Einzelbild herunterladen
 

Erscheint wöchentlich dreimal und gelangt Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich

1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark, Na

Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein­gespaltenen Seile 10 psg., im amtlichen Teile 20 pfg. Reklamen die Seile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.«»*»^«»

Hersfelder Ureirblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 61. Dienstag, d^ SS. Mai ~ 1S«sI

Amtlicher teil.

Kslizeiversrdnung.

Aus Grund der §§ 5 und 6 der Verordnung vom 20. September 1867 über die Polizeiverwaltung in den neuer­worbenen Landesteilen und des § 143 deS Gesetzes über die allgemeine LandeS-Verwaltung vom 30. Juli 1883 wird mit Zustimmung der Gemeindevertretung für den Gemeindebezirk Rotensee folgende Polizeiverordnung erlassen.

§ 1.

DaS Hemmen ohne Hemmschrauben an Fuhrwerken ist aus sämtlichen Fahrwegen einschließlich der Wendewege (jedoch ausschließlich der ganz steilen Wendewege) in hiesiger Gemarkung verboten.

§ 2.

Das Beschädigen der Wege einschließlich der Wende­wege und Gräben beim Ackern mit Acker-Gerätschaften ist ver­boten.

§ 3.

DaS Verunreinigen der Gräben sowie das Befahren der­selben an den Wegen außer den vorgesehenen Uebersahrten ist verboten.

§ 4.

DaS unbefugte Befahren sämtlicher WirtschaftSwege mit Lastfuhrwerken jeglicher Art ist für alle diejenigen, welche nicht Grundbesitzer in hiesiger Gemarkung sind, verboten.

8 5.

Das Befahren hiesiger Wege von Grundbesitzern anderer Gemarkungen zum Bewirtschaften von Grundstücken der an­grenzenden Gemarkung ist verboten.

§ 6.

Diejenigen Wege, die in dem Prozesse über das Zusommen- legungsverfahren der hiesigen Gemarkung nicht ausdrücklich als Holzabfuhrwege bestimmt sind, dürfen alS solche nicht benutzt werden.

8 7.

DaS Wenden in hiesiger Gemarkung beim Bewirtschasten von Grundstücken der angrenzenden Gemarkung ist für fremde Grundbesitzer verboten.

8 8.

Zuwiderhandlungen gegen vorstehende Polizeiverordnung, welche mit dem Tage der Bekanntmachung in Kraft tritt, werden mit einer Gcldstrase von 1 bis 9 Mk. oder entsprechender Hast bestraft.

Rotensee, am 9. Mai 1909.

* Die Ortspolizeibehörde Reuber.

Der Pflicht getreu.

Von A. v. Liliencron.

(Fortsetzung.)

In den schmalen Laubgängen, durch die sie eilig schritten, herrschte völlige Dunkelheit, und Wolf zog, ohne zu fragen, den Arm des jungen Mädchens durch den seinen.

Ich muß Sie führen", erklärte er.Sie könnten sonst über eine Baumwurzel straucheln."

Schweigend ließ sie e- geschehen und stumm setzten sie ihre Wanderung fort. Bald standen sie in der Lichtung hart am Bache, wo die kleine Pforte aus die Landstraße führte.

Der Mond war aus dem Gewölk hervorgetreten und leuchtete Wolf, daß er ohne Mühe das Schlüsselloch finden konnte.

Mit einem knackenden Geräusche drehte sich der Schlüssel im Schloß. Zugleich fuhren hinter den beiden au- dem Schilf zwei Köpfe heraus und zwei Augenpaare spähten neugierig umher.

ES waren junge Gärtnerburschen, die ihr Vergnügen darin gefunden hatten, sich hier in dem Kahne, der im Schilfe lag, die Zeit zu vertreiben. Nun wollten sie einmal sest- stellen, wer da aus der stets verschlossenen Pforte Hinauk- g'Ng.

