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Hersfelder Kreisblatt
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Zernsprech-Nnschlutz Nr. 8
Nr. 13
Sonnabend, den 30. Januar
1909.
Amtlicher teil
Her-feld, den 26. Januar 1909.
Ein von der Gemeinde Rohrbach angeschaffter Bulle, Simmentaler Rasse, Rotschack v. weiß, 17 Monate alt, ist von der Körung-kommission besichtigt und zu Zuchtzwecken für tauglich befunden worden.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses.
I. A. 523. I. A.: Fellinger, RegierungS-Reserendar.
nichtamtlicher teil.
Politisier Wochenbericht.
In ganz besonder- festlicher Weise ist die-mal der Geburtstag unseres Kaiser« von den deutschen BundeS- fürften, die vollzählig in der Reich-Hauptstadt erschienen waren und dem deutschen Volke und überall, wo außerhalb deS Reichs die deutsche Zunge klingt, begangen worden, war eS doch unserm geliebten Herrscher beschiedcn, aus ein halbes Jahrhundert eines reichgesegneten Lebens zurückzublicken. Der Segen, den Gott einem Herrscher verleiht, ist ein Segen für dak ganze Land. Daß die Krone nun schon über 20 Jahre auf dem Haupte unsere- Kaisers ruht und dadurch Stetigkeit, Ordnung und gedeihliches Wach-tum in allen öffentlichen Angelegenheiten gesichert ist, da- ist eine Wohltat, an dem jeder einzelne Staatsbürger teilnimmt. Getreu den Traditionen bei erlauchten Hohenzollerngeschlechte« hat ei unser Kaiser stets für seine vornehmste und erste Herrscherpflicht gehalten, seines Landes erster Diener zu sein, mit weisem, weitschauendem Blick und fester Hand seines Volke« Glück und Wohlsahrt zu fördern. Daß ihm noch eine lange Regierung beschieden und bei Himmel« reichster Segen auch fernerhin mit ihm sein möge, wird daher stets da« innige Gebet eines jeden guten Deutschen sein. —
Im Reichstage, der wahrlich wichtigere« zu tun hat, haben Polen und Sozialdemokratin in schöner Gemeinschaft versucht, eine Attacke gegen daS neue Verein-gesetz zu retten und hatten wohl gehofft, einen Triumphmarsch an» treten zu können. Aber ei ist anders gekommen. Den Triumphmarsch haben nicht die Herren Brejski und Brey, die den Brei anrührten, angetreten, sondern Herr v. Bethmann-Holl- weg, der sie so gründlich inS Gebet nahm und ihre Anklagen so zerpflückte, daß sie in nicht« zerflossen. Ja, auch der Führer des Freisinns, Herr Müller-Meiningen, konnte nicht umhin, ein Loblied aus daS neue VereinSgesetz zu singen, mit dem den politischen und vielfach hochverräterischen Zielen der Pol- irischen und sozialdemokratischen Staattseinde ein starker Riegel vorgeschoben worden ist. Mit Spießen und Stangen waren die braven Kämpen & Ia Don Quichotte gegen die erste Schöpfung deS Block- au-gezogen, um einen furchtbaren Schlag zu führen, aber glänzend wurde die Attacke abgeschlagen und zerzaust und zerschunden kehrten sie auS dem Kampfe heim.
Einen wichtigen Beschluß hat die Budgetkommission bei preußischen Abgeordnetenhauses gefaßt, indem sie zur Deckung bei Bedarf- für die Gehaltserhöhungen der Beamten, Lehrer und Geistlichen einen Zuschlag zur Einkommen- und Ergänzung-steuer dauernd bewilligte, bis eine anderweitige organische Regelung deS Einkommensteuergesetze- erfolgt sein wird. Wie verhältnismäßig gering der den Steuer- Pflichtigen mit einem Einkommen von weniger als 3000 Mark angesonnene Steuerzuschlag ist, erhellt aus der Tatsache, daß z. B. Steuerzahler mit 12 Mark Steuern vierteljährlich nur 30 Psennig Stcuerzuschlag zu entrichten haben werden, also einen Betrag, der weit hinter dem zurückbleibt, waS die sozialdemokratisch beeinflußten Arbeiter wöchentlich an Partei- und GeweikschastSbeiträgen zu bezahlen haben. Die in der Budgetkommission beschlossene Lösung der Deckung-frage ist durchauS ersreulich, und el ist nur noch zu wünschen, daß nun auch über die BesoldungSordnung eine Verständigung aus der ganzen Linie erfolgt.
