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herrfelder Kreisblatt

Gratisbeilagen:Illustriertes Sonntagsblatt" undIllustrierte Landwirtschaftliche Beilage

Fernsprech-Nnschluh Nr. 8

Nr. 8.

Dienstag, den 19. Januar

1909.

Amtlicher teil.

HerSseld, den 15. Januar 1909.

Der Herr Oberpräsident hat nach Mitteilung deS bischöf­lichen Gencral-VicariatS in Fulda durch Erlaß vom 5. Oktober v. I. die Abhaltung einer Hau-kollekte für den Fürsorge- Verein für Alkoholkranke zu Waldcrnbach bei den katho­lischen Einwohnern des Regierungsbezirks Cassel ge­nehmigt.

Die Kollekte wird in der Zeit vom 6. bis 12. Juni d. Js. stattfinden.

Ich ersuche die Herren Bürgermeister der in Betracht kom­menden Gemeinden den mit der Einsammlung dieser Kollekten- gelder betrauten Personen keine Hindernisse zu bereiten.

I. 492. Der Königliche Landrat.

I. A.: F e l l i n g e r, Regierungs-Referendar.

Hersfeld, den 14. Januar 1909.

Der Vorstand der Hessen-Nassauischen Baugewerks-BerufS- genossenschaft in Frankfurt a/M. hat beschlossen, daß vom 1. Januar d. JS. ab die Nachweisungen über auSgesührte Regiebauarbeiten gemäß § 24 Abs. III deS Bau-Unsall-Ver- sicherungs-Gefetzes vom 30. Juni 1900 nicht mehr an den Genossenschastsvorstand, sondern an den örtlich zuständigen Sektions-Vorstand der Genossenschaft abzugeben sind. Den Scktionsvorständen ist' von diesem Zeitpunkte ab der Einzug der Regiebau-Nachweisungen übertragen. Für den hiesigen Kreis ist Sektion V mit dem Sitz in Cassel zuständig.

Vorstehendes teile ich den Herren Bürgermeistern des Kreises zur Kenntnisnahme und mit dem Ersuchen mit, die Regiebau-Nachweisungen in Zukunft an den Scktionsvorstand der Sektion V in Cassel abzugeben.

I. 13 399. Der Königliche Landrat.

I. A.: Fellinger, Regierungs-Referendar.

Hersseld, den 13. Januar 1909.

Unter dem Schwcinebestande der Witwe Diebel in Nieder- jossa ist die Rotlaufseuche auSgebrochen. I. 376. Der Königliche Landrat.

I. A.: Fellinger, Regierungs-Referendar.

Hersseld, den 15. Januar 1909.

Der auf Donnerstag, den 28. Januar d. JS. in der Stadt Fulda angesetzte Viehmarkt wird unter den seither bekannt- gegebenen Bestimmungen abgehalten. Mit dem Austrieb darf um 8 Uhr morgens begonnen werden.

I. 506. Der Königliche Landrat.

I. A.: Fellinger, Regierungs-Referendar.

5er Hl

Roman von Maximilian Moegelin.

(Fortsetzung.)

Wenn nun auch die drei Freundinnen so froh gestimmt waren wie die lachende Landschaft ring-um, so war ihr Unter­haltungsstoff doch manchmal für wenige Augenblicke zu Ende. Da dachte dann Mine in die dahinziehende Ferne blickend an ihren Vetter, dem sie, wenn ihre bangen Befürchtungen ein Irrtum wären, zum mindesten gehörig den Kops zu waschen gedachte, denn so ganz im Unrecht bezüglich bei ewigen Geld­mangels seines Neffen war auch ihr Vater nicht, wenn auch daS Einsiedlerleben einer Gymnasiastenzeit ja längst vorüber war. Möglich war allerdings auch, so kalkulierte sie, daß sein neuer Zimmergenosse, der Sohn ihres LandratS, daran schuld sei. Sie erinnerte sich, diesen nur einmal am Fenster seiner elterlichen Wohnung, als er aus Ferien war, gesehen zu haben, und wußte nur, daß er mit seinem Vater, dem gestrengen Landrat, verdammt wenig Aehnlichkeit hatte, vielmehr aber mit seiner Mutter, die sie aus dem Wege zur Töchterschule aller­dings oft genug von Angesicht gesehen, deren Milde und Freundlichkeit, wie Mine eS von deren Gesicht zu lesen glaubte, ihr immer ungemein sympathisch war. Auf jeden Fall aber war ihr der Sohn, mit dem Wilhelm nun ein Zimmer teilte, nur unklar in Erinnerung. Dann überschlug sie schnell die Summe, die sie beim Verkauf der jungen Schweine, bei denen siePatenstelle" vertrat, wie sie sich auSzudrücken beliebte, etwa erhalten würde, ein Teil davon war ihre Einnahme, während Line aus ihrem Ressort ein Einkommen hatte dann sah sie aus die leise wogenden Kornfelder, mit den vielen Kornblumen, die schnell vorübertanzten, und dachte an zu Hause

