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herssel-er Armblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage"

Zernsprech-Knschlutz Nr. 8

Nr. 9.

Donnerstag, den 21. Januar

1909.

Amtlicher teil.

Hersseld, den 19. Januar 1909.

Die Königliche Regierung in Cassel hat den Steuersuper- numcrar Fenner-Hersseld mit meiner Vertretung im Vorsitz der Einkommensteuer-Veranlagungs-Commission und des Steuer- Ausschusses der Gewerbesteuer, Klassen III und IV, im Rahmen des Erlasses des Herrn Finanz-Ministers vom 27. Februar 1907 II. 1945 beauftragt.

Der Vorsitzende der (Einkommensteuer« Veranlagungs-Kommission:

Nr. 101. von Grunelius.

Hersseld, den 14. Januar 1909.

Die unter dem Schweinebestande des Jakob Eckhardt zu Niederaula ausgebrochene Rotlausseuche ist erloschen.

I. 433. Der Königliche Landrat.

J. A.: Fellinger,

Regierungs-Referendar.

Gefunden.

Eine Kriegsdenkmünze in Form eines Kreuzes mit der Inschrift:Für Auszeichnung im Kriege."

Der Verlierer kann nähere Auskunft auf dem hiesigen Landratsamt erhalten.

Gefunden: eine Hemmvorrichtung. Zugelaufen: ein Hund. Meldung der Eigentümer bei dem OrtSvorstand zu Asbach.

nichtamtlicher teil.

Reichstag

Der Reichstag trat am Montag in die Spezialberatung des Reichshaushaltsetats für 1909 ein. Es wurde zunächst die Erörterung des Etats des ReichSjustizamtes begonnen. Abg. Wagner (kons.) eröffnete die Debatte, er behandelte hauptsächlich den Entwurf der neuen Strafprozeßordnung. Abg. Beizer vom Zentrum ließ sich über die Lage des Anwaltsstandes und über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung des ZeugniszwangsverfahrenS vernehmen und streifte zum Schlüsse den Eulenburg-Prozeß. Der Staatssekretär des ReichSjustizamtes Nieberding ging aus die von den beiden Vorrednern gegebenen Anregungen und gemachten Darlegungen näher ein und erklärte hierbei betreffs der Affäre Eulenburg, in dem Prozeßverfahren gegen den Fürsten Eulenburg werde durchaus keine Ausnahme gemacht: der Prozeß habe jedoch infolge des fortgesetzt bedenklichen Gesundheitszustandes des Angeklagten noch nicht wieder ausgenommen werden können. DerFall Eulenburg" wurde auch von weiteren Rednern

Her Hm m Lmnzimf.

Roman von Maximilian Moegelin.

(Fortsetzung.)

Es schien, alS fielen Frau Benz' Blicke in stiller Betrach­tung abermals auf Mine Lorenz, während diese wiederum aus jene Frau blickte, deren Haar bereits ins Graue spielte und die ihr eine unverkennbare Aehnlichkeit mit der Frau deS Bayersdorfer Pfarrers zu haben schien.

So saßen sie denn wie in gut bürgerlichem Kreise um den Kaffeetisch Wilhelm Lorenz an Martha Teschners Seite, deren stilles Glück auch ohne Worte aus ihren Augen sprach.

Natürlich war das Gespräch nun ein allgemeines und genau wie bei den kleinen Leuten begann nun daS Loblied auf die engere Heimat.

Auch die Wiege dieser Frau stand in der Neumark, an der ihr Herz besonders hing.

Fritz Krügers Blick ruhte im Augenblick wie in weiter Ferne, alS ginge sein Seelenflug in alle Ewigkeit. Sein Heimatstal hielt ihn im Banne. Aus der Höhe von Hafer- wiese aus dem Rücken des uralisch-baltischen HöhenzugeS stand er und sah das weite grüne Bruch, dessen Ortschaften ausge- baut wie Spielzeug unterm Weihnachtsbaum, umsäumt von Wald und grünen Wiesen, nun vor ihm stand. Und nun zählte er, eins, zwei, drei, vier und weiter bis dreizehn, wie schon oft zuvor, eS waren die Kirchtürme feiner trauten Heimat, die still unb ernst zum Himmel wiesen. Er atmete tief, um gleich zur Wirklichkeit zurückzukehren.

