Ministeriums für jede in Betracht kommende Arbeiteransiedlung in den preußischen Provinzen eine Beihilfe bis zu 300 Mark aufwenden wird. Sache der Landwirte ist eS nun, sich diese Erweiterung deS staatlichen Hilfsdienstes zunutze zu machen.
Die Novelle zum Strafgesetzbuch unterliegt zurzeit noch der Prüfung bei den einzelnen Bundesregierungen. Sobald deren Gutachten Angegangen sind, werden die BundeSratsaurfchüffe sich mit der Vorlage beschäftigen. Nach der Ansicht unterrichteter Kreise ist aus einen glatten Verlaus zu rechnen. Die Vorlage dürste Mitte oder Ende März an den Reichstag gelangen.
Aus Santiago de Chile, 11. Februar, wird gemeldet: Diebei dem Brande der deutschen Gesandtschaft verkohlt ausgefundene Leiche wurde bisher für die des Kanz- listen Beckert gehalten, weil sie die Kleidungsstücke Beckerts anhatte. Eine'nochmalige Untersuchung der Leiche ergab indessen, daß dem Gebisse nach der Ermordete nicht mit Beckert identisch ist, vielmehr ist dieser Ermordete der chilenische Diener der deutschen Gesandschast. Danach liegt der Verdacht einer fürchterlichen durch Beckert begangenen Tat vor. Beckert hat erst den chilenischen Kanzlisten ermordet, dann die Kasse beraubt, darauf dem Ermordeten seine, BeckertS, Kleider angezogen und endlich anscheinend selbst den Brand angestistet. Hierzu teilt die deutsche Kabelgrammgesellschaft mit: Wie wir zuverlässig hören, hat mit Rücksicht aus diesen Vorgang die deutsche Regierung der chilenischen Regierung eine dauernde Unterstützung für die Hinterbliebenen des aus so schauderhafte Weise ermordeten GesandtschaftSdieners anbieten lassen. — Nach den letzten ärztlichen Feststellungen ist die nach dem Brande in der deutschen Gesandschast gefundene Leiche nicht diejenige des Kanzlisten Beckert. Man glaubt, daß dieser die Gesandtschaft verlassen hat. Ein deutscher Juwelier erklärte, er habe Beckert um 1 Uhr Morgens nach dem Brande gesehen und gesprochen.
Aus PeterSburg, 11. Februar, wird gemeldet: Der Minister des Aeußern überreichte gestern dem türkischen Botschafter die russische Antwort aus den Gegenvorschlag der türkischen Regierung in Betreff des russischen finanziellen Vermittlungsprojektes zwischen Bulgarien und der Türkei. In dieser Antwort begrüßt die russische Regierung die türkische Mitteilung als Ausdruck bei prinzipiellen Einwilligung in das russische Projekt, welches die Bahn zu einer endgültigen Regelung der Frage öffne. Was die Gedanken der Türkei über die gleichzeitige Liquidation der Kriegsentschädigung an Rußland anbetrifft, so ist die russische Regierung, beseelt von den freundschaftlichsten Gefühlen zur Türkei, grundsätzlich bereit, in die Beratung dieser Frage einzutreten, selbstverständlich unter der Bedingung genügender Garantien für die russischen Rechte und Interessen. Jetzt aber ist eS dringend nötig, Mittel zur sofortigen Entschädigung der Türkei für den ihr von Bulgarien zugesügten Schaden zu finden. Seitens aller Mächte wird Sympathie für das russische Projekt ausgesprochen, und schwerlich könnten diese die Feststellung der Entschädigungssumme aus einen höheren Betrag als 120 bis 125 Mill. Frank begünstigen. Anderseits könnte der Abschluß einer Anleihe durch Bulgarien angesichts der jetzigen Lage des Geldmarktes nur unter sehr schweren Bedingungen stattfinden und große Verzögerung verursachen. Der russische Vorschlag befriedigt beide Teile und ermöglicht der Türkei, die ihr zukommende Entschädigung sofort zu realisieren. Daher macht die russische Regierung der türkischen Regierung, ohne im Prinzip die Prüsung der vollständigen Liquidation der KriegSentschädigungsgelder abzulehnen, den Vorschlag, aufs neue das russische Finanzprojekt zu prüfen, welches auf eine Summe von 120 bis 125 Millionen Frank fußt, in die auch die von Bulgarien zu leistende Entschädigung für die rume- lischen Ostbahnen einbegriffen ist. Die russische Regierung schlägt ferner vor, unverzüglich die Bedingungen der sofortigen Durchführung dieser Finanzoperation gemeinsam zu erwägen.
