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hersfelder Kreisblatt
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Fernsprech-Änschlutz Nr. 8
Nr. 47.
Donnerstag, den 22. April
1909.
Amtlicher teil.
HerSfeld, den 15. April 1909.
Der Bürgermeister Heinrich Scheer III. zu Motzseld ist am 13. d. Mts. von mir als Standesbeamter und der I. Schöffe Johannes Rüger als Standesbeamter-Stellvertreter für den Standesamtsbezirk Motzfeld eidlich verpflichtet worden.
Der Vorsitzende des Kreisausschusses:
I. A. 2209 II. von Grunelius.
Hersfeld, den 15. April 1909.
Unter Hinweis aus den Erlaß des Herrn Ober-Präsidenten vom 28. Februar 1878 (cfr. die landratSamtliche Verfügung vom 9. März 1878 Nr. 24443, im Kreisblatt Nr. 20, wonach die Abhaltung von Hauskollekten wegen Beschädigungen durch Hageljchlag nicht genehmigt wird, veranlasse ich die Herren Ortsvorstände des Kreises, die Landwirte in ihren Gemeindebezirken hierauf speziell aufmerksam zu machen, und dieselben bei jeder sich darbietenden Gelegenheit auf die Notwendigkeit und Nützlichkeit der Versicherung ihrer Fcldsrüchte gegen Hagelschaden hinzuweisen.
I. I. 3999. Der Königliche Landrat
von Grunelius.
HerSfeld, den 17. April 1909.
Die Herren Bürgermeister des Kreises erinnere ich an die Erledigung meiner Verfügung vom 18. Dezember 1878 I Nr. 12674 Kreisblatt Nr. 102 — betr. verwahrloste Kinder — mit Frist von längstens 8 Tagen.
I. 3392. Der Königliche SünbraL
von Grunelius.
HerSfeld, den 16. April 1909.
Die Ortspolizeibehörden erinnere ich an die Erledigung meiner Verfügung vom 8. Januar 1898 I. Nr. 114 — Kreisblatt Nr. 17 — betreffend Erreichung einer Abschrift des Verzeichnisses über die Anmeldung von Gewerbetreibenden zum Handel mit Drogen und chemischen Präparaten mit Frist von 8 Tagen.
Fehlanzeige ist nicht erforderlich.
J. I. 3998. Der Königliche Landrat.
von GruneliuS,
Hersfeld, den 17. April 1909.
In der Zeit vom April bis November d. JS. wird vom Direktor der landwirtschaftlichen Winterschule in Fulda und vom Landwirtschaftslehrer Herrn Mühlenhöver an jedem Sonnabend und an jedem Viehmarktstage in Fulda von 8—1 Uhr vormittags Sprechstunde im Geschäftszimmer der landwirtschaftlichen Winterschule abgehalten werden.
Während dieser Sprechzeit werden vorbenannte Herren in
Die höhere macht
Novelle von F. S u t a n.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Ein leises Zittern, fast wie ein Schluchzen der Seele, war Lehnerts Antwort auf diese strenge Frage. Ein hochbefähigter Künstler war Lchnert ohne jeden Zweifel und in diesem Augenblick war er ganz Künstler und dachte wohl kaum noch daran, was da vorhin durch seine Leidenschaft geschehen war. AuS der heftigen Tat erwuchs ihm sogar eine neue Kunstidee. In dieser Stunde erschien Heinz Lehnert beneidenswert, bevorzugt vor Tausenden von solchen Menschen, denen die göttliche Gabe deS Kunst-TalentS nicht zu teil geworden und die sich nicht emportragen lassen können über alle Widerwärtigkeiten des Daseins.
Aber wie tief unglücklich konnte sich auch wiederum Heinz fühlen, wenn alles, was er für seine Kunst und Zukunft erhoffte, verloren schien. Mußten danach nicht die Künstler- seelen ganz anders beurteilt werden als die übrigen Menschen. Gaben sie doch auch der Menschheit mehr als andere gewöhn- liche Sterbliche und mußten darum auch mit anderem Maßstab gemessen werden.
