SS schüttelt lächelnd seine Sooft, Umkränzt mit HoffnungSgrün sein Haar.
Und Jubelrus tönt ihm entgegen, Manch' hoffnungsmüdeS Herz erwacht; Und tausend frohe Wünsche regen Die Stunden der Sylvesternacht.
Wohlaus, laßt hell die Becher klingen, Und bringt ein volles GlaS ihm dar: Magst du uns Glück und Freude bringen — Sei uns willkommen, neues Jahr!
Herbert Berthold.
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Der letzte Tag des Jahres neigt sich grüßend zu uns hernieder; ein müder Wandersmann, der zur Ruhe geht, nimmt daS alte Jahr von uns Abschied, und aus seiner morschen Hülle steigt ein neues zu uns herauf. Die Silvesterglocken tönen mit ehernem Klänge über das Land dahin und rufen dem neuen Jahre den Willkommen zu.
In dieser ernsten Stunde, da das Alte das Neue gebären soll, hält der Blick des armen Staubgeborenen eine Weile still; denn der letzte Tag des Jahres übt auf die Menschen eine seltsame Macht aus, der sich so leicht keiner entziehen kann. Da hält selbst der Kühlste und Nüchternste Rückschau auf die vergangenen Tage und überblickt prüfend die durchmessene Bahn; Freud und Leid, Genugtuung und Sorge ziehen noch einmal am geistigen Auge vorüber. Mancher teure Angehörige und mancher liebe Freund und Kamerad, der Schulter an Schulter mit uns die Schwelle des Jahres überfchritten, wurde im Verlaufe dieses Jahres von unserer Seite gerissen und ruht nun auf dem stillen Friedbofe, entrückt den Kämpfen und Sorgen dieses Lebens und dem Wechsel der Zeiten. Doch nicht nur uns teure Menschen, fonbern auch manche verlockenden, Diel versprechenden Hoffnungen und Pläne haben die meisten unter uns zu Grabe tragen müssen. Ihnen allen weihen wir am Jahresschluß ein stilles, wehmütiges Gedenken.
Aber nicht nur der schmerzlichen Verluste und der mehr oder weniger herben Prüfungen, auch der verschiedenen freubigen Ereignisse in Familie und Wirkungskreis, aller frohen Stunden der scheidenden Jahres wollen wir am Silvester mit Dank gegen Gott gedenken, damit wir im Vertrauen auf seine weitere Durchhilfe mit ungebrochenem Mute und zuversichtlicher Hoffnung in daS neue Jahr eintreten können. Und seltsam! Obwohl wir wissen, daß Blühen und Welken, Hoffnung und Furcht, Geborenwerden und Sterben von einem Jahre wie vom anderen gebracht werden, obwohl kein Zweifel darüber besteht, daß der eherne Schritt der Zeit gleichmäßig wuchtig und unbekümmert über Menschenlust und Menscheneid dahin- schreitet, sehen wir dennoch dem jungen Jahre mit gehobener Seele und leuchtenden Blicken entgegen; denn
Die Jahre flichn, vergeblich kämpfet Der Mensch den Kampf mit dem Geschick, DeS Lebens Jugendttäume sterben,
Doch-Nie der HoffnungSttaum vom Glück.