Der Plan für die Besestigung deS Panama- k a n a l S, den der neue amerikanische Präsident Tast gutgc- heißen hat, erfordert eine Ausgabe von 5Va Millionen Dollars. Der Chefingenieur Goethals erwägt jetzt den Plan, den Kanalbau auch nachts wciterzusühren, um ihn in vier Jahren zu beendigen.
Den Gerüchten über eine ernstliche Erkrankung des NeguS Menelik, woraus vielfach auf einen bald bevorstehenden Thronwechsel in Abessinien geschloffen worden ist, widerspricht folgende Meldung aus der abeffinischen Hauptstadt Adis Abeba: „Der hiesige Korrespondent des Reuterschen Bureaus bementiert aus amtliches Ersuchen hin die Nachrichten von einer schweren Erkrankung des Negus Menelik. Der Negus befindet sich zurzeit aus einer Amomobiltour." Möglich ist es natürlich auch, daß dieses bestellte Dementi nicht viel wert ist.
Die Lage in den Wilajets Bagdad und Bajsora scheint sich stetig zu verschärfen. Die türkischen Blätter bringen häufig dementsprechende Nachrichten. Die neuesten Meldungen lauten, der Brigantenansührer Elenkel habe sich in Nedches verbarrikadiert; der Gouverneur von Kerbelah fei mit einem Bataillon Infanterie, mit Kavallerie und Geschützen nach Nedches entsandt worden.
Präsident Roosevett ist es gelungen, der zwischen Amerika und Japan in den letzten Wochen wieder mehr hrrvortretenden Spannung ein vorläufiges Ende zu bereiten durch ein amerikanisch-japanisches Uebereinkommen, das sowohl in Washington als auch in Tokio allgemein befriedigen dürste. Ueber diesen jüngsten, dem Frieden dienenden Erfolg der Rooseveltschen Politik wird berichtet: Die unausgesetzten Bemühungen RooseveltS, die antijapanische Bewegung in Amerika zum Stillstand zu bringen, haben einen großen Erfolg erzielt. Es ist dem Präsidenten gelungen, ein Abkommen mit Japan zu erzielen, indem Amerika Sonderschulen für japanische Kinder errichtet und die Regierung in Tokio dagegen die japanische Auswanderung nach Amerika konttolliert. Die Verwicklungen erscheinen damit beigelegt, und die Pacific- floaten werden alle anstößigen Bills gegen Japan fallen lassen.
In P er sien muß die revolutionäre Sache nach mehrfachen Erfolgen einen empfindlichen Schlag verzeichnen. In Täbris haben die Rebellen eine schwere Niederlage erlitten, fast die gesamte Stadt befindet sich wieder in den Händen ber RegierungStruppen. Gegen die ebensalls ausständischen Bachtiaren bereitet der Gouverneur von Jspahan, Prinz Ferman Ferma, eine Expedition vor.
Hut Provinz u. Nachbargebiet.
* Die neue Fernsprechgebührenordnung ist jetzt dem Reichstag zugegangen. Es ist darüber folgender mitzuteilen: 4 Psg. kostet nach der neuen Taxe für Deutschland jeder Gespräch. Dazu kommt dann noch eine Grund- gebühr von 50 M. bei unter 1000 Anschlüssen, 65 M. bei unter 5000, 80 M. bei unter 20 000 Anschlüssen, 90 M. bei unter 70 000 Anschlüssen. Jede weiteren 50 000 Anschlüsse
sollen je 10 M. mehr kosten. Ferngespräche kosten 20 Psg. I biS 25 Kilometer, 25 Psg, bis zu 50 Klm., 50 Psg. bis zu 100 Klm., 75 Psg. bis zu 250 Klm., 1 M. bis zu 500 Klm., 1,50 M. bis zu 750 Klm. und 2 M. bis zu 1000 Klm. Bei über 1000 Kilometer werden für jede angesangenen weiteren 250 Kilometer 50 Pfg. mehr erhoben.
