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Leben ein. Dem englischen Kriegsschiff „Calliope" gelang es, die offene See zu erreichen.

Die Leichen der zuerst gefundenen deutschen Seeleute wurden aus dem Friedhose der französischen katholischen Mission bei- gesetzt; bald jedoch war eS wegen des heißen WetterS not- wendig, sie zu begraben, wo man sie fand. ?lm 22. Viärz feierten die Deutschen einen GedächtniSgotterdienst zu Ehren ihrer Toten in der französischen katholischen Kirche. „Eber" und „Adler" waren gänzlich verloren. Die „Olga" konnte nach ungeheuern Anstrengungen wieder flottgemacht werden. Sie wurde am 5. April 1889 von dem deutschen Postdampfer „Lübeck" nach Sydney geschleppt und dort ausgebessert.

Zum Gedächtnis der bei dem Ünglüd im Hasen von Apia um- Leben gekommenen und der im Dezember 1888 im Ge­fecht bei Vailde nahe bei Apia gefallenen deutschen Seeleute wurde später ein Denkmal im Garten des samoanischen KönigShauseS auf der Landzunge Mulinun bei Apia errichtet.

Sie wachsende Kriegszeslihr und RHItiiils wie Serbiens anwatzende Haltung.

Die durchaus unbefriedigende Antwort Serbiens aus die letzten Vorstellungen det österreichischen Gesandten Grafen Forgasch in Belgrad haben die KriegSgefahr ungemein ver- fchäift, denn diese Art der serbischen Antwort zeigt, daß Serbien die ganze Streitfrage noch weiter hinschleppen und nichts für eine ehrliche Beilegung derselben tun will. Das kleine Serbien könnte eine solche dreiste, mit Winkelzügen ge­spickte Antwort aber nicht erteilen, wenn Rußland nicht hinter ihm stände, Rußlands ganze Haltung in der neuesten orientalischen Streitfrage verdient desbalb vom Standpunkte der politischen Ebrlichkcit und des Völkerrechtes unbedingt auch eine scharfe Verurteilung, denn Rußland hat ja selbst durch Geheimvertrag schon im Jahre 1876 Oesterreich seine Zustimmung gegeben, daß Oesterreich als Garantie sür die Wahrung seiner Interessen Bosnien und die Herzegowina be­setzen soll. Diese damals schon Oesterreich gegebene Garantie will also jetzt Rußland durch Hinterlist und Tücke aufheben. Er wird Zeit, daß dem jammervollen russischen Reiche einmal die Wahrheit über seine erbärmliche Haltung in den Orient- streitsragen von ganz Europa gesagt wird, denn der jetzige Zustand deS Hinschicbens einer schwierigen Situation durch gleißende Redensarten ist unwürdig für jede wirkliche ehrliche Friedenspolitik. WaS hat denn Rußland überhaupt sür ein politische- und moralisches Recht, sich auf einmal für die Auf- richtung eines größeren Serbenreiches zu interessieren ?! Mit demselben Rechte könnte ja daS anmaßende Rußland auch demnächst verlangen, daß in Böhmen ein großes Tschechenreich bis an die Tore von Wien errichtet werden müsse! Die ganze Situation läßt sür klarblickende Politiker gar keine Zweideutig­keit mehr übrig, Oesterreich muß für seine Stellung das Schwert ziehen, wenn nicht in allernächster Zeit Serbien wie Rußland einlenken. Die Verblendung muß übrigens in Belgrad wie in Petersburg politisch wie militärisch wieder eine sehr große sein, denn sonst würde man dort nicht in so frecher Weise mit der Kriegsgesahr spielen. Oesterreich-Ungarn hat sehr wohl die militärische Macht, Serbien in wenigen Wochen zu besehen und niederzudrücken und noch mit einer Million Soldaten einen etwaigen russischen Angriff abzuweisen. Außer­dem besteht in eingeweihten militärischen Kreisen kein Zweifel darüber, daß die österreichijch-ungarische Armee inbezug aus Ausrüstung und Bewaffnung einer der besten ist, war kein Mensch von der russischen und serbischen Armee glaubt. ES ist daher auch bodenloS kindisch, wenn jetzt darüber berichtet wird, daß russische und italienische Artillerieoffiziere den Serben und Montenegrinern noch rasch guten Schießunterricht mit modernen Kanonen geben wollten. WaS denken sich solche kindlichen Gemüter von der Art und Weise, wie ein guter Artillerieosfizier au-gebildet wird! Dazu gehört eine gute mathematische und physikalische Vorbildung und dann noch eine jahrelange technische Ausbildung. Die österreichischen Artillerieoffiziere besitzen diese schon längst, und waS man in harter fleißiger FriedenSarbeit auf diesem Gebiete nicht gelernt hat, daß läßt sich auch nicht wenige Wochen vor Ausbruch einer KriegeS erreichen und vor allen Dingen nicht mit einer Hand voll zweiselhaster Jnstruktionsoffizierc. Oesterreichs Ge- duld und Langmut will es ja wegen der übergroßen Friedens­liebe des greifen Kaisers Franz Joses noch einmal versuchen, von Serbien eine befriedigende Antwort zu erhalten, und sicher wird auch Frankreich in PeterSburg noch einmal seinen Einfluß sür eine friedliche Lösung der österreichisch-serbischen Streitfrage geltend machen. Wenn aber diese letzten Schritte zum Frieden versagen, dann muß der Krieg ausbrechen.

