und überstürzten Reformen war; durch Verbesserung der Schulwesens wollte er daS Volk erst reif dafür machen. ^Sein Sturz ist jedenfalls ein Ereignis, daS für China von der größten Bedeutung werden kann, wenn sich etwa eine aufrührerische Bewegung bildet, die den Machthabern in Peking zeigt, daß die Ruhe bei dem Thronwechsel nur der starken Hand und der Klugheit JuanschikaiS zuzuschreiben war.
HM-Mweßasriki als Aaße-lMgskalaaie.
So hoch auch der Wert mancher Kolonien als Plantagen- kolonien stehen mag, denen manche Länder von sonst verhältnismäßig untergeordneter politischer Bedeutung, wie Holland, ihren bedeutenden Wohlstand und ihre tatsächliche Bedeutung verdanken, so dürste doch unter allen Umständen der Wert einer SiedlungSkolonie höher zu veranschlagen sein. Durch eine Siedlungskolonie ist einem Staate Gelegenheit gegeben, etwas hervorzubringen, was höher steht als Baumwolle und Kakao und sonstige hochbezahlte Tropenkolonialerzeugnisse, nämlich einen Ableger vom eigenen Volk.
Von den Kolonien, die Deutschland vor einer Reihe von Jahren errungen hat, kommt nur eine einzige sür die dauernde Ansicdlung der Weißen im großen Maßstabe in Betracht, Deutsch-Südwestasrika, in dem viel deutsches Blut geflossen ist, und daS uns gerade deshalb besonders lieb sein sollte. Seine Hauptbedeutung wird für absehbare Zeit in der Landwirtschaft und der Weidenwirtschast liegen. Während Waldbestände verhältnismäßig gering sind, zieht sich von Norden nach Süden durch das Schutzgebiet ein etwa 55 000 ha umfassendes Weidegebiet, das zum größten Teil sich besonders für Rindviehweiden und in anderen mit bestimmten Buscharten bewachsenen Gegenden für Schaf- und Angoraziegenzucht eignet. Ganz bedeutend kann der Wert dieses Gebietes gehoben werden durch Anlage weiterer Brunnen und besonders durch Bewässerungsanlagen, sofern diese bei dem bekannten Wassermangel des Landris möglich find. Dabei darf man damit rechnen, aus einzelnen Kulturen, wie der Luzernenkultur, die dort 6 bis 8 Schnitte liesert, oder durch den Anbau von Mais und Getreide sowie Wein, Obst nnd Gemüse einen beträchtlichen Nutzen auch aus verhältnismäßig kleinen Landflächen zu ziehen.
Abgesehen von derartigen Möglichkeiten einer künstlichen Bewässerung wird fich der Ackerbau im allgemeinen nur in einigen engbegrenzten Gebieten, Tälem und VleyS, einbürgern lassen. Doch darf die Bedeutung auch dieses landwirtschaftlichen Zweiges für die Kolonie nicht übersehen werden, da dadurch die Kolonr«. unabhängig würde von der fremden Ein- fuhr und außerdem bei Hungersnöten die Eingeborenen wie auch daS Vieh einen starten Rückhalt in einem derartigen Ackerbau haben würden. Abgesehen von solchen bewässerungS- fähigen Gegenden ist der Betrieb von Garten- und Ackerbau ohne diese Vorbedingung nur in einigen Gebieten deS Nord- Westens der Kolonie möglich, in der näheren und weiteren Umgebung deS Waterbergs, wo sich auch ausgedehnte Waldungen befinden, die der Landschaft einen unserer deutschen Landschaft ähnlichen und dem Deutschen anheimelnden Charakter aufdrücken. Dott dürfte eS auch möglich sein, Kleinsiedlungen, die sich besonders mit Obst- und TabakSbau usw. befassen, anzulegen. Eine große Zukunft dürste auch die Straußenzucht haben, die ganz besonders überall dort angebracht erscheint, wo ein Luzernenanbau möglich ist da man dort die Tiere in verhältnismäßig engen Umsriedigungen halten kann, wo sie gleichzeitig ihre Nahrung finden. . .