Ottilie Zechow, die schon vorher ihr Liebling-gebiet mit dem kommenden Musikdirektor ein wenig beackert hatte, be­merkte ihrem Nachbar, sich nicht erinnern zu können, jemals das Stück, da» er bei ihrem Kommen spielte, gehört zu haben, soviel sie auch darüber nachdenke.

Der Musikstudierende, dessen Haupt ebenso rabenschwarze- Haar krönte, wie das seiner wißbegierigen Nachbarin, zuckte

aus dem Hause, den Abgeordneten Heinze (nat. lib.), Heine (soz.-dem.) und Ablaß (sr. VolkSp.) berührt. Der genannte fozialdemokratische Abgeordnete erwähnte hierbei, er sei vom Gericht mit dem Fürsten Eulenburg doch ganz ander- ver­fahren worden, alS mit anderen Leuten, er sollte offenbar herausgehauen" werden. Weiter sprachen in der Montags­diskussion noch die Abgeordneten Schack (wirtsch. Vereing.) und Becker (Zentr.).

Abgeordnetenhaus.

In der heutigen äußerst stark besuchten Sitzung des Abge­ordnetenhauses, zu der fast sämtliche preußischen Minister er­schienen waren, ergriff zunächst der Abgeordnete Wiemer das Wort, um vom spezifisch freisinnigen Standpunkt aus den Etat zu beleuchten. Seine in etwas kategorischem Tone gehaltene Anfrage an den Regierungstisch, wie weit die Vorarbeiten für die Wahlrechtsreform gediehen seien, gab dem schon seit Beginn der Sitzung anwesenden Ministerpräsidenten Fürsten Bülow das Stichwort zu einer fast einstündigen Rede, in der er etwa folgen­des ausführte: Er knüpfte an seine Reichstagsrede an und be­tonte nochmals die Notwendigkeit, die Reichsfinanzen nicht bloß durch Erschließung neuer Einnahmequellen, sondern auch durch Pflege weiser Sparsamkeit, aber nicht etwa auf Kosten not­wendiger Bedürfnisse und der S cherheit des Landes zu ver­bessern. Die Parlamente seien auch an der Finanzlage zweifellos mitschuldig durch den großen Aufwand für soziale Zwecke ohne Rücksicht auf die Deckungsmittel. Er habe bereits im preußischen Ministerrat durch ein Rundschreiben seine Grundsätze über die Notwendigkeit eines sparsamen Betriebes dargelegt. Gegenüber den abfälligen Aeußerungen des Abg. Frhrn. von Pappenheim betont er, daß die Nachlaßsteuer als Ersatz einer Belastung der besitzenden Klassen bei der Reichsfinanzreform, die namentlich die unteren Schichten doch schonen solle, notwendig sei. ES gäbe nur zwei Arten deS Ersatzes: die Reichseinkommensteuer, die aber wegen der Verschmelzung dc-- ZnstäudigkeitSgrM '' b-r Bundesstaaten nicht einzuführen sei, und die weitere Erhöhung der Matrtkularbeiträge, die aber die kleinen Bundesstaaten auf- zubringen nicht im stände seien. Er geht dann über zur Beant­wortung der Wahlrechtsanfragen und erklärt ungefähr folgendes: Ich bin heute in der Lage, Ihnen Mitteilung davon zu machen, daß die Vorarbeiten ganz energisch betrieben werden. Sobald sich auf Grund des gesammelten Materials eine Uebersicht ge­winnen läßt, wird der Minister des Innern mit Vorschlägen her- vortreten." Er geht dann über zur Besprechung des Falles Schücking, der vom Abg. Wiemer angeschnitten wurde und be­tont, daß, solange er Ministerpräsident und verantwortlicher Träger der ReichSgesetze sei, er niemals in das Verhältnis der Vorgesetzten und Beamten eingreifen würde. Er wolle jedem Beamten seine freie politische Ueberzeugung lassen; ob derselbe liberal oder freisinnig sei, sei ganz gleichgültig, solange er den nötigen Takt bei Behandlung politischer Fragen nicht außer acht lasse. Selbstverständlich dürfe ein Beamter nicht der Sozial- demokratie angehören. Er erinnert an den Erlaß aus dem dem Jahre 1882 des Fürsten BiSmarck, der die Beamten beauf­tragte, die Politik der Regierung zu unterstützen. Auf den Kultusminister Dr. Holle zu sprechen kommend, erklärte er, daß keineswegs die Absicht bestünde, den Minister Holle seines Amtes zu entheben. Der Minister habe beim Bestreben, sich in sein überaus weitverzweigtes Ressort einzuarbeiten, seine Kräfte voll­ständig überarbeitet und in Erkenntnis, daß ein so großes und wichtiges Ressort nicht ohne Minister sein könne, schon im Vor- jähre ein Abschiedsgesuch an den König gerichtet. Derselbe hat

