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hersselder Kreisblatt
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Zernsprech-Anfchlutz Nr. 8
Nr. 28. Sonnabend, den 6. März 1909.
Amtlicher teil.
HerSseld, den 3. März 1909.
Der Königliche Kreisbauinspektor wird am Donnerstag den 11. d. Mts. Mittags 12 Uhr beginnend im großen Saale des Hotel Stern, dahier, einen Vortrag über die Ziele und da- Wesen der Baupolizeiordnung halten.
Ich bin auS Interessentenkreisen darauf aufmerksam gemacht worden, daß unter den Bauhandwerkern hiesigen Streifes in vielen Fällen noch sehr wenig Klarheit über die Bedeutung einzelner wichtiger Bestimmungen der Bauordnung herrscht und daß sich hieraus mehr oder weniger große Unzuträglichkeiten für daS bauende Publikum ergeben. Der Herr KreiSbauinspektor wird in feinem Bortrage zunächst eine Reihe von Punkten erörtern, über die offenbar Unklarheit bei den Interessenten herrscht. Im Anschluß hieran wird eine Diskussion über auS dem Kreise der Anwesenden gestellte Fragen statt» finden. Sollten irgendwo besondere Wünsche betreffend die Erörterung der einen oder anderen Punkte- besteh««, so stelle ich anheim, die- mir rechtzeitig schriftlich mitzuteilen.
Die sämtlichen Interessenten, namentlich die Bauhandwerker deS Kreise- fordere ich hierdurch zur Teilnahme an dieser Versammlung auf.
Die Herren Bürgermeister des KreiseS ersuche ich, al-bald in ihren Gemeinden den Interessenten auf ortsübliche Weise von dieser Verfügung Kenntnis zu geben und sie zur Teilnahme aufzusordern. Die Bürgermeister selbst ersuche ich, ebenfalls möglichst zahlreich zu erscheinen, da sie all Bauab- nahmebchörde interessierende Fragen zur Sprache kommen werden.
J. B. 157. Der Königliche Landrat.
I. A.: Fellinger, RegierungS-Referendar.
Bekanntmachung.
Einstellung von Dreijährig-Freiwilligen für das III. Seebataillon in Tsingtau (China).
Einstellung: Oktober 1909, Ausreise nach Tsingtau: Januar 1910, Heimreise: Frühjahr 1912. Bedingungen: Mindestens 1,65 m groß, krästig, vor dem 1. Oktober 1890 geboren (jüngere Leute nur bei besonders guter körperlicher Entwicklung). Bauhandwerker (Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Tischler, Glaser, Töpfer, Maler, Klempner usw.) und andere Handwerker (Schuster, Schneider, Gärtner usw.) bevorzugt.
In Tsingtau wird außer Löhnung und Verpflegung täglich 0,50 Mark Teuerungszulage gewährt.
Meldungen mit genauer Adresse sind unter Beifügung einer vom Zivilvorsitzenden der Ersatzkommission ausgestellten Meldescheins zum freiwilligen Diensteintritt auf drei Jahre zu richten an:
Kommando des in. Stammseebataillons, Wilhelmshaven.
Bekanntmachung.
Einstellung von Dreijährig-Freiwilligen für die Matrosen-Artillerie-Abteilung Kiaulschou in Tsingtau (China).
Einstellung: Oktober 1909, Ausreise nach Tsingtau: Januar 1910 bezw. 1911, Heimreise: Frühjahr 1912. Bedingungen : Mindestens 1,67 m groß, kräftig, vor dem 1. Oktober 1890 geboren (jüngere Leute nur bei besonders guter körperlicher Entwicklung).
In Tsingtau wird außer Löhnung und Verpflegung täglich 0,50 Mark Teuerungszulage gewährt.
Meldungen mit genauer Adresse sind unter Beifügung eines vom Zivilvorsitzenden der Ersatzkommission ausgestellten Meldeschein- zum freiwilligen Diensteintritt aus drei Jahre zu richten an:
Kommando der Stammabteilung der Malrosenartillerie Kiautschou, Cuxhaven.
nichtamtlicher teil.
Politischer Wochenbericht.