Ja, „Hoffnung bleibt mit dem Leben vermählt, die schmeichelnde Gattin," und so tragen auch die Silvesterglocken, die den Anfang deS neuen Jahres verkünden, neues Hoffen in jede- Menschenherz. Die Hoffnung läßt es Schmerz und Leid ertragen, die Hoffnung gibt ihm Mut und Kraft zu weiterem Kämpfen und Streben, und noch am Grabe pflanzt eS die Hoffnung aus, entgegcnharrend einer besseren Zukunft. Ist die Hoffnung auch oft nur eine Selbsttäuschung, auch diese kann glücklich machen, wenn auch nur für einen Augen- blick, der aber entschädigen kann für manche kummervollen Stunden, und die erbarmende Trösterin, die Zeit, bringt Linderung des Schmerzes, neue Kraft und neuen Mut als Vorbedingung zu neuem Glück. Denen aber, die mit ihrem Schicksal hadern, benen unnennbares Weh die Brust durch- zittcm macht, ihnen gilt deS Dichters Wunsch: Doch wo heute eine Träne zitternd sich inS Auge drängt Und ein unbesiegter Kummer schmerzlich eine Brust beengt: Wo man unter bangen Seufzern zweifelt an des Lebens
Glück,
Da kehr' mit dem neuen Jahre süßer Trost ins Herz zurück!
Und so wollen wir hoffnungSfroh die Schwelle des neuen JahreS überschreiten. Doppelt wollen wir der Zukunft zahlen, was wir der Vergangenheit etwa schuldig geblieben find. Die kommende Zeit fordert ein starkes, tatkräftiges Geschlecht. Was daS neue Jahr bringen wird, daS ruht im Schoße der Vorsehung. Die Wünsche aber, die an der Pforte des neuen Zeitabschnittes für unser deutsches Vaterland aus allen Gauen zum Himmel steigen, fasten sich in dem einen Satze zusammen: Möge im neuen Jahre und in allen kommenden Zeiten ein einiges, starkes deutsches Volk hinter seinem Kaiser stehen, ein Volk, daS auch über dem Streite der Parteien niemals die gemeinsamen großen Ziele, niemals die gewaltigen Ausgaben vergißt, die ihm die Geschichte gestellt hat!
Aus > und Ausland.
Berlin, den 31. Dezember 1908.
Se. Majestät der Kaiser hörte heute vormittag im Neuen Palais bei Potsdam den Vorttag des Chefs des Generalstabes der Armee und gedachte Nachmittags um 2 Uhr den Reichskanzler zum Vorttag zu empfangen.
Nach der Volkszählung vom 1. Dezember 1905 gab es in Preußen 380 594 Mischehen, und zwar 169 200 Ehen zwischen evangelischen Männern und römisch-katholischen Frauen und 190 785 Ehen zwischen römisch-katholischen Männern und evangelischen Frauen.
Der deutsche Richterbund wird am 1. Januar inS Leben ttetm. Sein Zweck ist die Förderung der Rechtspflege und der Berufsangelegenheit der deutschen Richter und Staats- anwälte. Die Richtervereine von Baden, Elsaß-Lothringen, Bayern, Reffen und Sachsen sind ihm beigetreten. Der Bund gibt die .Teutsche Richterzeitung" heraus.
Die Nachricht, daß dem BundeSrat in den nächsten Tagm eine neue Justiznovelle zugehen würde, ist, wie die »Vofl. Ztg." an amtlicher Stelle erfährt, verfrüht. Die allgemeine Reform des Strafgesetzbuches stehe allerdings im weiten Felde und es liege die Möglichkeit vor, daß sich die Justizverwaltung entschließt, einige Spezialgebiete der Rechtsprechung vorher neu zu regeln. Die Erwägungen darüber feim jedoch zurzeit noch völlig in der Schwebe, so daß die gemeldeten Einzelheiten der angeblichm Novelle teils aus Combination beruhen, teils längst überholt seien. Beispiels- Weise sieht bereits die im Sommer veröffentlichte, derzeit dem BundeSrat vorliegende neue Strafprozeßordnung eine Erweiterung des Ausschlusses der Oeffentlichkeit bei Beleidigungs- Prozessen vor.