* (Chausseurmangel bei den Provinzial - Armeekorps.) Durch die Verträge, die von der Militärverwaltung mit einer großen Anzahl von Besitzern von Lastkraftwagen für den MobilmachungSsall geschlossen sind, ist im Ernstsall eine hinreichende Anzahl solcher Fahrzeuge verfügbar gemacht worden. Dagegen bestehen begründete Zweifel, ob die Zahl der Fahrer auSreichen wird. Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, anzunehmen, daß es genügt, den Mechanismus eines Automobils nur insoweit zu kennen, daß man vor- und rückwärts fahren kann, um sich als Chauffeur auszugeben. Ein ausgebildeter Fahrer muß imstande sein, selbständig Reparaturen und Montagen vorzunehmen, und an solchen Leuten wird es schien. DaS Institut der Krastsahrabteilung hat in Preußen erst seit knapp zwei Jahren feine Wirksamkeit ausgeübt. Die zur Reserve entlassenen Leute können vorläufig bei einer Mobilmachung als Ersatzmannschasten beim Truppenteil selbst nicht immer entbehrt werden, obwohl bezüglich der späteren Jahrgänge eine Verteilung aus die verschiedenen Armeekorps vorgesehen ist. Hier ist Bayern in einer weit vorteilhafteren Lage, da es jetzt schon imstande ist, für seine drei Armeekorps eine genügende Anzahl ausgebildeter Leute aufzubringen. Man hat deshalb, wie die „Mil.-pol. Korrespondenz" hört, daran gedacht, mit der Zeit die Krastsahr- abteilung, ähnlich wie das Lehrbataillon der Infanterie, in eine Schulabteilung umzuwandeln, zu der zwecks Ausbildung Unteroffiziere und Mannschaften der Trainbataillone kommandiert werden sollen, die ihrerseits später wieder als Unterweiser im eigenen Truppenteil fungieren können. Dies Mittel scheint allerdings geeignet, einen Stamm sachkundiger Leute bei den einzelnen Armeekorps zu schaffen, und die Verlegenheiten zu beseitigen, die sich im Ernstfall sonst sicherlich ergeben würden.
* DaS Kaiserliche Statistische Amt beginnt jetzt mit der Veröffentlichung einiger Ergebnisse der BerusS - z ä h I u n g vom 12. Juni 1907. Bei dieser wurde im Deutschen Reiche eine Gesamtbevölkerung von 61,720,529 Personen feftgeflellt. Bei den beiden vorhergehenden Berufs- zählungen 1895 und 1882 betrug die Volkszahl 51,770,284 und 45,222,113. Danach hat die ReichSbevölkerung sich in den 12 Jahren von 1895 bis 1907 um 9,950,245 oder 19.2 v. H. vermehrt, während die Zunahme in dem früheren 13jährigen Zwischenraum von 1882 bis 1895 nur 6,000,548 Personen, d. h. 14.4 v. H. betragen hat. Nach dem Geschlecht sondert sich die Gesamtbevölkerung in der Weise, daß 30,461,100 männlichen Personen 31,259,429 weibliche Personen gegen- überstehen. In der Landwirtschaft sind im ganzen 17,681,176, in der Industrie 26,386,537, im Handel und Verkehr 8,278,239, in häuslichen Diensten 792,748, in Militär-, Hof-, bürgerlichen und kirchlichen sowie in freien BerusSarten 3,407,126 Personen beschäftigt; als Personen ohne Beruf und Berussangabe wurden 5,174,703 gezählt.