Der englischeMinister deS Auswärtigen Sir Edward Grcy hat sich wieder einmal öffentlich über die Richtlinien seiner Politik in einer in Coldstream gehaltenen Ansprache geäußert. Mit besonderer Ausführlichkeit behandelte er dabei die Entwickelung der Balkansrage und gab dem Ge- sühl der Erleichterung Ausdruck, daß zwischen Oesterreich- Ungarn und der Türkei über einen der Hauptpunkte bei Streite- ein Uebereinkommen erzielt worden sei; er hoffe, daß die von den genannten beiden Mächten hierbei bewiesene Versöhnlichkeit die Schlichtung der noch übrigen Schwierigkeiten fördern werde. Ueber den nahe bevorstehenden Besuch bei König- von England bei dem deutschen Kaiser in Berlin sprach er die bestimmte Hoffnung au«, daß dieser Besuch bei Vertrauen zu den guten Absichten und dem guten Willen Englands fördern werde. Die ganze Rede ist von FriedenS- zuversicht getragen und geeignet, zur weiteren Beruhigung der Gemüter beizutragen.
Die Aussichtslosigkeit, in einem Waffrngange mit der
habsburgifchen Monarchie Lorbeeren zu ernten, hat endlich auch Serbien bewogen, mit seinem Säbelgerassel auszuhören und sich wieder mit seinen inneren Angelegenheiten zu be- schästigen, ein Ergebnis, zu dem daS von dem klugen Fürsten Nikita regierte Montenegro schon längst gelangt ist. Dagegen schafft die Einberufung der bulgarischen Reserven der Grenzdivision in Südbulgarien auf dem Balkan neue Unruhe; denn ei ist nicht anzunehmen, daß die türkische Regierung sich die Ansammlung einer starken bulgarischen Truppenmacht dicht an der Grenze gefallen lassen wird, so daß ein blutiger Zusammenstoß nicht ausgeschlossen erscheint, wenn auch die Türkei bisher Gcgenmaßregeln noch nicht getroffen hat. Jedenfalls ist zu wünschen, daß beide Staaten ruhig Blut bewahren und sich gütlich einigen mögen.
K inbuftritden Fortschritte in nnftrn Kolonie«.
Vor kurzem hat in DreSden Staatssekretär Dernburg in Gegenwart bei König« von Sachsen einen lehrreichen Vortrag über die industriellen Fortschritte in den deutschen Kolonien gehalten, der daS Interesse weitester Kreise in Anspruch nimmt, sodaß wir bai Wichtigste daraus mitteilen.
Im Hinblick aus die Versorgung der Heimat mit kolo- nialen Rohprodukten steht an erster Linie Baumwolle. In Ostafrika ist nahezu der gesamte Saadani-Bezirk für Baumwolle belegt, und die kommende Kampagne verspricht in Ost- asrika eine Produktion von mindesten« 5000 Ballen ägyptischer Baumwolle. Damit haben wir unsere Nachbarkolonren Britisch-Ostafrika und Uganda um bai Doppelte geschlagen. Auch in Westafrika haben wir in der Baumwollerzeugung die Nachbarkolonien zum Teil überholt. In Togo macht die Baumwolle, von der dort über 90 v. H. Eingeborenenkultur ist, dauernd gute Fortschritte. Nächstdem in Wichtigkeit folgt der für Ostafrika heute da« vornehmste Exportprodukt bedeutende ostafrikanische Hans. Die Annahme ist unbedenklich, daß in ganz kurzer Zeit der Sisalhans einen in eine erkleckliche Anzahl von Millionen gehendend Exportartikel der deutschen Kolonien bilden wird. Weiter sind in der Reihe der Exportprodukte die Oel produzierenden Pflanzen zu erwähnen. Zunächst die Kokospalme, wo gleichfalls Ostastika den führenden Rang ein- zunehmen bestimmt scheint. Hieran reiht sich die Oelpalme, welche in außerordentlich reichen Beständen in Kamerun und Togo vorkommt. An die Spitze der Mehlfrucht produzierenden Kolonien ist in kurzer Zeit Togo gelangt mit einer Auksuhr von über 18 000 Tonnen Mai« in 1907, vermutlich 24 000 in 1908. Einen hohen Ausfuhrwert erreicht bereit- jetzt der Kautschuk. Er kommt in allen unseren Kolonien mit Ausnahme von Südwestafrika fort. Von großer Bedeutung für den Weltmarkt beginnt die Gerbstoffgewinnung zu werden. Der ganze Küstengürtel sowohl von Ostastika wie von Kamerun ist mit Mangroven in urwaldartigen Beständen besetzt.