Wolf zeigte auf erleuchtete Fenster, die jenseits der Land­straße schimmerten.

Da liegt das Dorf. Sie haben nur noch wenige Schritte. Darf ich Sie noch weiter begleiten?"

Sie schüttelte den Kops.Nein, aber ich danke danke Ihnen l"

Hastig wollte sie davongehen, doch er hielt sie zurück.

Hier nehmen Sie die« Taschenbuch mit, ich fand es im Wohnzimmer. Sicher ist sicher, man kann immer nicht wissen, wie alle« kommt, und das Buch könnte etwas vcr- raten."

nichtamtlicher teil.

Abgeordnetenhaus.

Da« Abgeordnetenhaus beschäftigte sich am Sonnabend mit dem Stempelsteuergesetz, das bekanntlich mit dem von ihm er­hofften Ertrage von 16 Millionen beitragen muß, die Mittel für die erhöhten Gehälter der Beamten auszubringen. An dem Gesetzentwurf selbst hat die Kommission nur geringfügige Aenderungen vorgenommen, dagegen ist der Stempeltarif voll­ständig umgestaltet worden. Insbesondere ist eine Stempel­steuer auf Automaten und Radsahrkarten eingefügt sowie aus die Verleihung gewisser Titel eine weit höhere Steuer gelegt worden. Die Debatte bewegte sich in ruhigen Grenzen. Sie wurde durch den Abg. Freiherrn von Richthosen (kons.) ein­geleitet. Er stellte sich im wesentlichen auf den Standpunkt der Kommission, plädierte für eine staffelweise Ermäßigung deS Stempels bei Jachtpachtverträgen im Interesse der kleineren Besitzer und hielt die Besteuerung der Automaten für geboten, schon zum Besten deS Volk-wohlS.

Reichstag.

In der Finanzkommission des Reichstages hat nunmehr die zweite Lesung der Reichtfinanzreform begonnen und bereits zu Abstimmungen geführt. In ihrer am 21. Mai abgehaltenen Sitzung beschästigte sich die Kommission mit der Bcsitzsteuer, wobei zunächst daS bekannte Besitzsteuerkompromiß aus erster Lesung debatteloS abgelehnt wurde. Dann zog die Kommission die den Namen des Abgeordneten v. Richthosen tragenden neuen konservativen Anträge zur. Bcsitzsteuer in Beratung. Zuerst wurden die beantragten Lrempclsätze für Wertpapiere erörtert und dann gegen die Stimmen der Nationalliberalen und der Freisinnigen unter Stimmenenthaltung der Sozial- demokraten genehmigt. Hieraus erörterte die Kommission in stundenlanger, durch die Mittagspause unterbrochener Debatte die von der Umsatz- und Wertzuwachssteuer bei Immobilien handelnden Bestimmungen des Antrages Richthosen; sie wurden ebenfalls angenommen, allerdings mit mehrfachen Aenderungen. So fand der Abänderungsantrag deS Abgeordneten Böhme (Wirtsch. Vereinig.), welcher auf Befreiung der Grundstücke bis zu 20 000 Mark von der Umsatzsteuer zielt und im übrigen eine Abstusung der Umsatzsteuer vorschlägt, Zustimmung; ferner wurden auf einen Antrag Gamp hin alle in § 14 aus­gesprochenen Steuerbefreiungen des gebundenen Besitzes mit Ausnahme jener der regierenden Häuser gestrichen, und der § 15, welcher die Bundesstaaten und Gemeinden ermäch­tigen will, neben der Umsatzsteuer des Reiches noch Zuschläge bis zu 2 Prozent des Wertes zu erheben, wurde überhaupt abgelehnt.

Am Sonnabend begann in der Finanzkommission des Reichstags die Beratung des ErbschastsstcucrgesctzcS. Eine

Er reichte es ihr und zog dabei zugleich ihre Hand an seine Lippen. Dann gab er sie frei.

Schweigen wie das Grab", sagte er, und daS klang gleich einem Gelübde.

