Beilage zum
Nr. 37. Sonnabend, den 37. M«rz WO».
Ele’s Schuld.
Erzählung von Elfe Krafst.
(Fortsetzung.)
Papa sagte ei auch wirklich am nächsten Morgen. Er war ja zuerst sehr überrascht und verlegen, als Lisbeth ihm das Geld so glückstrahlend übergab, aber er tat doch dann sofort wieder so, als wäre nicht» Außergewöhnliche» zwischen Vater und Kind vorgesollen.
Er scherzte sogar mit ihr, war ganz der alte lustige Papa von srüher und nahm so herzlich Abschied von seiner kleinen Lie, daß ihr die Tränen in die Augen traten. Sie empsand nun doch ein leise» Unbehagen bei Papas plötzlich so veränderter Stimmung.
Gestern, als er sie so traurig geküßt hatte, hätte sie noch mehr, noch viel mehr für ihn tun mögen, um ihn wieder froh zu sehen. Sie sagte ihm sehr still und scheu Lebewohl, Ihr war plötzlich, als hätte sie nun doch ein Unrecht getan. —
Am Abend, als Bernd kam, legte Lisbeth in ganz ungewohnter Zärtlichkeit beide Arme um seinen Hals.
„Hast du mich sehr lieb, sehr lieb, Bernd?"
Er nickte, küßte sie uub zog sich dann sehr ruhig die seidene Krawatte gerade, die bei der Umarmung zur Seite gerutscht war.
„Na, aber selbstverständlich, Liebchen."
Lisbeth stand wie ein schuldbewußtes Kind vor ihm und sah angstvoll in sein Gesicht.
„Und — und wenn ich mal was täte — etwas, was alle, alle vielleicht unrecht sänden, ich — ich aber hätte es gut gemeint — Bernd — würdest du das wohl auch gut finden?".
Er lachte.
„Du bist ja ganz konsu». WaS wäre denn diese» surcht- bare Unrecht? Beruhige dich nur, meine dumme, süße Lisbeth, was du tust, ist sicher eine höchst unschuldige Geschichte."
Sie atmete aus. Sie hatte zum ersten Male das Gesühl wirklicher Zuneigung zu ihrem Bräutigam. Bisher war immer eine so unverstandene Scheu vor seinem korrekten, formellen Benehmen in ihr gewesen. Sie hatte überhaupt über ihren Brautstand und die bevorstehende Hochzeit noch gar nicht ernsthaft nachgedacht. Alle hatten ihr gesagt, es wäre ein großes Glück, wenn Bernd sie wollte, es wäre eine prachtvolle Partie, sie glaubte eS schließlich selber auch. Nun aber war es ihr, als müßte sie ihm sehr bald erzählen, was sie heimlich für Papa getan, und daß sie Papa gar nicht so verachten könne, wie die andern, weil er doch immer nur gut gewesen zu seinen Kindern —
Jeden Tag kämpste sie mit dem Verlangen, Bernd das zu sagen. Sie wußte ganz genau, daß sie dann erst ganz froh, ganz frei sein konnte, wenn er es wußte. Vielleicht würde er sie dann ganz wild und stürmisch dafür in die Arme ziehen, nicht so vorsichtig, wie er es sonst immer tat, damit sein Kragen oder seine Krawatte nicht darunter litte. Und küssen würde er sie ganz weich und liebevoll, und dabei sagen: „Du hast ja recht getan, Lie, du durstest es gar nicht anders, denn du bist ja sein Kind, du bleibst ja sein Kind —"
Aber die Zeit verging und Lisbeth sagte nicht».
Bernd und Mama sprachen jetzt immer so viel zusammen vom Haus, von der Möbeleinrichtung und der HochzeitSfeier, und wenn Dorothee kam, redete sie mit.
Im März, eS war der erste blaue, warme Frühling», tag, kam Lisbeth eines Morgens zum Frühstück in daS Wohnzimmer hinunter und fand Mama aufgeregt darin umherlausen.
„Denke dir, Lisbeth, denke dir nur, wir haben unehrliche Dienstboten im Hause. Ich hätte so waS nicht für möglich gehalten bei unseren Leuten! Aber eS ist wahr, Franz oder Marie — ich glaube aber eher, Marie ist es gewesen. Die Köchin kommt nicht in Betracht, also — was mache ich da nur. Marie hat hier im Zimmer ausgeräumt, — wischt Staub —"
Lisbeth blickte erschrocken auf.
„Aber waS ist denn? WaS soll denn Marie getan haben?"
Die Dame hob immer aufgeregter die Hände.
