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Herchl-er Kreisblatt
Gratisbeilagen: „Illustriertes Sonntagsblatt" und „Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage"
Fernsprech-Knschlutz Nr. 8
Nr. 110.
Sonnabend, den 18. September
1909.
Amtlicher teil.
Hersseld, den 13. September 1909.
Die Herren Bürgermeister und Gutsvorsteher derjenigen Landgemeinden bezw. Gutsbezirke, welche das Ausschreiben vom 9. August d. Js., A. 5234 — Kreisblatt Nr. 94 — betreffend Bezeichnung eines Wahlmannes zur Neuwahl eines Vertreters und eines Ersatzmannes dieses Vertreters zur Genossenschaftsversammlung der Hessen-Nassauischen landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft bis heute noch nicht erledigt haben, ersuche ich dies bestimmt bis einschließlich zum 28. d. Mts. nachzuholcn.
Die nach diesem Tage eingehenden Berichte bleiben unberücksichtigt.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
I. A. 5912. von Grunelius.
Bekanntmachung.
Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß Wartegelder, Pensionen, Witwen- und Waisengelder und Witwen- und Waisenrenten, sowie Witwenpensionen und im voraus zahlbare Unterstützungen und Erziehungsbeihilfen innerhalb des Deutschen Reichs im Wege des PostanweisungSverkehrs ohne Monatsquittungen bezogen werden können, sofern die Zahlung an die Bezugsberechtigten selbst — nicht an einen Dritten — (Vormund, Pfleger, Bevollmächtigten) — zu erfolgen hat. Bei Waisengeldern gilt hierbei die witwengeldberechtigte Mutter als bezugsberechtigt.
Gleichzeitig wird zur Erleichterung des Zahlungsverkehrs und zur Vermeidung größerer Barbestände in eigener Verwahrung daraus aufmerksam gemacht, daß diese Bezüge auch im Reichsbankgiroverkehr durch Ueberweisung aus daS eigene oder auf ein fremdes Girokonto geleistet werden können.
Die Zusendung oder Giroüberweisung erfolgt nur aus schriftlichen Antrag des Berechtigten.
Formulare zu diesen Anträgen werden bei den zahlenden Kassen unentgeltlich verabfolgt.
Cassel, den 7. September 1907.
Königliche Regierung, gez. Schenk. * *
Hersseld, den 15. September 1909.
Wird veröffentlicht.
I. 9742. Der Königliche Landrat.
I. V.:
W e s s e l, KreiSfekretär.
Hersfeld, den 15. September 1909.
Diejenigen Herren Bürgermeister, welche meine Versügung vom 1. d. Mts., I. 9210 — Kreisblatt Nr. 105 — betreffend die Einsendung der Nachweisung über die außerhalb der Irrenanstalten lebenden Geisteskranken, noch nicht erledigt
Ein entschlossenes Mädchen.
Von Ewald van der Bosch.
„Ein Brief für Sie, Fräulein Wilson," sagte der Bries- träger. Damit überreichte er einer jungen, hübschen Dame einen Brief, die mit dem Ausdruck höchster Spannung draußen »am Gartenzaun gestanden und auf die erste Post gewartet hatte.
„Besten Dank," sagte Fräulein Ellen und stürzte nach Hause, während sie unterwegs in aller Eile das Kuvert öffnete. Sie glühte vor Freude, denn die Ausschrift war ihr nur zu
bekannt.
Der Inhalt des BriefeS lautete:
„Innig geliebte Ellen! Ich komme morgen in LeedS an und reise von dort mit dem Zug
srüh
1.30
weiter.
Dein Artur.
Ein Ausdruck innigster Freude breitete sich bei dieser Nachricht über Ellen Wilsons Antlitz aus.
„Mutter," rief sie, sobald sie die Haustür ausgerissen hatte. „Artur kommt morgen mit dem Zuge, der 1.30 Uhr von Leeds abgeht. Ich möchte ihm gern entgegensahren." —
Artur Faklam und Ellen Wilson waren über ein Jahr verlobt gewesen. Ihre Verlobung war aber kaum veröffent- licht, als Artur — er war Marineoffizier — auf eine einjährige Reise hinauskommandiert wurde.