Und Ottilie, die aus der anderen Seite des Fenster- ge­dankenvoll blickte, fragte den Teufel viel nach Herrn Wilhelm Lorenz, denn obschon auch sie ihn ganz gern hatte, so fühlte sie nur zu gut, daß er zu ihrem lebhaften Wesen niemals ge­paßt hätte. Sie gedachte vielmehr der Kunst, der sie lebte, an Konzert und Theater.

nichtamtlicher teil.

Str Im in MPMW.

Ein ewig denkwürdiger Tag in der Geschichte deS deutschen Volkes ist der 18. Januar, der Tag der ReichSgründung, und wohl wert, daß die Erinnerung an ihn immer wieder von neuem aufgesrischt wird; denn er ist ein hoher, weihevoller Gedenktag. WaS der Väter heißes Sehnen und Suchen war, was oft genug in idealistischen Träumen und jugendlichen Phantasien eine bloße Nebelgestalt angenommen hatte, endlich wurde er ersüllt in schöner, zukunstSsroher Wirklichkeit. Die Krieg-drommete hatte geschmettert, Blut und Eisen war wieder einmal in die Weltgeschichte gefahren. Die alte deutsche Faust schlug drein, und eS war eine beredte Sprache. Sie ver­kündete den Ruhm deutscher Waffen und die Kraft nationalen Ehrgesühlt. Und dann die Stunde der Kaiserproklamierung am 18. Januar 1871! Die lange gewölbte Prunkspiegelgallerie deS Versailler Schlosse» mit ihren allegorischen Bildern zur Verherrlichung des einstmaligen Sonnenkönigs Ludwig XIV. von Frankreich just ein stimmungsvoller Ort, in ernster, schlichter Feier die Wiederausrichtung der Deutschen Reiche- auszusprechen.

Frommer Sinn hat die Feier in Versailles als einen jener Fingerzeige deS Allmächtigen geschaut, wie sie gerade im Gang der Weltgeschichte so manches Mal selbst dem blödesten Auge sich ausdrängte. Kurz vorher hatte der ehrwürdige König Wilhelm geäußert:Nicht ich habe eS ja gemacht, sondern Gott hat eS so gefügt, und wer die deutschen Geschicke mit warmem Herzen überschaut, bc wird daS Walten einer höheren Vorsehung unschwer erkennen. Der feierliche Gottesdienst, durch den die SaiseiProklamation auf ausdrücklichen Wunsch bei KönigS Wilhelm ihre besondere Weihe empfing, war unter daS Licht deS apostolischen Wortes gestellt:Gott, dem ewigen Könige, dem Unvergänglichen und Unsichtbaren und allein Weisen, sei Ehre und Preis in Ewigkeit! Amen." Und wahr­lich, eS war wie eine Bestätigung des königlichen Wortes vom Tage von Sedan:Welch eine Wendung durch GotteS Fügung!"