Ein großes Gefühl des VerzeihenS erwuchs deshalb auch in Gabrielen aus diesen Gedanken heraus. Nein, man konnte auch Lehnert nicht zürnen, diesem so leicht erregbaren Künstler. Auch Emmy, die immer noch ziemlich fassungslos der neuen Situation gegenüberstand, würde ihn vielleicht noch verstehen lernen. War eS ihm wirklich ernst mit der Idee, auch Emmy mit ihrem Unschuldsblick in Marmor zu verewigen? Heute machte er auf dem Zeichenbogen mit Kreide nur eine flüchtige Skizze über die Statue der Unschuld, die zum ersten Male die Sünde schaut und dann wandte er sich wieder seinem Werke zu, der Statue der lachenden Lebenslust.
ttErst muß dieses Werk vollendet werden, Fräulein Gabriele", rief Heinz, „ich bitte, ein einzig Mal mir noch bei- zustehen."
allen landwirtschaftlichen Fragen unentgeltlich Rat und Auskunft erteilen.
Die Herren Bürgermeister des Kreises ersuche ich, Vor- stehendes in den Gemeinden auf ortsübliche Weise bekannt machen zu lassen.
I. 4096. Der Königliche Landrat.
von Grunelius.
HerSfeld, den 19. April 1909.
Mit Einzahlung der Beiträge zu den Ausgaben der Hess.» Nass. land- und forstwirtschaftlichen BcrusSgenosscnschast für das Kalenderjahr 1908 sind noch mehrere Gemeinden und Gutsbezirke im Rückstände.
Die betr. Herren Bürgermeister und Gut-vorsteher ersuche ich gefälligst, dafür zu sorgen, daß die Einzahlung nunmehr bis spätestens zum 28. d. Mts. bei der Sektiontkasse (KreiSkommunalkasse) hier erfolgt.
Der Vorsitzende des Sekttonsvorstandes:
A. 1719. von Grunelius.
nichtamtlicher teil.
Zer sieg der ^mgiiirken in der Arkei.
Nach den neuesten Nachrichten haben die Jungtürken in der Türkei gegenüber der Reaktion und Anarchie gesiegt, und wenn eS nicht hinterher noch zu blutigen Kämpfen zwischen der Reformpartei und den Anhängern deS Alttürken- tums in Konstantinopel kommt so, dürfte der Sieg der Jung- türkcn ohne große- Blutvergießen errungen worden sein. Das Alttürkentum hatte eben in der Zeit der schweren Krisis keine rechten Führer und seine Anhänger waren führerlose Massen. Seltsamerweise waren auch aus der Umsturzpartei Rufe laut geworden, daß man die Verfassung nicht umstürzen wolle. DaS war aber von Seiten der türkischen Reaktion-Partei offenbar nicht ehrlich gemeint, und jetzt will aus einmal niemand der Urheber der Revolution und Anarchie gewesen sein, und man will in den alttürkischen Kreisen nur für die Rechte deS Sultans und für die Erhaltung deS Scheriatsge- gesetzes gekämpst haben, nach welchem jeder Verbrecher in der mohamedanischen Welt dieselbe Strafe zu erleiden hat, die er seinem Opfer als Verbrechen zugefügt hat. Vom europäischen Standpunkte auS ist der Sieg des JungtürkentumS deshalb erfreulich, weil eS der Sieg der intelligenten und der fort- fchritthch gesinnten Türken ist. Aber die so plötzlich in Kon- stantinopel auSgebrochene Revolution und Anarchie und die gesetzliche Ohnmacht und Wankelmütigkeit deS Sultans lassen die Zukunft der Türkei doch noch in einem sehr trüben Lichte erscheinen, denn die ganzen Vorgänge und Zustände in der Türkei und zumal in Konstantinopel beweisen, daß der tür- kische Fanatismus und die Neigung der Türken mit Hinterlist
Er sah sie an, flehend und bittend und auch wie drohend und Gabriele gehorchte. Sie war momentan wie hypnotisiert von Lehnerts Blick und machte die graziösesten Tanzbeweaunaen mit lächelndem Munde.
