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hersfelder Kreisblatt

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Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 40. Sonnabend, den 3. April 1909.

Amtlicher tol

HerSseld, den 27. März 1909.

An den Gewässern im hiesigen Kreise sind infolge deS HochwasserS im vorigen Monat verschiedentlich Userbeschädi­gungen entstanden, zu deren Wiederherstellung die anliegenden Grundbesitzer auf Grund der einschlägigen Bestimmungen der Kurhessischen Wasserbau-Ordnung vom 31. Dezember 1824 verpflichtet sind.

Die Herren Bürgermeister ersuche ich, alrbald festzustellen, an welchen Stellen an den Gewässern, die die Gemarkung durchstießen, Userschäden vorgekommen sind. Diese sind mir unter Angabe der Namen der zu ihrer Wiederherstellung ver­pflichteten Anlieger binnen 14 Tagen anzuzeigen.

I. 2652. II. Der Königliche Landrat.

I. V.: Fellinger, Regierungr-Referendar.

HerSseld, den 26. März 1909.

Den Ortspolizeibehörden der Kreiset teile ich mit, daß in Zukunft die durch meine Verfügung vom 14. Februar 1893 I. I. Nr. 2205 Kreisblatt Nr. 46 (Verf. vom 24.11. 08. I. Nr. 11915 Kreis blatt Nr. 141) angeorbneten polizeilichen Revisionen der Maße und Gewichte i n G e - meinschaft mit den Gendarmen vierteljährlich vor- zunehmen sind.

Letztere sind auch von mir angewiesen worden, mir daS ErgebniS der stattgehabten Revisionen bit zum 15. November j. I». nach dem vorgeschriebenen Formular mitzuteilen. Da­durch erübrigt sich ein Bericht der Orttpolizeibehörden.

Die Formulare, welche in der Funk'schen Buchdruckerei hier erhältlich sind, haben die Gemeinden den Gendarmen zu liefern.

I. 3192. Der Königliche Landrat.

I. V.: Fellinger, RegierungS-Reserendar.

Gefundene Gegenkunde.

Ein Portemonaie mit Inhalt. Meldung deS Eigentümers bei dem OrtSvorstand in Rohrbach.

nichtamtlicher tol.

Politischer Wochenbericht.

Im Vordergründe unseres Wochenberichts muß diesmal die großzügige Rede detReichSkanzlerS Fürsten B ü l o w im Reichstage über die internationale Politik stehen. Sensationelle Ueberraschungen hat sie, wie nicht anders zu erwarten war, nicht gebracht, wohl aber voll­ständige Klarheit über die großen Hauptfragen der inter- nationalen Politik. Mit unverkennbarer Wärme sprach er den Wunsch der Erhaltung guter Beziehungen zwischen der englischen und deutschen Nation aus, deren enge Verbindung durch wirtschaftliche Wechselbeziehungen er durch beredte Zahlen eingehend belegte. An zweiter Stelle begründete er daS deutsch-französische Marokko-Abkommen, das er als Aus­fluß einer offenen, klaren, geraden Politik Deutschlands seinem westlichen Nachbar gegenüber kennzeichnete. Der Hauptinhalt der Kanzlerrede beschäftigte sich aber naturgemäß mit der Balkankrise und der Rolle, welche die deutsche Politik darin gespielt habe. Der Kern der Ausführungen des Reichs­kanzlers über diese Frage war der, daß wir durch treue Unter­stützung Oesterreichs nicht bloß unsere Bundespflicht in vollstem Umfange erfüllten, sondern auch unseren eigenen Interessen ebenso wie der Sache det europäischen FriedenS den besten Dienst geleistet haben. Die Rede deS Reichskanzlers, die schon während ihres Verlauss von spontanen Kundgebungen der Zustimmung begleitet worden war, fand am Schluß den einmütigen lebhaften Beifall aller bürgerlichen Parteien.