DaS war für beide ein harter Schlag, Ellen war aber ein mutiges Mädchen und flmd sich alS echte Seemannsbraut in ihr Geschick.
Und somit reiste er. Ellen hielt sich tapfer und tröstete sich mit den Briefen, die sie von ihrem Verlobten erhielt. Und jetzt war er wieder in England. Sie würde ihn morgen Wiedersehen.
Am nächsten morgen fuhr Ellen mit dem Frühzug von Hause fort. Sie war voller Glück und Freude, daß sie den Geliebten Wiedersehen sollte, von dem sie so entsetzlich lange getrennt gewesen war. Im Coupö war sie allein.
Alle» ging ausgezeichnet, bis der Zug nicht weit von
haben, werden mit Frist von längstens 8 Tagen hiermit er- innert.
J. I. 9210. Der Königliche Landrat.
I. V.:
W e s s c l, Kreissekretär.
Hersseld, den 14. September 1909.
Ich habe den Polizei-Sergeanten B ü r k l e hier auf Grund des § 9 der Aussührungs-Anweisung zu der Polizei-Verordnung vom 19. Mai d. Js. betreffend die Einrichtung und den Betrieb von Bierdruckvorrichtungen als Sachverständigen für die polizeiliche Ueberwachung der Bierdruckvorrichtungen in den Landgemeinden des Kreises bestellt, I. I. 9329. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Aus dem historischen Boden von Leipzig, wo deutscher Heldenmut das Vaterland von dem fremden Eroberer befreite, hat in der verflossenen Woche der sozialdemokratische Parteitag stattgefunden und ist in der üblichen Weise verlaufen. „Hie Radikale, hie Revisionisten" hieß es auch diesmal, und sonst gab es die gewohnten endlosen Salbadereien. Noch immer wird in einem großen Teile der bürgerlichen Presse den innern Angelegenheiten der Sozial- demokratie und ihren Parteitagen allzu große Aufmerksamkeit und Eifer zugewendet. Zwar soll die Gesahr nicht unterschätzt werden, die eine uus den Umsturz der Staats- und Gesellschaftsordnung ausgehende Partei mit mehreren Millionen von Wählern in jedem Lande darstellcn muß, aber zu ihrer Bekämpfung wird es kaum beitragen, wenn man das ohnehin nur schon zu sehr entwickelte Selbstbewußtsein der Sozial- demokratie noch dadurch steigert, daß man den Vorgängen innerhalb ihrer Partei durch gar zu eingehende Befassung mit ihnen eine Wichtigkeit beimißt, als ob davon das Wohl und Wehe des Deutschen Reiches abhinge. Wenn unsere bürgerliche Presse sich um den häuslichen Streit der Sozial- demokratie nicht kümmert und die „Genossen" in ihrem eigenen Fette schmoren läßt, so wird diesen ein schwerer Nachteil zugefügt. In unserer Zeit ist nichts so geeignet, einer Bewegung das allgemeine Interesse zu entziehen und diese zur Verkümmerung zu bringen, als wenn sich die Zeitungen möglichst wenig mit ihr beschäftigen und sich daraus beschränken, nur das Notwendigste über sie zu bringen. Daß dem Deutschen Reiche und Volke aus einer solchen Enthalt- samkeit der deutschen Presse der Sozialdemokratie gegenüber irgendwelcher Schaden erwachsen könne, steht in keiner Weise zu befürchten, und ganz verfehlt ist es, aus den inneren Streitigkeiten der Sozialdemokratie irgendwelche ernsteren
LeedS einen Tunnel passieren mußte. Dieser Tunnel war der einzige aus der ganzen Linie, und da er nur einen Kilometer lang war, wurden tagS in den Zügen nur selten die Lampen angezündet.