lächelnd die Achseln und meinte:Ja, wenn ich den Titel wüßte, dann wäre mir auch schon wohler."

Ottilie Zechow horchte auf und wußte nicht, ob daS ein Scherz sei, oder waS sie von solchen Worten zu halten habe.

Ja, sehen Sie, mein hochverehrtes Fräulein", fiel der Referendar ein,so ergeht es oftmals der echten Kunst. Man komponiert, malt oder dichtet so ins Blaue hinein und wenn es dann richtig glückte, fehlt oft der rechte Name. Im übrigen aber", bemerkte er, indem er sich eine Zigarre anzündete, der Komponist fiel ihm nun schnell inS Wort und meinte, daß gerade Herr v. Bornim ihm mit bestem Beispiele ja voranginge.

Sie müssen nämlich wissen, meine Verehrtesten. unser Staat-anwalt reitet nicht ohne Geschick daS hohe Roß der Literatur."

In diesem Augenblick erhob sich Fritz Krüger, dem der Referendar einen Wink gegeben hatte und schritt zum Klavier.

Präludierend griff er in die Tasten, während der Refe­rendar ein Notenblatt zur Hand nahm und mit voller Stimme sang:

Seid stark, ihr Herzen, aus die Zukunft traut,

Die Lieb' allein sie ist's, die Wunder baut.

Laßt nur die Zeit hingehn, die vieles schafft,

Aus schroffen Sinnen will'ge Herzen macht.

Und wenn du traurig bist in stiller Nacht, Schenk dir der Himmel meiner Liebe Kraft!

Das Schicksal liegt in unsichtbaren Händen:

Sei stark, mein Lieb!

Ek wird sich alles, alle- wenden.

Halt auS, mein Schatz, halt aus, sei fest und treu;

Ein jeder Tag ist in der Liebe neu.

DaS höchste Glück ist'», das die Welt gekannt:

Durch Freud und Leid zu gehen Hand in Hand!

Ich bleib dir treu in alle Ewigkeit,

Im Leben und im Sterben mein Geleit:

DaS Schicksal liegt in unsichtbaren Händen:

sich jedoch nichi entschließen können, den bewährten Minister zu entlassen, besteht doch die Hoffnung, daß der Minister Holle bei längerem Aufenthalt in günstigem Klima vollständig seine alte Arbeitskraft wiedergewinnt und alsdann die Führung der Ge­schäfte wieder übernehmen kann. Man hat davon gesprochen, daß, solange Minister Holle nicht zurückkehrt, ein anderer Minister die Vertretung übernehmen soll. Dieser hat aber händeringend gebeten, davon verschont zu bleiben. (Große Heiterkeit.) Fürst Bülow berührt dann nochmals die Vorgänge der Novembertage und betont, daß er als Ministerpräsident sich verpflichtet gefühlt habe, für den Träger der Krone einzutreten; er hoffe, daß in der nächsten Zukunft die Entfremdung zwischen Krone und Volk, die niemals zu einem Segen ausschlagen könne, schwinden werde.

Sie französische Marakkahebatte.

In der französischen Deputiertenkammer hat wieder eine mehrtägige Marottodebatte stattgesunden, die durch eine Inter­pellation des Sozialistensühre- SaureS über das Vorgehen des Generals Lyautey an der Ostgrenze Marokkos veranlaßt war. Der Interpellant zeigte sich von der Besorgnis erfüllt, daß die Regierung durch den Uebereiser der Militärs und durch die Ungeduld der sranzösischen Maroklointeresfenten zu abenteuerlichen, gegen die Algesirasakte verstoßenden und daS Verhältnis zu Deutschland verschärfenden Schritten gedrängt werden könne. Die Debatte nahm im ganzen einen erhitzten Verlaus und enthielt abgesehen von den wenig beachteten Tiraden eines chauvinistischen Schu/erS nichts, was deutschen Wider­spruch heraussordern müßtet

