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Beilage zum

Hersfel-er Kreisblatt

Nr. 86

Sonnabend, den 24. Juli

1909.

Der Pflicht getreu.

Von A. v. Liliencron.

(Fortsetzung.)

Der Kellner trat ein und meldete, daß der Zug einsahre. Es war keine Zeit zu verlieren. Die Herren brachen auf. Ein paar Abschiedsworte, ein Händeschütteln, dann sprang Hasso in sein Abteil.

Die Tür wurde geschlossen, aber MartenS ließ das Fenster nieder und lehnte sich hinaus.

Soll ich das sonnendurchglühte Dornenland grüßen?" fragte er.

Ihm sagen, daß ich es nicht vergessen habe, und bald, sehr bald wiederkomme", lautete die rasche Antwort.Glauben Sie mir, MartenL, was unsere südwestasrikanische Schutztruppe wert ist, das wird sie jetzt mit blutigen Zeichen in das Tage­buch der Ereignisse schreiben."

Der schrille Pfiff der Lokomotive unterbrach seine Worte. Der Zug setzte sich in Bewegung.

Hassos Antwort verstand der junge Offizier nicht mehr, er hörte nur den Schlußsatz ein Hurra unserer Schutztruppe. Das genügte ihm.

AuS La PalmaS, wo der Woermann-Dampfer anlegte, mit dem Haffo die Heimreise angetreten hatte, sandte der junge Martens einen langen Brief an Leutnant von Hagenow.

Ein Blatt war eingelegt, Verse standen darauf. Sie lauteten:

Was bist du mir? Ein ferner Traum,

Der leise lächelnd mir entschwebt,

Ein Bild, daS in des Herzens Raum,

Beglückend, still verschwiegen lebt.

Was bist du mir? Der Sonnenschein,

Der meines Lebens Mark durchglüht,

Der Licht strahlt durch mein ganzes Sein

Und meine Bahnen auswärts zieht.

WaS bist du mir? Mein ein und all,

Denk ich nur dein, sühl ich mich reich,

Denn aus dem weiten Erdenball

Kommt keine, keine je dir gleich.

Wir sind geschieden weltenweit,

DaS Meer rauscht zwischen mir und dir,

Doch lieb ich dich in Ewigkeit,

In steter Treue sür und sür.

Und bist du mir auch sern entrückt,

Mein ein und all, mein Sonnenschein,

Dein Bild ist mir ins Herz gedrückt, So bleibst du immer, immer mein.

Die Verse trugen weder eine Adresse, noch eine Unterschrist, und doch gelangten sie in die richtigen Hände.

7. Kapitel.

Mit Grauen und mit herzlicher Teilnahme wurden in Deutschland die ersten Nachrichten über die Metzeleien der Herero hingenommen. Wenn auch die mühevolle und hin­gebende Arbeit der christlichen Missionare, die Jahrzehnte ihre Kräfte voll treuer Pflichterfüllung den Herero gewidmet hatten, nicht umsonst gewesen war, wie das Verhalten der christlichen Herero in mancherlei Weise bewiesen hat, so konnten diese sich doch dem Druck und Dränge ihrer Häuptlinge und heid­nischen Volksgenossen nicht entziehen und mußten sich dem Ausstand anschließen. Der gesetzliche Zustand behagte den herrschsüchtigen Häuptlingen nicht, die Sehnsucht nach der alten Tyrannei und Zügellosigkeit trieb sie zum Aufruhr.

Durch den Aufstand der Bondelswarts im Süden der Kolonie war ein erheblicher Teil der Schutztruppe dort, etwa 5600 Kilometer von Windhuk entfernt, festgehalten, und auch der Gouverneur selbst befand sich dort.

Dieser Augenblick, wo der Norden des Schutzgebietes von Truppen entblößt war, als die zweite Kompagnie von Oma- ruru gegen die Bondelswarts ausgerückt war, erschien den Herero geeignet zum Ausstandr.

Wie ein vernichtender Sturm fegten die wilden Horden über die weit zerstreuten Ansiedlungen. Die Farmen wurden zerstört, die Besitzer mit Frau und Kindern, wenn es ihnen nicht gelang, zu entkommen, niedergemetzelt.

Ebenso' wurden die schwächern, zum Teil nur von zwei bis drei Mann besetzten Militär- und Polizeiposten Überfällen und getötet.

Vor den Garnisonen der Hanptposten im Lande, vor Windhuk, Okahandjo, Karibib, Omaruru machten die Banden noch Halt. Eine gewisse Scheu vor der militärischen Macht hielt sie zurück, aber die schwachen Besatzungen der Posten hätten jedenfalls nicht lange Widerstand bieten können, wenn ihnen nicht Hülfe gekommen wäre.