Die U e b u n g e n der Mannschaften desBeurlaubten- st a n d e S werben im kommenden Jahre im gleichen Maßstabe wie im verflossenen Sommer hauptsächlich in größeren Reserve- verbänden stattfinden. Dazu sollen bei jedem Armeekorps * Refervo-Jnfanterinegiment und eine Reservc-Feldartillerir-
regimmt auf 14 -Tage zur Aufstellung gelungen. Beim 7. westfälischen KorpS werden sogar zwei Reserve-Jnfanterie- regimenter gebildet. Ferner werden wiederum die Jnsanterir- regimenter, die nur zwei Bataillyne haben, für die Manöver durch Einziehung von Reserven für die Dauer von 28 Tagen auf die normale Stärke von drei Bataillonen gebracht werben. Die Einziehung der Reservisten erfolgt derartig, daß die letzten 14 Tage der Uebung in das Manöver fallen, während die ersten 14 Tage lediglich der sachgemäßen Vorbereitung der des militärischen Dienstes entwöhnten Mannschaften aus die ihrer harrenden Anstrengungen gewidmet sein sollen. Die Zahl der „kleinen" Infanterieregiment« (mit nur zwei Bataillonen) vermindern sich nach dem Militäretat für 1909 wiederum um zwei Regimenter, da die Infanterieregiment« Nr. 165 und 171 mit dem 1. Oktober des nächsten Jahres dritte Bataillone (in Neubreisach und in Quedlinburg) erhalten sollen.
Aus Venezuela wird über Port of Spain (Trinidad) berichtet: An der venezolanischen Küste ist ein Zusammenstoß von Anhängern Castros und der Gomez freundlich gesinnten Mannschaft des Kanonenbootes Miranda erfolgt, als die Mannschaft der Miranda bei Macuro eine Landung versuchte, die General Torres mit 500 Mann vcrhinderte.^20 Mann sind gefallen und 50 wurden verwundet. Torres ist in Port os Spain in einem kleinen Boot eingetroffen; er erklärte, die Uebermacht gegen ihn fei zu groß, und er werde deshalb nicht weiter kämpfen.
Das Nachlassen der Cholera in St. Petersburg und in ganz Rußland hat zur Erwägung Anlaß z geboten, inwieweit die dentscherseits erlassenen Schutzmaßregeln nunmehr eingeschränkt werden können. Ihre völlige Beseitigung wird für jetzt noch nicht tunlich sein, da die Zahl der Erkrankungs- sälle in der russischen Hauptstadt immerhin noch beträchtlich ist. Indessen dars damit gerecht werden, daß ein Teil der Vorsichtsmaßregeln, insbesondere die ärztliche Untersuchung der aus russischen Häfen einlausenden Schiffe, binnen kurzem ausgehoben wird.
Die furchtbare Erdbebenkatastrophe in Sizilien und Kalabrien.
Palermo, 30. Dezember. Gestern abend, ist die erste amtliche Drahtnachricht des Präfekten von Messina eingetroffen. Sie besagt, daß das Unglück jede menschliche Einbildung übersteige. Meffina fei fast ganz zerstört. Die Zahl der Opfer werde auf Zehntausende geschätzt. Die allgemeine Bestürzung und Verwirrung zu beschreiben, sei unmöglich. Die bisher geleistete Unterstützung sei ungenügend. Es täten dringend außerordentliche Hilfsmaßnahmen not, insbesondere müßten Lebensmittel gesandt werden. Die Feuersbrunst, deren man bisher nicht habe Herr werden können, breite sich an mehreren Punkten der Stadt weiter aus.
Palermo, 29. Dezember. Wie ein aus Messina hier eingetroffener verwundeter Soldat erzählt, sah man in Messina nach der Katastrophe überall in den Straßen unbekleidete schrecklich verstümmelte Leichen liegen. Ueberall hörte man Stöhnen und Hilseruse.
