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herrfelder Kreisblatt

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Fernsprech-Nnschlutz Nr. 8

Nr. 73.

Donnerstag, den 24. Juni

1909.

Reichstag.

Im Reichstage stehen einstweilen die Beschlüsse der konservativ-klerikalen Mehrheit der Finanzkommission zur Spezialberatung. Zunächst hat man die Kotierungssteuer, die Besteuerung auf Wertpapiere, vorgcnommen; die ver­gangenen Sonnabend begonnene Diskussion hierüber füllte auch noch die gesamte MontagSsitzung auS, doch kam es an diesem Tage noch zu keiner Abstimmung. In der Montags­debatte erklärte der konservative Abgeordnete Dr. Roestcke noch­mals, daß seine Partei die Erbschaftssteuer unbedingt ablchne und trat dann der längeren für die Kotierungssteuer ein. Auch Abg. Müller-Fulda vom Zentrum plädierte für dies Steuerprojekt, die Notwendigkeit einer geeigneten Heranziehung deS mobilen Kapitales bei der Finanzreform betonend. Abg. Kaemps, der freisinnige zweite Vizepräsident des Hauses, Ver- warf mit aller Entschiedenheit die KotierungSsteuer und er­mähnte zugleich die Regierung, im Kampse um die Erb­schaftssteuer fest zu bleiben. Weiter ließ sich aus dem Hause noch der Sozialdemokrat Frank vernehmen, er wandte sich ebensallS natürlich gegen die Steuerpolitik der Konservativen und sprach die Hoffnung auS, daß eS mit derAgrarierherr- schaft" bald zu Ende sein werde. Regierungsseitig griffen ReichSschatzsekretär Sydow und Reichsbankpräsident Havenstein in die MontagSverhandlung ein. Ersterer ging schaff gegen daS Kotierung-steuerprojekt vor, und auch Herr Havenstein unterzog ei einer sehr abfälligen Kritik, hierbei aus die allge­meine volkswirtschaftliche Schädigung hinweisend, welche die Einführung der KotierungSsteuer zur Folge haben würde.

W Am Dienstag wurde die Beratung der Reichsfinanzresorm durch kleinere Vorlagen unterbrochen. Das Haus erledigte zunächst eine Anzahl von Petitionen, die die Kommission für ungeeignet zur Erörterung im Plenum erachtet hatte, und trat dann in die erste Beratung 'deS GesetzeS betreffend die Verrechnung, Prüfung und Kontrolle der in den Rechnungs­jahren 1903/07 aus Anlaß deS Eingeborenenausstandes in Südwestasrika geleisteten Ausgaben ein. Dabei holte sich der sozialdemokratische Abgeordnete Noske einen Ordnungsruf, weil er sagte, die Vorlage beweise, mit welcher Schlamperei die Gelder des Reiche- verwirtschaftet werden kann. Nach einer Erwiderung deS Staatssekretärs Dernburg wird der Entwurf der Rechnungskommission überwiesen. Der Nach- tragsetat für 1909 (Verkauf des Tempelhofer Feldes) geht ohne Debatte an die Budgetkommission. Gleichfalls debatte- los wird die Novelle zum Schankgesäßgesetz erledigt, diese ohne Ueberweisung an eine Kommission. Daraus wird die Beratung der Kotierungssteuer fortgesetzt mit einer Rede deS Abg. Freiherr» v. Gamp (Rp).

Die Finanzkommission deS Reichstags hielt heute vor­mittag um 10 Uhr ihre erste Sitzung zur Beratung der von der Regierung vorgelegten Ersatzsteuern ab. Zunächst wurde die Erbschaftssteuer zur Diskussion gestellt, und zwar wurde auf Antrag Singer (Soz.) mit § 9 (Betrag der Steuer) begonnen.

Der Pflicht getreu.

Von A. v. Liliencron.

(Fortsetzung.)

Ursula sah ihnen triumphierend nach, und triumphierend lachte sie jetzt auch Alex an, der eben auS dem Hause kam und erklärte, der Onkel fei wirklich nicht zu finden.

Natürlich, weil ich ihm schon den jungen MartenS gebracht habe, und er mit ihm in der Gartenstube sitzt."

Also hat der Vater ihn doch vorgelassen?"

Ich hab- ihm abgeschmeichelt."

