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herssel-er Kreisblatt

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Fernsprech-Anschlutz Nr. 8

Nr. 90

Dienstag, den 3. August

1909.

nichtamtlicher teil.

Well» II" auf her Fahrt nach Franlsart a. M.

Wie eS geplant war, hat das ReichslustschiffZ. 2 am Sonnabend in aller Frühe unter Führung deS Grasen Zeppelin seine Fahrt von Friedrichshasen zur Luftschiffahrts­Ausstellung in Frankfurt a. M. und dann weiter nach Köln angetreten, obwohl die Witterungsverhältnisfe dem Fluge nicht allzu günstig waren. Trotz des teilweise heftigen Gegenwindes hatte daS Luftschiff bereits gegen 10 Uhr den Stuttgarter Vorort Cannstatt erreicht. Ueber die Abfahrt von Friedrichs- Hafen wird nachstehendes berichtet:

Friedrichshasen, 31. Juli. Bei Tagesgrauen wurde eS in der schwimmenden Reichsballonhalle lebendig. Der Umstand, daß die Fahrt bestimmt aus 3 Uhr festgesetzt worden war, und die bestimmte Versicherung des Grasen, daß die Fahrt unter allen Umständen und bei jeder Witterung ausgc- führt werde, hatte eine ziemlich große Schar von Neugierigen an die User deS Sees bei Manzell gelockt, und auch in Friedrichshasen waren schon zu der frühen Morgenstunde zahl- reiche Zuschauer mobil gemacht. Gegen 3 Uhr hatten sich Graf Zeppelin und die an der Fahrt teilnehmenden Herren nach Manzell begeben. Um 3 Uhr 30 Minuten wurde der Z. 2", der nach der gestrigen kurzen Höhensahrt noch eine Gasneusüllung erhalten hatte, aus der Halle gezogen. DaS Herausbringen war nach wenigen Minuten beendet und ging glatt vonstatten. Um 3 Uhr 40 Min. stieg das Luftschiff unter dem Jubel der Zuschauer leicht und majestätisch empor. Es hatte ansänglich eine Höhe von etwa 150 Meter, flog dem Seeuser entlang in der Richtung nach Friedrichshasen und dann landwärts der Bahnlinie entlang Tettnang zu. In der vorderen Gondel befinden sich Graf Zeppelin, Ober­ingenieur Dürr, Direktor Colsman, Hauptmann George, Ingenieur Stahl, in der hinteren Gondel die Luftschiff­kapitäne Hacker und Lau und drei Monteure, also insgesamt 10 Personen.

Unter ganz eigenartigen Wetterverhältnissen trat derZ. 2 die Fahrt nach Frankfurt an. Um 1 Uhr nachts brach ein schnell wachsender vcritabler Sturm aus mit Windstärken von 1518 Sekundenmeter, der die Wogen donnernd gegen die Kaimauer warf. Als Graf Zeppelin dann präzise V23 Uhr sein Motorboot bestieg, um nach Manzell hinauszusahrcn, war eS zwar erheblich abgeflaut, aber es wehte noch immer sehr srisch, und das Boot tanzte stark auf den Wellen und über­schüttete die Insassen mit starken Spritzern. Genau um V24 Uhr tauchte das mächtige Fahrzeug aus der Halle heraus, mit Direktor Colsman und Hauptmann George außer der ge­wohnten Besatzung in den Gondeln. Fast beängstigend sah eS aus, wie der Wind das Schiff schnell gegen den nahen

Der Pflicht getreu.

Von A. v. Liliencron.

(Fortsetzung.)

Doch Hagenow's Versuch, von anderen Dingen zu sprechen, glückte nicht. Ursula hatte jetzt nur einen Gedanken.

Falls Bruno einberufen wird", sagte sie,kann er auch drüben dafür sorgen, daß Hasso Mariens, der in Kamps und Gefahren steht, hin und wieder ein Zeichen des Gedenkens von mit erhält."

Nun aber riß dem Freiherrn die Geduld. Er trat dicht vor das Mädchen hin.

Nicht eine Zeile wirst du ihm schreiben! Hörst du, ich verbiete es dir. Mit einer Familie, deren Namen anrüchig ist, darfst du nichts zu schaffen haben, das werde ich zu ver­hindern wissen. Meine Tochter soll auch nicht mit einer Fingerspitze die Kluft überbrücken wollen, die sie von einem Manne trennt, dessen Ehre nicht rein dastrht."