Neben dem Ackerbau bürste .^ dem Bergbau eine große Zukunft in Südwestafrika bestreben s-in, besonders wenn eS möglich sein sollte, woraus mancherlei Zeichen hindeuten, dort auch noch Kohlen zu schürfen, wodurch sich einmal der Minen- betrieb wesentlich verbilligen würde und es sich außerdem ermöglichen ließe, manche Erdsorten, die den Transport nach Europa nicht lohnen, an Ort und Stelle zu verhütten. Außerdem würde für den Gesamtwohlstand der Kolonie ein in der BergwerkSindustrie beschäftigter starker Arbeiter- und Beamten, stand von größter Bedeutung sein, schon als Abnehmer sür zahlreiche dort hoch bezahlte landwirtschaftliche Erzeugnisse, die sich, wie Gemüse, nickt gut ausführen lassen.
Von besonderem Wette für die Kolonie sind die dort vorhandenen Arbeitskräfte, von denen in erster Linie der Herero wegen seiner natürlichen Körperkraft für schwere Arbeit und außerdem vornehmlich als Viehzüchter in Bettacht kommt. Es kann, ganz abgesehen von menschlichen Gesichtspunkten, durchaus nicht das Ziel unserer Kolonialpolitik sein, die Eingeborenen- bevölkerung dott zu verdrängen, weil wir, um Südwestafrika wirtschaftlich auSzugeftalten, billige Arbettskräste brauchen und der Europäer bei dem hohen Preise, der dott für alle Kultur- erzeugnifsc bezahlt wird, nicht so billig arbeiten kann. Wir habm also in Südwestafrika ein angemessenes Betätigungsseld, welches verdient, daß deutscher Unternehmungsgeist noch ihm die Hand auSstreckt.
flu$ > und Ausland.
Berlin, den 7. Januar 1909.
Die „Berl. Neue Korresp." schreibt: Auf Grund un- beglaubigter Berichte beschäftigt sich ein Teil der Presse mit Aeußerungen, die Sr. Majestät der Kaiser im Kreis- seiner zum N e u j a h r s f e st e in Berlin versammelten komman- dierenden Generale getan habm soll. Der Kaiser soll aus einen ,Revue"-Artikel verwiesen haben, beffen Verfasser der frühere Chef deS GeneralstabeS Gras Schliessen ist, und der sich rein sachlich mit der militärischen Lage Europas und den unberechenbaren Wirkungen und Erfolgen der modernen Taktik in einem Zukunstskriege befaßt. Amtliche Mitteilungen über die angeblichen Aeußerungen des Kaisers liegen nicht vor und find wohl auch nicht zu erwattm. Wenn Seine Majestät aus internem militärischen Anlaß zu seinen Offizieren spricht, so find seine Sorte nicht für die Oeffentlichkeit bestimmt. Es wäre daher ein Erfordernis journalistischer Gewissenhaftigkeit gewesen, von der Verbreitung und Bekrittelung der kaiserlichen Ansprache abzusehen. Statt beffen brachten gerade solche Blätter die angeblichen Kaiserwotte vor die Oeffentlichkeit, die sonst über zu weit gehende öffentliche Betätigung der Kaisers geklagt habm. ES liegt hier eine Sensationshascherei vor, die um so verwerflicher ist, als sie in rein militärische Vorgänge eingreist und die Befugnisse des obersten Kriegsherrn berührt. In solchen Fragen auch dem AuSlande gegenüber die notwendige Diskretion zu wahren, ist eine patriotische Pflicht, der sich kein deutscher Blatt entziehen sollte.