DaS Mädchen sah sehr stolz aus, aber auch sehr glücklich über ihren Sieg.

Weiß der Kuckuck! Du setzt durch, wat kein anderer zuwege brächte."

Die Worte waren so ärgerlich gesprochen, daß sie mehr nach einem Vorwurs, al» nach einer Schmeichelei klangen.

Ursula kümmerte daS nicht, sie setzte sich auf die Garten­bank, brach einen Zweig von dem Akazienbaum und zupfte langsam ein Blatt nach dem anderen ab, während sie halblaut vor sich hinflüsterte.

Was murmelst du da eigentlich, Prinzeßchen?" erkundigte er sich.

Sie machte ein sehr ehrbare» Gesicht, nur auS den Braun- augen blinzelte der Schalk.

Wenn du einmal älter geworden bist, kann man mit dir über solche Dinge sprechen", sagte sie.Jetzt nützt daS nicht-, denn du begreifst daS absolut nicht."

Ursula!" unterbrach sie der Vetter heftig,heute treibst du's zu arg!"

Sie fuhr in demselben gesetzten Tone fort:Bitte, es ist etwas sehr Kluge», was ich sage, denn genau so hast du zu mir gesprochen, gerade al» der junge Hasso Mariens kam!"

Alex gab ihr keine Antwort, er war jetzt zu ärgerlich, um sich weiter mit ihr einzulassen, und zog ein Buch auS der Tasche, in da» er sich anscheinend vertiefte.

zu dem AbänderungSantrage der Abgg. Gamp, Dr. David und Raab Vorlagen. Frhr. von Gamp machte die Zu­stimmung seiner Freunde zu der Vorlage von der Abnahme verschiedener Verbesserungsvorschläge abhängig. Er begründet seinen Antrag, in § 9 die Steuersätze herabzusetzen, so daß die Erhebung von 4 Prozent nicht schon, wie der Entwurf will, bei 750 000 Mark, sondern erst bei 1 Million eintritt Dr. David (Soz.) dagegen begründet einen Antrag aus Er­höhung der Sätze. Er will nicht mit 1 Prozent, sondern mit iVo Prozent beginnen. Schließlich wurde der entscheidende Paragraph 9a der Erbanfallsteuer mit 14 Stimmen der Konservativen, des Zentrums und der Polen gegen 14 Stimmen abgelehnt. Auch alle AbänderungSanträge wurden abgelehnt. Im weiteren Verlaus der Sitzung wurden die einzelnen Be­stimmungen der Regierungsvorlage und alle Abänderungs­vorschläge abgelehnt, ebenso eine nationalliberale Reff' auf Abänderung der Ausführung-bestimmungen. SonalfJ Gesamtabstimmung wurde, nachdem von den Sozialdemokraten Widerspruch erhoben worden war, abgesehen.

Aus ]n- und Ausland

Berlin, den 22. Juni 1909.

Von Sr. Majestät d e m K a i s e r ist aus ein von dem Deutsch-Russischen Verein, der am Tage der Zusammen- kunst mit dem Kaiser von Rußland, am 17. d. M., seine 11. Generalversammlung abhielt, abgesandtes HuldigungS- telegramm nachstehende Depesche eingegangen:Sc. Majestät der Kaiser und König lassen für das Huldigung-telegramm des Deutsch-Russischen Verein- zu; Pflege der gegenseitigen Handelsbeziehungen, da» ihm bei Rückkehr auf hoher See zu­gegangen, bestens danken. Ee. Majestät sind der Zuversicht, daß feine Begegnung mit Sr. Majestät dem Kaiser von Ruß­land wie der Wahrung des Friedens so auch der Festigung der freundlichen Beziehungen und deS Handelsverkehr» förder­lich fein wird. Staatssekretär Freiherr v. Schön."