Emmy blickte staunend von Gabrielen zu Lehnert und von diesem wieder auf die so anmutig tanzende und lachende Gabriele.
Emmy konnte sich durchaus nicht in die Situation hinein» finden. War es denn ein Traum gewesen, was sie da vorhin gesehen? Und Marianne sollte von dem peinlichen Vor- fall nichts erfahren.
„Also hier steckt Ihr!" vernahm sie da plötzlich hinter sich Mariannens Stimme.
Emmy zuckte zusammen. Ihr war eS, als ob sie ein Unrecht gegen die Schwester begangen hätte oder begehen wollte. Noch nie in ihrem Leben hatte sie Mariannen gegen- über etwas verheimlicht. Zentnerschwer wollte es sich aus ihre Seele legen beim Anblick der Schwester.
„Ach, es wird wieder an der Vollendung der Statue gearbeitet", sagte diese unbefangen.
„Ja Kind, Dein Gatte arbeitet", versetzte Heinz ruhig, „Fräulein Gabriele war so gütig, noch einmal meinen Wünschen nachzukommen, damit daS Werk in dem Geiste, in dem ich eS zuerst empfunden, vollendet werden kann. Nächstens wird aber ein neues Werk begonnen, indem ich Emmys Antlitz verewigen werde."
Das junge Mädchen fah Lehnert bestürzt an. Würde nicht, wenn er wirklich ihr erschrockenes Gesicht modellierte, der Schleier deS Geheimnisses gelüstet, daS gerade vor Marianne behütet werden sollte!
„Ach, daS ist ja Unsinn, Heinz", rief daher Emmy abwehrend. „AuS dem neuen Kunstwerke wird nichts. Ich habe keine Zeit, Dir Modell zu stehen und mein Gesicht ist ein so gewöhnliche-, daS eignet sich überhaupt nicht für Deine Kunstidee."
„Nun, daS zu beurteilen überlaß doch bitte mir!" rief der Künstler gereizt. „Ich weiß schon, waS ich will, und ich sah in Deinem Antlitz, Emmy, ein großes seelische- Ereignis und da- muß ich in Marmor meißeln."
und Gewalt versuchte Reformen über den Haufen zu stoßen noch sehr groß ist, und wenn man die jüngste Revolution in Konstantinopel nicht als ein halbverrücktes Possenspiel hin- stellen will, so werden die Jungtürken doch wohl mit einem eisernen Besen in Konstantinopel kehren und die heimtückischen Träger des alttürkischen Regimentes beseitigen müssen. Es ist ja immer die große Sünde der herrschenden Klassen in der Türkei gewesen, Reformen zu versprechen, aber sie nicht zu halten, also in der Politik und in den Fragen der Humanität und de» Fortschritte- mit Hinterlist und Lug und Trug zu arbeiten. Solchen Elementen in der Umgebung des Sultans können schwere Strasen angesichts des Unheils, daß sie jetzt wieder über die Türkei gebracht haben, nicht- schaden, und es ist sogar möglich, daß der Sultan Abdul Hamid auch zur Abdankung gezwungen oder sonst beseitigt wird, da man den Gedanken nicht loS werden kann, daß mit seiner Einwilligung die Alttürken den Jungtürken in den Rücken gefallen sind und doch wohl die Verfassung umstürzen wollten. Der Sieg des JungtürkentumS und die Bestrafung der Reaktion vermögen aber allein die Türkei noch lange nicht vom Untergänge zu erretten, denn die schweren Gegensätze im Reiche des Sultan- können den Moment aus- neue zu Revolutionen und Gcgen- revolutionen treiben. Möglich ist die Errettung der Türkei vom politischen Bankerott nur dadurch, daß da« Jungtürken- tum durch alle Anhänger einer ernsten Resorm in der Türkei so gestärk wird, daß wirklich ein ganz neues Staat-wesen emporblühen kann. Das bleibt aber die große Frage der Zukunft der europäischen Türkei und das ist zugleich die große Schicksalsfrage für die ganze mohamedanische Welt.