Vereinfachung deS Geschäftsverkehrs und deS Dienstbetriebes bei der Post bezweckt ein Erlaß deS Staatssekretärs des Reich-postamtcS, der am kom- menden Sonntag in Kraft tritt. Wichtig für die Allgemeinheit ist eS, daß die Oberpostdirektion in Zukunft alle Ein- gaben, Beschwerden usw. des Publikums sür deren Erledigung die Verkehrsämter an sich zuständig sind, an diese abzugebm habm, sofern eS sich nicht um eine Berufung gegen getroffene
Entscheidungen handelt, oder besondere Umstände gegen die Abgabe sprechen. DaS Publikum wird also gut tun, sich mit allen Beschwerden usw., sallS sie nicht von besonderer und grundsätzlicher Wichtigkeit sind, zunächst an dir Verkehrsämter (Postanstalten usw.) zu wenden, da durch die Einreichung bei der Oberpostdirektion die Erledigung nur verzögert werden würde. * v
Der „Mehlkrieg" zwischen Deutschland und der Schweiz nimmt allmählich schärfere Formen an. Eine in Olten stattgesundene Versammlung schweizerischer Müller beschloß, über daS deutsche Getreide unb die deutschen Mehlprodukte den Boykott zu verhängen. Die Maßnahme soll unter Umständen sogar noch auf andere deutsche Artikel ausgedehnt werden.
Ihre Majestät die Königin Elena von Italien vollendet am 8. b. das 36. Lebensjahr. — Die hohe Gemahlin des Königs Viktor Emanuel, längst der italienischen Nation wert durch die zahlreichen Beweise hülsreicher Güte und Fürsorge, hat soeben einen leuchtenden und unvergeßlichen Beweis ihrer Hingabe und Seelenstärke gegeben, der die ganze Wett mit Bewunderung zu erfüllen geeignet war. Wenn es angesichts deS namenlosen Unheils, das die Naturgewalten im Gebiet des uns befreunbeten Landes jählings angerichtet haben, einen Trost geben kann, so beruht er auf dem Heroismus, der alSbald in die Erscheinung trat. Der König und die Königin haben sich, allen voran, der schweren Pflicht aufs weitgehendste unterzogen, die ihnen der Moment auserlegte, und die Samariterdienste, denen sich Königin Elena dabei ohne Rast und mit höchster persönlicher Anstrengung gewidmet hat, werden unzertrennlich von dem Bilde edler Menschlichkeit bleiben, das sie verkörpert.
Morning Post meldet auS Washington: Deutschland verhandelt zurzeit mitdenVereinigtenStaaten wegen einer gegenseitigen Abkommens, betreffend Patente. Zurzeit besitzen die Vereinigten Staaten kein Gesetz, das dem deutschen, die Ausübung der Patente in Deutschland vorschreibenden Gesetze entspricht: jedoch sind dahingehende Vorlagen gegenwärtig im Kongreß ein gebracht. Deutschland hat sich nun erboten, sein Gesetz gegen die Vereinigten Staaten nicht in Anwendung zu bringen unter der Voraussetzung, daß, falls in den Vereinigten Staaten ein ähnliches Gesetz in Kraft treten sollte, dieses nicht gegen Deutschland angewendet werde. Morning Post will ferner wissen, daß der deutsche Botschafter in Washington dem Staatsdepartement versichert habe, da- deutsche Gesetz werde, wenn das Abkommen zu stande komme, gegenüber England mit Strenge angewendet werden, was einer Begünstigung der Vereinigten Staaten gleichkomme. (Hierzu wird von Wolffs Bureau festgestellt: Der Schlußsatz ist tendenziöse Erfindung. Dem Botschafter sind keinerlei dahingehende Instruktionen erteilt worden.)
In Amoy sind amtliche Nachrichten über eine Meuterei unter den chinesischen Truppen in der Mandschurei in der Nähe von Mukden eingegangen, wonach zwischen tausend aufständischen Soldaten und regierungstreuen Truppen ein Gefecht stattgefunden hat, bei dem die Aufrührer geschlagen wurden. Nach Gerüchten, die in Eingeborenenkreisen Umläufen, sollen die Regierungsttuppen sechzig Mann verloren haben, so daß Verstärkungen verlangt wurden. Die Aufständischen be- finden sich, wie es heißt, in einer uneinnehmbaren Stellung.
