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ersfelder Kreisblatt

Nr. 1.

Freitag, den 1. I

1909

Januar

Jlmtlicber Cdl

AdmkMls-Wwiiz

auf das

Erscheint wöchentlich dreimal und gek. r j Montag, Mittwoch und Freitag nachmittag zur Ausgabe. Der Bezugspreis beträgt für Hersfeld vierteljährlich 1.40 Mark, durch die Post bezogen 1.60 Mark na

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kersfelder Kreisblatt

DasHersfelder Areisblatt", amtliches Organ des Areises Hexsfeld ausgestattet mit Publikationskraft bringt außer den

amtlichen Bekanntmachungen alles wissenswerte über

Politik des In- und Auslandes, Nachrichten aus der Stadt, dem Kreise und der Provinz, vermischte Nachrichten aus aller Welt usw.

Ferner gelangen in jeder Nummer spannende Romane, Erzählungen ic. fortsetzungsweise zum Abdruck.

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Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage,"

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Die Erpeditton des Kersfelder Kreisblatte».

Uetter Heinrich

Novelle von E. R a t h m a n n.

(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)

Franz Hagen schrieb, daß er bebaute, an dem gestrigen Abend infolge der starken Bowle seiner Sinne nicht !ganz mächtig gewesen zu fein, Herrn und vor allem Fräulein von Gravenreuth um Verzeihung bitte und diese Bitte mit der­selben Bereitwilligkeit auch an Fräulein Münter gerichtet haben würde.

Der Obersorstmeister zuckte die Achseln und meinte:Ganz wie ich erwartet habe, zu der anständigen Form des Brieses hat Herrn Franz Hagen offenbar sein Vetter Heinrich ver- halfen, der ebenso unbedingt ein Prachtmensch ist, wie Herr Franz ein Galgenstrick."

Herr v. Lestwitz schien noch mehr über die Familie Hagen offenbaren zu wollen, aber Erikas Eintritt verhinderte ihn da­ran. Bodo sah mit einiger Ueberraschung, daß seine Schwester zwar ein dunkles Seidenkleid trug, aber sich nicht nur sorg­fältig, sondern in gewissem Sinne festlich gekleidet hatte. Er begleitete sie und den Obersorstmeister in den Hos, wo der große Prachtschlüten mit den Bärendecken, der sonst zu fürst­lichen Jagden diente, mit den prächtigen Rappen bespannt und völlig bereit stand.

Wie Lestwitz zu Erika einftieg, sie sorgfältig in die dicke Wildschur hüllte, die aus den Kissen bereit lag, und dann neben ihr Platz nahm, wie sich ein stattlicher Jäger bei dem Kutscher niederließ, suhr es Bodo heraus:DaS nimmt sich ja wahrhaftig wie ein Brautbesuch au«!"

Wer weiß eS!" sagte der alte Herr kurz und wandle sich mit seinem liebenswürdigsten Lächeln zu feinet schönen Be­gleiterin.

Wer weiß eS? wiederholte auch Erika, aber mit so ernstem Ausdruck, daß der Leutnant ganz betroffen zurück- blieb, als der Schlitten auS dem geöffneten Hostor hinauS- schoß.

Eine doppelte Mißempfindung beschlich Bodo. Die ganze

iertes Sonntagsblatt" und.Illustrierte Landwirtschaftliche Beilage

Fernsprech-Knschlutz Nr. 8

Raubmörder Sternickel betreffend.

(1000 Mark Belohnung.)

Die Spur der von der Staatsanwaltschaft zu Hirschberg in Schlesien wegen Raubmörder und Brandstlstung steckbrieflich versolgten Müllergejellen August Sternickel, am 11. 5. 1866 zu Nieder-Mschanna, kr. Rybnik, geboren, ist seit Februar d. Js., wo er sich in Beetz bei Cremmen einige Tage auf einer Windmühle aushielt, verloren gegangen.

Da dir Erfahrung gelehrt hat, daß sich der Gesuchte die Winter hindurch in fester Stellung zu befinden pflegte, mache ich jetzt nochmals auf den gefährlichen Verbrecher aufmerksam.

Wenngleich Sternickel im Zuchthause bat Schneiderhand­werk erlernt hat, nehme ich an, daß er sich entweder wieder als Müller oder als ländlicher Arbeiter, vielleicht auch in Steinbrüchen, Ziegeleien, bei Bahn- oder Wegebauten ein Unter­kommen verschafft haben wird.