Der Pflicht gehorchend und von dem mächtigen Sporn der Soldatenehre angetrieben, eilten die im Lande ange- seffenen Reservisten und Landwehrmänner auf den ersten Ruf zu den Fahnen, und ihnen schloffen sich auch Männer an, die nicht mehr wehrpflichtig waren. Sie verließen Haus und Hof, um in deutscher Treue ihr Leben einzusetzen für die Brüder und für Deutschlands Ehre.

Auch über Farm Dornsried war der Vernichtung-sturm gebraust. DaS Vieh war von den schwarzen Gesellen weg« getrieben, das Wohnhaus hatten sie geplündert, teilweise auch zerstört.

Wolf Martens, der den ersten Angriff einer verhältnis­mäßig kleineren Bande glücklich abgewiesen und mit wenigen Getreuen sein Besitztum verteidigt hatte, war gleich daraus doch gezwungen gewesen, zum zweiten Male mit Anni eine Scholle zu verlassen, die ihm an daS Herz gewachsen war. DaS war

kein wohlüberlegtes freiwilliges Fortgehen wie von Rausche- bach, eS war ein Ringen um das nackte Leben, eine Flucht, in der alle Schrecken jener furchtbaren Zeit durchgekostet werden mußten.

Wols hatte sich an jenem entsetzlichen Morgen, alS eine starke Rotte Herero Farm Dornfricd überfiel, und er einsah, daß jeder Widerstand vergebens war, noch rechtzeitig mit Anni und einem treuen Bambusen retten können. DaS heißt, sie hatten ein Dorngestrüpp erreicht, daS ihnen sür den Augen­blick eine mäßige Deckung bot.

Glühend brannte die heiße Januarsonue, sie hatten nicht-, um ihren Durst zu löschen, nichts, um ihren Hunger zu stillen.

Ueber ihnen färbte sich der Himmel glutrot. Sie wußten, waS dies Feuerzeichen zu bedeuten hatte, Farm Dornsried stand in Flammen, ihr Besitztum sank in Asche.

Anni barg ausschluchzend ihr Gesicht in den Händen. Alles verloren, alles hin", seufzte sie.

Wolf drückte fest ihre Hand.

Mut, kleine Frau, der alte Gott lebt noch. Er wird uns nicht verlassen. Wenn uns jetzt auch unsere Habe ein- geäschert wird, Gott behüte uns nur unser Bestes, unseren Sohn!"

Die tränennassen Augen der Frau blickten bewundernd zu ihrem Mann aus.

Wols, du bist auch im Unglück groß", murmelte sie. Dann falteten sich ihre Hände sest.Gott behüte unS den Jungen, ich ertrüg'S nicht, ich ertrüg'S nicht, ihn zu ver­lieren!"

Auch vor Wolfs geistigem Auge mußte der Gedanke an einen möglichen Verlust des SohneS austauchen. Ein Kampf ging durch seine Seele, der sich in seinem Antlitze wieder- spiegclte.

Er preßte die Lippen fest zusammen und erst nach einer Weile sagte er:Wir wollen uns nicht mit Sorgen quälen, die noch nicht da sind. Wir haben an dem, was vor unS liegt, schon genug zu tragen."

Anni legte den müden Kops aus seine Hand.

Ich will dir's nicht schwer machen, Wols, ich will tapfer bleiben und nicht klagen, komme, waS da wolle. Gott wird mir helfen."

Sie erhielt nicht gleich Antwort. Wolf sah gedankenver­loren in das Buschgewirr, unter dessen Schatten sie sich ge­lagert hatten.

Anni, wenn wir Windhuk glücklich erreicht haben, bist du dort in Sicherheit", sagte er zögernd.Sobald ich darüber beruhigt sein kann, werde ich mich als Kriegsfreiwilliger melden."

Wolf!" Trotz Annis Bemühung, ihre Angst nicht durch­blicken zu lassen, zitterte doch in dem Rufe die ganze Qual ihrer Seele.Du bist nicht mehr wehrpflichtig", setzte sie leiser hinzu.

Nein, aber den deutschen Brüdern und dem deutschen Vaterlande verpflichtet mit meiner Ehre. Sie brauchen jetzt Männer, können keinen einzigen missen, der den Arm noch rühren kann."

Muß es denn sein?" murmelte die blasse Frau ver­zweifelt.

Ja, Anni, ich muß, und ich will mich melden, der Pflicht getreu."

Aus Vorsicht, um nicht den umherstreisenden Banden in die Hände zu fallen, konnten sie nicht aus der Pad bleiben, sondern mußten im Buschgewirre sich mühsam durch- arbeiten, nur die Richtung nach ihrem Ziele, Windhuk, ein- haltend.