In einem Erlaß des Schah- von Persien wird nochmals der unabänderliche Entschluß des Schahs, die Ver- fassung auszuhcben, bekanntgegeben. Der Wortlaut des Erlasses ist etwa gleichlautend minder Proklamierung vom 23. November v. I. In ihm hieß es, daß der Schah in Zukunft unter keinem Vorwande ein solches Parlament wie das bisherige einberufen wolle. — Saab ed Dauley ist zum persischen Minister deS Aeußeren ernannt worden.
Die Lage in Indien bleibt nach wie vor kritisch. In Titaghur bei Kalkutta kam es zu erneuten Zusammenstößen zwischen Mohammedanern und Hindus, wobei eine Moschee angegriffen und teilweise zerstört sowie mehrere Mohammedaner getötet wurden. Erst durch Einschreiten von Militär gelang es, die Ruhe wiederherzustellen. Die Lage ist ernst, da die Mohammedaner wegen der Entweihung ihres Gotteshauses auf die Hindus sehr erbittert sind. Viele Hindus von Titaghur haben sich nach Kalkutta geflüchtet.
Südwestafrika.
Wie der „L. A." hört, sind auS Deutsch-Südwestasrika neue und diesmal erfreuliche Nachttchten eingelaufen, welche eine baldige Beruhigung des Südens erhoffen lassen. Mehrere Banden wurden diesseits wie jenseits der Grenze, und dort unter Mitwirkung der Kappolizei, teils interniert, teils ausge- liesert. Auch Simon Copper soll die Fortsetzung des KriegeS als aussichtslos ausgegeben haben.
Die „Nordd. Allg. Ztg." stellt als Ergebnis der Vereinbarungen Deutschlands mit den englischen Behörden und der Kapregierung fest, daß die Kapregierung die Ottmanbande an die kaiserliche Behörde dem von ihr ausgesprochenen Wunsch entsprechend auSgeliesett habe. Ebenso ist die Bande deS Klein-Jacobus verhaftet und ihr Führer sowie andere Häuptlinge erschossen worden. Ferner wurden 21 bewaffnete Hottentotten interniert, um demnächst in den Osten der Kapkolonie abgeschoben zu werden. Wegen der Stillsetzung Simon Coppers wurde gleichsallS mit der Kapregierung und Deutschland im Januar vorigen Jahres Vereinbarungen in Pieter- maritzburg getroffen. Durch diese Tatsachen wird die Auffassung der Grenzbevölkerung, als fänden die in Deutsch-Süd- westafrika verübten Untaten im Nachbargebiet Unterstützung, gründlich zerstött werden.
Ae innere Lage im neuen Zahre.
In wenigen Tagen — am 13. Januar — nimmt der Reichstag feine durch die Weihnachtsserien unterbrochenen Verhandlungen wieder auf, die in ihrem Fortgange vor allem die parlamentarische Entscheidung in Sachen der schwebenden hoch- wichtigen Frage der Reichsfinanzreform bringen müssen. Wie sich das ReichSparlament schließlich zu dem Finanzresorm- Problem stellen wird, daS muß allerdings noch durchaus dahingestellt bleiben, denn die Aussichten gerade dieser so bedeut- famen Vorlage sind einstweilen derartig schwankende und unsichere, wie dick bislang wohl noch selten bei einem der deutschen Volksvertretung unterbreiteten gesetzgeberischen Vor- schlage der Fall gewesen ist. Aber daS eine wenigstens unterliegt schon jetzt keinem Zweifel, daß ein etwaige« Scheitern des FinanzreformplaneS eine tiefgreifende Wirkung aus die gesamte innere politische Lage deS Reiche- auSüben müßte. Kommt dies ebenso dringende wie wichtige Reformwerk auch jetzt noch nicht zustande, so hätten alle weiteren Versuche, eine gründliche Gesundung der Reichsfinanzen herbeizuführen, für die nächsten Jahre sicherlich al« ausgeschlossen zu gelten, und das Reich würde demnach auch noch auf fernerhin die unerläßlichste