Nachdem Se. Majestät der Kaiser gestern nach­mittag um 3Va Uhr vom Frühstück bei dem Bürgermeister Dr. Burchard an dem außer den schon genannten Herren auch der kommandierende General deS 9. Armeekorps, General der Kavallerie Frhr. v. Vietinghof, Generaldirektor Ballin und der Vorsitzende der Handelskammer Max Schinckel teil- genommen hatten aus die Dpiranga zurückgekehrt war, machte diese los und verließ um 4 Uhr den Hasen von Hamburg elbabwärts. Um 9 Uhr 30 Min. traf die Dpiranga, glänzend illuminiert, unter dem Salut des Forts in Kuxhaven ein und machte am Kai fest. Auch die Landungs­stelle war festlich erleuchtet. Zahlreiches Publikum brächte Sr. Majestät dem Kaiser, der Sich auf Deck zeigte, lebhafte Hoch­rufe dar. Die Hohenzollern ist au» Kiel in Kuxhaven ein- getroffen und liegt ebenfalls am Kai. Das Wetter war regnerisch. Ihre Majestät die Kaiserin ist gestern nachmittag

Da öffnete sich die Glastür, und Hasso trat heraus. Er sah außerordentlich blaß aus, und die starken Brauen, die dem jungen Gesicht etwas so Charakteristisches gaben, waren finster zusammengezogen.

Der Onkel ist häßlich zu ihm gewesen, daS ist schlecht von ihm", dachte Ursula,dafür will ich ihm aber etwa» zu­liebe tun. Ganz gewiß, das will ich."

Hasso lüftete den Hut zum Gruß und trat an sein Pferd, daS der Reitknecht vorführte.

Alex hatte in lässiger Weise gedankt, ohne sich zu erheben. Empört sprang Ursula auf und stand im selben Augenblick neben Hasso.

Herr Mariens, ich wollte ..."

Ja, was wollte sie denn eigentlich? Ihm etwas Lieber antun? Das konnte sie ihm doch unmöglich so unverblümt sagen I

Sie stockte und wurde rot, als sie Alex' halb spöttischen, halb ärgerlichen Blick gewahrte. Aber sie gehörte nicht zu den Naturen, die sich leicht abschrecken lassen, und so fand sie auch jetzt rasch genug einen AuSweg. Sie brach eine der dunkel­roten Rosen und hielt sie ihm mit einem herzgewinnenden Lächeln hin.

Sehen Sie, das wollte ich. Ihnen für Ihren Vater eine der Rosen mitgeben, die Sie vorhin so bewunderten."

Diese warme Freundlichkeit in dem Augenblicke, wo er sich durch Eschenbrons kühle Haltung und Alex' Benehmen tief verletzt fühlte, tat Hasso unendlich wohl.

Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen", sagte er leise.

Sie sahen sich an, ernster und tiefer, alk el für gewöhnlich eine so kurze Bekanntschaft mit sich bringt. In Ursulas Augen lag herzliche» Mitempfinden, in den seinen Dankbarkeit und Bewunderung.

Alex fing diesen Blick aus.

Ihr Schimmel wird ungeduldig", erinnerte er.

Hasso verbeugte sich, sprang in den Sattel und trabte vom Hofe.

Ursula sah ihm nach, dann ging sie in da» HauS hinein, ohne sich um den Vetter zu küminern.

1 Uhr vom Dammtorbahnhos in Hamburg mittels SonderzugeS nach Berlin abgereist. Zur Verabschiedung hatten sich am Bahnhof Bürgermeister O'Swald und der preußische Gesandte Gras Götzen mit Gemahlin eingesunden. Abends 6 Uhr 20 Min. ist Ihre Majestät in Wildpark eingetroffen und hat Sich nach dem Neuen Palais begeben.

DieUeoerführung d e S Reichslustschisset Z. 1" nach Metz erfolgt, da daS zur Uebcrsührung be­stimmte militärische Personal unter Leitung deS Major» Sperling nicht eher in Friedrich-Hasen eintreffen wird, voraus­sichtlich am Donnerstag, jedenfalls noch in dieser Woche. Dat Luftschiff liegt flugbereit in der Zelthalle. Die Besatzung bei der Uebersührung wird ausschließlich auS Militärpersonen be­stehen. Da das Luftschiff in den 24 militärischen Ausstiegen, die ei im Frühjahr unternommen hat, seine Brauchbarkeit er- u '"len hat, werden Probeausstiege vorher nicht mehr erfolgen.

/Fahrt nach Metz wird auS ZweckmäßigkeitSgründen in den Abendstunden angetreten werden. Sie wird etwa 13 Stunden dauern, und, wie im August vorigen Jahre» die Fernfahrt nach Main^ möglichst den Lauf bei Rheine» ent­lang gehen.

