Ursula lehnte sich in ihren Stuhl zurück.
„Er wird Euch nicht mehr zur Last fallen. Ueber- morgen früh reist er ab und geht nach Afrika", erklärte sie. „Morgen aber kommt er noch zu mir, denn ich muß ihn sprechen."
„Ursula!" Alex fuhr auf, all ob er einen Schlag bekommen hätte, und auch die beiden Damen redeten eifrig aus Ursula ein, setzten ihr die Unmöglichkeit auseinander und baten sie, die Sache nicht aus die Spitze zu treiben.
„Er ist dein Haus, liebe Tante", sagte sie, mühsam das Zittern ihrer Stimme beherrschend, „du hast zu bestimmen, ob Herr Marien- hier eintreten darf, oder nicht. Weigerst du ihm und mir daS Zusammenkommen unter dem Schutze deines Hauses, dann werde ich nach Rauschebach fahren oder gehen, falls mir keine Pferde zur Verfügung stehen, aber sprechen will und muß ich Haffo MartenS."
„Mädchen, du weißt nicht, was du sprichst?" Alex hatte völlig die Fassung verloren, feine Rechte griff nach ihrem Handgelenk und umspannte es fest. „Ich lasse ihn nicht zu dir, diesen Haffo und lasse dich auch nicht weg."
„Bin ich deine Gefangene?"
Sie sagte daS in verächtlichem Tone, und da- brächte ihn zur Besinnung. Er ließ sie loS. Ursula warf den Kopf stolz in den Nacken.
„Ihr sollt mir nicht vorwersen, daß ich Heimliche- getrieben hätte", sagte sie, „ich will euch alles sagen, wie ich eS auch meinem Vater schreiben werde. Vor einer Stunde war Hasso MartenS hier, er hat mir seine Liebe erklärt, und ich habe ihm geantwortet, daß ich ihn liebte und lieben würde bis in den Tod."
In grenzenlosem Erstaunen starrte Fräulein von Eschenbron die Kusine an, ihrer Mutter fehlte vor Schreck jede- Wort der Erwiderung.
Alex, kreidebleich, fragte mit zornsunkelnden Augen, ob sie gesonnen sei, sich von ihrem Vater loszusagen und dem Abenteurer ihr Jawort zu geben.
„Du vergißt, daß unser Wahlspruch lautet: Der Pflicht getreu" — antwortete sie ihm mit unnachahmlicher Hoheit. „Ich werde Hasso MartenS nie angehören, solange mir mein Vater seinen Segen dazu verweigert."
Alex atmete auf, aber seine Stirn verfinsterte sich von neuem, al- Ursula in steigender Wärme fortsuhr:
„Aber ich werde für meine Liebe kämpfen, solange ich atme, und Hasto soll morgen nicht von mir gehen, ohne klar zu wissen, wie alles steht. Den Bries des Vaters werde ich ihm geben, aber sagen will ich ihm dabei, daß mein Herz sein bleibt, wenn ich mich auch nicht seine Braut nennen darf. Im Geiste bin ich ihm zur Seite im Kampf und in Gefahren. DaS kann mir kein Machtgebot wehren."
Ihre Wangen glühten und aus den Braunaugen strahlte ein Glanz so warm, so seelenvoll, wie Alex ihn noch nie hatte aufleuchten sehen.
Er hätte diesen Haffo, über den er sich so weit erhaben
dünkte, beneiden können um diese Liebe, trotzdem sie nie zu einem Besitz führen konnte.
Ursula ging an ihm vorüber, der Tür zu.
„Wo willst du hin?" fragte er.
„Ich will dem Vater schreiben."
Ehe sie hinauSging, wandte sie sich noch einmal um. „WaS habt ihr entschieden? Soll mein letztes Zusammensein mit Hasso hier stattfinden, oder in Rauschebach?"
Alex sah sie finster an.
„Wenn du eS denn nicht anders tust, Ursula, so wird wenigstens der äußere Schein besser gewahrt, wenn Herr MartenS hier zu dir kommt, als umgekehrt. Nur muß ich darauf bestehen, daß die Unterredung nicht allzuviel Zeit in Anspruch nimmt, sonst könnte es doch vielleicht sein, daß die Sache nicht ganz mit deinem Wappenspruch überein» stimmte."
„Fürchte nichts", antwortete sie stolz, „ich werde allezeit eingedenk bleiben, was ich vor meinem Gott verantworten kann, und waS ich meinem Vater schuldig bin."
Erhobenen Hauptes verließ sie das Zimmer. Als sie aber ihre Stube erreicht hatte, brach ihre Kraft zusammen. Unaufhaltsam stürzten die Tränen auS ihren Augen, und in heißem Ringen flehte sie zu Gott um Kraft und Durchhülse.