„Geld genommen, Kind, denk doch bloß mal, mir das Geld aus dem Schreibtisch fortgenommen. Wir wollten doch heute morgen zu Gebrüder Lortzing sahren, weißt du doch, wegen Deiner Wäscheausstattung. Ich zähle heute früh das dafür bestimmte Geld nach und — waS meinst du, die drei Hundertmarkscheine sehlen."
Lisbeth war wie der Tod so blaß geworden.
Die Mutter drehte sich entschlossen um.
„Dich erschreckt'» auch, was? Aber ich werde Marie so- fort rusen, den Diener auch, ein» von beiden wird schon gestehen. Und tun sieS nicht, müssen sie beide aus dem Haus. Man muß doch in seinem eigenen Hause vor so etwas sicher sein können."
Ihre Hand war bereits am Klingelzug, als LiSbeths Finger die ihren sesthielten.
„Aber — aber nein, Mama. Sie waren- nicht — sie, — ich, ich —"
Sie wollte sprechen und konnte nicht. Sie zitterte so, daß sie sich am Tisch sesthalten mußte.
„Lisbeth", schrie die Mutter auf, „um Gottes willen, Lisbeth."
Die Gerufene hob den Koaf.
„Schrei doch nicht so, Mama", sagte sie unnatürlich ruhig. „Es war doch mein Geld, nicht wahr? Und da — da hab' ich von meinem Geld dreihundert Mark genommen und habe sie —"
Sie stockte.
Die Mutter blickte sie fassungslos an, al» sähe sie ein Gespenst.
„Du — hast es genommen? Aber wozu denn, um GotteS willen, wozu denn? Warum hast du mir denn nicht gesagt, wenn du Geld brauchst, du . . . ." Sie schüttelte plötzlich den zarten Mädchenkörper böse hin und her. „Du kannst doch nicht so ohne weitere» an meinen Schreibtisch gehen, und — aber da» ist ja gar nicht auSzu- denken."
LirbethS Lippen zuckten.
„Ich war so aufgeregt, Mama. Sei nicht böse! Ich habe geglaubt, e» ist mein Geld. Ich will dasür ein paar Sachen weniger haben — ich will überhaupt keine neue Wäsche, ich will gar nichts — nur verstehe — nur begreife eS doch, daß ich gar nicht anders konnte, als Papa das Geld geben."
Die Mutter wich ganz entsetzt zurück.
„Papa? — Lisbeth, besinne dich doch! Kind, du bist krank! Papa, sagst du?"
„Ja — unser Papa", wiederholte Litbeth.
„Nur gleich alles sagen", dachte sie, „nicht» beschönigen, nur jetzt alle» runter vom Herzen, rasch, rasch."
Sie erzählte in fliegender Eile, sie war wie im Fieber, al» sie alles gesagt hatte.
Dann, es hatte wirklich gerade so autgesehen, al» ob die Mutter sie schlagen wollte, lächelte sie.
„Tu'S, Mama! Ich halte still. Nur sage nicht, daß et Sünde war. Bernd wird da» auch nicht sagen. ES — ist — doch Papa!"
Die Mutter schüttelte den Kopf. Sie schluchzte fast. „Daß du so schlecht bist — so schlecht — aber natürlich, du bist ja deine» Vater» Tochter! Hinter meinem Rücken triffst du dich heimlich mit ihm, nimmst wir das Geld au» dem Schreibtisch wie eine — eine, — o da» ist zuviel — ja, schämst du dich denn gar nicht?"
Lirbeth stand sonderbar still. Alle Kindlichkeit in den Augen tot, alles Lachen erstorben um die Lippen.
Die Mutter wurde ruhiger, alS sie da» sah. „Geh nur hinaus in dein Zimmer, geh, ich kann dich jetzt nicht länger sehen! Und kein Wort davon zn Dorothee oder gar zu deinem Bräutigam, hörst du I Da» wäre ja fürchterlich, wenn Bernd da» ersühre."
„Warum?" fragte LiSbeth.
„Weil — weil — ja, — hast du denn kein Ehrgefühl Mädchen? Bon dem Gelde will ich nicht reden, da» lohnt sich nicht und im Grunde genommen war e» ja auch deinS, jawohl! Aber daß du noch Gemeinschaft haben kannst mit einem Manne, der mir da» angetan, der ehrlo» und gewissenlos ist, der eS noch wagt, Hierher zu kommen, trotzdem er gerichtlich versprochen, eS nicht zu tun — daS verstehe ich nicht."