Die nachgerade brennend gewordene Angelegenheit der Reichssinanzresorm ist leider im Reichstage noch keinen Schritt vorwärts gekommen. Länger als vier Monate ist bereits darüber beraten worden, aber waS bei diesen Be­ratungen herausgekommen ist, ist so viel wie nicht-, und noch immer ist man auf dem alten Fleck. Dieser Ver­schleppen der ReichSfinanzreform, die geradezu eine Lebens­frage für unser Vaterland geworden ist, muß jeden Vater- landssreund mit schwerer Sorge ersüllcn, und dieser Sorge hat ein Aufruf Ausdruck gegeben, den eine große Anzahl der bedeutendsten Männer der Wissenschaft und Praxis aus den verschiedensten Berufen, au- Stadt und Land an den Reichs­tag gerichtet hat, doch endlich mit festem Entschluß der Finanznot ein Ende zu machen und zu einer Einigung mit den Regierungen über die Finänzreform zu gelangen. Der Ausruf ist ein bewegter Ausdruck der schweren Sorge der VaterlandSfreunde, die nicht verstehen können, daß daS Interesse der Parteien und wirtschaftlichen Gruppen dem Wohle des Vaterlandes vorangehen soll. Möge der ernste Mahnruf bei den Reich-boten nicht ungehört verhallen!

DaS Ende deS ö st errei ch i s ch - ser b is ch e n Konflikts durch daS Einschreiten der Mächte ist die Signatur der auswärtigen Politik in der abgelaufenen Woche. In einer gemeinsamen Note, deren Inhalt auch Oesterreich befriedigt, und welche die Anerkennung der Einverleibung BoSnienS und der Herzegowina in sich schließt, haben die europäischen Mächte in Serbien Vorstellungen gemacht und eine an Oesterreich-Ungarn abzugebende Erklärung zur An­nahme empfohlen. Erfreulicherweise hat Serbien auch den Rat der Mächte befolgt und in Wien eine Note überreichen lassen, derzusolge es die Annexion BoSniens und der Herze­gowina anerkennen will, sich zu einer freundnachbarlichen Haltung und dazu verpflichtet, sein Heer zu demobilisieren sowie die Bildung irregulärer Banden zu verhindern. Daß der HauptkricgStreiber, der bisherige Kronprinz, keine offizielle Stellung mehr hat, kann vielleicht auch beruhigend wirken. So haben sich die drohenden Gewitterwolken verzogen, ohne daß es zu einer Entladung des Gewölle» gekommen ist, dazu hat vor allem die Politik Deutschlands beigetragen, was auch in der österreichischen Presse rückhaltlos anerkannt wird.

Kaum ist aber der Balkanstreit beseitigt, da taucht wieder der deutsch-englische F l o t t e n st r e i t aus, der dazu berufen zu sein scheint, die Gemüter diesseits und jenseit» deS Kanals in ständiger Aufregung zu erhalten und dadurch auch die ganze Welt mit Unruhe zu erfüllen. Im englischen Unterhause mußte bei der Flottenbausrage wieder einmal die deutsche Gefahr" herhalten, um die geforderten neuen DreadnoughtS durchzubringen. Zwar war Staatssekretär Sir Edward Grey höflich genug, die Erklärungen, die ihm von deutscher Seite über unser Flottenbauprogramm gegeben wurden, als glaubwürdig zu behandeln. Allein er selbst hat doch schon mancherlei an ihnen auszusetzen, und wie wenig glimpflich ein Teil der englischen Presse mit ihnen verfahren wird, davon liegen bereits einige drastische Proben vor. Sir Edward Grey mußte die Richtigkeit bei deutschen Stand­punkte» von der praktischen Undurchführbarkeit eines beide Reiche in gleicher Weise treffenden AbrüstungSprogrammS indirekt selbst anerkenncn, indem er aus die schwerwiegenden Unterschiede bei allen Einzelheiten der Bauausführung hinwies. Unsere Haltung in dieser Frage wird jedenfalls nach wie vor die alte bleiben: wir haben unser Flottengesetz den deutschen Bedürfnissen angepaßt und werden es diesen Bedürfnissen ent­sprechend ausführen. Mit dem besten Gewissen von der Welt können wir unsere Flottenpolitik vor Europa vertreten.

Die revolutionären Wirren in Persien nehmen von Tag zu Tag einen bedrohlicheren Charakter an. In Teheran, der Hauptstadt des persischen Reich», werden nächtl'cherwcile politische Morde verübt, welche die Stimmung in den feindlichen Lagern noch mehr verschärfen. Ein offener Kamps ist daher stündlich zu erwarten, und die Be- Hörden und Gesandtschaften der fremden Mächte haben bereits Vorsichtsmaßregeln getroffen. Man kann sich also dem Ein­drücke nicht entziehen, daß in Persien sehr ernste und ent­scheidende Ereignisse bevorstehen.