Bei der Viehzucht ist in allererster Linie Südwestafrikat zu gedenken, aul welchem mancherlei Erfreuliche- gemeldet werden kann. Ist doch der Viehbestand am Beginn bei Jahre- 1908 in den Händen der Weißen bereit- größer, al- er vor Au-bruch dc« großen Krieges im Januar 1904 gewesen ist, so daß, soweit die Wirtschaft der Weißen in Betracht kommt, die große Scharte bereit- au-gewetzt ist. E- ist mit Sicherheit zu erwarten, daß Ende diese« JahreS ein Viehbestand im Werte von nicht viel unter 20 Millionen Mark wird fest, gestellt werden können. Da- wichtigste Tierprodukt ist die Wolle. Auch hier darf eS heute keinem Zweifel mehr unterzogen werden, daß die Bedingungen für die Wollschaszucht in Südwestafrika von denen in der Kapkolonie nicht wesentlich verschieden find.
WaS die bergbauliche Tätigkeit betrifft, so befinden sich außerordentlich reiche Phosphatlager auf der Insel Nauru, die von der Pacific Phosphat Co. mit großem Nutzen verwertet werden. Die Gesellschaft zahlt jährlich mehr al- 50 v. H. Dividende. Der Erfolg hat ein Bremer Syndikat veranlaßt, mit der Gründung der Deutschen Südsee-PhoSphat-Ge- scllschast aus den Palau-Jnseln Vorzugehen. Die Vorkommen sind reich und leicht abbausähig. Nächstdem folgt heute schon im Werte die deutsche Diamantproduktion in Südwestafrika. Im allerersten Beginn stehend, sind in vier Monaten ungefähr 40 000 Karat im Werte von 1 100 000 Mk. gefördert worden, davon allein im Dezember 12 000 Karat im Werte von 330 000 Mk. Allem Anschein nach ist das Vorkommen ein nachhaltige-, hat sehr geringe Produktion-kosten und liefert eine sehr gute und klare, wenn auch kleine Ware. DaS ist deshalb kein besonderer Nachteil, weil der Massenkonsum auch bei Diamanten in kleineren und deshalb billigeren Steinen liegt. An dritter Stelle figuriert Kupfer. Es handelt sich hier zunächst um die bekannten Stellen in Otavi, die aber neuerdings um die bei Guchab gelegenen reichen Äupferftefleu vermehrt worden sind. Sonst wird noch Kupfer in Oljisongati und anderen kleineren Stellen im Schutzgebiet gefördert. Gold kommt in unsern Schutzgebieten an vielen Stellen vor. Aus- gedeutet wird e« zurzeit nur im Sekenke-Revier in Ostasrika, wo da« Vorkommen hinreichend groß ist, um die Kosten einer
Stampsbatterie, die zurzeit dort ausgestellt wird, für wohl an» gewendet anzusehen.
Zum Schluß wieS Staatssekretär Dernburg daraus hin, daß nach der Absicht deS Fürsten BiSmarck die Kolonien ein neue- Hilf-mittel der deutschen Schiffahrt, deS deutschen miti» schastlichen LebenS und deS deutschen Export- bilden sollen. Sie sollen die Gewinnung neuer Absatzmärkte für die deutsche Industrie und die Ausdehnung des Handel« befördern und ein Tor für deutsche Arbeit, deutsche Zivilisation und deutsche« Kapital offen halten. Einen Ersolg seiner kolonisatorischen Ideen wollte der Fürst aber nur dann voraussagen, wenn hinter der Politik ein starker nationaler Wille stehe und der Impuls für sie aus der Nation selbst herauSkomme. Darum gilt eS vor allem, kräftig und zuversichtlich an unserer kolonialen Entwicklung weiterzuarbeiten im Sinne bei Programm« bei großen Kanzler-.
Abgeordnetenhaus.