Alk der Zug nach Ellens Berechnung ungefähr in der Mitte des Tunnels war, ertönte plötzlich ein donnerähnlicheS Krachen, dem eine fürchterliche Erschütterung folgte. Dann hielt der Zug mit einem so heftigen Ruck,' daß die Passagiere förmlich durcheinander geschleudert wurden, während ringsumher aus den Wagen surchtbare Schmerzensschreie und Hilferufe ertönten.
Ellen sprang sofort auf. Indessen hatte sie nicht den geringsten Schaden erlitten. Sie steckte den Kopf aus dem Coupeesenster, um zu sehen, was los war. In der tiefen Finsternis ließ sich aber nichts unterscheiden, dagegen drangen immer wieder neue Ruse und Klagelaute an ihr^Ohr. Schnell entschlossen öffnete sie die Coupeetür und sprang hinaus.
Die Schaffner eilten mit ihren Handlaternen hin und her, die einen schwachen Lichtschein aus die Schienen warfen. Ellen fragte einen von ihnen, waS sich zugetragen habe.
„Ein Tunnelsturz. Einige große FelSblöcke haben sich gelöst und sind gerade auf die Schienen gefallen. Sie haben die Maschine und die ersten Wagen aus dem Geleis gebracht."
Und er eilte weiter.
Ellen begab sich nach vorn, um sich den angerichteten Schaden anzusehen. Vor sich sah sie die Tunnelöffnung wie ein kleines, Helles, rundes Loch.
Plötzlich fiel ihr etwas ein, das alle die andern Schaffner sowohl wie Passagiere, in der Verwirrung über- sehen hatten, nämlich, daß der Schnellzug von Leeds nach -)ork in wenigen Minuten kommen mußte.' Er konnte jeden Augenblick die Signalstation am Ende des Tunnels auf die Seite von Leeds passieren.
Dieser Gedanke machte sie vor Schreck ganz starr. Brauste der Expreß in den finsteren Tunnel hinein, wo ihr eigener Zug hilflos stillstand, so würde ein grenzenloses
Konsequenzen zu erwarten, die dem Bürgertum und dem Staate zum Nutzen gereichen könnten.
Der fast gleichzeitige Selbstmord zweier hoffnungsvollen Jünglinge, Schüler einer höheren Lehranstalt Groß-Berlins, hat zu reichlichen, allzureichlichen Preßerörterungen Anlaß gegeben. Von Sensationsblättern werden derartige betrübende Vorgänge ja stets gewerbsmäßig und rücksichtslos ausgebeutet, aber daß ernste Blätter sich deS traurigen Stoffes bemächtigen und den Ursachen nachgehen, welche die jungen Leute zu ihrer unseligen Tat getrieben haben könnten, ist vom Uebel. Namentlich kann dadurch erheblicher Schaden angerichtet werden, daß man die Schüler- selbstmorde, wie es auch jetzt wieder geschehen ist, gewisser- maßen rechtfertigt, indem man daS „Schulsystem" oder einzelne Lehrer und deren Unterrichtsmethode oder BehandlungSweise dafür verantwortlich macht. Vor solchen Verallgemeinerungen sollte man sich hüten. Es kommt dabei nur eine Minderung der Autorität der Schule und des Respekts vor den Lehrern heraus, und den Schaden davon haben die Schüler, haben die Eltern und hat schließlich die Allgemeinheit. Was wir in derartigen Fällen, da junge Leute, halbe Kinder noch, gleichmütig das Leben von sich werfen, vor unS sehen, sind Folgeerscheinungen unseres materialistischen Zeitalters und der damit verbundenen Abkehr von der schlichten christlichen Lebensauffassung.