Wolf hatte die heißen Stunden zum Ruhen benutzt. Er sah, daß er Annis Kräften nicht viel bieten durfte. In der Nacht sollte möglichst rüstig vorwärts gewandert werden, daS war die sicherste Zeit, denn der Herero vermeidet eS, in der Nacht zu kämpsen oder den Feind zu Überfällen.

Aber daS Vorwärtskommen war äußerst mühsam, denn Anni wurde von Stunde zu Stunde matter. Sie klagte nicht, ober der todeStraurige Blick ihrer Augen sprach von den Qualen des Durste» und von der gänzlichen Er- schöpsung.

Wols litt namenlos in dem Bewußtsein, ihr nicht eher die geringste Erquickung bieten zu können, alS bis sie in Wind- hukS Mauern waren. Er trug sie mehr, als daß sie ging, und spähte dabei besorgt umher, ob er nicht da oder dort eine Beere oder Knolle entdecken könne sür seine arme, verschmach- tende kleine Frau. Der Bambuse tat sein möglichstes, um seinen Mister zu unterstützen bei den verschiedenartigen Be­mühungen, die alle nur daraus zielten, Anni eine Erleichterung zu verschaffen.

Drei qualvolle Tage und Nächte dauerte dir mühselige Wanderung, dann war daS Ziel erreicht. Aber Anni war nicht mehr imstande, sich dem Gefühle des GeborgenseinS hin­zugeben, sie war bewußtlos und wurde von Wolf und dem Bambusen getragen. Noch einmal kehrte bei ihr die Be­sinnung zurück, alS sie in Windhuk aus ein Lager ge- bettet lag.

Mit großen, klaren Augen sah sie Wolf an. Sie wußte, wie eS um sie stand. Er nahm sie in seinen Arm und beugte sich über sie.

Dank I" flüsterte sie,Dank eS war doch schön schön unser lieber lieber Junge . . ."

Sie hielt inne, ein Zittern ging durch ihren Körper, dann sagte sie mit wunderbar ruhiger klarer Stimme:Ich sterbe Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!"

Ein tiefer Seufzer ein kurzes, rasches Atmen und alles war vorbei.

Wolf hatte seine treue Lebensgefährtin verloren. Aber nicht zum Klagen, sondern zum Handeln war die Zeit ge­schaffen.

In Windhuk hatte sich verhältnismäßig ein gute» Teil

streitbarer Kräste zusammengesunden, aber die anderen Ort» entbehrten völlig des Schutzes. Windhuk selbst war von jeder Verbindung mit der Außenwelt abgeschlossen, die Bahn und Telegraphenlinien nach Karibib waren zerstört und die Wege nach der Küste durch herumschweifende Hererobanden gänzlich unsicher geworden.

Dunkle Gerüchte drängen herein, man erzählte sich, daß alle festen Plätze von den Herero umschlossen wären.

(Fortsetzung solgt.)

Vermischtes.

Berlin, 21. Juli. Der Restaurateur Lamprecht vom Echwanenwerder bei Wannsee ertrank gestern, als er mit einem Freunde eine Bootfahrt aus der Havel unternahm und daS Boot durch einen Sturmwind zum Kentern gebracht wurde. Sein Freund wurde gerettet.

Berlin, 21. Juli. Heute nachmittag stürzte sich die aus Dessau gebürtige Verkäuserin Else Meyer auS dem dritten Stock ihrer Wohnung auf den Bürgersteig, nachdem sie vorher aus ihren aus Leipzig gebürtigen Bräutigam Franz Stephan einen Revolverschuß abgegeben hatte, der jedoch sehlgcgangen war. Die Meyer wurde schwerverletzt in daS Krankenhaus übergesührt, daS Motiv ist anscheinend Eifersucht.

Aachen, 21. Juli. In dem Dorfe Cornelymünster wurde heute morgen aus freiem Felde der neunjährige Wilhelm Holler, der seinem Vater daS Früstück aufs Feld gebracht hatte, mit durchschnittener Kehle ermordet ausgefunden. Anscheinend liegt ein Lustmord vor.