):( Hersfeld, 12. Februar. (Anatomisches Museum.) Von morgen ab ist im Gasthaus zur Sonne hierselbst Hoppe's anatomisches Museum aus einige Tage ausgestellt. Das Stadthagcner Kreisblott schreibt darüber: Wirklich interessante Nachbildungen kann man in dem zur Zeit aus dem Viehmarkt befindlichen Hoppe's anatomischen Museum sehen. Ein Rundgang durch die AchHellung ist mehr als lohnens- wert, umsomehr als dieselbe einen wissenschaftlichen Zweck vcr- folgt und sich ein jeder Kenntnisse aneignen kann, um körperliche Eigenschaften und Entwickelungen zu beurteilen und kennen zu lernen. ES sind wertvolle Präparate, die in Hoppe's Museum zu sehen sind. Man könnte wiederholt darin umherwandern, immer würde man lernen und neue Nahrung zu Betrachtungen und Schlußfolgerungen finden. Möchte das Museum nicht nur die Schaulust und Neugier befriedigen, sondern auch ersolgreich wirken durch verständige Betrachtung und lehrreiche Anwendung über die Pflege unserer Gesundheit.
):( Hersfeld, 12. Februar. Ein zugereister H a n d - werksbursche ließ sich in einem hiesigen Uhrengeschäft mehrere Taschenuhren zum Kauf vorlegen. Als er sich einen Augenblick unbeobachtet glaubte, ließ er eine bet Uhren in seiner Tasche verschwinden. Der Geschäftsinhaber merkte aber sofort den Verlust und ließ den Mann verhaften.
):( Hersfeld, 12. Februar. Ein seit Herbst v. Js. in einer hiesigen Gastwirtschaft wohnender Arbeiter hatte seinem Logiswirt durch Einbruch nach und nach mehrere hundert Mark entwendet, bis es jetzt endlich gelang den Dieb zu erwischen. Ein großer Teil deS gestohlenen Geldes wurde noch vorgesunden und konnte dem Bestohlenen wieder zugestellt werden.
):( Hersfeld, 11. Februar. (Schöffengericht.) Ein Eisenbahnarbeiter auS Mecklar wurde wegen unerlaubten Schießens auf der Dorjstraße zu Friedlos mit 2 Wochen Haft bestraft. — Ein Handwerksbursche erhielt wegen Bettelns und Widerstand 2 Wochen Gefängnis. Auch wurde derselbe einer Korrektionsanstalt übertviefen. — Weiler wurden noch 2 Privatklagesachen verhandelt, von denen eine mit Freispruch endete, die andere vertagt wurde.
Von der Werra, 10. Febr. Von den drei Kindern, die bei dem Hochwasser der Werra am letzten Freitag in Großburschla beim Zusammenbruch der Flutblücke ins Wasser stürzten und ertranken, sind gestern die beiden 7 und 13 Jahre alten Söhne des Handelsmanns Wilhelm Flügel nicht weit von der Einsturzstelle mit zufammengefaßten Händen ausgesunden worden. Die Knaben sind beim Einsturz der Brücke sofort von den nachstürzenden Massen verschüttet worden und so unter der Brücke liegen geblieben. Der Vater der verunglückten Kinder befindet sich noch außerhalb auf Handelsreisen und weiß noch nichts von dem ihm widerfahrenen Unglück. Er fehlt nur noch die Leiche des 13jährigen SohneS des Landwirts Gottfried Hoßbach, die bis jetzt noch nicht aus- gefunden werden konnte.
Casfel, 11. Februar. (Schwurgericht-periode.) Die erste diesjährige Schwurgerichtsperiode deS Landgerichts» bezirks Cassel ist um 14 Tage gegen den ursprünglich angesetzten Termin verschoben worden und wird also nicht am 1. März, sondern erst am Montag, 15. März ihren Anfang nehmen. Es ist diefer hauptsächlich aus dem Grunde geschehen, um bis dahin noch eine Anzahl neuerdings hinzugekommener Straffälle mit erledigen zu können. Zum Vorsitzenden der Schwurgerichtsveihandlungen ist Herr Landgerichtkdirektor Schröder ernannt worden.
Schmalkalden, 9. Februar. Der frühere Lehrer an der Königlichen Musikschule zu Dresden, Konrad Kühnert, der seit einigen Jahren hier ansässig ist, wurde gestern morgen als Leiche aus der Schmalkalde gelandet. K. wurde gestern abend auf dem nach Aue sührenden Weg in der Nähe der Schmalkalde gesehen, wo er sich die Ueberschwemmung betrachtete.
Jedenfalls ist er bei der Dunkelheit zu nahe an das User geraten und in die reißende Flut gestürzt.