Der bisherige Verlaus der Beratungen über die Reichs- finanzreform hat leider nur negative Ergebnisse gezeitigt. In der Reichstagskommission, der die Beratung oblag, ist während der BerichtSwoche sowohl die Nacblaßsteuer als auch die ReichsvermögenSsteuer mit staiker Majorität abgelehnt worden. Bei der Nachlaßsteuer war ein anderes Resultat nicht zu erwarten, nachdem sich sowohl Konservative als auch Zentrum in zahlreichen Kundgebungen mit aller Entschiedenheit gegen dieselbe au-gesprochen halten. Die ReichsvermögenSsteuer aber hätte auch durch ein zustimmende» Votum der Kommission-- mchrhcit nicht vor dem Schicksal definitiver Ablehnung bewahrt werden können, da die bunde-staatlichen Einzelregierungen samt und sonders fest entschlossen sind, dieser Steuer, durch die der föderative Charakter bei Deutschen Reiche- in erheblichem
Maße beeinträchtigt werden würde, ihre Zustimmung zu versagen. Er erhebt sich jetzt die bange Frage: Wa< nun? Indessen wir sind nicht pessimistisch genug, um der Beantwortung dieser Frage in dumpfem Zweifel gegenüberzustehen. Die Reichtfinanzresorm ist eine Leben-notwendigkeit für unser Vaterland, und sie wird und muß sich deshalb so oder so durchsetzen. Hoffen wir nun, daß die Lösung recht bald erfolgt; denn jede Minute, die in dieser Angelegenheit unnütz vertrödelt wird, bedeutet einen unersetzlichen Schaden für bei Reiche- Wohlfahrt.
Ein hohe-, bedeutsame- Interesse darf unter den jüngsten Ereignissen der inneren Politik auch der AuSfall der Reich-» tagt-Ersatzwahl in Bingen-Alzey für sich in Anspruch nehmen. Hier unterlag in der Stichwahl der demokratisch-freisinnige Kandidat Pfarrer Korell seinem Gegner, dem Zentrnm-- kandidaten Uebel, weil die Nationalliberalen fast geschlossen für letzteren eintraten. Hicraut, wie eS die freisinnige Presse tut, gegenüber den hessischen Notionolliberalen den Vorwurf der Blockuntreue herleiten zu wollen, ist nicht gut angängig; denn Pfarrer Korell gehört nicht zu den Blocksreisinnigen, vielmehr weist ihn feine politische Vergangenheitan die Seite der Barth, v. Gerlach und Breitscheid. Im übrigen knüpfen sich aber an dar Wahlergebni- höchst erfreuliche Perspektiven. Zu- vörderst ist diese« Ergebnis ein Zeichen dasür, daß die konfessionelle Spannung in unserm Vaterlande sich zu mildern beginnt, da ander- doch wohl in einem überwiegend evan- gelischen Wahlkreise die Wahl einet Katholiken nicht möglich gewesen wäre. Sodann aber erscheint hier wiederum, wie schon bei den letzten Landtag-wahlen in Hessen, der sonst so scharfe Gegensatz zwischen 9lationaHiberalilmul und Zentrum überbrückt. Da- aber ist im J' .eteffe einer tatkräftigen Abwehr der Sozialdemokratie durchant erwünscht, da gerade dieser Gegensatz bisher zahlreiche Mandate im Westen deS Reiche- der Umsturzpartei auSlieferte. So ist die Wahl in Bingen- Alzey, an die sich, wie verlautet, bereit- bestimmte Abmachungen für die Zukunft zwischen Nationalliberalen und Zentrum geknüpft haben, von großer vorbildlicher und grundsätzlicher Bedeutung, und eben deshalb begrüßen wir ihren AuSgang mit unverhohlener Befriedigung.
Was die politischen Vorgänge im Autlande anbetrifft, so darf als daS bedeutsamste Ereignis der verflossenen Woche wohl daS endgültige Zustandekommen der Verständigung zwischen Oesterreich-Ungarn und der Türkei bezeichnet werden. Vor wenigen Tagen ist in Konstantinopel die österreichisch- türkische Konvention von dem neuen türkischen Ministerpräsidenten Hilmi-Pascha und von dem österreichisch-ungarischen Botschafter Marqui« Pallavicini unterzeichnet worden. Mit dem Aschluß diefer Verständigung scheidet die boSnisch-herzego- winische Angelegenheit aus dem Reiche der Probleme auS, die während der letzten Monate die Lage im Orient beherrschten, und eS wird eine neue Periode de» Friedens und der Freundschaft zwischen Oesterreich und der Türkei eröffnet. Vom Standpunkte Deutschlands auS können wir diese Entwicklung der Dinge nur mit aufrichtiger und lebhafter Freude begrüßen.