Alle Nachrichten, die über das Schicksal der unglücklichen Stadt eingehen, lauten übereinstimmend verzweifelt. Die Katastrophe in Süditalien ist von unermeßlicher Größe und Furchtbarkeit. Sicherlich ist sie das gewaltigste Naturereignis der modernen Zeit und stellt selbst die Erdbeben von San Francisco und Valparaiso, wenigstens an Verlust von Menschenleben, weit in den Hintergrund. Dieser wird verschiedentlich zwischen 50 000 und 150 000 Toten angegeben. Fast alle Berichte von Augenzeugen stimmen darüber überein, daß die Flutwelle die meisten Menschenopfer forderte. Unter dem Wasser in der Straße von Messina hat sich ein maritimer Vulkan geöffnet, der die Flutwelle verursachte. Das Meer trat zuerst 300 bis 400 Met« vom Lande ab, dann kam es plötzlich, 10 Meter hoch, mit furchtbarem Getöse zurück und begrub die verzweifelt zwischen den stürzenden Häusern auf die Straße flüchtenden Menschen.
Neben Messina und Palmi ist Reggio in Kalabrien am härtesten von der Katastrophe betroffen. Ein ergreifendes Bild von dem Hereinbrechen des Unheils über die unglückliche Stadt entwirft nachstehende Schilderung:
Der Gendarmerieposten von Gerace nächst der versunkenen Stadt Reggio meldet: Die wenigen Personen, die sich zu uns gnettet haben, sind kaum vernehmungsfähig, Sowie sie zu erzählen begannen, verfielen sie in Weinkrämpfe. Nur einer, ein Kaufmannsgehilse aus ber Via Plutina, welcher zu seinem Heile gerade vor der Stadt Reggio beschäftigt gewesen, konnte angeben, seine letzte Erinnerung gelte dem Turme der Reggio« Kathedrale, den er inmitten der Sturmflut noch einen kurzen Augenblick hervorragen sah, dann stürzte auch er. Von weit mehr als zehntausenden ausgepeitschten Seeungeheuren glaubte er stch auf seiner wilden Flucht verfolgt. Aber grauenhafter als jener betäubende Lärm, den da ab und zu einzelne Detonationen von unbe- schrciblich« Gewalt unterbrachen, war die nun folgende be- ängstigende Stille. Zu unterscheiden vermochte das Auge des Rückblickenden nichts. Grauer Nebel deckte ringsum die Ebene, aber weiter vom Ufer zeigte das Meer feine gewöhnliche Färbung, so daß man glauben konnte, das eben schaudernd Miterlebte fei nur wüster Traum gewesen.
Der totgeglaubte Präsekt von Reggio ist gestern früh in Catanzaro eingetroffen. Er erzählt: „Ich habe wie durch ein Wunder das um mich zusammenbrechende Präsekturge- bäude verlassen können. Das ganze um die Präsektur gelegene Viertel, welches das Zentrum ber Stadt bildet, bis zum Hafen ist völlig vernichtet. Nur die neuen Gebäude der Passeggiata Reggio Campi am höchsten Punkt der Stadt sind verschont geblieben. Das alte Kastell ist eingestürzt, der Glockenturm ber Kathedrale ist über das Konvikt gefallen und hat alle dort befindlichen Menschen begraben. Der Bischof-palast ist eingestürzt und hat unter seinen Trümmern auch den Bischof begraben. Die zusammenbrechende Kaserne hat Hunderte von Soldaten begraben. Das Rathaus ist zusammen gebrochen. Die Zahl der Toten ist ungeheuer groß. Die Ueberlebenden kampieren, von allem entblößt, in bejammernswertem Zustande auf den Feldern.
Aleaergelunaen.
Silvester-Erzählung von C. Gerhard.
(Schluß.)