Wie in Glut getaucht war Ursulas Antlitz, ein Zittern ging durch ihre schlanke Gestalt. Sie stand hochaufgerichtet vor ihrem Vater.

Rühre nicht an daS, was mir teuer und heilig ist, daS vertrage ich nicht, auch von dir nicht, Vater. Hasso ist mir das Liebste aus der Welt, keiner hat das Recht, seinen Namen nach nur mit einem Hauche zu trüben; auch die Ehre seines Vaters ist fleckenlos, das glaube ich so sicher, wie ich weiß, daß die Sonne am Himmel steht."

Die erregten Auseinandersetzungen drohten, sich auf das äußerste zu verschärfen. Der Eintritt des DienerS, der die Postsachen brächte, legte aber beiden Schweigen auf. ES war ein dicker Stoß Briese, der für den Freiherrn hingelegt war. Nur um einer Ablenkung willen nahm er den obenaus- liegenden und vertiefte sich in daS amtliche Schreiben.

Geräuschlos räumte der Diener daS Teegeschirr weg und verließ dann daS Zimmer.

Ursula hatte sich wieder gesetzt. Langsam wich daS Blut aus ihrem Antlitz und machte einer tiefen Blässe Platz.

Wald am Ufer zu treiben schien, dann aber gingen die Pro- preller an, und majestätisch schnitt der schlanke Leib in den dunklen Himmel hinein. Nach einer kurzen Fahrt in den Wind erfolgte eine schnelle Schwenkung, und mit dem süd­westlichen Wind ging es unheimlich rasch in die Dunkelheit, in der in wenig Minuten daS Luftschiff dem Auge nordwärts entschwand.

Ravensburg, 7 Uhr 20 Min. morg. Punkt 4 Uhr flog das Luftschiff, von Tettnang kommend, wobei eS der Bahnlinie und dem Laufe der Schussel gefolgt war, über unsere Stadt hinweg. Trotz der frühen Morgenstunde hatte sich ein zahlreiches Publikum aus den Straßen und Dächern eingesunden, um dem Grafen Grüße und Wünsche zu der großen Fahrt darzubringen. DaS Luftschiff hatte die etwa 20 Kilometer lange Strecke FriedrichshasenRavensburg in 20 Minuten zurückgelegt; eS ist demnach mit seinen beiden 110pferdigen Motoren mit einer Stundengeschwindigkeit von über 60 Kilometer gefahren.

Ulm, 8 Uhr 15 Min. morg. Trotz etwas regnerischen und widrigen Wetters wurdeZ. 2", wie erwartet, gegen 5 Uhr vom Kuhberg aus gesichtet. Er überflog kurz nach 5 Uhr Ulm und verschwand 5 Uhr 30 Min. in der Richtung nach Stuttgart. Das Luftschiff hat die 100 Kilometer lange Strecke FriedrichshafenUlm in genau IV2 Stunden zurück­gelegt, ist also mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 66 Kilometer in der Stunde gefahren. Hinter Ulm hatte das Luftschiff in nordwestlicher Richtung zu fahren, wobei es gegen den sehr starken Wind ankämpfen mußte. Um 6V2 Uhr, also l1/. Stunde seit der Abfahrt von Ulm wurdeZ. 2 bei Beimerstetten aus der schwäbischen Alp, etwa 20 Kilometer von Ulm entfernt, gesichtet.

Göppingen, 8 Uhr 25 Min. morg. Um 7 Uhr 15 Minuten sonnte daS LuftschiffZ. 2" aus weiter Ferne beobachtet werden. Es hatte längere Zeit hart gegen den Wind zu kämpfen und schien zeitweise völlig still zu stehen. Um 3/48 Uhr passierteZ. 2" Gingen; von da an nahm die Schnelligkeit wieder zu. DerZ. 2" steuerte dann direkt Göppingen zu, wo er um 8 Uhr 16 Min. passierte.