Beruhigende Gerüchte kommen dagegen von einer andern Stelle des europäischen OrientS, nämlich auS Serbien. Um Serbien von den Forderungen nach territorialen Kompensationen und nach der Autonomie für Bo-nien und die Herzegowina, für die eS an jeglichem Rcch-boden sehlt, abzu- bringen, haben die Großmächte Deutschland, England, Frankreich und Italien gemeinsam bei der serbischen Regierung Vorstellungen erhoben, und auch Rußland Hot in gesonderter Aktion dem serbischen Minister deS Aeußern den freundschaftlichen Rat erteilt, Serbien möge von jenen Forderungen ab- sieben, da eS für dieselben bei den europäischen Großmächten auf keine Unterstützung rechnen könne. Leider aber scheint die serbische Regierung nach den neuesten Nachrichten allen wohlmeinenden Ratschlägen ihr Ohr verschließen und eS auf einen Krieg mit Oesterreich und die Entscheidung der Waffen ankommen lassen zu wollen. In einem solchem Kriege würde Serbien nach den Erklärungen Rußlands zweifellos völlig isoliert dastehen und demgemäß seine staatliche wie nationale Existenz aus- Spiel setzen. Hoffentlich bringt die Erkenntnis dieser Sachlage die erhitzten serbischen Gemüter in letzter Stunde doch noch zu Vernunft und Umkehr.
In der BerichtSwoche erreichte auch die fast achtjährige Präsidentschaft RooseveltS in Nordamerika ihr Ende. Al« sein Nachfolger ist nunmehr Tast in daS Weiße Haus zu Washington eingezogen. Von ihm erwartet man im allgemeinen eine Fortsetzung der Politik seine- Vorgänger-. Für unS Deutsche edeutet das ein Weiterschreiten in den deutsch-sreundlichen Bahnen, die Präsident Roosevelt gewandelt ist, und sehen wir denn der Aera Tost mit den besten Wünschen und Hoffnungen entgegen.
Reichstag.
Am Mittwoch wurde nach unwesentlicher Debatte der Kolonialetat zu Ende geführt und dann mit der zweiten Lesung deS PostetotS begonnen. Staat-sekretär Krälke äußerte sich in längerer Rede über die neue Fernfprechgebührenordnung und erklärte, daß diese das Ergebnis sorgfältiger Vorarbeiten
und eingehender Beratungen mit Vertretern des Händel- und der Industrie, der Landwirtschaft und bei Handwerk- fei, deren Mehrheit sich dasür au-gesprochen habe. Den Kritikern müsse man es überlassen, eine bessere Vorlage auszuarbeiten.
Am Donnerstag wurde die zweite Beratung des Postetats fortgesetzt mit einer sehr au-sührlichen Rede des konservativen Abgeordneten Droescher. ES war eine wirkliche Etat-rede, in der Einnahmen und Ausgaben und die verschiedenen sachlichen und persönlichen Verhältnisse in der Reich-post- und Telegraphenverwaltung besprochen wurden. Herr Droescher stellte sich bei bet Beurteilung in seinen Darlegungen aus den Standpunkt, daß die Post rentabel wirtschaften müsse. Unter diesem Gesichtspunkte könne man auch zu einer Revision, zu einer Erhöhung der Telephongebühren kommen, doch müsse dabei immer der Charakter der Post all einer gemeinnützigen Staat», inftitution gewahrt bleiben, und eine Verkehr-erschwerung dürfe nicht eintreten. Auf die Einzelheiten der neuen Gebührenordnung ging der Redner nicht ein, da hierüber im Namen seiner Partei Gras Westarp sprechen wird.