Am 21. Juni beging Großadmiral vonKoester in Kiel die fünfzigjährige Wiederkehr bei TageS, an dem er als Kadettaspirant in die Königlich Preußische Marine ein« getreten ist. Dem Jubilar gingen auS diesem Anlässe zahl­reiche Glückwünsche zu. Prinz und Prinzessin Heinrich von Preußen und die im Automobil eingetroffene Kronprinzessin von Griechenland erschienen persönlich in der Villa bei Groß- admiralS zur Beglückwünschung. Prinz Heinrich überreichte bei seinem Glückwunschbesuch dem Großadmiral von Koester eine Kabinettsorder, durch welche dem Jubilar die Brillanten zum Schwarzen Adlerordc.. verliehen werden.

Die Königin von Spanien ist am Dienstag früh 6 Uhr 25 Minuten auf Schloß La Frenya von einer Tochter entbunden worden. Der am 31. Mai 1906 geschlossenen Ehe bei KönigS AlsonS XIIl. und der Prinzessin Viktoria Eugenia von Battenberg, Nichte bei KönigS Eduard VII. von England sind schon zwei Söhne entsprossen: Der am 10. Mar 1907 geborene Jnfant Alsonso, der als Thronsolgrr Prinz von Asturien heißt, und der am 23. Juni 1908 ge­borene Prinz Jaime. König AlsonS hat am 17. Mai daS 23. Lebensjahr vollendet, die jugendliche Müller ist am 24. Oktober 1887 geboren, steht mithin jetzt im 22. Lebens­jahre.

Von der englischen Luftflotte wird auS London gemeldet: Du Cros, Mitglied deS Unterhauses und Sekretär des parlamentarischen LuftverteidigungskomiteeS, widerspricht in einem heutigen Morgenblatte den gestrigen Ausführungen der Morning Post, daß für daS Lustverteidigungswesen in England bisher nichts getan worden sei. Im Anschluß an die Versuche im AuSlande und vor den englischen Armee- und Marinesachverständigen sei bereit» angeordnet worden, daß noch vor Schluß der parlamentarischen Effsion ein Ver-

Einige Tage später, alS Hasso mit seinem Vater den ab­geholzten Hügel hinter dem Park Herunterschritt, fuhr unten auf der Landstraße ein leichter offener Wagen.

DaS sind die Klenkendorsschen Schecken",- erklärte Hasso,und daS muß Ursula Hagenow sein, die die Schecken fährt. Solch Goldhaar hat sonst kein Mensch auf der Welt."

Zu anderen Zeiten und unter anderen Verhältnissen hätten diese Worte dem Vater ein Lächeln entlockt, jetzt bewegten sie ihn schmerzlich. Auch er hatte einst solch schimmerndes Haar gekannt und gemeint, daß es aus der Welt kein Mädchen geben könnte, da» sich mit der goldlockigen Elisabeth ver­gleichen ließe. Wie ein Blitz durchschoß ihn der Gedanke: Gott behüte den Jungen vor ähnlichen Seelenkämpfen, wie ich sie durchgemacht habe.

Da sah er, daß die junge Roffelenkerin ihre Schecken anhielt, leichtsüßig aus dem Wagen sprang und auf sie zukam.

Die Herren gingen ihr rasch entgegen.

Ich habe Ihnen noch zu danken für die schöne Rose, die Sie mir schickten, mein kleines Fräulein", sagte Wolf und be­grüßte sie.

Wie sie ihn an ihre Mutter erinnerte! In den Zügen, in den Bewegungen und jetzt auch durch den Ton der Stimme, als sie ihm antwortete:Da habe ich also doch recht gehabt wie ich mir dachte, Sie müßten der Herr MartenS sein. Wie gut, daß ich da gleich herauskam, denn wer weiß, ob ich Sie sonst noch einmal sehe."

Und womit kann ich Ihnen dienen, mein kleines Fräulein?"

Sie schüttelte den Kops. Ihre impulsive Natur hatte sie so rasch vorwärts getrieben, jetzt kam eine leichte Befangenheit über sie.

Ich habe dieser Tage immer an Sie denken müssen, immerzu", gestand sie.Er gefiel mir so gut, daß Sie den Menschen nicht» verraten wollten, weil Sie jemand, der jetzt tot ist, versprochen hatten, zu schweigen. DaS warS, weshalb ich Ihnen dir Rosen schickte, und waS ich Ihnen jetzt sagen mußte."