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Dix wildesten Gerüchte waren auch gestern wieder in Konstantinopel im Umlauf. Bald heißt es, der Sultan bereite unter Mitwirkung der Regierung, ja der jungtürkischen Führer seine Abdankung vor, bald soll er heimlich aus der Hauptstadt geflüchtet sein, bald den Schutz der fremden Mächte angerufen haben. Die Wahrheit ist in diesem Augenblick nicht festzustellen, man steht nur vor der Tatsache, daß die Führer der jungtürkischen Operationsarmee unbestrittene Herren der Lage und offenbar imstande sind, dem Sultan ihren Willen auszuzwingen. Von ihren unmittelbar bevorstehenden Entschließungen wird also dar fernere Schicksal Abdul Hamids abhängen. Die Situation am frühen Morgen deS gestrigen Tage- kennzeichnet die nachstehende Meldung :
Per a, 20. April. Die Anmarscharmee schob heute nacht ihre Avantgarde bis Kiathane vor, so daß Konstantinopel nunmehr fast eingetreift ist. In Spartakule treffen jetzt Militär- zöge in Abständen von vier Stunden ein. Die 17. Saloniki- jäger haben sich heut nacht ohne Schwertstreich der Patronen- sabrik und Pulvermagazine von Zejtounbournou bemächtigt. Die ganze Vorhut steht nunmehr unter dem Oberbefehl Pertew- Paschas. DaS Zentmm der Aktion für den Anmarsch ist jetzt San Stephano, von wo Eklaireurs bereits nach Daud-
Lehnert sprach diese Worte so ernst, daß alle davon betroffen wurden.
„Tue doch Heinz den Willen, Emmy, ich werde Deine häuslichen Arbeiten übernehmen", sagte jetzt Marianne lächelnd. „Als Schwägerin eine- Künstler- wirst Du eS doch begreiflich finden, daß der Musendienst allem anderen vorangeht. Welch eine neue Idee hast Du denn?"
Fragend aber auch forschend blickte Marianne in daS erregte Gesicht deS Gatten. Ach, sie kannte sie so genau, diese von Leidenschaften bewegten Züge, sie sah eS wohl, daß heftige Empfindungen über Lehnerts Gesicht zogen, gleich einem Gewittersturm, daß seine Ruhe und Unbefangenheit jetzt nur erkünstelt und erzwungen war.
WaS war denn geschehen? So fragte sich Marianne und ihr Argwohn und Spürsinn wurden rege. Ihr forschender Blick streifte auch Gabrielen.
Diese hatte sich inzwischen dem Fenster zugewandt und starrte hinaus in daS Walde-grün, Gabriele hatte viel jetzt zu verbergen, denn ein todestrauriger, fast verzweifelter Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, da- soeben noch so herrlich und anmutig gelacht hatte.
Heinz ergriff aber jetzt energisch daS Wort.
„Der UnschuldSblick Deiner Schwester begeisterte mich", sagte er ruhig, „aber wenn sie keine Lust hat, mir Modell zu stehen, verzichte ich. Wer weiß auch, ob sie noch einmal so blicken kann wie vorhin."
Dann wurde Lehnert wieder unheimlich erregt, er blickte düster, leidenschaftlich um sich und eine dunkelrste Blutwelle stieg plötzlich in sein Gesicht. Beinahe hätte er Mariannen selbst alles verraten. Solch ein seltsamer Mensch war Lehnert. Nur mit Mühe beherrschte er sich endlich.
„Vorhin blickte Emmy so seltsam", fragte Marianne aber doch, „gab eS da etwas besonderes zu sehen?"
Wieder stieg die Röte in ihre- Manne- Anllitz. Ein böser Verdacht wollte in ihr auffteigen.
Heinz biß sich, ärgerlich darüber, daß er sich nicht beherrschen konnte, auf die Lippen.
„Etwa- besondere- war nicht zu sehen, ich war nur