Ich weise aus feine Liebhaberei sür Tauben, seinen Hang zum weiblichen Geschlecht, sowie auf seine Gewohnheit hin, trotzdem er unverheiratet ist, von seiner angeblichen Frau oder Braut und seinen zwei Kindern zu sprechen. Er versteht, sich bei seinem Arbeitgeber beliebt zu machen, zeigt Zuneigung zu Kindern und macht in seinem ganzen Auftreten einen sicheren und anständigen Eindruck. Mit seinesgleichen unterhielt er keinen Verkehr; el fällt auf, daß er keine Korrespondenz hat. Sternickel pflegt anzugeben, er habe bei den Kürassieren oder Ulanen gedient. Seine polizeiliche Anmeldung bewirkt er pünktlich, aber aus gefälschte Papiere. Seine geringen Hab- seligkeuen führte er in einem Rucksack oder Pappkarton bei sich und gab mehrfach an, daß sich seine sonstigen Sachen aus der nächsten Bahnstation befänden.

Bei den Ermittelungen ist auch auf unbekannte Leichen Bedacht zu nehmen und ebenso hierher Nachricht zu geben, wenn sich polizeiliche ErmittelungSversahren wegen irgend welcher Straftaten gegen Personen richten, mit benen Sternickel identisch fein könnte, sowie wenn bei den Recherchen festgestellt werden

sollte, daß sich irgendwo eine Person, die Sternickel gewesen sein kann, in Stellung

befunden und diese unlängst ausge-

geben hat.

Die Ermittelungen sich gegenwärtig hält,

werden erleichtert werden, wenn man daß nur breitschulterige Personen im

ungefähren Alter von 40 Jahren, von 1,75 m Größe, mit dunklem Haar und beginnender Glatze, rotblondem Schnurr- bart seventl. auch Kinnbart), blaugrauen Augen, länglichem gesunden Gesicht, vorstehenden Backenknochen in Frage kommen. Sternickel soll im Untertiefer derart schräg zueinander stehende Zähne haben, daß diese in der Mitte eine kleine dreieckige Lücke bilden. Mit Vorliebe trägt er grünlichen Echlapphut und Joppe.

Veranstaltung deS Obersorstmeisters war so plötzlich gekommen uud so seltsam gewesen, daß er in der Befangenheit darüber die Bitte an Erika vergessen hatte, der geliebten Eva Hagen einen Abschiedsgruß zu überbringen. Und jetzt mußte er sich fragen, ob der alte Lestwitz wirklich daran denke, sich die ratlose Lage ErikaS zum Gewinn zu gestalten, ob seine Schwester sähig sei, einen Schritt zu tun, der ihr kein Glück bringen konnte.

Der Gedanke, daß er nicht viel dagegen sagen dürfe und zur Last der Reue, die er auf seinen Schultern trug, auch noch die Schuld eines solchen ResignationSentschlusses Erikas aufladen müsse, stimmte ihn düster genug. Er fing an, zu wünschen, daß alles nächste hinter ihm liege und die Küste von Ostasrika aus dem Weltmeer vor ihm ausdämmern möchte.

Der Obersorstmeister aus Wolseck und Fräulein v. Graven- reuth legten mit ihrem Gesährt die große Straße nach Herbis- thal rascher zurück, als ErikaS Herüberfahrt zwischen Morgen und Mittag erfolgt war.

Die beiden so ungleichen Menschen, die plötzlich in ein so nahes und vertrautes Verhältnis zu einander gekommen waren, sprachen während der Fahrt wenig und zumeist gleich- giltigeS.

Erika freilich hatte, bald nachdem der Schlitten in den Wald eingelenkt war, zu dem Freunde gesagt:Es ist wider meine Empfindung, daß wir diesen Besuch machen und in dies HauS gehen, ich folge Ihnen nur, weil ich mich und meine Zukunft in Ihre Hand gegeben habe."

Er hatte mit gleichem Ernst erwidert:Gewiß, und wenn ich nicht fühlte und wüßte, daß Ihr Empfinden diesmal irrt, würde ich mir nie erlauben, so in dasselbe einzugreisen, wie ich jetzt tue."

Darnach aber empfing Erika den Eindruck, daß der Ober­sorstmeister ihre Aufmerksamkeit absichtlich aus die Lichtungen seiner Forstes, die breitästigen Riesentannen, die er als Wahr­zeichen sür bestimmte Teile und Wege deS meilenbreiten Forstes hatte stehen lassen und aus die gewunden eiSglitzernden Läuse einiger Waldbäche hinleukte. Ihre Augen folgten willig seiner deutenden Hand, aber ihre Gedanken vermochte sie nicht

Der Anzeigenpreis beträgt für den Raum einer ein« gespaltenen Zeile 10 pfg., im amtlichen Teile 20 Pf g. Reklamen die Zeile 25 pfg. Bei Wiederholungen wird ein entsprechender Rabatt gewährt.vsns^^

Vergleiche Deutsches Fahndungtblatt Stück 2109 Nr. 28 vom 1. März 1906 und 2532 Nr. 20 vom 22. Juli 1907, das diesseitige Autschreiben vom 14. 11. 1907, welches sich im Besitz jedes Gendarmen befindet.