1 Grundlage für seine innere Entwickelung und Kräftigung ent- behren.
Noch nach einer anderen Richtung hin würde ein eventuelles Scheitern der Vorlage über die Reform der Reichsfinanzen offenbar eine ebenfalls bedenkliche Wirkung äußern, in jener eines Zerfalles der gegenwärtigen liberal-konservativen Blockmehrheit des Reichstages, also der Regierungsmehrheit. Es ist keine Frage, daß der „Block" mit der Reichsfinanzreform steht und fällt. Wenn esEtzelingen sollte, sie zu verwirklichen, so wäre hiermit die eigentlichste Vorbedingung für die Fortexistenz der liberal-konservativen „Paarung" gegeben, und diese verheißt eben, wie die Dinge nun einmal seit den Reichstagswahlen des Jahres 1907 liegen, noch am ehesten einen für die Allgemeinheit gedeihlichen Fortgang der Reichsgeschäfte. Wird jedoch die Reichsfinanzreform vom Reichstage zuletzt abgelehnt, so erscheint hiermit auch das Schicksal der Blockmehrheit besiegelt, sie wird dann auSeinandcrsallcn.
Die Erdbebenkatastrophe in Süditalien.
Auch aus Rcggio treffen jetzt die Schilderungen von Augenzeugen der furchtbaren. Verwüstung ein, die ein grauenvolles Bild von dem Jammer entwerfen, der den unglücklichen Rest der Bevölkerung Heimsucht. Die meisten Bewohner sind der Wucht der Elementarkatastrophe zum Opfer gefallen: unter denen, die die furchtbare Nacht überlebten, schwingt jetzt der Hunger seine furchtbare Geißel, und diesem neuen erbarmungslosen Feinde stehen einstweilen selbst die Herbeige- eilten Retter ohnmächtig gegenüber. Die Militärbehörden verteilen Gutscheine unter die Verzweifelten, aber nur für einen Bruchteil der Leidenden reichen die Vorräte aus. Ein Regierungsassessor hatte die schwere Aufgabe übernommen, die wenigen Vorräte an Schiffszwieback und rohen Fleisch an die Hungernden zu verteilen. Furchtbare Szenen spielten sich dabei ab. Die Truppen waren außer Stande, die verzweifelte Gier der Halbverhungerten im Zaume zu halten. Sie stürmten die Austeilungsstation; dem Assessor wurde dabei ein Arm gebrochen. Die Soldaten hatten die wenigen überlebenden Tiere, ein paar Ochsen, Pferde und Esel, arme verwundete Kreaturen, die meist ohnehin schon im Sterben lagen, requiriert und auf der Stelle getötet. Mit dem Bajonett wurden sie zerlegt, während Truppen mit scharsgeladenen Gewehren die hungernde Menge zurücktrieben. Blutig und noch dampfend wurden die Fleischstücke dann verteilt; da rissen sich zehn gierig gekrümmte Hände um ein kleines Stück noch dampfenden Eselsfleisches, da sah man Leute, die sich aus die Erde warfen, um aus dem Staube herabgefallene Bluttropsen auszusaugen. Als ein höherer Beamter cintrifft, gellt ihm ein wilder Verzweiflungsschrei der Menge entgegen: „Ihr, der Ihr die Macht habt, sorgt dafür, daß man uns von Hiersort- schafft oder laßt uns alle auf der Stelle niederschießen, um die Qual zu verkürzen." Aber nicht der Hunger allein martert die Unglücklichen. Furchtbar wütet der Sturm und nirgends finden die geschwächten Körper eine Zufluchtsstätte oder einen Unterschlupf. Nur im Stationsgebäude sind einige Räume erhalten, in denen Verwundete und Verzweifelte sich zusammendrängen. In der Nacht wecken einige leichte Erdstöße neues Entsetzen, und mit gellenden Schreien verläßt die Schar auch diesen letzten Schutz vor der Wut des Sturmes. Durch das Dunkel klingen knatternde Schüsse: Die Truppen schießen auf jeden, der in der Nacht in den Ruinen umherschleicht. Grauenvolle Szenen spielen sich ab. Aus den Trümmern klingt jammerndes Stöhnen, das sich mit dem Nahen der Dunkelheit zu