Eine Meldung aus Wien teilt mit, daß zwischen Deutsch­land und Oesterreich-Ungarn ein Sonderabkommen bevorstehe über die Haltung Deutschland« im Fall eines KriegeS mit Serbien und Rußland. Deutschland würde in diesem Fall, so heißt eS, sich zur wohlwollenden Neutralität verpflichtn. Beide Staaten beabsichtigen, durch ihre Botschafter in PariS einen Anschluß Frankreich» an diese Konvention zu erlangen in dem Sinn, daß Frankreich gleichfalls Neutralität in einem Kriegsfalle beobachten würde. Man mißt jedoch in maß­gebenden polnischen Kreisen dieser Meldung nur geringen Wert bei. In der Presse dauern die Vorwürse gegen Oesterreich fort, daß eS die serbische Regierung zu demütigenden Erklärungen nötigen wolle und keine Neigung in Wien mehr vorhanden sei, die versöhnlichen Ratschläge dritter zu hören.

Wien, 16. März. Ganz Oesterreich starrt von Waffen. Die Truppenbewegungen nach den südöstlichen Grenzen dauern an, und überall macht sich militärische Tätigkeit bemerkbar. In Budapest hat, sicherem Vernehmen nach, die Etaat-druckerei bereits mit dem Druck von Proklamationen begonnen, die im Falle einer KriegeS der Bevölkerung die Mobilmachung ver­kündigen. ES heißt, daß der greife Kaiser eine friedliche Bei­legung des Konfliktes wünscht, während der Thronerbe Erz­herzog Franz Ferdinand nach wie vor kriegerisch gestimmt ist.

Wien, 16. März. AuS allererster Quelle verlautet, daß die Mobilisierung für die zunächst in Betracht kommenden Armeekorps in BoSnien, der Herzegowina und Dalmatien noch heute verfügt werden wird. Dieser Befehl bedeutet die sofortige Einberufung der Ergänzung-mannschaften und die Annahme deS vollen Kriegsstandes beim 15. KorpS (Sarajewo) und beim Militärkommando Zara. Für die nächsten Tage steht die Mobilisierung deS 7., (TemeSwar) deS 12. (Hermannstadt) und de- 13. (Agram) KorpS bevor.

Aus jn- und Ausland.

Berlin, den 16. März 1909.