Von unaussprechlichem Zauber waren die Festtage. Mit Elise glitt er auf dem Spiegel des Sees dahin, an ihrer Seite fuhr er im fausenden Schlitten durch den verschneiten Wald, ihrem hinreißenden Gesänge lauschte er entzückt, immer wieder mit ihr tanzte er auf dem Silvesterballe beim Grasen Rhode auf Rhodien. Sie sah an jenem Abend wie eine Fee aus, silbern ihr Haar, silbern ihr Kleid, in den Augen ein stummes
und doch beredtes Verheißen Am liebsten hätte er nur mit ihr getanzt oder wäre mit ihr hinausgeflüchtet, um ihr unter üem funkelnden Sternhimmel zu sagen, ane sehr er sie hebe. Aber 6 verbannte das Wort; sie war ja noch zu jung, und er würde von der Reise, die sein «chiff jetzt unternahm, nicht vor zwei Jahren zurücklehren. Doch m Kiel übermannte ihn die Sehnsucht, der Wunsch, zu erfahren, ob sie seine Neigung erwidere. In glühenden Worten warb er um sie. „Gib mir ein Zeichen, ein einziges nur, daß du mir gut bist, daß du mein sein willst!» Nach einigen Tagen hielt er in seinen bebenden Händen ihr Bild, unter welches sie die Worte geschrieben: „Ewig Dein!»
Er trug sein jubelndes Glücksbewußtsein hinaus in die schöne Welt; wo er auch war, seine Gedanken eilten zu ihr, die er über alles liebte. Dieses Gefühl stärkte ihn, als ihn die Nachricht vom Tode seines Vaters ereilte, als wenige Wochen später die Kunde eintraf, die Mutter sei ihm gefolgt. Nun waren Elfe und er ganz verwaist. Doch was trägt gemeinsame Liebe nicht? Wenige Monate später kehrte er heim. Er wußte die Geliebte, von der er nur nach dem Tode seiner Mutter einen kurzen, verzweifelten Brief, der ihn namenlos erschreckte, erhalten hatte, bei Geheimrat von Lutter in Berlin. Dorthin trug ihn der Schnellzug. Mechanisch griff er im Hotel nach einer Zeitung. Da taumelte er, da ging's wie ein Schlag durch seinen Körper, wie ein schneidender Schmerz durch seine Seele: er las die Anzeige von der Verlobung Elsriedens mit dem Ulanen-Rittmeister Graf Harald Mengern.
Die Kunde tötete die Lenzblüten in seinem Herzen, verwandelte ihn, machte ihn zu dem finsteren Manne, der, Welt und Menschen verachtend, die Heimat floh, sich nach Afrika begab, um zu vergessen, um feinem wertlosen Leben durch einen rühmlichen Tod ein Ziel zu setzen. Doch er starb nicht, und er vergaß auch nicht sein Leid; daß er zur Glücklosigkeit verurteilt war, hätte er mannhaft ertragen; daß er die verachten mußte, die er so heiß geliebt, überwand er nicht. Denn was anderes, als die glänzende Position des Grafen Mengern hatte sie untreu sein lassen?
Zum ersten Male aber kam ihm jetzt der Gedanke: War es wirklich so, hatte er sie nicht zu schnell verurteilt ? War ihre Liebe für Mengern nicht zwingender gewesen als die Freundschaft für ihn? Und war sie glücklich geworden? Wie ein Fieber quälten ihn plötzlich die in ihm erwachten Fragen, wühlten sein Blut auf, ließen sein Herz unruhig schlagen. Er mußte eine Antwort aus sie erhalten; nur Lutters konnten sie ihm geben. Daher mußte er hin, wenn auch die Wunde von neuem bluten würde. Er ließ in einem Geschäft zwei herrliche Sträuße binden, legte im Hotel Uniform an und fuhr nach dem gastlichen Hause in der Rauchstraße.
Er fand eine größere Gesellschaft vor, als er vermutet, und wurde bald ihr Mittelpunkt. Sein Schicksal hatte überall Teilnahme erweckt; mit Interesse lauschte man nun seinen Schilderungen der Zustände in Afrika. Er sprach lebhaft, aber er vergaß nicht seine Absicht. Doch Helene von Lutter, die er fragen wollte, plauderte mit ihrem Verlobten. Endlich bei Tisch, da er zu ihrer Rechten sitzen durfte, bot sich ihm die ersehnte Gelegenheit. Sie selbst gab sie ihm, indem sie herzlich sagte: „Wie traurig muß es Ihnen gewesen sein, bei Ihrer Heimkehr Ihre Eltern nicht mehr zu finden, auch Elfe fort, das traute Haus auf Wolssburg verwaist, verlassen!"