gellenden Hilferufen steigert. Zusammen mit den Feuerwehrleuten eilen die Bürger herbei. Zwischen den Trümmern eines halb zerfallenen Hauses sieht man einen Menschen, der stöhnend um Hilfe fleht. Die Bürger wollen ihn retten: aber schon treten die Feuerwehrmänner dazwischen, es ist zu gefährlich, in der Dunkelheit an den geborstenen Mauern zu rühren; der Unglückliche muß bleiben, wo er ist; vielleicht daß man am Morgen ihm helfen kann. Aus der Nachbarschaft tönt schaurig das Klagegeschrei eines anderen Halbverschütteten; es scheint leicht, ihn zu retten, man versucht, ihn hervorzuziehen, ein furchtbarer Schmerzensschrei hallt durch die Lust, die Mauern geben die zerschmetterten Beine nicht frei. Auch er wird auf den Morgen vertröstet. Ueber- all sieht man so diese Unglücklichen, die das härteste Los Aller betroffen hat: sie leben noch, doch man muß sie sterben lassen, denn es ist unmöglich, sie zu retten, ohne größeres Uebel damit anzurichten. Hier fleht ein hilfloser Greis um Rettung; stumm, mit zusammengepreßten Lippen schreiten die Feuerwehrleute weiter, Hilfe ist unmöglich; er muß sterben. Die grausame Notwendigkeit kennt kein Erbarmen, man geht soweit, diesen Unglücklichen keine Nahrung zu geben, um ihren TodeSkamps nicht unnütz zu verlängern. Aus dem Marktplatz werden einige Männer bewacht, die verdächtig sind, Leichenräuberei getrieben zu haben; nur wenige Indizien und sie sind der Kugel sicher. Mit unerbittlicher Strenge wird das Kriegsrecht durchgeführt. Der größte Teil der Sträflinge aus den Gefängnissen ist entwichen, aber Mann um Mann kehren sie wieder, um sich dem erst besten Carabinieri auszuliefern, denn was nutzt die Freiheit, wenn sie nichts bedeutet als ein langsames Dahinsterben durch den Hunger. Furchtbare Bilder auf allen Seiten. Hier hängt halb zerschmettert zwischen den Gitterstäben eines kleinen Fensters die blutige, schon halbver- weste Leiche einer Frau; dort au« dem Schutt ragt der Körper einer anderen, die Mutersreuden entgegenging und die die Leichen von zwei kleinen Kindern im Tode noch angstvoll an die Brust preßt. . . Eine andere Frau wird von Herab- sallenden Mauern in den Winkel ihres Hauses gepreßt; drei Tage lang steckt sie hier hilflos wie im Grabe, unsähig die geringste Bewegung zu machen. Ihr Gatte und ihre Kinder waren im Zimmer, das über dem ihren lag. Hilflos einge- psercht in ihrem Versteck spürt die noch Lebende, wie durch die geborstenen Mauerreste über ihr warme Tropfen auf sie her- niederrinnen. Es ist Blut, das Blut ihres Gatten und ihrer Kinder, die wenige Meter über ihr von den Steinen zerquetscht sterben. Die Unglückliche wurde später gerettet. Sie hat den Verstand verloren, ihren Namen vergessen, und in „ihrem verwirrten Geiste lebt nur noch die Errinnerung an jenen grausigen Regen vom Blute ihrer Liebsten. Eiif gräßlicher VerwesungShauch liegt über der Stadt. Es ist unmöglich, die Tausende von Leichen zu bestatten, und nun ist es, als rächten die Toten sich an den Lebenden dafür, daß niemand ihnen eine letzte Ruhestätte bietet. Als der englische Dampser Ophir endlich im Hafen eintraf, erreichte die Verzweiflung ihren Höhepunkt. Der Landweg war ihnen abgeschnitten, die Flucht über die See die einzige Rettung; nun lag das Schiff ba draußen uub der wütende Sturm machte es unmöglich, an Bord zu kommen. Alles drängte zum Hafen, Männer schleppten ihre verwundeten Frauen auf dem Rücken, aber die Wut der Wogen kannte kein Erbarmen und stundenlang irrte die Menge am Ufer umher, den Blick auf das Schiff gerichtet.