Stuttgart, 10 Uhr 35 Min. vorm. Die Kunde von dem Antritt der Fernfahrt Zeppelins, die durch Extrablätter der Zeitungen in früher Morgenstunde bekannt geworden war und späterhin die Nachricht, daß derZ. 2" schon um ö1/. Uhr Ulm passiert habe, hatte auch die Stuttgarter Bevölkerung, die nunmehr zum drittenmal einen Zeppelin-Ballon über ihre Stadt hinziehen sah, wiederum auf die Höhen und die Dächer der Häuser gesührt. Durch die von der Lustschiffbaugesell- jchaft Zeppelin ausgegebenen Meldungen, daß derZ. 2" Stuttgart selbst nicht berühren würde, sondern über Cannstatt dem Laufe deS Neckar entlang fahren werde, war die Ein­wohnerschaft anfangs allerdings ziemlich enttäuscht. Trotzdem begaben sich dichte Mengen von Schaulustigen in der Frühe deS Tages nach Cannstatt, nach den höher gelegenen Punkten des Neckartals, um daS Schauspiel der Vorbeifahrt zu ge-

Sie griff nach der Zeitung. Nachrichten aus Südwest­afrika war das, waS sie zu jeder Zeit sehnsüchtig und angst- voll zugleich aussuchte. DaS zog auch jetzt ihre Aufmerksam- feit an.

Vater!" Wie ein Angstschrei kam der Ruf über ihre Lippen.

Der Freiherr sah auf.

Was gibtS?" wollte er fragen, aber daS Wort erstarb ihm im Munde.

Ursula, totenblaß geworden, starrte ihn wie verzweifelt an; mit zitternder Hand schob sie ihm die Zeitung zu.

Jetzt brauchst du mich nicht mehr von ihm zurückzuhalten, es ist vorbei ganz vorbei!"

Ihr Finger wies auf eine Stelle der Zeitung hin.

Ihm flimmerte eS vor den Augen. Ursulas todes- trauriger Blick hatte ihm ins Herz geschnitten. Langsam, um Zeit zu gewinnen, putzte er seine Brille, setzte sie be- dächtig aus und las die Stelle, die Ursula ihm gewiesen hatte.

Es war die Verlustliste der Truppen in Südwest und unter den Gesallenen vom Gefecht von Kl.-Barmen stand der Name deS Unteroffiziers Mariens.

Er sagte sich, daß daS nur Hasso sein konnte.

Als er ausblickte, sah er, daß Ursula daS Zimmer ver­lassen hatte.

Es war besser, daß sie gegangen war. Ein Mädchen wie Ursula vertrug keinen Zeugen in einer Stunde, wo sie sich mit ihrem Gott erst durchringen mußte. So dachte auch der Freiherr.

ArmeS, armes Kind", murmelte er und versank in Ge­danke». Als er sich nach einer Weile wieder aufraffte, nahm er mechanisch einen nach dem anderen seiner Briese. Bei dem letzten aber stutzte er, erbrach ihn hastig und laS die kurzen, glückstrahlenden Zeile», die Bruno ihm gesandt, in denen er ihm mitteilte, daß seine Einberufung für Südwest erfolgt fei, und er sich noch an demselben Tage zum Truppenübungsplatz zu begeben habe.

Hagenow seufzte. Es war ja sehr verdienstvoll und zeugte von schneidigen Gesinnungen, daß Bruno sich sofort gemeldet

nießen. Das Wetter war ziemlich trübe. Am Morgen war Regen gefallen, und regenschwangerc Wolken zogen noch am Himmel dahin, als derZ. 2" als weißer ©überstreifen hinter den Bergen am dunstigen Horizont austauchtc. V2IO Uhr kam er hier aus der Richtung von Eßlingen in Sicht. Das Lustschiff flog unter dem stürmischen Jubel der Menschenmasien, die Spitze leicht nach unten gekehrt, daS Neckarthal abwärts direkt dem Lause des FlusseS entlang über Türkheim dem Cannstatter Exerzierplatz zu. Dann nahm daS Luftschiff seinen Weg über Cannstatt und verschwand in nördlicher Richtung gegen LudwigSburg, Marbach zu. Soviel sich auS der Ferne beobachten ließ, hatte das Luftschiff stark gegen den Wind zu sümpfen, der an Heftigkeit zugenommen zu haben scheint. Das Luftschiff hatte die Strecke UlmStuttgart (etwa 100 Kilometer) in 4V< Stunden zurückgelegt, bei an­scheinend außerordentlich ungünstigen Windverhältnissen, wo­gegen er die gleiche Strecke FriedrichshasenUlm mit günstigem Winde in nur IV2 Stunden bewältigte.