Wenn daS Bild des alten HeldenkaiserS Wilhelm I. etwas historisch und persönlich Ergreifendes hat, so dars daneben auch der Getreuen nicht vergessen werden, die so wacker mitgeholsen, des scharssinnigcn SchlachtenlenkerS Moltke, deS erprobten Waffen­meisters Roon, und wie sie alle heißen mögen, vor allem aber deS Mannes, der surchtloS und treu am politischen Steuer­ruder seinen Dienst tat, deS deutschen Recken Bismarck. Sein Name ist untrennbar vom deutschen Einheitsglanze. ES war ein jubelndes, geschichtlich tief begründete» Bekenntnis, als deutsche Studenten dem Achtzigjährigen die Huldigung ent- gegensangen:

Der Thron und Reich umfriebet, DaS Kaiserschwert geschmiedet,

Und Martha wiederum, die zwischen beiden saß, dachte nur an Wilhelm und nur an ihn, der im Geiste Tag und Nacht an ihrer Seite weilte. Und wie schon so oft zuvor gedachte sie jener Zeit, da auch er gleich allen Jungen in den Dorfteichen, die zu beiden Seiten der Hauptstraße lagen, mit aufgekrempter Hose umhntollte. Und später, wie er zum Feder­reißen sich an den schönen Winterabenden einfand, wenn Muhme Teschner, Gott habe sie selig, am Spinnrade saß und alle da- immerschöne:Spinn, spinn! O Tochter mein, fangen. Und als sie größer wurden, zweimal wöchentlich unter Aus­sicht ihre- Vater- gemeinsam lasen, Klassiker waren es meist, aber auch schöngeistige Literatur, erschien ihr da- immer so gemütvoll, so herrlich. Ein jeder nahm an seinem Teil ein Stück Bildung in sich auf, denn der Herr Kantor, der von großem Wiffen und tiefer Bildung war, war mit den meisten Dorflehrern nicht gut unter einen Hui zu bringen. Mackha erinnerte sich, und ihr wurde ganz warm dabei wie sie gerade den Schluß vomKamps um Rom" vorlas. AIs sie an jene Stelle kam, wo ihre Vorfahren vom Vesuv nach blutiger Schlacht sich zurückzogen nach ihren heimatlichen Tälern, nach Tuleland, daß sie bester nie verlassen hätten, da hielt sie tief ergriffen inne und Tränen rollten über ihre Wangen. Alle waren bewegt und nicht zum mindesten Wil­helm, der damals schon in Prima saß. Kein Schlas fand er in jener Nacht. Er sah in wirrem Traume seine Goten ab. ziehen, langsam gemessen in würdevoller Haltung, mit ihrer Königin in der Mitte treu und sittsam es war Martha. Als er am anderen Tage eS war am Nachmittage sie allein in der Laube deS Echulhauses wußte, da gestand er ihr frans und frei, waS fein Innerstes bewegte, und dann kam ei so: ein stilles Glück ohnegleichen und alle Tage neu. Nur einmal fiel auf dieses Glück ein leichter Schatten, der freilich ihre Herzen dann noch inniger zusammenschloß. An einem Sonntagabend, ihrem Wiegeseste war e-, wo nach mancherlei Gesang und Spiel man:Dort unten in der Mühle", an- stimmte. Herabgedreht war die Lampe und während nun an der Wand entlang die Beteiligten singend fassen, ahmtc Wil­helm Lorenz, der kurz zuvor Max und Moritz mit großem Pathos Vorgetragen hatte, da» Wafferrauschen des Mühlrades

Stolz trug daS Reich-panier:

Bismarck, wir jauchzen dir!

Auch darin, daß gerade damals die rechten Männer vorhanden waren, ist die Fügung einer höheren Vorsehung nicht zu ver­kennen.

Jahre und Jahrzehnte sind seit jenen denkwürdigen Jahren 1870 und 1871 dahingegangen. Natürlich hat eS im neuen Deutschen Reiche auch manches Unerquickliche gegeben. Es konnte geschehen, daß ein ganzes Heer von Schwarzsehern sich bildete, es tauchte das bittere Wort von der Reichrverdrossen- Heit auf, die doch eben daS Gegenteil von Reichssreudigkeit ist, und düstre Schatten drohten sich zwischen Kaiser und Volk zu drängen. Ein neues Geschlecht ist herangewachsen. Aber gerade im Blick auf den 18. Januar 1871 muß ihm zu­gerufen werden:

Enkel mögen kraftvoll walten, Schwer Errungene- zu erhalten!

Aus jedem gut deutschen, gut patriotischen Herzen soll an jedem 18. Januar von neuem daS Gelübde erklingen:

Treue Liebe bis zum Grabe

Schwör' ich dir mit Herz und Hand; WaS ich bin und war ich habe, Dank' ich dir, mein Vaterland!