(D i e Kölner K a i s e r g l o ck e.) Die auS 22 im deutsch-sranzöfischen Kriege erbeuteten Geschützen gegossene, 543 Zentner schwere Kaiserglocke im Kölner Dom wurde wegen der großen Schwierigkeiten, die daS Läuten dieser Riesenglocke naturgemäß verursachte, bisher nur an hohen Fest- und Feiertagen in Bewegung gesetzt. Es waren dazu jedesmal zahlreiche Hilfskräfte ersorderlich; in der Regel wurde die Arbeit von 28 Soldaten verrichtet. Um eine Vereinfachung in der Handhabung des GeläuteS zu erzielen, hat man jetzt eine elektrische Läutevorrichtung in den Glockenstuhl einbauen lassen, die vorzüglich sunktioniert und zur Bedienung nur einen Mann erfordert. An der Kaiserglocke selbst ist ebenfalls eine Aenderung vorgenommen worden. Sie wurde, um eine Verbesserung deS Klanges zu erzielen, abgedreht; der alte Klöppel wurde entfernt und an seiner Stelle ein neuer Klöppel, bestehend auS einer an einem Drahtseil in der Glockenkrone befestigten 16 Zentner schweren Kugel, angebracht. Der Transport und Rücktransport der schweren Glocke ist ohne jeden Unfall von statten gegangen; jetzt hängt die Kaiserglocke wieder in luftiger Höhe an ihrer alten Stelle. Bei dieser Gelegenheit mag erwähnt sein, daß die Kölner Kaiserglocke (die größte und schwerste aller Glocken, die geläutet werden) den ansehnlichen Durchmeffer von rund 3Va Meter hat.

Köln, 21. Juli. Zwei junge Damen, die Tochter eines Major» au» Neuwied und ihre Freundin, die mit dem Dampfer Gutenberg von GodeSberg nach RolandSeck fuhren, werden seitdem vermißt. Da ihre Hüte gesunden find, wird angenommen, daß sie bei einem Unfall umgekommen sind.

Chemnitz, 21. Juli. Der Chemnitzer Allg. Ztg. zufolge ist gestern in Pinzolo in den Tiroler Alpen der in Turnkreisen weit bekannte Realgymnasialoberlehrer Bartels au» Chemnitz abgestürzt und sofort tot geblieben.

(Löwen al» Wohltäter der Menschheit.) Die Besucher der zoologischen Gärten, die die graziöse Antilope und daS schöne Zebra in seinem Gehege beobachten, werden erstaunt sein, zu hören, daß diese scheinbar so harmlosen Tiere von den Farmern Afrikas mehr gefürchtet werden alS die Könige der Wüste, bei bereit Gebrüll der Neugierige unwill­kürlich vom Gitter deS LöwenkäfigS zurückweicht. Der bekannte englische Asrikareisende David Garrick Longworth, der soeben auS Ostafrika, wo er auch Roosevelt bei seinem Jagdzug traf, nach England zurückgekehrt ist, gibt darüber interessante Auf- schlüffe.Die Niedermetzelung von Löwen in Ostafrika ist eine große Gefahr für die Ansiedler, denn der Löwe ist e», der die Farmer von ihren gefährlichsten Feinden befreit, von der Antilope und dem Zebra, die in Herden über die Pflan­zungen herfallen und die mühevolle Arbeit des JahreS zerstören. Ein gewöhnlicher Löwe, der etwas auf sich hält, braucht durch- schnittlich zwei ZebraS oder Antilopen in der Woche für standes­gemäßen Unterhalt. In der letzten Jagdzeit jedoch hat man 356 Löwen nur in der Umgebung von Nairobi erlegt; da» bedeutet natürlich eine enorme Vermehrung der Antilopen und Zebras. Man schmiedet auch bereits Pläne, diesem Uebel vor- zubeugen. Voraussichtlich wird bereits im kommenden Jahr ein neues Jagdgesetz erlassen, das jeden Jäger, der Löwen schießen will, zwingt, vor der Erteilung der Erlaubnis 20 Zebraschwänze vorzulegen." Longworth erzählt dann von seinem Zusammentreffen mit Roosevelt, dem da» Jägerglück in Asrika anscheinend günstig ist. Roosevelt hat sogar eine Herde von 17 Giraffen gesichtet, ein Anblick, den selbst alte Afrikareisende noch nicht genießen konnten.Er erzählte mir, daß er vollauf zufrieden gewesen wäre, wenn er auf seiner Tour nur einen einzigen Löwen vor seinen Lauf bekäme. Bereits in den ersten fünf Jagdtagen ober konnte er drei er­legen. Er war über fein Jagdglück begeistert wie ein Kind und drückte allen die Hand, Negern wie Weißen. Nun er­wartet ihn noch eine besondere Sensation, die aller übertrifft: die Erlegung deS Löwen durch Speere. DaS ist ein auf­regender Kampf, der die Sensationen einer Stierkampscs über- bietet und der gewiß in Zukunft auch viele Europäer nach Ostasrika locken wird, wo man den Winter so genußvoll verlebt wie kaum wo ander»."