Der Reich-anzeiger meldet: Seine Majestät der Kaiser und König hörte gestern vormittag im Neuen Palais bei Potsdam den Vortrag deS ChesS deS ZivilkabinettS, Wirklichen Geh. Rat- v. Balentini, Mittags in Berlin einen Vortrag im Minsterium der öffentlichen Arbeiten. Heute vor­mittag nahm Se. Majestät der Kaiser im husizen Königlichen Schlosse die Vorträge deS ChesS des MilitärkabinettS, General­leutnants Frhr. v. Lyncker und des ChefS des AdmiralstabeS der Marine, Admirals Grasen v. Baudisin entgegen.

Aus Friedrichshasen, 16. März wird gemeldet: Die längst geplante Landung deS „Z. I" auf festem Boden ist heute vormittag bei außerordentlich günstiger Witterung glücklich erfolgt. Um 8 Uhr hatte sich auf dem Areal der Lustschiffbaugesellschast die Mannschaft deS Berliner Lustschiffer-Bataillon- und die Hilstmannschaft von der Man- zeller Werst eingesunden, um bei der Landung behilflich zu sein. Anwesend waren außerdem der Generalleutnant von Lynker, Hauptmann Etröbell, Major Groß, Generalleutnant von Nieder und Oberingenieur Bascnach, sowie zahlreiche Offi­ziere. Die Landung-stelle befand sich am nördlichen Ende bei Areals in der Richtung nach Jettenhausen, wo daS Gelände noch ziemlich eben ist. Nach 8 Uhr war „Z. I" in Manzell ausgestiegen, und um Va9 Uhr schwebte er über dem Gelände, daS er in mäßiger Höhe von ^0—25 Meter umkreiste. Nach einer kurzen Schwenkung gegen "den See zu, fuhr daS Reichs­luftschiff nach einer Viertelstunde wieder dem Gelände zu und senkte sich allmählich auf die Erde herab, nachdem die Motoren und Luftschrauben zuvor abgestellt worden waren. Die auS» geworsenen Seile wurden von den Mannschaften der Berliner Lustschiffer-Abteilung erfaßt und der „Z. I" langsam und vorsichtig aus den Boden herabgezogen. Die Landung erfolgte unter dem Kommando des Grafen Zeppelin, der sich im Luft­schiff besand vollständig glatt und sicher, abgesehen von einer kleinen Beschädigung deS linken hinteren Höhensteuers, das beim Niederjahren daS Geäste eine- Baumes gestreift hatte. Der Schaden wurde sofort wieder ausgebessert. An der Fahrt nahmen teil Gras Zeppelin, Oberingenieur Dürr, Major Sper­ling, Hauptmann von Jena, Ingenieur Müller. Die auf dem Gelände versammelte zahlreiche Menschenmenge empfing das Luftschiff bei der Landung mit brausenden Hurrarufen. Nach­dem der Schaden ausgebessert war, erhob sich „Z. I" um 10 Uhr wieder. Der Generalinspekteur der Verkehrstruppen, Generalleutnant von Lyncker, hatte in der vorderen Gondel neben dem Grasen Zeppelin Platz genommen und machte die Fahrt nach der Halle zurück mit, wo daS Lustschiff gegen Vall Uhr landete.