Und auch ein anderes bekanntes Dichterwort wird lebendig: WaS du ererbt von .einen Vätern hast, erwirb e», um eS zu besitzen!" Freudige, straffe deutsche Tatkraft, daS soll unser Vorsatz sein, wenn der warme Herzschlag der Erinnerung unS hinweist aus die Wied«ausrichtung bei Deutschen Reiche-.

M Lösung in $oltanfrogtn nni iit 8rWM.

Die Krieg-gefahr in den Balkanfragen scheint durch die Verständigung zwischen Oesterreich und der Türkei vollständig beseitigt zu sein, denn wenn auch Serbien und Montenegro über den österreichisch-tückischen Vergleich noch wütend find und am liebsten über Oesterreich hersallen und ihm Bosnien und die Herzegowina entreißen möchten, so wäre ein solcher Krieg doch ein Wahnsinn, da diese beiden kleinen Länder nicht die geringste Aussicht haben, den Krieg gegen Oesterreich mit Erfolg führen zu können. Einen dunklen Punkt zeigt ja noch der Konflikt zwischen der Tückei und Bulgarien, weil Bulgarien nicht die von der Tückei verlangte ziemlich hohe Entschädigungssumme für die Oricntbahnen und für die Ab­lösung der Tribut- bezahlen will. Aber die bulgarischen Minister und Gesandten sind schon dabei, so viel wie möglich Geld aufzutreibrn, um die Forderung der Tücken einigermaßen befriedigen zu können, auch werden sicher alle Großmächte die Tückei beeinflussen, ihre Geldsorderung an Bulgaren etwa- zu ermäßigen. Schließlich machen ja auch die Türken bei dieser Ack der Lösung der Balkanfragen das beste Geschäft, denn BoSnien und die Herzegowina besaßen sie ja schon seit

mit einem Papierwisch inmitten der Stube nach. Alle- ging stimmungsvoll, schön und prächtig, bis zum dritten Verse, wo sein Mühlrad aus Versehen, wie er steif und fest versicherte, über Mine Lorenz' Fuß ging. Aber dieser Fuß schien sehr beweglich, und ehe der Müller recht zur Besinnung kam, lag er der Länge noch auf der Diele und bot, da zugleich die Stube erhellt ward, keinen sonderlich vornehmen Anblick.

Gegen 3 Uhr etwa mochte er sein, als fie in Berlin vor Wilhelm- Tür, vier Treppen hoch in einem Hause der Fried- richstraße am Oranienburg« Tore standen. Schon auf bet Treppe hörten fie Klavierspiel, von dem Ottilie Zechow geradezu begeistert war.

In ihr« hastigen Bewegung winkte sie, war etwa beißen sollte, nur einen Augenblick still zu sein, während sie entzückt den Tönen lauschte.

Nach MineS Geschmack war dieses minutenlange stille Lauschen nun keineswegs, aber fie wollte ihre Freundin in dem ihr, Mine, unverständlich «scheinenden Genuste nicht stören und hielt inzwischen nur leise auftretenb Umschau.

Fritz Krüger", laS sie an jener Tür und schritt achtlos zur nächsten. Dock stand auf einer Visitenkarte:Karl v. Bornim, Resnendar", und barunter aus einer ähnlichen Wilhelm Lorenz, stud. jur.

Mine malte sich fein Gesicht aus, dachte sinnend an ihren Vetter und war im übrigen voll« Erwartung. Auf einem Porzellanschilde laS sie schließlich:Auguste Benz." Es war hohe Zeit, daß dieses Geklimper, wie sie empfand, plötzlich abbrach, ihr war eS reichlich genug und auf ihr Klingeln öffnete sich sogleich die Tür.

Mine Lorenz war übnrascht eine ganz andere Frau hatte sie sich vorgestellt, denn von der Meinung ihre» Vetters der von dieser Frau viel Gutes erzäbllr, hielt sie im allge­meinen nicht viel; aber diesmal schien sie ganz feiner Meinung. Die Phantasie hatte ihr ein völlig andere» Bild gemalt, aber diese Ruhe und überlegene Würde entsprach auch