Er nickte. „Für mich war's hart, doch die Eltern ruhen im Frieden, im Tode noch vereint, Elfe wird glücklich sein mit ihrem Gatten."
„Mein Gott, so wissen Sie nicht? Mengern fiel ein Vierteljahr nach der Verlobung im Duell."
„Ah!" Er brächte kein anderes Wort aus der zusammengeschnürten Kehle. Gottlob, daß die übrigen Gäste in ihrer fröhlichen Silvesterstimmung seiner tiefen Bewegung nicht achteten! Mengern tot, auch Elfe einsam, glücklos, wie er! Hatte die Hand der rächenden Nemesis ihr den Geliebten entrissen?
Warum empfand er keine Befriedigung darüber? Dauerte sie ihn nicht von ganzem Herzen?
„Gottlob, daß ich in jenen Tagen der Aermsten beistehen konnte!" fuhr Helene fort. „Bald danach verlangte sie fiebrisch nach einer Tätigkeit. Wir alle rieten ihr, sich der Konzertlaufbahn zu widmen, sie mochte nichts davon hören. Das schöne, vielbegehrte Mädchen bildet sich zur Krankenpflegerin aus."
„Unmöglich!" stieß er heraus. „Für dieses Amt ist Elfe viel zu zart."
„Ihr fester Wille wird ihr helfen. Auch jetzt weilt sie im Augusta-Hospital, wo sie ihre Lehrzeit durchgemacht, am Lager einer Schwerleidenden. Erst um 10 Uhr wird sie hier sein, um mit uns den Anfang des neuen Jahres zu erwarten."
Er saß wie betäubt da. Elfe im Hospital als Pflegerin schwer Leidender! Sie, die dazu geboren schien, des Lebens Freuden zu genießen! Freilich, wie zart, wie gut hatte sie seine Eltern gepflegt! Sie war mehr, als er in ihr gesehen, ein rechtes, ein hochherziges Weib, das sich nicht in müßiger Trauer um Unwiderbringliches verzehrte, sondern andern zu helfen suchte. Elfe, ach, Elfe! Der verschüttete Quell der Liebe brach in ihm auf. Bald, in einer Stunde würde er sie Wiedersehen!
Ohne recht zu wissen, was er sprach, unterhielt er sich nach Tisch, ließ sich in den frohen Kreis der Jugend ziehen, die sich mit dem allbekannten Glückgreifen vergnügte.
„Nun, lieber Grauden, sind Sie an der Reihe!" mahnte Erich von Lutter.
Er? Was gab es denn noch ein Glück für ihn? Aber warum mit einer Ablehnung auffallen? Mechanisch hob er die verhüllenden Schalen, Jubelrufen erklang. „Vortrefflich, Herr von Grauden! Fortuna ist Ihnen hold, sie beschert Ihnen ein liebes Weib, Brot und Glück!"
Ein liebes Weib — nur eine könnte es sein, und sie hatte sich von ihm abgewandt! Verzehrend hingen feine Blicke an der Türe, um Elfe sofort zu erblicken, wenn sie endlich, endlich kam; er bemerkte es nicht, daß von der andern Seite eine schlanke Mädchengestalt unter dem Türvorhang erschien und dann wieder in das Musikzimmer zurücktrat. Nicht in den lauten Kreis zog es das ernste Mädchen; in Erinnerungen verloren, setzte sich Elfe an den Flügel und präludierte leise. Unwiderstehlich trieb es sie, ihres HerzenS