Der Köln. Ztg. wird auf Berlin geschrieben: Die Lage in S a m 0 a wird an amtlicher Stelle nicht als besonder- ernst ausgefaßt. Nach einem neueren Telegramm det Gouver- neurS ist keine Verschlechterung eingetreten. Zur endgültigen Beruhigung der Eingeborenen wartet Dr. Sols daS Zusammen­treffen der drei Kriegsschiffe vor Apia ab. Wie schon gcmel- det, ist eS ihm gelungen, auf gütlichem Wege vorläufig die Eingeborenen von Ausschreitungen abzuhalten. Auch wird hier nicht angenommen, daß der Gouverneur beabsichtigt, daS be­waffnete Einschreiten der Kriegsschiffbesatzung hcrbeizusühren, sondern man glaubt, daß er versuchen und vermutlich auch erreichen wird, unter dem Druck der Anwesenheit dreier deut­scher Kriegsschiffe die Eingeborenen ohne Blutvergießen zur Ausgabe ihrer widersetzlichen Haltung und zur Auslieferung der Schuldigen, insbesondere deS Häuptling» Lanaki zu be­wegen. Die Hauptschuldigen werden dann jedcnsallS von einem der Kriegsschiffe nach dem BiSmarckarchipel übergesührt werden, wo sie bei ihren auf der Gazelle-Halbinsel feit längeren Jahren ansässigen Stammekgenossen Anlehnung finden können. Auch von den auf Samoa beteiligten deutschen Firmen sind keine neueren beunruhigenden Nachrichten der amtlichen Stelle übermittelt worden.

Die Lage in P e r s i e n soll infolge bei siegreichen Vordringens der Revolution fortgesetzt eine recht bedenkliche sein. In Londoner politischen Kreisen rechnet man mit dem baldigen völligen Versagen deS Einflüsse» bei Schah- und dem hieraus resultierenden Zusammenbruche seiner Herrschaft.

Aus Provinz u. Nackbargebiet

* (Die LebenSmittelpreise im Monat Februar.) Die Zusammenstellung der statistischen Korre­spondenz läßt erkennen, daß im Februar im Vergleich zum Vorjahre die Getreidepreise zum Teil nicht unerheblich gestiegen sind. Insbesondere ist der Weizen weiter teuerer geworden. Auch Kartoffeln, Heu und Stroh haben ihre Preise erhöht. Dagegen sind die Preise für Hülsenfrüchte meist gefallen. Die Mehlpreise und Backwarenpreise sind mit denen bei Getreides gestiegen.

* (Nachsendung von Briesen und Post­karten.) Eine für das Publikum sehr wichtige Aenderung hat die Postverwaltung verfügt. Bis jetzt sollten alle ge­wöhnlichen Briessendungen, deren Weiterjendung nach einem anderen Orte aus irgend einem Grunde in Frage kam (z. B. weil der Empfänger sich in einem Badeorte aufhielt, aus Reifen usw.), zu diesem Zwecke an den Briefträger oder an dem Postschalter sofort zurückgegcben werden. Geschah dies erst später, oder wurden die Sendungen in den Brieflasten ge- worsen, so mußten sie neu frankiert werden. Da diese Be­stimmung in den Kreisen deS Publikum- sehr wenig bekannt war, kam eS säst täglich vor, daß derartige Sendungen nach Abänderung der Adresse einfach in den Briefkasten geworfen wurden, ohne daß sie neu frankiert wurden. In solchen Fällen mußten aber die Briefe usw. bestimmungsgemäß als neu ein- gelieferte Sendungen angesehen und mit neuem Porto, auch mit dem sogenannten Strafporto, belegt werden. Diese Be­stimmungen hat die Postverwaltung nunmehr insoweit ausge­hoben, alS gewöhnliche Briefe und Postkarten von jetzt ab in die Brieskasten geworfen werden dürfen, ohne daß eine neue Flankierung erforderlich ist, vorausgesetzt, daß die Weitersendung an den ursprünglichen Empsänger erfolgen soll, alw lediglich nur ein neuer Bestimmung--»?! in Frage kommt."' Aus * sachen, Warenproben und Geschäft-papiere erstreckt sich dieje Vergünstigung nicht.