Kenfirmatbn.

Zahlreiche junge Menschenkinder eilen heute dem Götter- Hause zu, um vor der Gemeinde ihren christlichen Glauben zu bekennen, ihrem Gott Treue zu geloben und dann feierlich eingesegnet und in die Zahl der mündigen Glieder der christlichen Kirche ausgenommen zu werden. Wie feierlich ernst ertönen die Glocken, brausen die Klänge der Orgel, wie durchzieht frommer Schauer den jungen Christen unter der segnenden Hand deS Geistlichen, wenn er vor dem Altar kniend das Gelübte der Treue ablegt! Der Tag der Konfirmation ist von ernster Bedeutung für die herangewachsene Jugend, für daS Elternhaus, aber auch für den Staat und das ganze Volk. Da» Gelübde der Treue, da» die Konfirmanden ab­legen, soll nicht ein bloßes Lippenbekenntni» zu einer kirchlichen Glaubenslehre fein, sondern eine HerzenStat, in welcher der junge Christ zu seinem Gott und den Idealen, wie sie im Evangelium enthalten sind, Stellung nimmt. Diese Jugend ist es, welche die Hoffnung unseres Volke» bedeutet. Mit Hoffnung und Wehmut schauen wir daher auf die jungen Menschenkinder. Werden sie die Kraft unseres Volkslebens heben oder zerstören helfen? Werden sie die große Zahl ber- jenigen vermehren, die in einer ziel- und haltlosen, weil religiös und sittlich bankrotten Weltanschauung deutsche» Volkttum und Vaterlandsliebe zu untergraben streben, oder werden sie unS Kräfte der Erneuerung zusühren, durch die unser Volksleben erstarken kann?

DaS sind bange Fragen, die sich heute jedem VolkSfreunde ausdrängen. Die Liebe, die daS junge Menschenkind bisher im Familienkreise umgab, gilt jetzt in den meisten Fällen einem Scheidenden; denn es kann nichts helfen, der Knabe muß hinaus in» feindliche Leben, muß wirken und streben, muß wetten und wagen, daS Glück zu erjagen. DaS Eltern­haus mit seiner treuen Liebe kann sie nicht länger halten, sie müssen ihre eigene Wege gehen. Daheim bleibt nur die Liebe und Sorge zurück und begleitet das scheidende Kind mit seinen Gebeten. Und wohl dem Kinde, da» den feuchten Blick

des MutteraugeS, den festen warmen Druck der Vaterhand bis in» Herz hinein fühlt, wohl ihm, wenn e» der Scheide- stunde gedenkt in allen Lebenslagen! E» hat dann einen Leitstern bei sich für alle Zeiten. Unser menschliche» Sorgen allein kann e» nicht bewahren, und wa» eS sich auch vor­genommen, eS kommt nicht an» Ziel, wenn ei nicht unter dem Schutze deS Höchsten steht. Wohl dem, der in seinen späteren Jahren einmal von sich sagen kann:

Der Kindheit Glück, der Schule Lehren Begleiten mich aus meiner Bahn,

Ob sich mir längst auch bessre Sphären, So heiß ersehnte, auf getan;

Ob sich mir längst auf weiten Reisen Für Schönes mehr geschärft der Blick, Ob ich auch nicht genug kann preisen DaS mir von Gott erteilte Glück.

Wer freilich mit müßigen Händen darauf warten will, bis ihm das Glück bei Lebens von selbst in den Schoß sällt, der wird stets enttäuscht werden. Ernste», emsige» Streben und treue, unermüdliche Pflichterfüllung im großen wie im kleinen, da» ist die unerläßliche Bedingung. Darauf weift auch Goethe hin, wenn er sagt:

Wie sich Verdienst und Glück verketten,

Da» fällt den Toren nirinalr ein:

Wenn sie den Stein der Weisen hätten,

Der Weise mangelte dem Stein!