„Er hat un» immer lieb gehabt, er hat uns noch lieb", wollte Lirbeth sagen. Sie konnte eS aber nicht vor dem strengen Gesicht der Mutter. Sie ging hinaus und dachte immerzu das eine: „Gottlob, daß e» heraus ist, gottlob, daß Mama eS weiß. Sie hat mich nie verstanden, sie kann ei auch heute nicht. Sie hat nie gesagt, meine kleine süße Lie, sie hat mich nie geküßt wie Papa, so weich, so wohltuend, sie hat trotz ihrer strengen, ehrenhaften Grundsätze niemals gewußt, wie Liebe tut, die alle» glaubt und alle» duldet und — verzeiht. Aber Bernd — Bernd wird mich verstehen. Er muß es ja, wenn er mich lieb hat."
„Er muß eS ja", begann ei in Li»beth zu jauchzen, all ob nun erst da» goldene Glück für sie begänne. —
Am Nachmittage sagte sie ei ihm. Sie sagte e» ihm gleich, al» er gekommen war, in Mama» Gegenwart, die vollständig, überrascht dasaß.
Mama lächelte freilich sofort sehr gefaßt und meinte in süßem Ton: „Sie ist ein törichtes Kind, sie wußte nicht, was sie tat, hör nicht aus sie, Bernd!"
Lisbeth starrte die Mutter an, als sähe sie eine Fremde.
„Doch, ich wußte da», Mama. Ich frage Bernd jetzt bloß, ob er ei wohl ebenso gemacht hätte, wenn sein Vater so vor ihm gestanden hätte, — in weißem Haar, so . . ."
Sie stockte jäh.
Bernd war ausgesprnugen wie ein Rasendir.
„Das — daS hast du gewagt? Mit einem solchen Menschen bist du zusammen am Hellen Tage hier, hier in Bremen spazieren gegangen? Um Gotteswillen! Und solchem Lumpen hast du auch noch Geld gegeben, damit er ei verspielt oder sonstwie verjubelt?"
Er ergriff seine Braut am Arm und war ganz dunkclrot im Gesicht.
„Er ist doch kein seiner Mann", dachte Lisbeth grausam klar.
„Hat dich jemand gesehen? Sage mir, ob Ihr jemand begegnet seid aus dem Wege? Nein? — Es war wohl noch zu früh — das ist ein Glück, da» ist ja noch ein un- geheure» Glück! Mama — wie kann Lirbeth nur, wie kann sie nur!"
Er setzte sich erschöpft nieder und sah seine Schwiegermutter an.
„Man könnte ihn gerichtlich belangen, Mama. Er hat da» Versprechen gegeben, sich nicht mehr in der Stadt zu zeigen und — aber so bleib doch hier, Kind! Wo willst du denn hin?"
Lisbeth antwortete nicht. Sie war zur Tür gelaufen und wollte hinau».
Er hielt sie fest.
»Aber so sei doch nicht kindisch, Herzchen! Du bist eben unüberlegt. Und wenn du sagst, -Ihr hättet niemand ge
troffen, dann ist es ja noch nicht so schlimm. Dann können die Leute ja auch nichts erfahren — was?"
„Laß mich lo»!" flehte sie angstvoll.
Er zog verletzt seine Hand zurück.
(Schluß folgt.)
Uermischles.
— Bei Geschäftsleuten in Erfurt wurden falsche Hundertmarkscheine in Zahlung gegeben und auch angenommen. Die Scheine sind durch Lichtdruck hergestellt. Der Aufdruck der roten Nummern und Stempel ist mitte!» Klischee geschehen. Sie greifen sich nicht so rauh an wie die echten Scheine, und ihr Untergrund ist nicht weiß, sondern bläulich-verwaschen. Auch find die sein schraffierten Partiten a!» verschwommen erschienen.
— (Da» Gespensterhau» von Copmerr.) Ein gesährlicher Spuk soll in bem einsamen Dorfe Copmere bai in der englischen Provinz Staffordshire liegt, seit einigen Tagen sein Unwesen treiben. Dort wohnt ein angesehener Beamter mit seiner Familie im Ruhestand. Jetzt sind plötzlich „Geister" in sein friedliche» Heim eingezogen. Die Gespenster müssen wirklich ganz immateriell sein; denn Gendarmen und Polizisten haben ihrer trotz eifrigster Bemühungen noch nicht habhaft werden können. Die bösen Geister spuken Tag und Nacht in dem Gespcnsterhau»; sie zertrümmern alle Fenster, sie heben mit unsichtbaren Händen da» Tafelgeschirr in die Luft, bai auf den Tisch gebracht wird, und Teller und Tassen, Tabletts und Kannen tanzen durch die Lust. Sogar die Tische erheben sich vom Boden und auch die schweren Möbel bleiben nicht mehr an ihrem Platze stehen. Die Kohlen fliegen auf den geheizten Kamin, in Spiegelscheiben und Schmuckglaser und zerschmettern alle», wa» zerbrochen werden kann. Die verängstigte Familie hat da» Bespensterhau» verlassen müssen, und noch weiß keiner, wann dieser Spuk endlich aushören wird.