Ich ersuche die Ermittelungen hinter Sternickel, der sich sicher noch im Inland« aufhält, mit allem Nachdruck wieder auszunehmen und mir von jeder ausgesundenen Spur sofort Mitteilung zu machen. (5946. IV. 55. 08.)

Berlin, den 14. Dezember 1908.

Der Polizei-Präsident, Abtlg. IV.

HerSseld, den 29. Dezember 1908.

Die Ortspolizeibehörden und die Königl. Gendarmerie deS KreiseS ersuche ich eifrig nach dem pp. Sternickel zu fahnden. Im Falle seiner Festnahme, oder falls sonst zweckdienliche Mitteilungen gemacht werden können, ist dem Königl. Polizei- Präsidenten in Berlin unter dem Aktenzeichen 5946. IV. 55. 08 und mir sofort entsprechende Anzeige zu erstatten.

I. 13 288.

Der Königliche Landrat. I. A.: Fellinger,

Regierungs-Reserendar.

HerSseld, den 30. Dezember 1908.

DaS Verzeichnis der nach § 1 der Wahlordnung sür die Handwerkskammer zu Gaffel vom 17. August 1899 (AmtSbl. Seite 266) wahlberechtigten Handwerker-Jnnungen pp. liegt vom Samstag den 2ten Januar t 38. ab 8 Tage lang zur Einsicht der Beteiligten im GeschäftSlokal deS LandrattamteS während der Dienststunden offen.

Etwaige Beschwerden über die Ausstellung deS Ber- zeichnisser sind innerhalb einer grift von 14 Tagen bei mir einzureichen.

I. 13 345. Der Königliche Landrat.

I. A.: F e l l i n g e r,

Regierungs-Reserendar.

nichtamtlicher teil

Ane Jahreswechsel.

Vorbei deS JahreS letzte Stunden Noch einmal wanden wir den Blick, Und was im Flug der Zeit entschwunden, Rüst die Erinn'rung uns zurück I

Und all' der Wechselreichen Tage Gedenken wir mit Lust und Schmerz; Genoß'neS Glück, verhallte Klage, Sie zittern leise durch daS Herz.

Doch schon entsproßt dem dunklen Schoße Der Zeit ein neues, junges Jahr,

bei den Waldherrlichkeiten festzuhalten, die er ihr zeigte. Ihr schienen in dieser Stunde die endlosen Strecken dunklen Nadel­holzes. die Schneemaffen am Weg und die langen lichten Streifen am grauwolkigen Wcttcrhimmel ganz unwirklich. Gewiß war, daß sie sich in ihrem Innersten wie zerspalten fühlte, daß die Erika, die jetzt neben dem greifen aber noch stattlichen Forstmann saß, jene andere Erika niederzwang, die noch gestern gelebt und insgeheim von einem anderen Glück und Leben geträumt hatte, als ihr nun bevor stand. Aber gleichviel sie mußte dem Himmel danken, daß er ihr so rasch die Kraft zugesührt hatte, an der sie sich emporrichten und die herben Erfahrungen vergessen konnte, die ihr die wenigen Tage zwischen dem Christfeste und dem Neujahr ge­bracht hatten.

Lestwitz, der mit schützender Sorgfalt über sie wachte, merkte wohl, daß das ernste Mädchen mit sich selbst rang, aber er wußte ganz unbekümmert und sorglos dreinzu- blicken.

AIS die hohen Dächer und Schornsteine der HerbiSthaler Fabrikgebäude und die Baumsäume deS Hagenschen ParkeS sichtbar wurden, fühlte Erika mitten in ihren warmen Hüllen einen leichten Schauer und unwillkürlich fragte sie:WaS werden die da unten sagen, wenn sie uns als Zukünftige er­blicken ?"

Ei, Erika, was kümmert Sie die Meinung der Kommer- zienratSfamilie? Wenn Sie fühlen, daß Sie Recht tun, ist alles, wie es fein soll. Und die Einzige, die in Frage kommt, die liebe arme Christine, ist meine große Freundin. Sie wird sich von Herzen freuen, daß mir so unerwartet, noch auf der Schwelle zur letzten Pforte, ein goldenes LoS sällti"

Erika sah überrascht und wieder einmal ein wenig miß­trauisch aus den Mann an ihrer Seite war'S doch, als hätte ein spöttischer Ton durch seine Worte geklungefi.

(Fortsetzung folgt)