ein bißchen unvorsichtig? Frauchen, was meinst du? Der Erich" . . .
Paul schmunzelte vergnügt. „Keine Angst, Herr Vater, der ist ausgeschaltet. Er hat sich erst vor kurzen, einen Korb von Dora geholt."
„Nun seht mal einen den Racker an! Kein Won hat sie davon gesagt! Na, wenn Sie Ihrer Sache sicher sind, dann können wir ja schon eine kleine Vor seiet Veranstalter,."
(Fortsetzung folgt.)
— Im Hause Gothaerstraßc 27 in Leipzig wurde gestern vormittag ein Liebespaar vergiftet ausgefunden. Es handelt sich um die 18jährige Arbeiterin Hedwig Starke und den 22jährigen Kutscher Friedrich Otto Aurich. Während das Mädchen bereits tot war, wurde der Mann nach dem Krankenhause übergesührt, wo er schwer krank da» niederliegt.
— Berlin, 13. Dezember. In einem Partieivarengc- schäst in der Kaiser Wilhelmstraße stahlen in der vergangenen Nacht Einbrecher Waren im Werte von 30 000 Matt.