* In den Speisewagen der Durchgangs­züge werden erhebliche Aenderungen eintreten. Der preußische Eisenbahnminister will getrennte Abteile in diesen Wagen her­stellen lassen, das eine für Reisende erster und zweiter, da- zweite für solche dritter Klasse. Nur mit Platzkarten versehene Reisende sollen Eintritt erhalten, um einer Uebersüllung vor- zubeugen, und endlich sollen die Passagiere 3. Klasse erst von einem bestimmten Zeitpunkt nach Abgang de- ZugeS Zutritt zum Speisewagen erhalten. Viel einfacher wäre es aber, zu bestimmen, bet Aufenthalt in den Restaurationsräumen darf eine bestimmte Zeit nicht überschreiten, wenn andere Gäste da sind. ■

* (Der erste Satz Hasen verloren.) Die an­dauernde Kälte und die Schneebälle des Februar sind dem ersten Satz Hasen verhängnisvoll geworden. Verendete kleine Hasen werden vielfach auf den Feldern gesunden.

):( Hersfeld, 17. März. (Operettengast spiel „Ein Walzertr aum".) Wir freuen un-, in den nächsten Tagen hier einige alte Bekannte begrüßen zu dürfen. Das

Han- sblieb seinen Selbstvorwürsen geraume Weile über, lassen. Sein Mißgeschick wollte, daß er heute auch im Mahl­raum nichts Rechtes zu tun hatte, ja das Gefühl hatte, daß er Anton, der hier schaltete, im Wege sei. Er fand er gleich­wohl unmöglich, über den Rechnungen zu bleiben — im Rauschen und Klappern der Mühle war ihm besser zu Mute als in der Schreibstube.

Fast zaghast ging er zum Mittagessen hinüber, er setzte voraus, daß Hedwig aus da- Gespräch am Morgen zurück­kommen werde, und zersann sich umsonst da- Hirn, wie er ihr antworten und sie beschwichtigen sollte. Doch zu seiner Ueber- rajchung erinnerte Hedwig mit keinem Wort an die Unter- redung von vorhin.

Sie saß schweigsam wie oft, mehr nachdenklich als traurig vor ihrem Teller, sie aß wenig, aber legte ihm sorglich vor und nur einmal tauchte ein langer banger Blick auf ihren Augen tief in die seinen, als wollte sie ergründen, ob er die Wahrheit geredet habe, als er sich selbst vergaß. Um Hansens Sippen zuckte die unausgesprochene Bitte, eS für heute genug sein zu lassen, und die Schwester, die den Ausdruck verstehen mußte, nickte mit ernster Zustimmung. Er dachte bei sich, daß er ein paar Tage vorübergehen lassen und dann so offen mit ihr sprechen würde, als fich's irgend tun ließ. Für den Augenblick warf ihm lieb, daß Hedwig keine Auseinander­setzung zu begehren schien, er ging sogleich nach dem Essen noch einmal in die Mühle hinüber und als er sich hier mit bem besten Willen nichts mehr zu tun machen konnte, kehrte er doch zu seinen Büchern zurück.

Und obschon er ihn in der Stille seiner Gemach- noch einmal heiß überlies, wie sinnlos und ganz und gar gegen seine klare Pflicht er sich am Vormittag benommen und ge« jetgt habe, jo hals ihm daS kräftige Hoffnungtgefühl seiner Jahre doch darüber hinweg. Gewiß wars schlimm, daß er sich derraten hatte, aber vielleicht hatte Hedwig gar nicht ein­mal alle- begriffen und selbst, wenn sie e« hätte, so dachte er ihr zu zeigen, daß er ttotz allem nur an sie und nicht an sich denke.

Halb über da» Leben und seine Schwere grübelnd, halb »it dm Augen die Zahlenreihen prüfend, geriet Hans am

Ende doch in seinen gewohnten Arbeitseifer und merkte erst an der srühen Dämmerung de« Herbsttage», die sich in den Vorderzimmern deS Hause» wegen deS Rotdorns vor den Fenstern immer früher einzustellen pflegte, daß einige Stunden vergangen waren.