Die Folgen deSMasfenstreiks inEchweden machen sich jetzt schon bemerkbar. Ein großer Teil der Arbeiter kann keine Beschäftigung finden, weil es an Arbeit fehlt. Besonders im Seehandel, in der Zellulose-Industrie, Konsektion, im Buchhandel, in der Textil-, Glas- und Eisenhüttenindustrie sieht es für die Arbeiter noch traurig aus. Es fehlt an Aufträgen, und das Vertrauen aus eine baldige Besserung ist bedenklich erschüttert. Die Kasten der Arbeiterorganisationen sind nicht nur erschöpft, fonbern auch noch mit Schulden belastet, die während des Streiks ausgenommen wurden. Die Mitglieder der Arbeiterorganisationen sind in großer Zahl mit ihren Beiträgen im Rückstände, und die Unterstützungen des AuSlandeS reichten nicht aus, das bestehende Defizit zu decken. Daß unter diesen Umständen daS Vertrauen zu den Führern der Arbeiter zu schwinden beginnt, ist erklärlich; besonders von den Radikalen, Anarchisten und den unorganisierten Arbeitern werden der Leitung des StreikS heftige Vorwürfe gemacht, die daraus schließen lassen, daß eS unter den Arbeitern zu gären beginnt.
Die Lage in Griechenland hat sich neuerdings wieder mehr zugespitzt und nimmt die öffentliche Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße in Anspruch. Den Ausgangspunkt bilden die Reden, die der Kronprinz in Patras und Korfu gegen die Komitee-Osfizicre gehalten hat. Daraufhin wandte sich der „Militärbund" mit aller Entschiedenheit gegen den Kronprinzen und verlangte von der Regierung, beim König dahin vorstellig zu werden, daß der Kronprinz sich nicht mehr in die Politik einmische. Ferner stellten die Offiziere die
Unglück unvermeidlich sein. Um jeden Preis mußte dies ver. hindert werden.
Ellen dachte anfänglich daran, einen der Beamten hierauf aufmerksam zu machen. Damit hätte sie aber nur Zeit vergeudet. Hier war kein Augenblick zu versäumen. Ohne sich zu bedenken, eilte sie dem Ausgang des Tunnels zu. Als sie bei der Lokomotive vorbeikam, bemerkte sie, daß sie quer über dem Geleise lag, auf dem in wenigen Minuten der Schnell- zug heranbrausen würde.
Inzwischen war sie dem AuSgang ein gut Stück näher gekommen. Wie entsetzlich lang erschien ihr aber der Weg dorthin. Dazu kam die fürchterliche Angst und Erregung. Auch ihre Kräfte fingen an, zu versagen. Es war, als blieben ihre Füße am Boden hängen, und sie hatte ein Gefühl, als würde sie das Ziel nie erreichen. Warum hatte sie, statt selbst zu gehen, nicht einen Beamten auf die drohende Gesahr ausmerksam gemacht?
Der Gedanke, daß der Schnellzug jeden Augenblick einlaufen konnte, gab ihr aber neue Kräfte, und sie beschleunigte jetzt ihren Laus. Doch wie wollte sie nur, wenn sie draußen war, die Aufmerksamkeit des Bahnwärters aus sich lenken.
Sie hatte weder ein roteS Tuch noch ein roteS Band, das sie als WarnungSsignal verwenden konnte. Aber richtig. Da fiel ihr plötzlich ihr roter Rock ein. Er würde ihr schon gute Dienste tun. In aller Eile enilcdigte sie sich des roten Bekleidungsstücks und nahm es in die Hand. So erreichte sie die Einfahrt deS Tunnels, und drüben sah sie daS Wärter- Häuschen. Sie beglückwünschte sich bereits, daß aller so gut gegangen war, und daß sie rechtzeitig ihr Ziel erreichen würde, alS sie einen Laut hörte, der ihr Herz gewaltig klopfen machte. Der Laut war noch ein Stückchen fort, sie hatte sich aber nicht getäuscht. Es war das Rasseln bei herbeistürmenden Schnell- zugeS.
Ellen Wilson war vor Anstrengung fast halbtot. Trotzdem eilte sie unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte weiter. Sobald sie in freier Lust war, begann sie, in wilder Verzweiflung ihren roten Rock zu schwenken, denn der Anblick, der sich ihr jetzt barbot, machte ihr das Blut in den Adern erstanen.