In der Budgetkommission bei Reichstag- wies der KriegS- minister aus eine Ansrage bei Zentrum- und der Freisinnigen, ob die Generalinspekteure überhaupt nötig seien, darauf hin, daß die deutsche Armee die wenigsten hohen Generale habe. Die Stellen für diese seien aus da« äußerste beschränkt. Der Generalinspekteur für die Kavallerie sei ganz besonder« not- wendig mit Rücksicht auf die Durchführung einheitlicher Grundsätze in der ganzen deutschen Armee. Ein Abstrich an diesen würde die Schlagsertigkeit der Armee in Frage stellen. Redner trat auch der Forderung aus Abstriche von vier Kavallerieinspekteuren und dem Inspekteur der Jäger und Schützen entgegen.
Abgeordnetenhaus.
Am Mittwoch kam die Berliner Eingemeindung-frage zur Sprache, wobei Minister v. Moltke erklärte, daß er e- nicht für zweckmäßig halte, die Selbständigkeit der Vorortgemeinden auszugeben, aber bereit sei, zu vermitteln, daß ein Zweckverband zwischen Berlin und den Vororten zustande komme. Nach einer kurzen Auseinandersetzung zwischen dem Abg. Cassel (sr. Vp.) und dem Abg. Hammer (tonf.) wurde dann baS Kapitel „Polizeiverwaltung in Berlin und Umgebung* bewilligt. Beim Kapitel .Polizeiverwaltung in den Provinzen" kam eS nur zu unerheblichen Erörterungen.
Krieg?
Die augenblicklich sehr kritische Lage zwischen Oesterreich- Ungarn und Serbien enthält die beste Rechtfertigung bei Vorschlags der deutschen Regierung, daß sämtliche Großmächte in Europa außer Oesterreich-Ungarn gemeinsame Vorstellungen in Belgrad machen sollen. Inhalt und Ziel der Vorstellungen sollte sein, daß die Serben, wenn sie ihre Forderung aus eine Gebiet-erweiterung aufrecht erhalten und nicht al-bald die Mobilisierung ihre- Heere- einst eilten, auf keinerlei Unterstützung von außen zu rechnen und allein die Folgen eine- kriegerischen Konflikt- mit Oesterreich-Ungarn zu tragen hätten. Die französische Regierung zeigte sich bereit, diesen Vorschlag zu verwirklichen und übernahm el, Rußland dafür zu gewinnen, nachdem England erklärt hatte, sich von einem solchen gemeinsamen Schritt nicht auSschließen zu wollen. Die Aktion wurde jedoch dadurch durchkreuzt, daß der russische Minister J-wolski al-bald in separato friedliche Vorstellungen in Belgrad machte.
Die serbische Antwort ist unbefriedigend; sie knüpft die Zusicherung auf territoriale Kompensationen für jetzt zu verzichten, an die Bedingung, daß die Mächte Serbien die politische und ökonomische Unabhängigkeit garantieren sollen, b. h. Serbien will nicht direkt mit Wien verhandeln, sondern die anderen Mächte dazwischen schieben. Oesterreich-Ungarn kann darauf nicht eingehen. ES ist kein unter internationaler Garantie stehende- Recht Serbien- verletzt worden. Vielmehr hat sich Otsterreich-Ungarn sreiwillig bereit erklärt, an Serbien gewisse ökonomische Vorteile zu gewähren. Wie die Türkei, für die mit der Annexion BoSniens und der Herzegowina ein formales Recht verletzt war, sich mit Oesterreich-Ungarn direkt verständigt hat, so muß sich eift recht Serbien, das nur über zerstörte Hoffnungen auf Gebiet-erwerb klagen kann, direkt mit Wien auScinandersrtzcn, um Erleichterungen für die eingeengte Lage seines WirschallsgebieteS zu eilangen. Der wahrscheinlich insgeheim von Rußland unteistützte Versuch, eine Kon- ferenz über den serbisch-österrcichisch-unganschen Streit beraten und beschließen zu lassen, ist völlig auSsichttloS, da es für eine Großmacht unmöglich ist, sich in solchem Falle einer Konferenz zu unterwerfen.
Das AuSspringen Rußlands aus dem SreiS der Mächte hat also den Eigensinn der Serben eher ermutigt als gedämpft und damit die Lage verschlechtert. In Wien hat man bisher zwar die Ruhe bewahrt, aber dir Donaumonarchie hat doch da» größte Interesse daran, den kostspieligen Kriegsvorbe- reitungen so oder so ein Ende zu machen. So unerträglich der Gedanke ist, wegen unberechtigter Ansprüche Serbien- dir