Dann ermannte sie sich. In fliegender Hast schrieb sie ein paar Worte auf, klingelte nach ihrem Mädchen und übergab ihr daS Blatt mit der Weisung, daS Telegramm sofort und persönlich zu besorgen.
E- war eine Depesche an ihren Bruder. „Komm, ich brauche dich. Ursul." stand darin.
5. Kapitel.
Am anderen Tage in der Vormittag-stunde fuhr Hasso in Klenkendorf vor. Der Diener hatte Weisung erhalten, Herrn MartenS gleich in daS Wohnzimmer zu führen.
Nicht Ursula, sondern Frau v. Eschenbron empfing ihn dort. Kühl und zurückhaltend, aber mehr noch scheu und verlegen war ihre Begrüßung.
„Meine Nichte wünscht Ihnen einige Aufklärungen zu geben" sagte sie. „Dort im Blumenzimmer werden Sie sie finden."
Haffo verbeugte sich und folgte stumm der Weisung. Auf der Schwelle zum Blumenzimmer trat ihm Ursula entgegen.
Wie schön sie war, aber auch wie erschrecklich blaß.
„Geliebte I"
Alle Innigkeit, die das Wort umfaßt, hatte Hasso in den Ruf gelegt.
Sie streckte ihm ihre beiden Hände entgegen. „Ja, die werde ich bleiben, bis dir oder mir das Herz im Leibe bricht."
(Fortsetzung folgt.)
Vermischtes.
— Hamburg, 16. Juli. Durch Umfallen eines Gewehrs auf den Schießständen gelegentlich eines Konkurrenzschießens verunglückte der Schütze Kaufmann Schmidt aus Jebensee bei Erfurt. Der Schuß ging durch den Hals und die linke Brust und halte den sofortigen Tod des Schützen zur Folge.
— Stendal, 16. Juli. Heute früh P/s Uhr faud man den Fahnenjunker v. Zeuner vom hiesigen Husaren- regiment, der noch gestern abend mit mehreren Offizieren im Kasino gesessen, dann ein Casee besucht hatte und gegen 1 Uhr in seine Wohnung in der Nähe der Kaserne zurückgekehrt war, vollständig entkleidet im Bette liegend tot vor. Die Leiche wies eine Schußwunde hinter dem linken Ohr auf. Die Kugel war durch daS Gehirn geschlagen und am Kops oben wieder herausgekommen. Auf dem Korridor stand vollständig entkleidet der Einjährige Baumgart, dessen Wohnung sich aus der linken Seite des Korridors befindet. Ein Selbstmord erscheint ausgeschlossen, Baumgart wurde verhaftet.
— (Siebzehnmal verheiratet.) Johnsohn, alias John Madson, ein sehniger, brünetter Mann von 55 Jahren, der vor einigen Tagen in New Dork wegen mehrfacher Ehe zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, hat, ehe er seine Strase antrat, ein eigenartiges Dokument veröffentlicht, das psychologisch sehr interessant ist. Er zählt darin die Namen von 17 Frauen auf, die er seit dem Jahre 1905 geheiratet und verlassen hat. Von jeder hat er durchschnittlich 2000 bis 10,000 Mk. erschwindelt, und in jedem Falle hat er seine „Frau" in dem Moment verlassen, in dem er das Geld hatte, um eine neue „Ehe" einzugehen. „Natürlich" — so schreibt er in seinem Geständnis — „kann ich mich der Namen aller von mir betrogenen Frauen nicht entsinnen. Wenn ich Geld von einer erhalten konnte, ohne sie gleich auch noch heiraten zu müssen, so habe ich diesen Modus stets vorgezogen." Und dann weiter: „Frauen sind Narren. Kommt ein Mann und sagt ihnen Artigkeiten, dann lächeln und scharwänzeln sie, bis der arme Kerl aus reinem Mitleid um ihre Hand anhält." Seine Ersolge motiviert Johnsohn Wie folgt: „Ich bin kein Hypnotiseur; aber wenn ich mit einer Frau ein paarmal gesprochen habe, dann weiß ich schon, wie sie zu behandeln ist. Die Frauen, die ich kennen gelernt habe, verliebten sich in mich gewöhnlich nach unserer zweiten oder dritten Zusammenkunft. Ich fand, daß eS sich kaum lohne, sie allzu zart zu behandeln. Im Gegenteil; verhält sich der Mann ein wenig kalt und sogar abstoßend, dann kommen sie schon ganz von selbst. Gefiel mir eine Frau wirklich, so war eS mir stets ein leichte-, sie in mich verliebt zu machen. Ich kann den Frauen nur raten: Laßt euch nicht auf Heiratsagenten ein. Ihr wißt nie, wen ihr treffen könnt. Meine Frauen haben zum Beispiel — mich getroffen."
Druck und Verlag von Ludwig Funks Buchdruckerei, HerSfeld. Verantwortlicher Redakteur Friedrich Funk in HerSfeld.