Dank Dank" war die Antwort.

Wie ein Schotten huschte sie nun davon, über die Land­straße fort, den Pfad entlang nach dem Dorfe zu.

Die Arme verschränkt, blieb Wolf am Gitter stehen und versuchte die Dunkelheit zu durchdringen, die ihm so rasch die Gestalt der Geliebten entzogen hatte.

Erst als er annehmen mußte, daß sie längst das Dorf erreicht hatte, kehrte er langsam zum Hause zurück.

Im Boot an der Uferstelle lagen zwei luftige Gesellen auSgestreckt auf dem Boden des Kahnes, versuchten nach Möglichkeit, daS leichte Ding hin und her zu schaukeln, und berieten dabei, wer wohl die Schwarze gewesen sein könnte, die der junge Herr so heimlich hinaus gelassen hatte.

Dazwischen kicherten sie, bliesen auf den Pseifen, die sie aus dem Rohr geschnitten hatten und trieben allerhand närrisches Zeug. Sie genossen eben auch, aber auf ihre eigene Art, den stillen Frühlingsabend.

2. Kapitel.

In Rauschebach hatte die Beerdigung des Gutsherrn statt- gefunben. Die ganze Nachbarschaft war dort versammelt gewesen. Man hatte Wolf MartenS seine Teilnahme ausge­sprochen, und dabei hatte dieser und jener mehr oder weniger unverhohlen den jungen Mann alS zukünstigen Nachbar will­kommen geheißen.

Wolf hatte dann etwa« Unverständliches gemurmelt, daS ähnlich geklungen hatte wie daS muß ich abwarten oder das wird sich erst Herausstellen und der andere war dann über diese halbe Abwehr achtlos fortge­gangen.

Der Tag der Testament-eröffnung kam und brächte völlig überraschende Bestimmungen.

Nicht Wols Mariens war der Erbe von Rauschebach und allem, was drum und dran hing, sondern Bernd von Horn­

Generaldiskussion findet nicht statt. Bei der Abstimmung über die §§ 1 und 2, die lediglich technische, nicht steuerliche Verbesserungen enthalten, stimmten Konservative, Zentrum und Wirtschaftliche Vereinigung dagegen, so daß sie abge­lehnt wurde.

Abg. Freiherr von Gamp (Rp.) fragt an, welches Interesse die Mehrheit habe, diese technischen Verbesserungen abzulehnen. Abg. Herold (Zentr.) erwidert, diese seien so unbedeutend, daß eS sich nicht lohne, ein eigenes Gesetz zu machen. Staats­sekretär Sydow: Die Vorlage sei ursprünglich nur bestimmt gewesen, das geltende Erbschasts- mit dem neuen Nachlaß- steuergesetz in Einklang zu bringen. Die Kommission habe außerdem eine Reihe von Aenderungen angenommen, die meist Ermäßigungen und daher im Sinne der Regierung keine Verbesserungen enthielten, und andere Beschlüsse wie die Aushebung der Steuerfreiheit deS LandeSherrn, die unannehm­bar feien. Die Verbündeten Regierungen hätten daher an dem Entwurf, wie er jetzt vorliege, kein besondere- Interesse; er habe nur den Wert eines Rahmengesetzes.

In AWMettftreit in grantfurt l M.

Frankjurt a. M., 22. Mai. Seine Majestät der Kaiser richtete heute auS Anlaß bei dritten deutschen Männer- gesang-Wettstreite- folgenden Erlaß an den Oberpräsidenten der Provinz HessenNassau:

Am Schluß der erhebenden Festtage in Frankfurt und Wiesbaden ist es mir ein Bedürfnis, den Einwohnern dieser schönen Städte für den herzlichen und glänzenden Empfang zu danken, der der Kaiserin und mir von allen Seiten der Bevölkerung entgegengebracht worden ist. Die Beweise freunb- licher Gesinnung, die unS überall, nicht zum Mindesten auS den Reihen der Jugend, entgegenklangen, haben unseren Herzen wohlgetan und die Bande gegenseitiger Zuneigung, die uns mit diesem schönen Landesteile und dessen Bewohnern feit langen Jahren verknüpfen, noch fester geschlungen. Mit be­sonderer Anerkennung gedenke ich der musterhaften Ordnung, welche bei dem Zusammenströmen großer Menschenmengen überall herrschte, und freue mich, auch den polizeilichen Organen für die umsichtige Handhabung ihrer schweren Aufgabe meinen Dank aussprechen zu können. Ich ersuche Sie, diesen Erlaß zur allgemeinen Kenntnis zu bringen.

Frankfurt a. M., Festhalle, 22. Mai 1909. Wilhelm I. R.

Frankfurt a. M., 22. Mai. Bei dem dritten Gesang- wettstreit deutscher Männergesangvereine erhielten folgende Vereine Preise:

Die Kaiserkette: Kölner Männergesangverein;

1. Preis: Berliner Lehrergesangverein;

2. Preis: Bonner Liedertafel-Bonn;

3. Preis: Rheinland-Koblenz;

4. Preis: Konkordia-Essen;

5. Preis: Wiesbadener Männergesangverein;

6. Preis: Berliner Süngerüerein;

tal, ein Brudersohn des Verstorbenen, von dem man bis jetzt in der Umgegend so gut wie nichts gehört hatte.

Die letzte Willensäußerung deS alten Herrn Wolf Albrecht von Horntal war vor kurzem niedergeschrieben und lautete: Da ich in Erfahrung gebracht habe, daß der einzige Sohn meines verstorbenen Bruder- Kurt, der ehemalige preußische Referendar Bernd von Horntal, der seinerzeit nach Amerika ging, dort noch lebt, so habe ich ihn hierher gerufen. Heute, nachdem er in die Heimat zurückgckehrt ist, habe ich mit ihm eingehende Rücksprache genommen und bestimme nunmehr, daß mein Rittergut Rauschebach sowie mein Barvermögen an meinen Neffen Bernd von Horntal übergehen soll, dieweil es recht und billig ist, daß der Besitz bei meinem Namen bleibt Mein Neffe Wols Mariens hat zu meinen Lebzeiten von mir empfangen, was ich ihm zukommen lassen kann. Nachdem ich gewillt bin, meinem Neffen Horntal daS Gut zu vermachen, braucht dieser auch daS übrige Geld als Betriebskapital, daher muß mein anderer Neffe Wolf Wartens sich zufrieden erklären mit dem, was er bereits von mir erhielt." Folgte die genaue Benennung der Wertpapiere und eines Barkapitals von dreißigtausend Mark, daS noch angelegt werden sollte.

Diese Bestimmungen gaben der Umgegend viel Stoff zum Reden. Der Landrat war der einzige, der einmal von diesem Brudersohn etwas gehört hatte. Viel Erfreuliches war eS nicht, was da aufgetischt wurde. Er sollte ein leichtlebiger, um nicht zu sagen leichtsinniger Patron gewesen fein und alS Referendar in Berlin gelebt haben. Ganz plötzlich war er da von der Bildfläche verschwunden und Wols Albrecht von Horntal hatte später auf Befragen nur immer geantwortet: Der ist in Amerika verschollen, ist tot. Schade drum, denn wenn der sich nur erst die Hörner abgelaufeu hätte, wärS ein ganz famoser Kerl geworden."

Nun tauchte dieser Verschollene urplötzlich wieder auf und Fama erzählte, daß er mit Absicht jahrelang nichts von sich hatte hören lassen, weil er für seine letzten Angehörigen nicht eher hätte austauchen wollen, bis er sich eine wohlgegründete Existenz geschaffen habe. Das mußte nun wohl so einiger­maßen der Fall fein, denn jedenfalls hatte er wieder von sich hören lassen, die Beziehungen mit dem Onkel von neuem an-