Alsfeld, 10. Februar. DaS 4jährige Söhnchen deS Landwirts Kober fiel in einen mit heißem Wasser gefüllten Kessel und verbrühte sich so, daß es bald daraus starb.
Laasphe, 10. Februar. In Kloseld-GeiSweid blieb einem Arbeiter ein Stück Fleisch im Halse stecken. Der Mann starb nach kurzer Zeit.
Arenshausen (Eichsseld), 10. Februar. Das Dorf Arenshausen bietet noch immer ein grauenvolles Bild der Verwüstung; am ärgsten mitgenommen ist der Friedhof, wo Gräber eingesunken, die Denkmäler zum Teil umgeworscn und die Mauer eingestürzt ist. Die Eisenbahnblücke bei der Hessenau ist aus ungefähr Va Mt. eingefunten. Der Schienenweg liegt teilweise bis 30 Meter frei und schwebt frei über dem Abgrunde, nur noch durch die Schwellen zusammengehallen. Zwei Abteilungen Pioniere aus Hann.-Münden, viele Strecken- und Telegraphenarbeiter arbeiten angestrengt an der Herstellung von Notbrücken und an der Wiederherstellung des Bahndammes. Im Dorfe Arenshausen standen manche Gebäude 2 bis 3 Meter tief in den reißenden Wogen. Schaudereregend war der Anblick der Kirche. Um sie liegen umgestürzte Grabdenkmäler, herbeigeflosiene Bäume und Zäune in wirrem Durcheinander auf dem Friedhofe, der teilweise ganz zerrissen, teilweise mit hohem Schlamm bedeckt ist. Im Innern der Kirche hat daS Wasser 80 Zentimeter hoch gestanden. Die Bänke standen sämtlich, zum Teil sogar umgedreht, im tiefen Schlamm. Die Gebäude im Dorfe sind ebenfalls stark beschädigt. Viel Vieh ist ertrunken. Straßen und Gärten sind gänzlich verwüstet. Hunderte von Fudern Geröll und Sand bedecken Wiesen und Accker. Ueberall ein Bild grauenvollster Zerstörung.
Heiligenstadt, 9. Februar. Störungen und Veränderungen im großen Reiseverkehr und Güterverkehr, einschneidender wie bei einer Mobilmachung, hat daS große Hochwasser zur Folge. Aus der vielbefahrenen Hauptbahnstrecke Halle— Cassel verkehren zwischen Nordhausen und Cassel nur noch Lokal- und Pendelzüge, um den Personenverkehr notdürftig aufrechtzuerhalten. Die Sperrung der Strecke bei Über und Arenshausen wird mindestens noch vier Wochen dauern. Das Kursbuch ist außer Giltigkeit gesetzt, für die Umsteigzüge ist jetzt ein neuer Fahrplan ausgestellt. Güterzüge können in der Richtung nach Cassel natürlich ebensowenig verkehren. Alle Güter und alle Postsendungen gehen von hier aus nur in der einen Richtung nach Nordhausen.
Altenbeken, 9. Februar. Zwei in der Stube allein zurückgelassene Kinder, 2 und 3 Jahre alt, der Arbeiters G. zu Marxloh spielten in der Nähe des Ofens mit einer Petroleumkanne. Diese explodierte, ein Kind verbrannte und das andere wurde schwer verletzt.