Im A b g e o r d n e t e n h a u s e gab e- am Donnerstag bei der zweiten Beratung der BesoldungSvorlage zunächst eine kleine Ueberraschung. DaS schwachbesetzte HauS — aus den Tribünen gab eS fast gar keine Besucher — hatte die Mitteilung deS Präsidenten, daß der Kaiser die Glückwünsche deS Hause- mit Dank angenommen habe, entgegengenommen, die Gesetzentwürfe über die Erweiterung deS Stadtgebiets von Saarbrücken und die Landeskreditkasse in Cassel fang» und klanglos erledigt, al- sich vor der Beratung der BesoldungS» Vorlagen der Zcntrumsabaeordncte Gras Praschma erhob und den Antrag stellte, b^“^^, auf eine Stunde zu vertagen, weil neue Momente seinx Partei veranlaßten, noch einmal zu den Vorlagen Stellung zu nehmen. Die Abgeordneten von Pappenheim und von Zcdlitz schloffen sich diesem Antrag an, und die Minister von Rheinbaben und von Breitenbach blieben mit ihren Aktenstößen allein. Der Grund der Vcr- tagungsantrageS bestand übrigens darin, daß während der Kommissionsberatungen, und zwar bei Beratung der Gehälter von GerichtSbeamten, ZentrumSabgeoidnctc anders abgestimmt hatten, als es von Fraktions wegen vorgeschrieben war. Dieser Umstand war erst jetzt bekannt geworden und hatte bal Zentrum zu dem Vertagungsantrage veranlaßt. Nach Wiedereröffnung der Sitzung gab der konservative Abgeordnete Hennigs gewissermaßen den FeldzugSplan für die kommenden Debatten. Er teilte mit, daß der Seniorenkonvent sich über drei verschiedene Punkte schlüssig geworden fei — allerdings außer den Sozialdemokraten. Danach sollen nur Anträge, die von den Einigung-parteien unterschrieben sind, zur Beratung gestellt werden, zweitens habe man die Zusicherung der Regierung, daß diese Anträge al- Grundlagen der Beschlußfassung angesehen werden sollen, und dann will man endlich die Beratung dadurch vereinfachen, daß man die gesamte Beamtenschaft in vier Hauptgruppen einteilt. Die gesamte Beamtenschaft werde daraus ersehen, daß das ganze Hau- mit Ausnahme der Sozialdemokratie auf der Grundlage der neu zu schaffenden BesoldungSordnung steht. Daß die Wünsche der Beamtenschaft übrigen- nicht allzu kleinlicher Natur waren, geht auS bet Mitteilung des folgenden Redners, deS konservativen Abgeordneten Quehl hervor, der sagte, daß zur Befriedigung aller geäußerten Beamtenwünsche die Zinsen eine- Kapital- von 6V2 Milliarden notwendig gewesen wären. Finanzminister Frhr. von Rheinbaben führte aus: die Anrechnung eines Teils der Militärzeit der Militäranwärter auf daS BefoldungSdienstalter fei ein Gebot der Billigkeit. Die Militärdienstzeit solle je nach der Dauer dieser Dienstzeit aus 1—3 Jahre angerechnet werden. Wer den Beamten wirklich eine Wohltat erweisen wolle, der müsse sich auf den Boden des Erreichbaren stellen. Die Anträge der Sozialdemokraten, beten Au-sührung etwa 17 Millionen erforbern würde, feien unannehmbar und dienten nur dem Zweck bet Agitation. Durch die Kommission hätten die Gehälter der unteien Beamten eine erhebliche und dankenswerte Steigerung ersahren. Es müsse endlich Ruhe in die Beamtenschaft koinmcn und dazu werde es beitragen, wenn ein einbilliges Votum der bürgerlichen Parteien zustandekomme. Die Regierung werde die aus Grund bei Kompromisses zustande kommenden Beschlüsse auch im Herrenhaus vertreten.
Nach dem Minister spricht der Abgeordnete Büchtemann von der freisinnigen Volkspartei. Er gibt im großen und ganzen sein und seiner Partei Einverständnis mit der Hebung der Lage der Beamten zu erkennen und spricht ganz besonders seine Sympathie für die Förster und Lokomotivführer aus.
Reichstag.
Im Reichstag stand am Donnerstag die Fortsetzung der Beratung des Antragt Albrecht (Sozd.) und Genoffen auf der Tagesordnung, der die Regelung bei BcrtragsverhSlt- nisseS zwischen den landwirtscdastlichen Arbeitern bezw. dem Gesinde und ihren Arbeitgebern zum Gegenstände hat. Abg. Dr. Stengel (freif. Vgg.) tritt namens feiner Partei für die Gewährung des KoalitionSrechteS und für die Aufhebung der Gesindeordnung ein. Abg. Dr. Varenhorst fVp.) rät der