Nach seiner Gewohnheit trat er nur auf die Schwelle und rief über den Flur nach dem großen Wohnzimmer hinüber: „Licht, Hedwig, Licht!"

Und er ließ die Tür seines Gemache» offen, damit die Schwester die Lampe gleich auf dem Schreibtisch absetzen könne. Er mußte länger als an anderen Tagen warten und tat einen Blick durchs Fenster in den hereingrauenden Abend.

Er mußte ein Nordwind aufgesprungen sein, die gelben Blätter, die sonst unbeweglich lagen, trieben in Wirbeln über den Platz hin und nach der Bergwand rechts von der Mühle. Und plötzlich stand im Halbdunkel jemand aus der Schwelle, der nicht seine Schwester war.

HanS Brieger erschrak, aber faßte sich doch sogleich, als er seinen Altknecht erkannte, und sagte hastig:

„Du bist'-, Fabian! Willst Du etwa- Tabak? Dort in dem offenen kleinen Wandschranke sind noch drei Päckchen."

„Nein, Herr!" unterbrach Fabian die SchenkungSworte. „Ich kam hier herein — hörte Sie nach dem Fräulein rufen. Das Fräulein ist nicht im HauS und ich wollte Ihnen eben sagen, daß sie den schmalen Weg gegangen ist, der hinter unserem Stall bis zum großen Wehr führt. Sie hatte keinen Hut aus und nur ein Tuch um die Schultern und stand lange an der Stelle, wo e» unterwärts geht und schaute nach dem Rotdorn herüber und zum HauSgiebel hinaus. Und weil mir Doktor Mörner in der ersten Zeit gesagt hat, ich solle ein wenig auf sie acht geben, wenn sie just den Weg ginge, so meint ich, '- wäre auch heute besser, auf ihre Schritte zu achten."

„Du hast recht — hast recht!" versetzte an ihm vorüber- eilend der junge Mühlherr.

In der gleichen Minute war er schon draußen und neben

Fabian den Platz unter den Linden und an den Ställe n vorüber.

Der Knecht trennte sich von ihm und trat durch die offene Tür deS PserdestalleS ein: ,,S' ist genug, wenn Sie nach ihr sehen: eS kann ja sein, daß sie nur mal Lust schöpfen wollte!"

Aber HanS hörte die Worte nicht mehr — er ging in zitternder Hast den Pfad neben der Ohra hin. Es war selt­sam, wie rauh sich der Abend nach dem golbenn Tage an« ließ — eben trat die Mondsichel zwischen ein paar flockigen Wölkchen hervor und obschon der junge Mann nicht empor und nur scharf vor sich hin blickte, spürte er doch, daß der Himmel sich mit dunklerem Gewölk von Nordwest her bedeckte.

Und noch ein anderes war seltsam; HanS hatte bis diesen Augenblick gar nicht gewußt, wie stark daS Wehr oberhalb seiner Mühle rauschte und toste. Jetzt war» ihm, als wüchse die donnernde Kraft deS herabstürzenden Wasser- mit jedem Augenblick, obwohl er als Müller gut genug wußte, daß dieS nicht möglich sei.

Stoßweise fuhr der Wind durch die Weiden, die so dicht in den Pfad hereinhingen, daß man nicht dreißig Schritte vor sich sah. Dort endlich tauchte eine Gestalt auf. HanS wollte aus sie zustürzen und besann sich, daß er sie vielleicht damit zum Sprunge in die Ohra treibe, die just hier am tiefsten war.

Er tat zaghafter noch einen Schritt vorwärts und jetzt erkannte er — foviel Licht gab der Mond — daß feine Schwester dicht am Flußufer und keine zehn Schritte unter­halb deS Wehre» stand. Aber Hedwig lehnte scheinbar ruhig an einem Weidenstamm und ihre Augen suchten nicht daS Wasser, sondern über dasselbe hinweg daS gegenüber­liegende User.

(Schluß folgt.)