Frankfurt a. M 31. Juli.Zeppelin 2" erschien bald nach 2 Uhr in Sicht von Frankfurt und war kurz nach 3 Uhr auch von dem Flugplatz deS AuSstellungsge- bäudes aus deutlich zu sehen. Man konnte nunmehr alle Manöver erkennen, die der Führer mit seinem Lustschiff machte. Zunächst war er direkt über die Stadt geflogen, dabei meist die Spitze des Luftschiffes nach unten haltend. In deutlicher Sicht der Tribüne sührte Zeppelin kurz nach 3 Uhr die ver- schiedensten Manöver aus. Er machte Wendungen und ließ daS Luftschiff horizontal gestellt in die Höhe gehen. Später zeigte der Führer, daß, sobald die Höhensteuerung eingestellt war, sofort der Ballon daraus reagierte und seinen Flug nach ab- wärtS nahm. Um 3 Uhr 28 Min. kam der Gras aus den Flugplatz herab, wo alsbald daS ausgestellte Militär unter Leitung von Gras Zeppelin jun. die Landung durchführte. ES herrschte sehr heftiger, böiger Wind.

Sie Vorgänge in Spanien.

London, 31. Juli. Der Spezialkorrespondent deS Daily Telegraph in Barcelona drahtete am Mittwoch: Dutzende von Priestern und Nonnen sind erbarmungslos hingeschlachtet worden, einige am Altar, daS Kruzifix umklammernd, andere in tapferer Verteidigung ihrer Heiligtümer gegen die Revo­lutionäre, die allenthalben Feuer anlegten. Der Mob ver­hinderte die Wagen des Roten Kreuzes am Eintritt in die Klöster und stieß die Nonnen, die an den Fenstern der brennenden Gebäude erschienen, wieder zurück, so daß sie bei lebendigem Leibe verbrennen mußten. Niemand half ihnen, sie blieben ihrem Schicksal überlassen. Von der Höhe deS Monjuich gesehen, glich ganz Barcelona einem Flammenmeer. Die Zahl der Toten übersteigt 120, die der Verwundeten 300. Allenthalben sind Abteilungen des Roten Kreuzes in Tätigkeit. Zehntausend Revolutionäre zogen in langem Zuge mit den verkohlten Ueberresten ihrer Opfer, mit Leichnamen, einzelnen

hatte, um seinen Kameraden drüben zur Seite zu stehen, aber im stillen hatte der Freiherr gehofft, daß die Sache mit der Einberufung sich in die Länge ziehen würde, und der Aus­stand längst beendigt wäre, bevor die vielen Meldungen der jungen Offiziere hatten berücksichtigt werden können.

Jetzt traf ihn die Nachricht doch sehr empfindlich. ES war ihm, als ob er an diesem Morgen seine beiden Kinder Ursula und Bruno verloren hätte.

Er legte die Hand über die Augen. Sie waren ihm feucht geworden.

Elisabeth, Eilisabeth!" seufzte er,warum, ach, warum mußtest du mich verlassen!"

An diesem Tage blieb Ursula in ihrem Zimmer. DaS tiefste Weh wollte sie mit ihrem Gott allein abmachen.

Den anderen Morgen erschien sie aber wie sonst beim Frühstück.

Der Freiherr streichelte ihr die Backen.

Ich wollte, deine Mutter lebte, die hätte dich trösten können."

DaS Wort löste die Starrheit von Ursulas Herzen, mit der sie sich dem Vater gegenüber gepanzert hatte. Sie schluchzte aus und warf sich an seine Brust.

Vater, auch du kannst mir helfen, auch du bist im­stande, mir in dieser dunkelen Zeit ein stillcS Glück zu be­reiten."

Er legte die Hand unter ihr Kinn und hob ihre» Kops empor.

Ich verstehe dich nicht, Ursel, aber glaube mir, ich bin zu jedem Opfer bereit, wenn ich dazu beitragen kann, daß du dich wieder innerlich zurechtfindest."

Laß mich als Krankenschwester nach Afrika gehen", flehte sie.

Er war bei ihren Worten zusammengezuckt. An eine solche Bitte hatte er nicht gedacht, aber er bezwäng die Aufwallung und antwortete ruhig:Daran ist nicht zu denken, Ursula. Die Pflegerinnen müssen ganz anders Bescheid wissen. Sie nehmen dich gar nicht dazu."

Aus ihren müden Augen leuchtete ein heller Strahl, und ihre Wangen färbten sich.