Fröhlich und unbefangen vollbringen, wa» jedenfalls die Pflicht gebeut, da» ist eS, worauf eS ankommt. Dieser sittliche Gewissensernst möge der ^firmierten Jugend in Fleisch und Blut übergeben! Und die Konfirmation will betonen, daß eine gute und gewissenhafte Lebensführung die beste Verankerung in einem festen religiösen Glauben findet. Vater- und Mutterherzen find am KonfirmationStage von vielen hoffenden und sorgenden Gedanken bewegt. Mögen die Hoffnungen überwiegen! Mögen die jungen Menschenkinder, die heute konfirmiert werden, den ihnen zusagenden Wirkungskreis finden, mögen sie das Glück erobern und festzuhalten verstehen, mögen sie zu christlich charaktervollen Persönlichkeiten heranreisen, denen die Klippen bei LebenS nichts anzuhaben vermögen. DaS ist heute unser innigster Wunsch.

Reichstag.

Der Reichstag leistete sich am Mittwoch zwei Sitzungen, um vor allem den Etat des Auswärtigen Amtes zu erledigen. Die erste Sitzung, welche von 11 Uhr vormittag» bis 6 Uhr abends dauerte, wurde vollständig durch die allgemeine Debatte über den AusgabepostenGehalt bei Staatssekretär»" und über die hierzu von verschiedenen Seiten beantragten Re­solutionen ausgefüllt. Im bunten Wechsel gelangten allerhand Themata aufs Tapet, wie die Ausbildung der deutschen Diplomaten, die internationale Bekämpfung unzüchtiger Schriften, die Zigeunerplage, die Einrichtung der Schieds- gerichtSverträge, der Mehlzollstreit zwischen der Schweiz und Deutschland, die deutsche HopscnauSsuhr nach England, die Kongoakte, der neue amerikanische Zolltarif, die Abrüstung»- frage usw. Auch derFall Kuhlenbeck" spielte seine Rolle in der Diskussion, die Entlassung deS deutschen Professor» Kuhlenbeck an der Universität Lausanne aus seinem Amte, Schließlich wurde der Gehalt bei Staatssekretärs bewilligt, auch nahm der Reichstag mehrere der beantragten Resolutionen an. In der um 8 Uhr abends beginnenden Abendsitzung er- ledigte der Reichstag die übrigen Positionen bei Etats bei Auswärtigen AmteS durch ihre Annahme; bei der nachfolgenden Beratung des Etats der Verwaltung der ReichSeiscnbahncn trat Vertagung aus Donner-tag ein. An letzterem Tage be­faßte sich der Reichstag mit kleinen Etats. Die Osterpause bei Hause» sollte spätestens am Freitag beginnen.

Am Donnerstag wurde die zweite Beratung deS Etat» für die Verwaltung der Reich-eisenbahnen fortgesetzt. Dabei trat Abg. Will (Zentr., Straßburg) für die von der Budget­kommission zu mehreren Titeln angenommene Bestimmung ein, daß Verträge vor der Beschlußfassung über die angeforderren EtatSsummen dem Bundesrat und dem Reichstag in ge­eigneter Weise zur Kenntnis gebracht werden sollen. Des weiteren brächte er verschiedene Wünsche wegen Ausbaues oder Umbaues von Bahnhöfen vor, plädierte für die Teilung der Verwaltung und Errichtung einer Generaldirektion in Metz und sprach zum Schluß über die Verhältnisse der Arbeiter und Handwerker in den Werkstätten der Rcichseisenbahnen. Diese machte der folgende Redner, Abg. Böhle jSozd.), zum Hauptthema seiner Ausführungen. Zuvor aber kritisierte er die Bahnhof-zensur und forderte die Aushebung eines Erlasse-, nach dem als Techniker bei den Reich-eisenbahnen nur solche Personen angestellt werden, die ihre Prüfung auf einer Technischen Hochschule in Preußen abgelegt haben. Beim Etat bei ReichSschatzamteS, der dann folgt, gab ei eine kleine zoll» politische Debatte, bet der der freihändlerische freisinnige Abge­ordnete Kaempf die Vertreter der übrigen bürgerlichen Parteien alS Gegner fand. Der Etat der Reichtschuld wurde ohne wesentliche Besprechung erledigt. Ihm schloß sich die Beratung bei Hauptetat» an. Kurz nach 3 Uhr war die zweite Lesung bei Etat» beendet.