Manches Vorkommnis in Marokko gab dem Verdachte Nahrung, daß die dort tätigen französischen Organe, sei es auf eigene Faust, sei es mit heimlicher Billigung ihrer Re­gierung, eine andere Polirik als die in Pari» osfiziell vcr- nncne i« witrai».^«? hib dc- Tnrü^igg ^- Land'S betrieben. Der Minister des Auswärtigen Pichon ist diesem Verdachte schon wiederholt entgegengetreten. Diesmal tat er eS mit besonderem Nachdruck. Er sagte u. a.:Wer stehen zwei Sorten von Gegnern gegenüber, den einen find wir zu kriegerisch, den andern zu furchtsam. Beides ist falsch. Die Regierung erklärt heute auss neue, daß sie weder ire Er­oberung noch das Protektorat erstrebt, und daß eS als ihre selbstverständliche Pflicht erscheint, alle Verträge zu respektieren. Wir kennen nicht zwei Arten von Politik, eine, die wir vor der Kammer verteidigen, und eine andere, die wir unseren Osfizieren und Beamten anempsehlen, oder die wir unS von ihnen gefallen lassen. Unsere Politik ist die, die wir hier öffentlich verteidigen, und unsere Ossiziere und Beamte werden streng dazu veranlaßt, sich an den Rahmen dieser Politik zu halten. Eine Politik der Nichtintervention darf daS nicht sein, die würde unseren Interessen und unserm Ansehen schlecht ent­sprechen. Aber eine Politck des Friedens und der Kultur ist eS, daS kann ich vor dem Lande aussprechen und verantworten."

Im letzten Teil dieser'Ausführungen mag immer noch ein Haken stecken. Wenn wir auch die besonderen Interessen Frankreichs anerkennen, so kommt es doch daraus an, daß es

Sei stark, mein Lieb,

Es wird sich alles, alles wenden.

Es war jenes Schutz- und Trutzlied, das die beiden Wil­helm Lorenz oder richtiger dessen Braut zum Trost gewidmet hatten, als der Lorenzdorfcr Schulze seinem Neffen bestimmt versichert hatte, keinen Pfennig mehr für ihn bezahlen zu wollen, wenn die dumme Liebelei mit Lehrers Martha nicht sofort ein Ende nähme.

Lautlose Stille herrschte während deS VortrageS und ver­stohlen rann eine Träne über MarthaS Wange. Sie wollte fest bleiben, aber es gelang ihr nur schwer, und nun, da sie jenes Lied in einer Vollendung gehört, wie sie es niemals, wenn auch oft genug, sich in stillen Stunden vorgespielt hatte, da war sie tief ergriffen. Und mit feuchten Augen lächelnd erhob sie sich und dankte jedem nun persönlich für eine Liebenswürdigkeit, die sie, wie sie meinte, kaum verdient hätte.

Aber ich bitte recht sehr!" entgegnete wie abwchrend der Referendar,das waren wir seiner tapferen Braut nur schuldig!" während Fritz Krüger durch Kopfnicken dem vollend- zustimmte.

Leicht verneigte sich der letztere nun vor Mine Lorenz und fragte, ob er ihr auch etwa- spielen dürste, vielleicht ihr Lieblingslied, wenn sie gestatte.

Die so Angeredete war sichtlich verlegen und der Refe­rendar, der bereits wieder an ihrer Seite saß, harrte ausmerk- sam der Worte, die nun kommen sollten.

Sie war nicht sonderlich musikalisch und empsand immer, daß man auch ohne Musik ein leidlich brauchbarer Mensch sein könne und sagte nun um eigentlich nur etwas zu er­widern:Ach bleib bei mir."

Der Referendar, der in demselben Augenblicke von Mine- Seite sich erhoben hatte, um die Asche seiner Zigarre abzu- streifen, fuhr wie ein Blitz auf seinen Sitz zurück, indem er sagte:Aber mit Vergnügen!"

Mine Lorenz, die dunkclrot wurde, merkte nun erst, wa- sie angerichtet hatte. Alle lachten ob dieser unfreiwilligen Situation.

Wilhelm stieß Martha mit dem Knie an laut auf-