— Die Kaiserjagd Hohen zollern kollidierte in der vorvergangenen Nacht infolge dichten Nebel» nordwestlich von Norderney mit dem norwegischen Dampser Por», der sofort sank. Der Dampser Por» ist etwa 30 Registertonnen groß und gehört der Reederei Brunzen u. Abrahamsen in Porigrund. Die Besatzung bei PorS wurde von der Hohen- zollern gerettet. Sie konnte zum Teil noch von Bord zu Bord übergenommen werden, dann aber mußten die Rettungsböte in Aktion treten. Die Hohenzollern erlitt Beschädigungen am Bug. Mittwoch nachmittag erschien die Kaiserjacht auf der Reede von Wilhelmshaven und landete die Besatzung der Pors. Die Hohenzollern geht zunächst auf 24 Stunden auf die Werst zur Reparatur und wird dann die Reise nach dem Mittelmeer antreten.
— Rom, 22. März. Im Februar zog in eine Fremdenpension in der Via Fratttna 119 ein etwa 30jähriger Russe, der sich Wladimir Tarasoff nannte und als Künstler ausgab. Sehr oft kamen Freunde zu ihm. Man braute einen Tee, rauchte Zigaretten und war oft bis zu später Stunde zusammen. Am 28. Februar besuchten zwei der Wirtin bisher unbekannte Herren Tarasoff, und sie hörte durch die Tür eine besonders lebhafte Unterhaltung. Diese beiden kamen nach etwa einer Stunde zur Wirtin, um ihr zu sagen, sie würden mit Tarosoff einige Tage anS Meer fahren, dieser sei bereit» vorausgegangen. Die Wirtin, die dergleichen oft tagelange Ausflüge ihrer Mieter gewöhnt ist, kümmerte sich nicht weiter darum und sah erst nach Tarasoff, alS die Miete sällig war. Al» sie nun heute abend daS Zimmer ihres GasteS betrat, drang ihr aui dem dort befindlichen Koffer Leichengeruch entgegen. Die hcrbeigerusene Polizei öffnete den Koffer und sand darin die Leiche Tarasoff». Man vermutet nun, daß der Un- glückliche an jenem 28. Februar durch in den Tee geschüttetes schweres Gift umS Leben gebracht wurde und daß e» sich um einen sensationellen politischen Mord handelt. Es wird sogar der Name bei berüchtigten Asew genannt, der sich unter salschem Namen dort einlogiert hatte.
— (Schreckenstat eines Irrsinnigen.) Eine schauerliche Szene bot sich gestern den Bewohnern von Santa Maria Capua Vrtere in der Provinz Caserta dar. Der Kaufmann Pasquale Abate betrat den Balkon seine» HauseS und hielt an feine Mitbürger, die in Massen herbeiströmten, eine Rede voll seltsamer parlamentarischer und religiöser Ideen. Die Menge merkte bald, daß sie es mit einem Irrsinnigen zu tun hatte, reizte aber den Aermften durch frenetischen Applaus zu weiteren Darbietungen seiner Beredsamkeit, der sich noch steigerte, als er den kleinsten seiner Söhne bei den Haaren ergriff, ihn über den Balkon in die Luft hielt und schrie: „Zur Regeneration Italiens und seines Klerus muß Blut fließen, und ich will euch ein gutes Beispiel geben." Jetzt wich der Beisallssturm der Menge einem jähen Entsetzensschrei. In diesem Augenblick sah auch die Mutter bei Kindes, welch entsetzliches Schicksal diesem drohte. Sie wollte den schreienden Liebling der Hand deö irrsinnigen Vaters entreißen, der aber ergriff seinen Revolver, drückte ihn aus die Mutter ab, verfehlte aber bai Ziel. Endlich gelang es der Mutter, das Kind dem Irrsinnigen zu entreißen. Da richtete dieser die Waffe auf sich und brach beim brüten Schuß aus dem Balkon vor der unten gaffenden, von Schauder gelähmten Menge zusammen.
— Ein unheimlicher Fund wurde am 20. d. M. in Ruda bei Zabrze gemacht. Mehrere Schulkinder sanden im Walde in der Nähe der Bahnstrecke ein Zigarrenkistchen, da» fest zusammengeschnürt war. Die Kiste war mü Dynamitpatronen gefüllt. An der Fundstelle wurde vor Monaten ein Attentat auf einen Eisenbahnzug gemacht. Man bringt den Fund hiermit in Zusammenhang.