Göttingen, 9. Februar. Eine schöne Tat war die schon kurz erwähnte Rettung der Schicßftandwache bei der Ueber« schwemmung. Die Leute hatten getreu ausgehalten, daS Wasser flieg aber immer höher, bis ihnen nichts übrig blieb, als aus die dabei stehenden Weidenbäume zu klettern. Nachmittags wurde zu ihrer Rettung Leutnant Scheidemann mit 20 Mann und einem Krümperwagen entsendet. Als man sah, daß ohne Boot nichts zu machen war, erbat sich der Leutnant in der Leninschen Fabrik einen Kahn. Man nahm damit den Kampf gegen die Strömung aus, doch schon nach kurzer Zeit erscholl der Ruf: „Herr Leutnant, wir sind verloren, wir kommen in das große Loch." ES befinden sich nämlich aus den Schießständen große Vertiefungen von 12 bis 16 Meter Umfang. Durch diesen Ruf erschreckt, wollte jeder sich und den Kahn an den Bäumen festzuhalten suchen. Der Kahn kippte aber um, ehe es gelang, ihn mit der Kette am Baume zu befestigen. Zwei Mann fanden festen Grund. Leutnant Scheidemann stieß sich von seinem Baum ab und erreichte glücklich den Kohlenweg. Nun bildete er mit den Mannschaften eine Kette und es gelang, sämtliche Leute auf den Weg zu ziehen. Bis an den Hals standen die Soldaten im Wasser. Da man so nun nicht vorwärts kam, sammelte Leutnant Scheidemann seine Leute zu einem Knäuel. Man trat eng zusammen, umsaßte einander und so strebte diese Schar von sieben Männern gemeinsam der Flut entgegen, mühsam die Füße wenige Schritte vorschiebend. 400 Meter war der Bahndamm noch entfernt, aus dem die zurückgclaffencn Mannschaften harrten. Als die Retter sich dem Bahndamm näherten, sprangen die Zurückgebliebenen ins Wasser und bildeten eine Kette, so daß die letzten 30 Meter rascher zurückgelegt wurden. Gerettet! Mit welchen Gesühlen die so hart Geprüften an diese Fahrt zurückdenken mögen, kann man sich vorstellen, wenn man bedenkt, daß sie zur Ueberwindung einer Strecke von 400 Meter eine Stunde gebraucht hatten, eine Stunde, in der baS Wasser ebensogut noch um eine Kopslänge hätte steigen können! In der Levinschen Fabrik wurde den Durchnäßten ein Strohlager bereitet und ihnen Decken gereicht. Der Vorfall ist ein schönes Beispiel treuer Führerschaft und Kameradschaft in unserem Heere.
Götlingen, 9. Februar. Beim Rodeln verunglückte gestern ein Studierender schwer, indem er sich einen komplizierten Schenkelbruch und eine Gehirnerschütterung zuzog. Auch eine Dame erlitt nicht ungefährliche Verletzungen am Kopse.
Mainz, 11. Februar. Kürzlich wurde daS Testament des von feinem Sohne ermordeten Rentners Rackee eröffnet. Es ist besonders charakteristisch, daß der Sohn Joses, der das fürchterliche Verbrechen an seinem Vater und seinen Schwestern verübt hat, von seinem verstorbenen Vater in ganz besonderer Weise durch eine weit höhere Summe in dem Testament bedacht worden ist als seine sämtlichen übrigen Geschwister. AlS Motiv dieser Bevorzugung seines Sohnes Joses ist in dem Testamente angegeben, daß der Erblasser der festen Ueberzeugung fei, daß sein Sohn Josef in seinem späteren Lebensalter wohl nicht in der Lage sein werde wie seine übrigen Geschwister, sich seinen Lebensunterhalt erwerben zu können.
Mainz, 9. Februar. DaS Ehepaar Kilian stand wegen einer Scheidungsanklage gestern im Flur vor dem GerichtS- zimmer. Plötzlich zog die Frau ein Fläschchen Vitriol aus der Tasche und versuchte, es dem Mann, der zum Eid vorgeladen war, ins Gesicht zu gießen. Der Ehemann gab ihr aber einen Stoß, so daß beide in den Sitzungssaal flogen. Während der Mann nur einen leichten Spritzer am Äuge erhalten hat, wurde der Frau das ganze Kleid von der Säure verdorben. Es entstand eine große Aufregung im Sitzungssaal unter den Richtern, Anwälten und im Publikum. Die Weiterverhandlung des Prozesses mußte vertagt werden.
Mainz, 9. Februar. Diese Nacht ist in der Irrenanstalt der Müller Thomas aus Niedersaulheim (Rheinhessen), 90 Jahre alt, gestorben. Thomas war, wie noch erinnerlich fein dürfte, nach Verlust eines Prozesses, dem er sein ganzes Vermögen geopfert hatte, mit der Behörde in Konflikt geraten, wobei eS des öfteren zu Zusammenstößen kam. Bei einem solchen wurde seinerzeit ein Gendarmeriewachtmeister erschossen